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Tim Schaepers spricht mit Prof. Dr. Gernot Bauer über künstliche Intelligenz

HELFER IN DER HAND

Etwa jeder achte Erwachsene in Deutschland hat eine Lese- und Schreibschwäche. Den Betroffenen fällt es oftmals sehr schwer, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzunehmen. Prof. Dr. Gernot Bauer von der FH Münster hat mit seinem Team und dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. eine App entwickelt, die helfen soll. Eine gesprächige und künstliche Intelligenz wird ihre Nutzerinnen und Nutzer im Alltag unterstützen.

Sie entwickeln mit Ihrem Team eine App. Hat sie schon einen Namen?

Die App wird wahrscheinlich „Lalo“ heißen, das ist Griechisch und bedeutet so viel wie „die Gesprächige“.

 

Dann wird „Lalo“ mit ihren Nutzern reden?

Ja. Die App ist im Wesentlichen ein Chat-Bot. Also ein digitales interaktives Medium, mit dem man in den Dialog treten kann. Man kann Fragen stellen und erhält Antworten.

 

Das klingt jetzt erst mal banal. Für wen wird diese App entwickelt?

Es gibt Menschen, die man früher als Analphabeten bezeichnet hat – heute würde man eher von Menschen mit geringer Literalität sprechen – und die Schwierigkeiten mit Sprache haben. Sie können also nicht richtig oder gar nicht lesen und schreiben. Diese Menschen haben im Alltag häufig mit Einschränkungen zu kämpfen. Oftmals verbergen sie ihr Defizit aus Scham.

 

Das stelle ich mir sehr anstrengend vor, zumal geschriebene Sprache omnipräsent ist.

Dennoch kommen diese Menschen erstaunlich gut durchs Leben, indem sie Vermeidungsstrategien entwickeln. Wenn jemand beispielsweise etwas schreiben soll, sagt er, dass er gerade eine Verletzung an der Hand habe. Und das Phänomen der Scham wollen wir mithilfe der App durch einen automatisierten Gesprächspartner überwinden.

 

Durch künstliche Intelligenz?

Ja, „Lalo“ ist ein sogenannter Bot, eine digitale Maschine. Das hat einerseits den Nachteil mangelnder menschlicher Nähe.

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Das könnte aber andererseits von Vorteil sein, oder?

Das kann eben auch von Vorteil sein. Menschen mit geringer Literalität müssen ihr Defizit keinem anderen gegenüber outen. Und dies versuchen wir zu nutzen. Wir wollen mit „Lalo“ zwei Dinge: Einmal möchten wir eine lebensweltliche Unterstützung schaffen. Also den Menschen konkret in Situationen des Alltags helfen.

 

Zum Beispiel?

Die Bundestagswahl im September. Wie funktioniert die Wahl? Wie ist das mit der Erst- und der Zweitstimme? Für was stehen die Parteien und ihre Kandidaten? Wir füttern die App mit den notwendigen Informationen zur Wahl, sodass Menschen mit geringer Literalität daran teilhaben können.

 

Und was wollt ihr mit der App noch, außer zu unterstützen?

Wir wollen auch Alphabetisierung betreiben. Wir möchten den Menschen dabei helfen, ihre Schreib- und Lesefähigkeit zu verbessern.

 

Quasi als positiver Nebeneffekt?

Ganz genau. Denn „Lalo“ fungiert nicht nur als mündliche Dialogpartnerin, sie gibt auch Antworten. Die Nutzerinnen und Nutzer können alles in geschriebener Form sehen, was sie ihnen sagt. Durch eine häufige Nutzung der App erhoffen wir uns eine Verbesserung der Lesefähigkeit.

 

Wie weit sind Sie mit der App bisher? Ist sie schon zugänglich?

Bislang nur intern. Wir arbeiten erst seit April dieses Jahres an dem Projekt und sind gerade beim ersten Prototyp, also in einer frühen Testphase. Wir lernen selbst noch, wie die Leute damit klarkommen, um dann an den nötigen Stellen zu verbessern.

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Die App hat recht viele potenzielle Nutzer in Deutschland. Wird sie kostenlos sein?

Sie wird kostenlos sein. Die Entwicklung wird über drei Jahre aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung öffentlich gefördert. Wie es danach weitergeht, wird man sehen. Es gibt gemeinnützige Institutionen und Verbände, die bereit sind, einen notwendigen Obolus zu entrichten, um die dauerhafte Wartung der App zu finanzieren.

 

Sie sagten: „die Gesprächige“. Ist es eine Frauenstimme? Was ist, wenn ich lieber mit einem Mann sprechen möchte?

Das kann man ähnlich wie beim Navigationsgerät im Auto einstellen. Ob weiblich, männlich, Angela Merkel oder Franz Beckenbauer, das ist technisch trivial. Es heißt „die App“, also sagen wir „die Gesprächige“.

 

Kann man das mit herkömmlichen Sprachassistenten wie Google, Alexa oder Siri vergleichen?

Es gibt Ähnlichkeiten, aber natürlich auch Unterschiede. Sie können mit solchen Systemen ebenfalls in den Dialog treten, doch sind ihre Inhalte unspezifischer. Wenn Sie gezielte Fragen zur Wahl stellen, bekommen Sie von Siri nicht solche dezidierten Antworten, wie unsere App sie geben kann. Wir schneiden sie bewusst auf wichtige Alltagsthemen zu.

 

Welche Themen könnten das in Zukunft sein?

Mobilität ist zum Beispiel ein wichtiger Bereich. Einen Fahrplan zu lesen ist schwierig, ebenso der Kauf eines passenden Fahrscheins. Oder der Kauf von Tickets in anderen Bereichen, etwa für Events.

 

Also geht es auch darum, die Teilhabe am kulturellen Leben zu ermöglichen?

Ja. Wir sind noch ganz am Anfang des Projektes. Mit dem Thema Bundestagswahl haben wir die App erstmals erprobt. Nach und nach werden wir weitere Themenbereiche hinzufügen.

 

Wie kam es zu der Idee für „Lalo“ und wer ist in die Realisierung der App involviert?

Unser Projektpartner ist der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.; mit dem Geschäftsführer Ralf Häder stehen wir seit Langem im Austausch. Zusammen haben wir überlegt, wie wir unsere Kompetenzen vereinen können. Wir entwickeln interaktive digitale Medien, und der Bundesverband hat die Erfahrung im Umgang mit Menschen mit geringer Literalität. Wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte, haben wir seit 2019 konkretisiert.

 

Also ist die Idee gemeinschaftlich entwickelt worden?

Ja. Wir haben einen Förderantrag an das Bundesministerium für Bildung und Forschung gestellt und Zuspruch erhalten. Im Bereich der Grundbildung und Alphabetisierung gab es einen solchen Ansatz noch nicht. Dort arbeitet man bislang hauptsächlich an Volkshochschulen oder mit Flyern in leichter Sprache.

 

Oder dem ALFA-Telefon, das man aus der TV-Werbung kennt?

Das wird vom Bundesverband betrieben. Dieser bemerkte, dass man mit den herkömmlichen Medien an Grenzen stößt. Sie wissen aber auch, dass die Handynutzung in dieser Gruppe – wie bei allen anderen – allgegenwärtig ist. Wir brauchen das Wissen des Bundesverbandes. Sie kennen die Probleme der Menschen und die verschiedenen Alpha-Levels.

 

Alpha-Level?

Die verschiedenen Ausprägungen des funktionalen Analphabetismus werden in Kompetenzstufen eingeteilt, die sogenannten Alpha-Levels 1 bis 4. Menschen mit Alpha-Level 4 können lesen und schreiben, machen aber sehr viele Fehler. Bei Alpha-Level 1 können Betroffene allenfalls einzelne Buchstaben, aber keine Wörter lesen oder schreiben.

Sie haben es schon angesprochen: Scham ist ein großes Problem für die Betroffenen. Was muss in der Gesellschaft passieren, um ihnen diese Scham zu nehmen?

Viel von dem, was die Scham verursacht, ist Unkenntnis über Analphabetismus in weiten Teilen der Bevölkerung. Eine verbreitete Fehleinschätzung liegt zum Beispiel darin, Menschen mit geringer Literalität seien pauschal weniger intelligent – was nicht der Fall ist. Niemand möchte sich gerne als vermeintlich weniger intelligent zu erkennen geben. Also wird versucht, die geringe Literalität zu verschleiern. Aufklärung wäre hier sehr hilfreich.

 

Vielleicht könnte man im Zuge der Aufklärung auch berühmte Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwächen erwähnen – wie Bill Gates, Marlon Brando oder Steven Spielberg?

Das kann man versuchen. Der Ansatz ist allerdings nicht ganz unkritisch zu sehen. Solche Vorbilder wirken wenig lebensnah. Es hilft vielmehr, Gründe für Analphabetismus zu nennen und auf diese Weise deutlich zu machen, dass geringe Literalität nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun haben muss.

 

Was können das für Gründe sein?

Nehmen wir als Beispiel ein Kind im Grundschulalter. Es ist mit privaten Problemen konfrontiert, wie zum Beispiel Drogenproblemen im Elternhaus. Das belastet das Kind und es ist in der Schule abgelenkt. Dadurch ist es für den Schulstoff und die Teilnahme am Unterricht nicht empfänglich, wird in der Schule geringgeschätzt, bekommt schlechte Noten.

 

Dadurch kommt eine Spirale in Gang?

Richtig. Schule wird dann mit Frusterlebnissen verbunden, die Motivation sinkt, die Noten verschlechtern sich weiter. Das kann in eine eklatante Schwäche beim Schreib- und Lesevermögen führen, hat aber nichts mit den eigentlichen Talenten des Kindes zu tun. Es handelt sich hier natürlich um ein grob vereinfachtes Beispielszenario. Wichtig ist aber, die Problematik sichtbar zu machen, offen mit dem Thema Analphabetismus umzugehen und den betroffenen Menschen Wertschätzung entgegenzubringen.

 

Es ist auch merkwürdig, dass einige Menschen ihre Defizite in Mathe fast stolz vor sich hertragen und dafür viel Zuspruch erhalten, während andere sich nicht trauen, über ihre Probleme mit der Sprache zu reden.

In unserer Gesellschaft ist Sprachvermögen offenbar bestimmend für Akzeptanz und Wertschätzung. Das gilt es, zu relativieren.

 

INFO

Prof. Dr. Gernot Bauer

Die gebürtige Kölner studierte Mathematik, Physik und Philosophie. Er promovierte an der Universität München über mathematische Grundlagen der Relativitätstheorie. Bevor er 2003 die Professur für Software Engineering und Mensch-Computer-Interaktion an der FH Münster antrat, war er einige Jahre als IT-Berater für Großunternehmen tätig. Als Vorstand des Instituts für Gesellschaft und Digitales (GUD) greift er mit seinem Team gesellschaftliche Herausforderungen auf und versucht mithilfe des Digitalen zu ihrer Lösung beizutragen.

Autor Tim Schaepers / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Achim Hennecke

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Januar 2022

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