Stadtgefluester-Interview-Illustration-Thorsten-Kambach-Till-Killmann.jpg

Thorsten kampiert mit Till Killmann, besser bekannt als Till, der Kanu-King

GLÜCK IST EIN KANU

Dabei reden die beiden über zwanzig Jahre Kanu-Camp, den Kanu-König und das, was Gäste dort erwarten dürfen. Was schon mal vorab verraten sein soll: Wir freuen uns, Till kennengelernt zu haben. Denn was er zu berichten weiß und was er anbieten kann, das ist wirklich was ganz Besonderes. Da freuen wir uns, zu den ersten Gratulanten zu gehören. 

Moin Till, herzlichen Glückwunsch zu zwanzig Jahren Kanu-King. Das sind zwanzig Jahre Camp-Abenteuer und Kanutouren mitten in Schweden. 

Till: Danke schön! Aber mitten in Schweden passt nicht so ganz. Wir sind ja nur vier schwedische Meilen von der norwegischen Grenze entfernt. 

 

Schwedische Meilen?

Eine schwedische Meile sind circa zehn Kilometer. Schweden ist ja sehr lang, und damit die Schweden sich nicht so weit voneinander entfernt fühlen, sind vierzig Kilometer da eben vier Meilen.

 

Was ist, wenn ich nur drei Kilometer irgendwo hinmuss, was sage ich dann?

Dann sagst du drei Kilometer. Der See, an dem unser Camp liegt, ist halb schwedisch, halb norwegisch. Da mischt sich alles etwas. 

 

Paddelt ihr dann auch mal rüber nach Norwegen?

Das kommt schon vor. 

 

Man darf einfach so nach Norwegen reinpaddeln?

An sich macht das nicht so viel, wir sind ja nur am Wasser. Aber während Corona war das natürlich anders, da wurden Gäste von uns schon das eine oder andere Mal angehalten. Die wissen nicht immer so ganz genau, wo sie gerade sind, die Grenzen verschwimmen mitten im See ein wenig ... Da kann es vorkommen, dass sie versehentlich in Norwegen statt in Schweden ihr Zelt aufschlagen. Und dann ist es vorgekommen, dass sie, gemütlich am Lagerfeuer sitzend, plötzlich den norwegischen Grenzschutz zu Gast hatten. 

 

Gab es Ärger?

Die Norweger haben das mit Gelassenheit genommen. Unsere Gäste sind ja quasi aus der EU ausgereist, wenn auch nicht absichtlich … Da mussten sie dann in Quarantäne – was aber in der Gegend mit einem Zelt nicht so wirklich ein Problem ist. Da haben wir sie mit entsprechenden Lebensmitteln versorgt und viel, wirklich viel gemeinsam gelacht, als es nach den entsprechenden Tests überstanden war.

Till-Killmann-1.jpg

Ich glaube, unsere Leser:innen wissen gar nicht genau, worüber wir hier eigentlich reden. Darum fangen wir noch mal an. Du bist Till, der Kanu-King, Chef und Gründer des berühmten Kanu-Camps in Schweden – du bist also der König der Kanufahrer.

Ja, so ist es zwar nie geplant gewesen, aber so ist es gekommen. Aber nach zwanzig Jahren im Kanu-Camp hat das wohl so langsam seine Berechtigung. Ich bin seit 2003 da oben und habe das Handwerk zunächst bei einem Kollegen gelernt, der leider Konkurs anmelden musste. So wuchs ich da rein. 

 

Wo lernt man das Kanu-King-Sein?

In der Natur. Draußen. Es gibt keine direkte Ausbildung zum Kanu-Guide. Das ist kein Ausbildungsberuf. Da braucht es eher viel Erfahrung und den gekonnten Umgang mit der Natur.

 

Was ist genau euer Angebot?

Unser Angebot ist eine Woche Abenteuer, das hast du eingangs ganz richtig gesagt. Wir zeigen unseren Gästen, wie sie mit der Natur umgehen, wie sie ihr Kanu nutzen, paddeln und wo sie am besten ihr Camp aufschlagen. Wir planen die ganze Woche gemeinsam – schon das macht großen Spaß. 

 

Das heißt, die Gäste fahren eine Woche alleine durch die Gegend???

Alleine oder zu zweit, natürlich aber auch gerne gemeinsam mit Freunden. Mit Guide, ohne, das geht beides, ganz wie du magst. 

 

Wie groß ist denn eine geführte Reisegruppe bei euch?

Maximal zwanzig Personen. In der Regel zwei bis vier ohne Guide, mit einem Guide geführt.

 

Kennen sie sich vorher?

Das ist mal so, mal so, die meisten kennen sich nicht, das macht es spannend. Da kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Das kann eine aufregende Dynamik entfalten …

 

Das ist dann nicht Slow-Dating.

So könnte man es beschreiben. Da kommst du wirklich runter. Und nicht mehr voneinander weg. 

 

Ich stelle mir also vor, ich habe mich angemeldet und komme nun zu dir … Wie komme ich denn zu dir?

Mit dem Auto oder Zug, beides geht prima. Wir empfehlen allerdings, mit dem Auto zu kommen, denn unterwegs gibt es viel zu sehen, Kopenhagen, Göteborg, Oslo, die Schären und natürlich die Küste.

Ginge es auch per Flugzeug?

Du wirst lachen, das geht! Wir haben sogar eine Landebahn – allerdings ist die flüssig. Du musst also mit dem Wasserflugzeug kommen. Aber soll ja auch seinen Reiz haben …

Muss ich ein Zelt mitbringen?

Das kannst du dir aussuchen, du kannst auch Zelte bei uns leihen. Da haben wir in der Regel Dreimannzelte. 

 

Was muss ich für Kleidung mitbringen?

Am besten sollte sie schnell trocknen, eine Jeans ist da oftmals recht unpraktisch. 

 

Fangt ihr euer Essen selber?

Fische, die fangen wir, das schon, aber sonst nichts. Was wir sonst noch brauchen, nehmen wir mit. Zutaten und Gewürze … so können wir uns Brot selber backen und das ist für sich schon ein großer Spaß, denn das können die meisten nicht mehr. Aber alle machen es mit großer Begeisterung!

 

Ist das Interesse an deinen Reisen groß?

Das wird sogar immer größer. Die Menschen möchten wieder mehr mit und in der Natur sein. Und da bieten wir das perfekte Erlebnis. 

 

Wer sind eure Kunden?

Häufig reisen sie als Familie, Gruppe oder auch als Pärchen an. Ganz neu sind Single-Touren. Die werden mehr und mehr nachgefragt und da haben wir nun endlich eine Tour im Programm. 

 

Ich stelle mir gerade vor, ich habe das Camp mit dem Kanu erreicht, mein Zelt aufgebaut, das Holz gehackt und ein Feuer angezündet. Dann geht es los, wir angeln und tatsächlich fangen wir einen Fisch. Wer nimmt den dann aus?

Wer immer auch will! Oder aber der Guide macht das, der hat Erfahrung darin und kann die Gruppe auch schulen. Das macht – den meisten – große Freude. Der weiß auch, wo die besten Angelstellen sind. 

 

Schmeckt bestimmt köstlich, frisch über dem Feuer gegrillter Fisch.

Superlecker ist das.

 

Das heißt, der Guide gibt vor, wo es langgeht?

Naja, der soll eigentlich immer nur das Back-up sein. Die Karten gibt er dir oder der Gruppe, und dann müsst ihr entdecken, wie ihr da hinkommt. Das macht den Reiz aus. Aber natürlich hilft er, solltet ihr alleine nicht weiterkommen, sowohl beim Kartenlesen, Angeln als auch Kanutieren. 

 

Kann man in deinen Kanus auch stehend paddeln?

Du wirst lachen, das probieren einige aus und schaffen das auch. Wenn wir abends beisammen sind, und du hast noch mal Lust, das zu probieren, gerne. Wenn du das in unseren Kanadiern schaffst, ist danach auf jeden Fall jedes Stand-up-Paddeln easy. 

 

Was ist ein Kanadier?

Das Wort Kanu ist der Oberbegriff für diese Art Boote. Also Paddelboote im kleinen Format. Der Kanadier ist ein, wie der Name schon sagt, aus Nordamerika stammendes Boot, das offen ist, in das man ordentlich Gepäck reinbekommt und das man in der Regel zu zweit paddelt. Es wird einseitig gepaddelt. Das Kajak hingegen kommt ja von den Inuit, die oben geschlossen sind. Es lässt sich auch weniger Gepäck mitnehmen. Wir haben uns aber bewusst für die Kanadier entschieden, weil sie doch etwas entschleunigter sind und so einer Gruppe deutlich länger Spaß und Glück bieten. 

 

Kajaks sind doch Kanus, die des Öfteren umfallen, während man auf dem Wasser unterwegs ist?

Genau. Das sind die, mit denen du die berühmte Eskimorolle machen kannst. 

Till-Killmann-2.jpg

Was ist der Sinn der Eskimorolle? Wollen die schauen, ob Fische in der Nähe sind?

(Lacht) Wenn dich eine Welle versehentlich von der Seite erwischt, kenterst du. Und damit man da ohne große Probleme und Verlust von Gepäck weiterfahren kann, gibt es die Eskimorolle. Geht natürlich auch super zum Haarewaschen, Kopfabkühlen und Endorphine-Tanken. 

 

Wenn die Kanadier kentern, ist das schlimmer?

Nun, die sind nicht dafür gebaut, da würde man schon viel Gepäck verlieren. Aber keine Angst, wir binden alles immer gut fest, da kann nichts passieren. 

 

Am Abend wird dann gemütlich am Feuer gesessen und gegrillt?

Das kommt auf die Gruppe an. Worauf hat die Lust, was möchte die machen? Gruppendynamik ist ein großes Thema bei uns. In einer Woche ergeben sich so viele gruppendynamische Prozesse – das liegt bei uns schon in der Familie. Mein Vater hat sich schon 32 Jahre lang mit Gruppendynamik beschäftigt, für große Unternehmen, die Polizei oder aber auch die GSG9. Als er dann mit 67 Jahren erstmalig eine unserer Kanutouren mitgemacht hat, sagte er, dass alles, was er in Seminaren mit Kunden erarbeitet, bei uns in einer Woche Kanutour von selbst entsteht. Das war für mich ein großes Kompliment und eine Bestätigung, dass wir es gut machen. Ganz krass ist die Entwicklung von Dynamik bei den Aufgaben wie: Wer macht das Holz, wer spült ab oder wer schneidet die Zwiebeln? Spannend ist auch zu sehen, was sich die Kids für Aufgaben raussuchen. Sie überraschen ihre Eltern bei uns meist durch komplett neue und tolle Seiten, die sie an ihren Kleinen erleben. Interessant ist auch zu sehen, wer sich zunächst um seinen Kram kümmert und wer um den der Gruppe. Es zeigen sich also im Camp viele Verdichtungen von Verhalten. 

 

Klingt nach Abenteuer, nicht nach Hotel.

Das kann wohl sagen. Das ist es aber auch, was unsere Gäste lieben. 

 

Ein gutes Zeichen ist ja sicherlich, wenn deine Gäste mehrmals bei dir Urlaub machen. Passiert das oder sind die nach einer Woche Kanu-Camp fürs Leben durch damit?

Das ist eine wichtige Frage – auch im geschäftlichen Sinne für uns natürlich. Und glücklicherweise ist es so, dass viele nicht nur wiederkommen, sondern auch neue Gäste mitbringen. Das steckt an und du weißt ja: Geteiltes Glück ist doppeltes Glück. 

 

Könnte ich ja auch mal mit meinem Stadtgeflüster-Team buchen! Macht ihr Firmenreisen?

Das ist unser zweites Standbein und läuft richtig gut. Die Firmen buchen bei uns eine Woche Teambuilding und oftmals höre ich danach, dass eine Woche im Camp deutlich nachhaltiger wirkt als ein Seminarwochenende in einem schicken Hotel. Wenn der Chef mit dem Mitarbeiter im Kanu sitzt, gemeinsam ein Hecht geangelt wird und sich dabei die Wetterbedingungen ändern – es regnet oder gewittert vielleicht –, dann ist es was ganz anderes als auf Sylt im Doppelzimmer auf den nächsten Seminarteil zu warten. Das bindet wirklich. Solltest du also mal probieren mit deinem Team!

 

Ist so eine Woche bei dir teuer?

Ich höre immer wieder, wie günstig das eigentlich ist. Du gibst ja während der Woche kein Geld aus, sondern zahlst nur die Campwoche. 

 

Ich gebe kein Geld aus, weil da nix ist, wo ich Geld ausgeben kann?

Ganz genau. 

 

Aber jetzt weiß ich immer noch nicht, was die Woche nun konkret kostet.

Die Woche kostet dich ungefähr 500 Euro. Inklusive Zelt und Verpflegung …

 

Das ist nicht viel … 

Das ist der Marktpreis momentan für eine einzelne Person. Aber klar, es gibt auch andere Preise, bei Gruppen oder Firmen. Das hängt dann von den individuellen Absprachen ab: Welche Route möchte die Gruppe, was an Verpflegung, welches Programm?

 

Die Vorbereitung ist dann natürlich für euch größer.

Ja, aber das machen wir gerne, denn so haben wir natürlich auch große Abwechslung.

 

Wie groß ist euer Camp?

Unser Base-Camp liegt hinter dem schönen Ort Ed – ganz kurz und einfach zu merken. Das Camp ist mit Parkplätzen so knapp einen Hektar groß und befindet sich auf einer Landzunge, die so richtig schön in den See hineinragt. Und von da aus starten wir. 

 

Sieht und erlebt man viele wilde Tiere während der Woche?

Das liegt ganz an dir, wie du dich in die Natur einfügst und zu welchen Zeiten. 

 

Aber will nicht jeder Tourist ein Foto mit einem Elch?

Da ist was dran. Und darum bieten wir auch extra Elch-Fotosafaris an. Da machen wir uns in einer kleinen Gruppe auf den Weg – allerdings immer mit Guide. Da geht es dann abends los mit einem alten Jeep und sieben Gästen, ab in die Wildnis und wir suchen Elche. Das ist eine wesentlich einfachere Weise, um Elche zu erleben. 

Das geht nicht vom Kanu aus?

Doch schon, aber die Elche hören ein Kanu oft schon von Weitem. Da musst extra leise sein und besonders ruhig paddeln. Dann geht das tatsächlich. Was wir auf dem Wasser aber sehen, sind viele Wasservögel, Biber und Otter. Die haben nicht so eine große Angst. 

 

Wie wäscht man sich eigentlich auf der Tour?

Abends gehts zum gemeinsamen Bad in den See. Oder morgens, wenn die Sonne langsam aufgeht, bevor alle anderen wach sind. Herrlich! 

 

Das klingt aber echt … kalt!

Was wir schon mal machen, ist, dass wir eine Campingdusche mitnehmen. Da könnte ich dir dann auch warmes Wasser bieten – für die ein oder andere Frostbeule ist das die Rettung. Aber eigentlich springst du in den See. Es gibt biologisches Shampoo und auch Spülmittel. Aber wenn du so eine Woche erlebst, dann ist es auch mal schön, nicht dreimal am Tag zu duschen. Und wenn du dann abends am Lagerfeuer sitzt, dann wird auch viel an Gerüchen desinfiziert. 

 

Nach einer Woche kommt man dann völlig entspannt zurück und ist voller Glückseligkeit?

Ja. Alle sind wehmütig, wenn sie fahren. Und was wir hören, wenn sie zurück sind, ist, dass alles so laut und energieraubend ist – was alle so Alltag nennen. 

 

Das machst du nun zwanzig Jahre. Gibt es Jubiläumsangebote? 

Wir möchten eine Jubiläumstour machen, aber die müssen wir noch planen. Gerade arbeiten wir mehr an was ganz anderem – wir haben nämlich einen schwedischen Anbieter übernommen und bauen uns ein neues Camp! Darauf freuen wir uns ganz besonders. Das ermöglicht uns ganz andere Ideen. Und davon haben wir so einige. 

 

Davon musst du mir am Lagerfeuer berichten – hier haben wir nämlich das Ende unseres kleinen Jubiläumsgesprächs erreicht. Vielleicht noch etwas zu dir. Wer ist Till?

Ich komme aus einer Münsteraner Familie, die Schuhe gemacht hat. Eine Schuhmacherei auf der Königsstraße, Balthasar Nahrmann, mein Urgroßvadder. Neben der Eisdiele, da ist heute Till Weber mit einem An- und Verkauf. Der hat witzigerweise denselben Namen wie ich, Till Weber. 

 

Wie bitte, ich dachte, du heißt Killmann!?

Ja, aber das erst, nachdem ich meine damalige Frau heiratete. Ich bin jedenfalls in Mettingen geboren, aufgewachsen in Münster, zweiundzwanzig Jahre habe ich an der Überwasserkirche gewohnt. Dann bin ich zum Forstwirtschaftsstudium nach Göttingen; aber nebenher habe ich immer gerne geangelt und mich früh auch für die Jagd interessiert. So war ich dann schon mit achtzehn das erste Mal in Schweden im Urlaub und habe auch dort gejobbt, um mir das Studium zu finanzieren. Nach dem Abschluss des Studiums fragte ich mich: Was machste nun? Gehste in den Staatsdienst oder die Forstwirtschaft? Ich habe mich dann entschieden, meine Schwedenerlebnisse auszubauen und dort zu bleiben. Ich habe es nie bereut. 

 

Das klingt toll. Und damit zurück zum Anfang: herzlichen Glückwunsch!

INFO

Till Killmann

Die Website von Kanu-King lohnt sich: Da findest du tolle Fotos, Erlebnisse, Angebote – aber auch ganz hinreißende und wirklich gelungene Filme! Unbedingt besuchen!!!

Autor Thorsten Kambach / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Kanu-King

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Juni 2022

​Alle Rechte bei Stadtgeflüster – das Interviewmagazin vom

  • Facebook
  • Instagram