Thorsten Kambach trifft Ralf Richter

Bei Ralf Richter denkt jeder an Kalle Grabowski, Bang-Boom-Bang und die Frage, was hat der Typ meine Alte zu ficken? Darüber sprachen wir mit ihm aber gar nicht, zum Glück. Denn so dauerte die Unterhaltung nicht zehn, sondern über neunzig Minuten – wir sprachen über Omas, die sich freiwillig in den Tod stürzen, wenn es draußen zu kalt wird, über coole Typen wie Joschka Fischer, die ganz plötzlich zu Arschlöchern werden und über die selbsterteilte Gehaltserhöhung bei den Dreharbeiten zum Boot. Also:

90 MINUTEN ECHTE GEFÜHLE

Ralf, was hast du heute noch vor?

Ich gehe ins Krankenhaus, besuche meinen Sohn. Der wird morgen operiert, hat die Achillessehne gerissen. Und da ich selber Angst vor Operationen habe, bin ich losmarschiert und habe extra einen Film für ihn besorgt; obwohl, es geht meistens gut, nicht wahr? 

 

Wovor hast du dabei Angst?

Vor dem Einschlafen, dem kleinen Tod. Und da habe ich mir einen Trick ausgedacht: Immer wenn ich dalag, habe ich an was gedacht, das mich fesseln konnte, an eine Kinoszene etwa. Bei meinem Sohn ist das ähnlich, deswegen der Film.

 

Vielleicht wäre aus dir ein guter Arzt geworden …

Wäre ich ehrgeiziger gewesen, schon. Kinderarzt ist ein schöner Beruf. Ich habe oft gedacht, wie blöd, dass ich so faul war in der Schule. Ich kann mich an nichts erinnern aus der Zeit! Manchmal denke ich, ich habe die mir nur eingebildet; das liegt so weit zurück, darüber bin ich selbst ein bisschen erschrocken.

 

Tja, Kinderarzt wird man nicht, wenn man ständig mit Claude Oliver Rudolph abhängt. 

(Lacht) Stimmt. Da muss man diszipliniert sein, da muss man kämpfen, ohne geht´s nicht. Gut, letztendlich ist es so, wie
es ist und …

 

Hattest du einen anderen Berufswunsch?

Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht, habe immer gedacht, das wird schon, alles wunderbar. Das ist typisch für Jungs, die sagen sich, es wird schon, die Mädchen sind da anders. Meine Tochter, wenn die eine Idee hat, ist „direkt alles hergerichtet“, wie sie es nennt. So ist das. Deshalb habe ich mir früher keine Gedanken gemacht, was ich werden will. 

 

Glaubst du an Gott? Oder an ein Leben nach dem Tod?

Ich denke schon, dass es das gibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Seele einfach wegstirbt, die schwebt ja so um dich rum, ummantelt dich. Nee, die stirbt nicht.

 

Was macht die Seele nach dem Tod?

Ich weiß nicht, wird man noch mal geboren? Immer wieder passiert es, dass man denkt, hey, das habe ich schon erlebt! Das sind vielleicht so Punkte, die du noch nicht erledigt hast. Und solange musst du halt wiederkommen. 

 

Das ist eine beruhigende Vorstellung.

Aber auch, falls da nichts mehr käme, sinnlos wäre das Leben nicht. Wenn man überlegt, dass Kinder der Mittelpunkt der Welt sind! Naja, trotzdem will ich halt nicht glauben, dass man einfach verfault und zack: alles weg. Schön wäre, wenn man in Erinnerung bliebe …

 

Ich fände es schön, wenn da noch was kommt, ein weiteres Leben.

Oder sieben! Wie bei einer Katze!

 

Eh, genau. Dann könnte man ´ne Menge von der Zukunft sehen. Wie es wohl in hundert Jahren ist?

Hm, weiß nicht, kann mir nicht vorstellen, dass das gut ausgeht, ist doch alles kaputt. Wo du auch hinguckst; gestern sah ich ein Magazin im Fernsehen, Thema war, dass jeder seinen Müll auf der Autobahn rausschmeißt – worüber sich die Müllmänner beschweren, die das wegmachen müssen. Aber was machen die? Auch nur Müll! Alles, was die einpacken, wird wieder in Plastiktüten gepackt.

 

Ich habe auch schon zwei, dreimal etwas aus dem Auto geworfen.

Ich habe das auch gemacht, noch häufiger! Aber irgendwann wird´s einem klarer und heute ist es so, dass ich so ´n Ding hier nehme.

(Ralf zeigt seine Jutetasche, die neben ihm auf der Bank liegt.)

 

Hübsche Tasche!

Ja, zuhause habe ich noch drei richtige Plastiktüten, aus alten Zeiten, zur Mahnung.

 

Fällt es dir schwer, etwas wegzuwerfen?

Pass auf, letztens habe ich irgendwas bestellt, dann haben sie mir das gebracht …

 

Was bestellt?

Was zu Essen. Da war die Salatsauce in einem Plastikding drin, mit einem Deckel drauf. Da habe ich überlegt, was ist effektiver? Den Mist einfach in den Müll zu schmeißen oder das Zeug ins Spülbecken zu kippen? Dann hätte ich den Dreck im Wasser, da muss der auch wieder raus. Also, was ist effektiver? Bin ich bisher nicht draufgekommen; steht noch bei mir rum, die Sause.

Das klingt pathologisch.

Das bedrängt mich alles in zunehmendem Maße. Ich habe einen Kumpel; wir fahren auf der Landstraße, da macht der sein Fenster auf, schmeißt was raus. Ich frag, hast du ´se noch alle? Du kannst doch nicht, geht doch nicht! Wieso, sagt der, machen doch alle – das ist natürlich ein guter Grund … Wir hausen in einem Dreck, der nicht mehr zu bereinigen ist. Sogar in Grönland.

 

Das wusste ich nicht. Ich dachte, da sei die Welt noch in Ordnung.

Nix. Ich war dort zum Arbeiten für einen Film. Als wir so zwischen den Eisbergen durchfahren, denke ich begeistert, so sah´s hier vor hunderttausend Jahren schon aus! Aber dann merke ich, irgendwas stimmt nicht. Die Eisberge sind ja gar nicht weiß …

 

Sondern abgetaut?

Nein, das nicht, aber grau und schmutzig.

 

Wovon?

Von dem Ozonloch. Das ist inzwischen so gewaltig, da kommt der ganze Dreck aus Europa und Asien runter. Und das hat Folgen. Du musst dir vorstellen, die Mütter dort sind gehalten, ihre Kinder nicht zu stillen – wegen der Drecksbelastung!

 

Das war früher besser?

So gesehen schon, aber dafür hatten die andere Probleme: Als wir da durch die Gegend gewandert sind, hatten wir einen Führer dabei. Wir liefen in großer Höhe über eine Schlucht, auf schmalen Holzstegen mit einem Geländer – nix für Leute mit Höhenangst. An einer Stelle, so ziemlich über dem höchsten Punkt, fiel mir auf, dass das Geländer noch neu schien. Ich fragte den Führer: „Sach´ ma,  

ist das kaputt gewesen?“ Meint der: „Ne, das ist schon siebzig Jahre so, der Rest ist einfach noch älter.“ Aber an dieser neuen Stelle war früher absichtlich kein Geländer.

 

Warum?

Damals war es so, dass es in der Gegend im Winter kaum was zu essen gab, es wurde eng. Alte, gebrechliche und kranke Leute waren gehalten, da runterzuspringen.

 

Die sind da freiwillig runtergesprungen!?

Ganz genau, um der Gemeinschaft nicht zur Last zu fallen; die mussten das nicht machen, wären dann aber geächtet, sind also runtergesprungen. Als sie diese „Tradition“ abgeschafft haben, wurde daraus eine alljährliche Festivität. Da wird gefeiert, bis selbst die Omas im Straßengraben liegen, lustig besoffen – ich habe selber fünf gesehen, die waren zum Schreien. Ich meine, dieses Ursprüngliche ist beeindruckend, aber selbst da ist alles kaputt. Das ist nicht mehr zu begradigen.

 

Klingt trotzdem nach einer glücklichen Gemeinschaft. Hier hingegen … 

Ist´s noch schlimmer: In Köln gab´s früher zwei, drei neue Obdachlose pro Monat. Heute sind es dreißig, jeden Tag ein neuer! Ich meine, wenn du oder ich obdachlos würden, könnten wir immer noch zu ´nem Kumpel. Ich könnte sogar, obwohl ich dich kaum kenne, dich anhauen – wenn´s hart auf hart kommt, könnt´ ich mal ´ne Nacht bei dir schlafen, oder?

 

Sehr gerne sogar … 

Aber: Wenn ich eine Familie mit Kindern dabeihätte, ginge das nicht, die wirst du nicht alle unterbringen. Die müssen sich also als Einzige sofort bei der Stadt melden. Dadurch kennt man die und so sind von diesen ganzen neuen Obdachlosen achtzig, neunzig Prozent Familien.

 

Das ist keine gute Entwicklung. 

So ist es, überall Endzeitstimmung. Ob das ein Flüchtling ist, der hier keine Grüne Karte ziehen kann oder ein Deutscher, der vom Sozialamt ausgelacht wird, scheißegal. Die Gefahr wächst, weil wir mit den Leuten umgehen wie mit einem Stück Scheiße. Die sind nicht nur unzufrieden, sondern verzweifelt.
Das ist halt eine Welt für Etablierte, für
reiche Menschen.

 

Klingt gefährlich.

Das ist gefährlich. Dadurch rasten Menschen aus. Hinzu kommt, sie sehen das überall. Das ist nicht mehr nur Columbine, die Einschläge kommen näher. Irgendwann sagt sich jemand, das kann ich auch – wenigstens einmal berühmt sein.

 

Was hältst du von der Idee, in den Zeitungen keine Fotos von Attentätern mehr abzudrucken, damit die nicht zu „Helden“ werden?

Das ist Quatsch. Ich meine, jemand, der sich sagt, ich will mit so etwas berühmt werden, der stellt sich doch was Anderes vor als eine Tageszeitung. So richtige Mörder sehen das aus ihrem eigenen verdrehten Blickwinkel. Keiner von denen tut das, damit in einer Tageszeitung ein Foto abgebildet wird. Die wollen in die Geschichtsbücher eingehen. Das passiert aber nicht.

 

Das kann aber dazu führen, dass so einer wie Donald Trump gewählt wird, weil er sagt, er sei die Lösung.

Wenn so ein bizarrer Vollidiot wie Trump wirklich Präsident werden sollte, würden auf jeden Fall die Grenzen geschlossen und eine Mauer gebaut. Auch die Angst vor der Atombombe käme zurück.

 

Trump sagt, Moslems seien per se verdächtig.

Das ist hier nicht anders. Wenn es ständig heißt, unter den Flüchtenden seien Terroristen, wenn man davon dauernd berieselt wird, ist der Gedanke nicht richtig, aber vielleicht nachvollziehbar, dass es besser sei, wenn die gar nicht erst hier wären. Die waren früher schließlich auch nicht hier, und früher gab´s nicht so viele Attentäter – das muss also zusammenhängen in den Augen der Leute. Wenn du jetzt mal, ohne eitel zu sein, davon ausgehst, dass die meisten der Menschen nicht so intelligent sind wie du oder ich, ist die Gefahr groß, dass die sagen, jau, wir wählen Trump, oder hierzulande eben die Afd.

 

Hass oder Wut sind schlechte Ratgeber. Wenn wochenlang ein Kindermörder sein Unwesen triebe, und die Medien ständig darüber berichten würden – was würde passieren, wenn man kurze Zeit später eine Volksabstimmung zur Wiedereinführung der Todesstraße abhalten würde?

Die würde eingeführt, ganz bestimmt. Die Leute wollen, dass sich irgendjemand kümmert – und das mit harter Hand. Schrecklich. Am Ende kommt hier der Stoiber nochmals zurück.

 

Aus der bayrischen Reserve …

Buah!

Ich bin sehr skeptisch und äußerst gespannt. 

Du siehst doch, wie die alle zu Arschlöchern werden. Hier, wie heißt der noch mal, der mit den Turnschuhen?

 

Joschka Fischer?

Genau. Was hat der sich um hundertachtzig Grad gedreht! Das ist solch´ ein Wichser geworden. Wo man vorher noch dachte, jetzt kommt mal ´n richtiger Typ! Und das war der auch, ´ne Zeitlang, doch kaum hatte der die Macht gespürt, hat er sich in einen arroganten Machtmenschen verwandelt.

 

Den Eindruck macht Angela Merkel nicht. Liegt das vielleicht daran, dass sie eine Frau ist?

Eher daran, dass sie aus der DDR ist, die waren da ein bisschen anders. Ich glaube, die DDR-Leute haben mehr Verantwortungsgefühl.

 

Für die Gemeinschaft?

Das habe ich oft gemerkt. Als wir einst in Babelsberg gedreht haben, war ein Maskenbildner dabei, der sollte mir einen Bart kleben. Der kam aus der DDR, die gerade aufgelöst worden war. Da hat er mir nicht einfach grob einen beschissenen Plastikbart drangeklatscht – der hatte echte Haare dabei, geschnittene Barthaare!

 

Die hat er einzeln auf dein Gesicht geklebt?

Quasi! Der hat da einen Hauch Klebstoff drangemacht und mir die Dinger einzeln ins Gesicht geworfen. Geguckt, wieder ein bisschen Kleber dran und geworfen.

 

Und?

Das sah mal so richtig aus wie ´n Bart. Der Mann war anders, der war gut, hatte die Verantwortung für meinen Bart – und dem war scheißegal, wie lange das dauert. Obwohl der das mit kleinsten Mitteln gemacht hat! Das sind die Leute drüben immer gewohnt gewesen.

 

Ist das im Ruhrpott ähnlich?

Ja, ´n bisschen. Innerhalb Deutschlands ist das wohl die Region, wo die Menschen am ehrlichsten sind. Weil die nicht reich sind, haben die nicht viel zu verstecken. Die sagen, was sie denken, das ist so.

 

Du stammst aus Bochum. Wann bist du da weg, als junger Mann schon?

Hm, ja, das war schon … da haben wir gerade „Das Boot“ gedreht, da bin ich da weg, nach Hamburg. Danach München, wo mein Sohn geboren wurde. Also schon lange her.

 

Bist du in Bochum ähnlich beliebt wie Herbert Grönemeyer?

Ich glaube, inzwischen bin ich der bekannteste Darsteller aus Bochum.

 

So viele Darsteller aus Bochum kenne ich nicht …

Die Rohde-Brüder zum Beispiel. Armin Rohde kennen zwar nicht ganz so viele, er hat nicht so viele Mainstreamsachen gemacht, aber der ist richtig gut, ein besonders guter Darsteller. Aber ich habe eben, das ist mir aufgefallen, in den meisten Kultfilmen aus dieser Zeit mitgemacht. Ob das jetzt „Das Boot“ war oder „Rote Erde“ oder so; da war mal der eine dabei, mal der andere, aber ich, ich war da immer drin. So bin ich dann selber zum Kultdarsteller geworden – eigentlich nur deswegen.

 

Beim Boot warst du noch ganz jung, ist ewig her. Was hast du damals für eine Gage bekommen?

Gar nichts – tausend Mark habe wir gekriegt! 

 

Insgesamt?

Am Tag.

 

Nicht so schlecht.

Naja. Ich hatte vierzig Drehtage über neun Monate. Wenn ich davon hätte leben sollen … und das, wo du sowieso viel mehr ausgeben musst als sonst, denn du bist ja unterwegs in einer fremden Stadt, musst häufiger Essen gehen. Dann brauchst du da ´ne extra Wohnung. Die wird mit Sicherheit teurer sein als deine Wohnung, wo du richtig wohnst. 

 

Also war das ein Verlustgeschäft.

Das kann man wohl so sagen. 

 

Aber immerhin ist der Film ein Meisterwerk geworden, was für die Ewigkeit.

Aber es war es trotzdem so, dass die uns ums Geld beschissen haben.

 

Ja?

Ja klar. Die hatten zwanzig oder dreißig Millionen für das Ding zur Verfügung. Doch davon haben die nichts gesagt. Irgendwann sind wir sind einfach rein, zur Kasse und haben uns ein Akonto auf die Gage geholt. Das ging so: Ich habe die Frau mit irgendwelchen Fragen bombardiert, bis die völlig abgelenkt war. So lange, bis sie nur noch an meine Sachen denken konnte. Hier was ausfüllen und da was ankreuzen. In dem Moment kam Claude ganz hektisch rein und wollte fünftausend Mark haben. Das ergab so ein Durcheinander, dass die Dame dem Claude schnell „sein“ Geld gab.

 

So habt ihr euch also eigenständig eine Gehaltserhöhung gegeben.

Eine? Mehrere! Hinterher hatten wir alle dann zehn–zwölftausend Mark Schulden. Aber da hat kein Mensch jemals nachgefragt – die wussten ja, sie haben uns eh beschissen. Das wäre heute nicht mehr möglich. Doch zu den Zeiten war alles lockerer. 

 

Sprichst du eigentlich gerne über deine alten Filme?

Kann ich nicht sagen, aber Antworten hat ja auch was mit Höflichkeit zu tun. In der Tat interessiert´s mich überhaupt nicht, wenn mich jemand Wildfremdes anspricht und erzählt, welchen meiner Filme er am besten fand. Aber es ist so, du musst höflich bleiben; also fragste: Echt? Dann erzählen die davon, aber ich? Ich habe keine Lust, darüber zu reden. Das habe ich zu oft getan und bei meinen Filmen interessiert´s mich von vorneherein nicht.

 

Was sind denn Themen, die dich interessieren, vielleicht Astronomie, Chemie oder Physik?

Ich beobachte gerne Menschen. Wie die so sind, warum sie jenes oder dieses tun.

 

Fragst du dich dann, was derjenige beruflich macht?

Da kann ich mich drüber amüsieren. Manche Dinge merke ich mir und denke, die kann ich schön nachmachen. So geht die Zeit dahin. Stundenlang könnte ich so sitzen und mir die Leute angucken.

 

Weitere Hobbys?

Videospiele! Weil früher, wenn ich irgendwo gearbeitet habe, war das im Grunde genauso, als sei ich auf Montage – mit einem besseren Hotel. Aber wo ich hinkomme, kenne ich Menschen. Dann heißt es, gut, dass du kommst, da machen wir noch einen drauf!

 

Das hat dich zum Videospieler werden lassen?

Ich musste mir was überlegen. Denn die anderen können am nächsten Tag ausschlafen, ich nicht, ich bin der Idiot, der arbeiten muss. Da habe ich mir gedacht, das bringt nichts. Und habe mit Videospielen angefangen.

 

So richtig Ballerspiele?

(Lacht) Nein, ich spiele eher Adventures. Da kann ich jederzeit Pause machen, abspeichern, mir so viel Zeit lassen, wie ich will; kann aufhören und an der gleichen Stelle weitermachen.

Als Schauspieler bist du viel unterwegs, hast du deine Playstation dabei?

Ich bitte sogar meine Agentin, vorher im Hotel anzurufen, so dass die den AV-Kanal oder wie das heißt, freischalten, sodass ich die anschließen kann. Ich bleibe im Hotel und lass mich da bedienen.

 

Übst du im Hotelzimmer deine Rollen, spielst du die so richtig durch, mit Heulen, Schreien, Schlagen?

Damit ich mir die Emotionen merken kann? Nein. Ich halte das für Gequatsche. Schauspielen ist leicht. Ein Beispiel: Denk mal an eine
Zitrone – so richtig!

 

(Beide verziehen wir unsere Gesichter – fast wie beim Schweppes-Gesicht, nur etwas zitroniger.)

 

Merkste?

 

Ja, ich bin nun Schauspieler! 

Genau. Aber jeden Schritt und jeden Furz planen und üben? Das ist doch Blödsinn. Die meisten Dinge erledigen sich doch von allein, wenn man‘n bisschen was erlebt hat – oder nicht erlebt hat, oder so. Darstellerei ist keine Mathematik!

 

Bei dir macht viel deine Stimme aus, findest du die selber schön?

Schön würde ich die jetzt nicht nennen. Aber sie ist auffindbar. Ich werde häufiger gefragt, ob die vom Trinken kommt –
offensichtlich assoziiert man solche rauen Stimmen gleich mit rauen Getränken. 

 

Wo wir schon bei Drogen sind: Es hält sich das Gerücht, du hättest den Joint in „Bang Boom Bang“ wirklich in nur einem Zug geraucht, das sei keine Trickaufnahme gewesen. Stimmt das?

Stimmt nicht, war ein Trick. Eine ganze Zigarette kriegt kein Mensch in seine Lunge rein, das würde nicht gehen. Aber so hat‘s funktioniert: Wir haben einen Draht genommen, nicht zu dick, damit der Tabak nicht direkt runterfällt und die Zigarette eine gewisse Stabilität bekommt. Der hat die Asche gerade so gehalten und erst am Ende fiel die runter. Um den Draht hatten wir ein bisschen Tabak gelegt, ganz vorsichtig und dann ein Blättchen drum. Das war so wenig Knaster, dass du nur zweimal ziehen musstest: zum Anzünden und zum Runterrauchen – war zwar nicht gerade wenig Rauch, aber es ging. Nach ´n paarmal probieren, hat´s geklappt. 

 

Ungesunde Proben also…

Das ganze Leben endet eh ungesund.

 

Da fällt mir ein, du musst doch los …

… ins Krankenhaus, meinen Sohn besuchen. 

 

Welchen Film hast du eigentlich besorgt?

Den „Revenant“ mit DiCaprio. Der hat große Bilder, die kann man für eine Narkose gut nehmen, die vergisst man nicht.

 

Gute Besserung von hier aus.

Danke sehr!

INFO

Obwohl der Mann schauspielert, indem er sich vorstellt, in Zitronen zu beißen, studierte er tatsächlich zwei Jahre lang an der Schauspielschule in Bochum. In eben dieser Stadt wuchs er übrigens mit sieben Geschwistern auf – richtig gelesen, sieben – und spielte dort am Theater, bevor er Anfang der 80er nach München ging. Inzwischen betreibt er neben der Schauspielerei zwei Restaurants in Köln. Und trifft sich zum Klönen mit uns vom Stadtgeflüster.

Viele, viele weitere Infos zum Ralf Richter erfahrt Ihr am besten hier:

Autor Thorsten Kambach / Illustration Thorsten Kambach

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview

Mai 2019

​Alle Rechte bei Stadtgeflüster – das Interviewmagazin vom

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