Wolfgang Heuer und der Tom Feuerstacke 

DURCH DIE PANDEMIE – AUF SICHT

Am Ziel, Oberbürgermeister der Stadt Münster zu werden, ist er vorbeigerutscht. Jetzt ist er Beigeordneter. Und als wäre diese Aufgabe nicht groß genug, verlangt ihm Covid-19 alles ab. Als Chef der Feuerwehr wurde er zum Leiter des Krisenstabes der Stadt Münster, der sich nunmehr seit einem Jahr mit der Pandemie beschäftigt, die die gesamte Republik im Griff hat. Und trotz dieser Aufgabe will in dieser Stadt geheiratet werden, die Bürger brauchen Ausweispapiere und das Ordnungsamt muss ja auch weiter handlungsfähig bleiben. Und so eilt er von einem Termin zum anderen und das mit einer Ruhe, die erklärt, warum er der Richtige man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Wolfgang, was macht deine Arbeit im Moment besonders schwer?

Ehrlich? Das, was mich aktuell am meisten nervt, ist mein überquellendes Postfach. Ich bekomme nahezu jeden Tag Unmengen an E-Mails, von denen eine Vielzahl bearbeitet und beantwortet werden wollen und müssen. Diese nehme ich dann oft mit in das Wochenende.

Wenn du von diesen Mengen sprichst, sind es nicht nur dienstliche Mails?

 

Doch, das ist ausschließlich beruflicher Schriftverkehr. Dazu gehören natürlich auch Schreiben von Bürgern mit Kritik oder Lob. Diese Flut an sich ist schon ein Problem im Arbeitsalltag.

Das klingt ja anstrengend. Von welcher Größenordnung sprichst du hier, wenn du deine Digitale Post mit einer Flut bezeichnest?

 

Es gibt Tage, da sprechen wir von 100 und mehr Mails in meinem Posteingang. Die Bearbeitung nimmt dann schon eine Menge

an Zeit eines Arbeitstages in Anspruch. Dazu kommen ja auch noch zahlreiche andere Aufgaben, z.B. Presseanfragen wie Deine, die beantwortet werden müssen.

Wie ist deine genaue Stellenbezeichnung bei der Stadt Münster?

Ich bin Beigeordneter für Bürgerservice, Personal, Organisation, Ordnung, Brandschutz und IT. Seit März letzten Jahres bin ich zudem

der Leiter des Krisenstabes der Stadt zur Bewältigung der Coronapandemie.

 

Das klingt ja recht überschaubar, was du da zu verwalten hast?

(Lacht) ja diese kleinen fünf Ämter…

…wie schaffst du es, dich um alles zu kümmern, wo du ja im Moment der Verantwortliche bist, dass unsere Stadt gesund bleibt und von der Pandemie weitestgehend verschont wird?

Der Eindruck entsteht durch die Medien, dass ich nur mit dem Krisenstab tage. Das Thema ist ja vorherrschend in allen Nachrichten, die man liest, sieht und hört. Das finde ich auch in Ordnung, weil es die Menschen in der Stadt stark bewegt. Deine Frage ist ja durchaus berechtigt und mich beschäftigt gelegentlich der Gedanke, ob ich zurzeit auch den eigentlichen Aufgaben des Dezernats gerecht werde, bei der Herausforderung, die der Krisenstab darstellt. Und diese ist schon nicht ganz klein. Und ich sage jetzt zwar lachend, dass ich mein Bestes gebe. Aber ich habe bisher auch den Eindruck, dass die Arbeiten in den anderen Abteilungen trotzdem gut laufen.

Wieso ist die Wahl des Leiters Krisenstabs ausgerechnet auf dich gefallen. Du hast ja in deinen Kernaufgaben große Felder, denen du gerecht werden musst?

Es ist formal festgelegt, dass der Beigeordnete, der für die Feuerwehr zuständig ist, auch der Leiter des Krisenstabs der Stadt Münster ist. Mich sprach im Februar des letzten Jahres der Chef des Gesundheitsamtes Herr Dr. Schulze Kalthoff an: „Herr Heuer, Sie haben bestimmt mitbekommen; auf uns rollt eine Pandemie zu.“ Er war der Auffassung, dass das Gesundheitsamt das alleine nicht stemmen wird. Dass es einen Krisenstab brauchen wird bei der Stadt. Den haben wir etwas später zusammengerufen und der bündelt seither alle wesentlichen Maßnahmen der Stadt in der Pandemie.

 

Wir beide hatten uns im Sommer mal ausführlich über Covid-19 und den Krisenstab und seine Auswirkungen unterhalten.

Damals erwähntest du eine mögliche zweite Welle, die uns im Herbst, Winter ereilen würde. Und somit eine verfrühte Euphorie nicht förderlich sein könnte. War das eine Vermutung oder wusstest du etwas, was uns nicht bekannt war?

 

Ich war mir nicht sicher, denn ich bin ja kein Fachmann. Das war mein Bauchgefühl, das mir sagte, dass es so positiv nicht weitergehen würde, wie der Sommer die Pandemie abbildete. Es lief in den warmen Monaten einfach zu gut und ausgewiesene Experten

warnten ja frühzeitig vor einem erneuten hohen Anstieg der Fallzahlen. Da lag die Vermutung nahe, dass das dicke Ende käme.

Diese Warnungen, die da sagten, dass uns die zweite Welle voll erwischen würde, haben sich leider komplett bestätigt.

 

Was sagt dir denn dein Bauchgefühl, wie lange der Winter für uns dauern wird?

 

Im Moment bin ich etwas skeptisch, da der zweite Lockdown bis jetzt bundesweit nicht den gewünschten Durchbruch gebracht hat. Im ersten Lockdown stellten sich die Erfolge schon nach zwei drei Wochen ein. Das passiert im Moment nicht ausreichend. Was mich in Sorge versetzt, dass ich keine schlüssige Erklärung kenne, woran das liegt, es gibt viele Ansätze. Von daher bin ich eher defensiv, was mögliche Prognosen betrifft.

Woher beziehst du dein Wissen, die dich zu solchen Annahmen kommen lässt. Hast du am Ende doch Informationen, die du aber nicht sagen möchtest, weil sie den Bürger mehr verunsichern wäre?

Ich verfüge nicht über exklusive Informationen. Mein Wissen bekomme ich aus der Verwaltung und den Medien, wie jeder andere Bürger. Ich höre den Experten und Wissenschaftlern zu und da hat sich im Nachhinein vieles bewahrheitet.

Wie würdest du dich als Typ beschreiben. Bist du eher defensiv oder offensiv in deiner Vorgehensweise?

Von Haus aus bin ich der optimistische Typ. Meine feste Überzeugung ist, dass Münster am Ende gestärkt aus der ganzen Geschichte rauskommen wird. Die Stadt bewegt sich in die richtige Richtung.

Wenn man mit Menschen anderer Städte über unser Münster spricht, wird einem schnell das Bild des „Dorfes der Glückseeligen“ gezeichnet. Egal was passiert, nichts erschüttert die Bewohner und am Ende wird alles gut. Worin liegt dieses Glück begründet?

Vielleich ist es im Falle dieser Pandemie kein Glück, sondern auch Punkte, die in Münster besonders gut funktionieren.

…welche Punkte sind das denn?

 

Der Krisenstab hat es geschafft, ein Netzwerk zu knüpfen, welches weit über die Stadtverwaltung hinaus funktioniert. Hier ist

die Universitätsklinik vertreten; die Pflegeeinrichtungen sind dabei und die Polizei arbeitet aktiv mit. Es war klar, dass Experten aus verschieden Gebieten mitsprechen müssen und in Entscheidungen einbezogen werden. Das war ein Baustein. Auch aus diesem Wissen heraus halten sich die meisten Münsteranerinnen und Münsteraner an die vorgegebenen Regeln. Und tragen somit aktiv bei zur komfortablen Situation, die wir in Münster haben.

Und wie du sagtest, nicht der Einzige?

Stimmt. Da ist die Transparenz. Wir informieren unsere Bürger jeden Tag über die Medien und halten mit nichts hinter dem Berg. Keine Geheimniskrämerei, sondern offensiv nach vorne. Das ist die Marschroute, die wir seit Anfang an verfolgen. Aber der wichtigste

Baustein sind die Bürger und ihr Verhalten. Sie identifizieren sich mit Münster und möchten, dass sie gesund sind und ihr Zuhause funktioniert. In der Folge ist eine große Bereitschaft vorhanden, einen Teil zu leisten, um allen in dieser Stadt ein ordentliches Leben zu ermöglichen.

Wolfgang, die Gastronomie ist fast über die Klippe hinaus. Der Einzelhandel pfeift aus dem letzten Loch und über die Kultur kann ich nicht reden, ohne dass mir angst und bange wird. Welchen Beitrag können wir aus deiner Sicht leisten, damit diese wunderbare Stadt nicht ihr böses Erwachen erlebt und die Identifikation der Bürger mit Münster am Ende des Tages nicht umsonst war?

Eine berechtigte Frage. Zunächst müssen wir an einem Strang ziehen und die Infektionszahlen auf einem niedrigen Niveau halten. Am Ende liegt es an uns Einwohnern, wie schnell wir wieder Leben in die Stadt bekommen, die Gastronomie uns wieder als Gäste begrüßen darf und die Kultur uns unterhält.

Immerhin: Münster bewegt sich in die richtige Richtung. Aber Münster alleine reicht am Ende nicht.

Aber trotzdem bleibt die Frage, was passiert mit dem Gesellschaftsleben in unserer Stadt.

Kultur, Gastronomie und Einzelhandel. Ich lese da nichts Gutes in den Medien

und die Hilferufe der Unternehmer sind nicht zu überhören?

Tom, es geht im Moment um Infektionszahlen. Du als Bürger kannst deinen Beitrag genauso leisten wie ich, dass diese Zahlen sinken. Es sind Bundes- und Landesvorgaben, an die wir uns zu halten haben und wenn diese erfüllt werden, dient das auch dem Ziel, dass das gesellschaftliche Leben der Stadt wieder pulsiert.

 

Was wird das Erste sein, das du machen wirst, wenn sich die Situation entspannt haben sollte?

Ich werde mich u.a. daran freuen, wenn ich als Co-Trainer unserer Fußballjugendmannschaft wieder auf dem Platz stehen darf. Für mich wird es dann hoffentlich wieder Richtung Normalität gehen, wenn Familie, Frau und Kind, normal „funktioniert“ und wir auch Sport treiben dürfen.

Sage mal Wolfgang hast du dein Parteibuch oder muss das während deiner Beiordnung ruhen?

 

Das habe ich und gebe es nicht her.

Wir beide hatten uns ja mal ausführlich über einen Fleischfabrikanten unterhalten und darüber würde ich gerne mit dir sprechen, wenn Ruhe eingekehrt ist, und das dann in einer Gastronomie deiner Wahl.

 

Das können wir machen.

INFO

Wolfgang Heuer

Die 1962 in Bad Neuenahr-Ahrweiler geborene Politologe hatte seine ersten politischen Erfahrungen bei Bündnis 90/ die Grünen. Heute ist er Genosse mit Parteibuch. Er ist hauptamtlicher Beigeordneter der Stadt Münster.

Autor Tom Feuerstacke / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Februar 2021

​Alle Rechte bei Stadtgeflüster – das Interviewmagazin vom