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HAUPTSACHE KONTAKT

Suizid war die häufigste Todesursache bei Jugendlichen im vergangenen Jahr. 

Da muss man erst mal schlucken. (Und in der Zwischenzeit sei allen Verächtern von Xenonymen entgegnet: Heute spricht man nicht mehr von Selbstmord. Warum, erfahren wir auch gleich.) Hilfe ist also dringend notwendig. Zum einen könnten wir mal über die Ursachen einer solchen Entwicklung nachdenken, zu dem anderen kommen wir hier: Die Caritas Münster startet nämlich ein Hilfsprogramm.

Claudia Maschner und Susanne Vogeley über Hoffnung

Ihr habt vor Weihnachten junge Ehrenamtliche gesucht. Worum geht es genau?

Es geht um Hilfe für Jugendliche, die Suizidgedanken haben, die Selbsttötung ankündigen oder in einer Krise stecken „[U25] Beratung für Suizidgefährdete“ Peer-Beratung nennt sich diese Hilfe.

 

Dabei sollen sich also Gleichaltrige um die Gefährdeten kümmern?

Richtig! Das ist eine Art der Beratung, die wir schon seit vielen Jahren in anderen Städten anbieten. Münster kommt jetzt dazu. Die zukünftigen Peers, also die Beraterinnen und Berater, werden etwa ein halbes Jahr lang ausgebildet. „Peer“ bedeutet ja ebenbürtig oder gleichgestellt. Sie können schon aufgrund ihres Alters ganz anders mit den jugendlichen Hilfesuchenden umgehen.

 

Das leuchtet ein. Ist das nicht eine ziemlich große Verantwortung?

Natürlich, aber wir suchen die Peers sehr sorgfältig aus. Wir fragen nach eigenen Krisen und wie sie damit umgegangen sind. Außerdem werden die Beratenden ja nicht allein gelassen. Sie lernen in der Ausbildung die theoretischen Grundlagen und praktische Handlungsmöglichkeiten. Auch später werden sie von Hauptamtlichen eng begleitet.

 

Wenn die Berater wieder beraten werden, warum machen sie es nicht gleich selbst?

Das ist wirklich etwas anderes. Die Peers sprechen die gleiche Sprache und waren noch vor Kurzem selbst in dieser Lebenswelt. So etwas könnten wir Älteren nicht faken. Das macht ja auch keinen Sinn. Denn es geht hier um Menschen, die Vertrauen fassen sollen – erst in das Hilfsangebot und dann wieder in sich selbst und in das Leben.

 

Wie sieht die Beratung dann aus?

Nach der Ausbildung werden die Peers bis zu drei Kontakte parallel betreuen. Dazu gibt es regelmäßige Fallbesprechungen. Sie schreiben ihren Kontakten dann mindestens einmal in der Woche eine Antwortmail, die wir aber gegenlesen. 

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Das heißt also, sie sehen sich überhaupt nicht?

Genau. Wir haben nämlich festgestellt, dass Menschen zwischen ungefähr 13 und 25 Jahren kaum persönliche Beratungsangebote wahrnehmen, wenn es um Depressionen oder Suizidgedanken geht. Daraus ist dieses [U25] Hilfsprogramm überhaupt erst entstanden. Junge Leute melden sich online. Zum einen geht das rund um die Uhr. Zum anderen ist diese Anonymität für sie ein Schutz. Die Betroffenen trauen sich, viel mehr aus sich herauszugehen. Sie kommen sozusagen sofort zur Sache, können online einfach leichter emotional und echt sein.

 

Von Selbstmord sprecht ihr nicht?

Nein. Denn ein Mord ist eine schwere Straftat. Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, sollten nicht mit so einem Begriff abgestempelt werden. Auch Scham und Schuldgefühle hängen daran und ein ganz niedriges Selbstwertgefühl. Also völlig unangemessen für jemanden, der so verzweifelt ist. Wir sollten ihnen Respekt, Mitgefühl und therapeutisches Bemühen entgegenbringen. Wir sind durchweg lebensbejahend und akzeptierend.

 

Was würde denn in so einer Antwortmail stehen?

Das kann so unterschiedlich sein wie die Menschen, die sie schreiben. Es wird sehr viel um Verständnis gehen. Gerade in Übergangsphasen, also zum Beispiel vom Kind zum Jugendlichen, zum jungen Erwachsenen, geraten wir in Krisen. Und es ist schon mal wichtig, zu spüren, dass man damit nicht alleine ist. Probleme mit Freunden, Familie oder Schule werden meistens genannt. Auch Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit sind gerade in der jetzigen Situation ein großes Thema. Und da gibt es noch eine wichtige Botschaft, die immer irgendwie mitschwingt.

 

Die wäre?

„Danke, dass du dich kümmerst. Dass du dein Problem, deine Trauer, deine Hilflosigkeit ernst nimmst. Das zeigt, dass du dich und dein Leben doch noch nicht aufgegeben hast.“ Oft sind wir dabei die einzigen und ersten Menschen, mit denen sie über ihre Suizidgedanken sprechen oder, besser gesagt, austauschen können. 

 

Das klingt gut, aber ist das Hilfsangebot nicht trotzdem manchmal vergeblich?

Das stimmt. Darauf bereiten wir auch die jugendlichen Beratenden vor. „Es kann sein, dass ihr irgendwann keine Antwort mehr bekommt, trotz aller Bemühungen. Und ihr werdet vielleicht nie erfahren, wie es mit diesem Menschen weiterging.“ Entweder er oder sie hat doch noch eine andere Hilfe gefunden oder aber sich tatsächlich das Leben genommen.

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Ganz schön starker Tobak! Entschuldigung für diesen Ausdruck.

Na ja, das stimmt schon. Aber da kann ich mal sagen, dass ich schon jetzt richtig stolz bin auf unsere neuen Peer-Berater. Sie zeigen schon zu Beginn der Ausbildung, wie viel Einfühlungsvermögen sie haben. Es sind wunderbare Menschen, die helfen wollen und die stark sind. Und sie wollen einen Teil von ihrer eigenen Stabilität anderen weitergeben.

 

Haben sich denn überhaupt genug Freiwillige in Münster gemeldet?

Sogar mehr, als wir einarbeiten können. Das sind nämlich 15. Diese Zahl ist ja dadurch begrenzt, dass zwei hauptamtliche Kräfte sich 20 Stunden dafür teilen und auch für die Weiterbetreuung und Begleitung dieser Gruppe zuständig sind. Hätten wir da mehr Budget, könnten wir auch mehr Ehrenamtliche einsetzen.

 

Das scheint wenig bei 10.000 Selbsttötungen, davon etwa 500 unter Jugendlichen, im letzten Jahr.

Ja, das stimmt. Denn hinzu kommen ja noch die Suizidversuche. Das sind zehn bis zwanzig Mal mehr. Das U25-Programm gibt es aber deutschlandweit. Man meldet sich einfach anonym über die Homepage zur Beratung an. Wir arbeiten mit einem Ampelsystem. Sie steht nur dann auf Grün, wenn Peers freie Kapazitäten haben. Eine erste Antwort bekommt man dann innerhalb von 48 Stunden. Im vergangenen Jahr standen deutschlandweit über 370 Peers ehrenamtlich mit Jugendlichen im Mailkontakt.

 

Aber was ist, wenn jemand quasi schon auf der Brücke steht?

Wer sich bei uns meldet, sucht Hilfe. Das ist wie gesagt gut, weil derjenige beginnt, sich um sich selbst zu kümmern. Auf eine Antwort zu warten kann dann auch zu einer gewissen Entschleunigung beitragen. Selbst in einer dramatischen oder aussichtslos erscheinenden Lebenssituation. Diese Verlangsamung ist wichtig. Wir sagen auch den Beratenden, dass sie nicht sofort, sondern innerhalb einer Frist antworten sollen. Eine Woche wird da angegeben, denn die Antworten werden ja auch nicht leichtfertig in die Tasten gehauen. Diese sich aufbauende Beziehung und Begleitung ist ein Verbindungsfaden zum Leben. Wer wartet, lebt.

 

Das wissen die Hilfesuchenden und lassen sich trotzdem darauf ein?

Ganz oft hört man von Menschen, die einen Suizidversuch hinter sich haben: „In dem Moment, als ich dachte, ich sterbe, wollte ich es eigentlich nicht.“ Solche Aussagen kennt man von Geretteten bei den sogenannten Golden-Gate-Bridge-Suizidversuchen. Fast alle sagen: „Zum Glück habt ihr mich gerettet.“ Die Menschen suchen eigentlich Hilfe. Das heißt, sie wollen nicht unbedingt tot sein. Sondern sie wollen aus einer als unerträglich und ausweglos empfundenen Situation entkommen.

 

Schlimm, dass es dann so weit kommen muss.

Ja, das könnte man denken. Aufmerksame Freunde und Familienmitglieder könnten Anzeichen erkennen. Das soll jetzt auf keinen Fall nach einem Vorwurf klingen, sondern eher Mut machen, hinzuschauen und hinzuhören. Leider sind diese Themen einfach immer noch ein Tabu, obwohl es schon viel Aufklärung gibt, gerade in den letzten Jahren. Da sprechen Comedians, Schauspieler oder Sportler von Depressionen und tragen das Thema dadurch in die Öffentlichkeit.

 

So wie die Witwe von Fußball-Nationaltorwart Robert Enke.

Zum Beispiel. Mit einer Stiftung möchte sie sich dafür einsetzen, dass der Suizid ihres Mannes nicht sinnlos war. Trotzdem wird es noch dauern, bis das in den Köpfen angekommen ist. Betroffene fühlen sich nach wie vor als Belastung, und Angehörige meinen, sie hätten versagt.

 

Woran könnte ich denn erkennen, dass es jemandem so schlecht geht?

Etwa 80 Prozent der Selbsttötungen sind angekündigt. Aus Studien wissen wir, dass es viele Feinzeichen gibt. Das kann sein, dass jemand die Schule schwänzt, sich immer mehr zurückzieht. Sich eben anders verhält als sonst. Auch Hobbys oder Dinge, die einem immer Freude gemacht haben, werden aufgegeben. Meistens klingt an, dass das Leben keinen Sinn mehr hat.

 

Das habe ich in der jetzigen Krise schon öfter gehört.

Die Zahlen sind ja auch erschreckend. Jugendliche haben mit der Pubertät und dem Erwachsenwerden schon viel zu schaffen. Wenn so eine Krise noch dazukommt, wird die Last für viele unerträglich. Denn alles, was normalerweise stabilisiert, also Freunde treffen, zum Sport gehen, Party machen, das fiel ja weg. Die Wartelisten für psychotherapeutische Begleitung sind voll. 

 

Was könnte ich als Angehörige oder Freundin denn tun?

Mit den Menschen reden.

 

Soll ich etwa sagen: „Ich habe das Gefühl, du willst dich umbringen“?

Man könnte es so formulieren: „Du hast dich verändert. Du bist mir wichtig. Ich habe mich gefragt, ob du manchmal Suizidgedanken hast und alles in Frage stellst.“ Viele Menschen haben Angst, wenn sie so etwas konkret ansprächen, lösten sie damit etwas aus. Wie ein Stein, der ins Rollen gebracht wird. Das ist falsch! Ansprechen löst keinen Suizid aus.  

 

Werden noch weitere Peer-Berater für das Hilfsprogramm gesucht?

Auf jeden Fall. Wir fangen ja gerade erst an und werden im Laufe des Jahres noch einen weiteren Ausbildungsgang starten. Und jeder ehrenamtliche Peer trägt das Thema Suizidprävention ja auch in seine private Bubble: in die Schule, in die Uni oder an den Arbeitsplatz. Auch das ist ein wichtiger Schneeballeffekt für die Enttabuisierung des Themas Suizid und praktisch gelebte Suizidprävention. Wenn immer mehr Leute sich trauen, darüber zu reden, ist das ein Gamechanger. Ein Gespräch, eine E-Mail können wirklich Leben retten.

 

INFO

Susanne Vogeley

Sie ist Diplom-Psychologin. Sie betreut beim Caritasverband für die Stadt Münster die [U25] Suizidprävention und arbeitet in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche. Außerdem organisiert sie die Ausbildung von Peer-Beratern, die gleichaltrige suizidgefährdete Jugendliche betreuen. Sponsor des Programms ist die Lotterie Glücksspirale.

Autor Claudia Maschner / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Pressefotos

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview April 2022

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