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Tim Schaepers fragt Patrick Menkhaus nach Zigarren und Whiskey

FÜNF FINGER SIND 'NE FAUST

Man nehme einen Bass, zwei E-Gitarren, ein Schlagzeug, dazu Gesang, der unter die Haut geht, und fertig ist „Electric Gravity“. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Doch die fünf Münsteraner wirken auf der Bühne und klingen aus den Boxen, als wenn es das Einfachste der Welt wäre. Mit ihrer neuesten Single will die Band für einige Minuten dem teils tristen Pandemie-Alltag entgegenwirken. Der Sänger und Texter erklärt, woher er seine Inspiration nimmt, wovon er träumt und warum seine Stimme einen Schockeffekt haben kann.

Deine Band heißt „Electric Gravity“. Wie kamen deine Bandkollegen und du auf den Namen? Seid ihr Physikstudenten?

Nein. Mit Physik haben wir alle nicht viel am Hut. Außerdem bin ich zur Band dazugestoßen, bin also kein Gründungsmitglied. Als sich unser Bassist Klaus vor zehn, elf Jahren mit ein paar Kumpels zusammengetan hat und Mucke machen wollte, standen die irgendwann vor ihrem ersten Gig. Kurz davor sprangen dann beide Gitarristen ab und unser heutiger Gitarrist kam hinzu. Auf der Bühne wurde improvisiert. Schien gut anzukommen und der Veranstalter fragte, wie er die Band nennen soll. Als darauf keine Antwort kam, nannte er die Band kurzerhand „Klausis Rock’n’Roll-Truppe“.

 

Okay. Das hört sich an wie eine 70er-Jahre-Coverband, die man für Schützenfeste und Hochzeiten buchen kann.

Deshalb konnte der Name nicht so stehen bleiben. Durch Irrungen und Wirrungen kam dann letztlich „Electric Gravity“ heraus. Wie genau der Name zustande kam, kann ich heute nicht mehr sagen. Er hat auch keine tiefere Bedeutung.

 

Klingt aber deutlich besser! Und wer seid ihr alles und welchem Genre würdet ihr euch zuordnen? Was ich bisher gehört habe, ging in die Hardrock-Richtung.

Klaus spielt Bass, Alex und Marius E-Gitarre, Daniel Drums und ich singe. Die Frage nach dem Genre ist eine sehr, sehr gute, über die wir auch schon viel nachgedacht und diskutiert haben. Irgendwas zwischen Stoner, Doom und Grunge. Vielleicht noch mit Psychedelic-Einflüssen.

 

Ich nehme an, dass ihr euch noch selber managt und produziert?

Ja, auf jeden Fall. Alles independent.

 

Wo nehmt ihr auf? In einem Keller bei jemandem zu Hause oder habt ihr einen heiß begehrten Probenraum?

Unser erstes Album haben wir bei einem Kumpel zu Hause im Keller eingespielt. Der hat sich Equipment zum Aufnehmen besorgt und ein kleines Tonstudio eingerichtet. Dort haben wir dann eine Woche lang von morgens bis abends aufgenommen. Als alles fertig war, hat er die Sachen dem Laden wieder zurückgebracht. (lacht) Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt erzählen sollte.

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Das ist mittlerweile verjährt und man weiß ja, wie es finanziell um junge Musiker steht. Da wird jeder Verständnis für haben.

Auf jeden Fall haben wir so vor zwei oder drei Jahren unser erstes Album aufgenommen, während die Eltern von dem Kumpel die Krise bekommen haben. 2019 erschien es unter dem Titel „Time And Tide“. Anfang 2021 haben wir dann noch mal zwei Songs rausgebracht, die wir in unserem Probenraum eingespielt haben.

 

Und die Texte schreibst du klassischerweise als Sänger oder steuert jeder mal einen bei, wie bei „Queen“ zum Beispiel?

Die schreibe nur ich. Blutige, schweißtreibende und einsame Arbeit. (lacht)

 

Noch mal zu eurer neuesten Single „A Hand’s Worth Of Dark“. Was soll das genau bedeuten und worum geht’s in den beiden Songs?

Zunächst war uns wichtig, der Coronasituation geschuldet, dass wir ein Lebenszeichen von uns geben. Zu sagen: „Wenn ihr unsere Musik mögt, möchten wir auch für euch da sein!“ Überall saßen Menschen während des Lockdowns alleine rum. Denen und allen anderen wollten wir einfach eine Freude bereiten. Der Track „Dandelion“ bringt rotzigen Punk auf die Single. Wir mögen alle, wenn es kracht, wenn es rappelt. Und „A Hand’s Worth Of Dark“ wurde von den „Black Live Matters“-Demos inspiriert und ist melancholischer, was ich sehr mag. Die Geschehnisse um George Floyd haben uns alle sehr beschäftigt. In dem Song wollten wir den Blickwinkel einfangen, wie ein weißer Mann Polizist wird und eine solche Tat begehen kann.

 

Corona ist euch ebenso in die Quere gekommen wie so ziemlich jedem anderen Menschen auf der Welt auch. Habt ihr Gigs verschieben müssen oder abgesagt?

Verschoben haben wir gar nichts. Wir haben alle Auftritte direkt abgesagt. Im Dezember und im Januar hätten wir Konzerte gehabt und von offizieller Seite wäre was möglich gewesen, aber wir haben uns dagegen entschieden. Uns war das Risiko einfach zu hoch. Wir wollten keine Coronaparty veranstalten. Uns ist es wichtig, locker und mit Spaß auf der Bühne zu stehen und unbeschwert zu spielen. Das ist unter diesen Umständen nur bedingt möglich.

 

Sehr vernünftig. Habt ihr denn schon konkrete Pläne für die Zeit, in der sich die Situation annähernd normalisieren wird?

Wir haben vor etwa einem halben Jahr ein Konzert ohne Publikum gemacht. Das war im Rockpalast in Bochum sozusagen ein Streaming-Konzert. So was wollen wir nicht noch mal machen, das steht fest. Da fehlt der Vibe, sich treiben zu lassen. Da fehlt einfach alles, was es ausmacht, live zu spielen. Weil wir nicht noch mehr Gigs absagen wollten, haben wir im Moment noch nichts Weiteres geplant. Allerdings wollen wir uns um neue Musik kümmern und als Nächstes eine EP mit fünf, sechs Tracks rausbringen.

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Wo konnte man euch denn bisher schon live erleben? Welche Orte sind dir vielleicht besonders in Erinnerung geblieben?

Münster natürlich. Als Homebase quasi. Also im Sputnik-Café und im Rare Guitar am alten Güterbahnhof. Das ist persönlich auch meine liebste Location. Umgeben von den ganzen Gitarren in einem eher kleinen Laden. Mit superlieben Menschen, die dort arbeiten. Dann haben wir auf einem Festival im Ruhrpott gespielt und das war auch sehr geil. Denn ich muss sagen, ich bin ein großer Fan der Aftershow-Partys. (lacht)

 

Wo würdet ihr denn gerne mal auftreten?

Ich spreche jetzt nicht für die Band. Die würden mir den Kopf abreißen, wenn sie das läsen. Aber ein großer Traum von mir, der nie in Erfüllung gehen wird – was auch vollkommen in Ordnung ist, weil ich meinen Frieden mit der Sache gemacht habe –, wäre es, in Argentinien aufzutreten. Müsste nichts Großes sein. Ein kleiner Klub mit fünf Leuten wäre schon okay. Aber einmal Argentinien wäre ein Traum.

 

Wieso Argentinien? Hast du eine besondere Verbindung zu dem Land?

Wenn man sich die Konzerte von den ganz großen Bands in Argentinien im berühmten „River Plate“-Stadion zum Beispiel anschaut, ist das sehr beeindruckend. Die Argentinier leben Musik ganz anders und haben eine eigene Art, Musik zu zelebrieren – viel intensiver. Da bekomme ich jedes Mal Gänsehaut, wenn ich das sehe.

 

Du hast eine sehr markante und krasse Gesangsstimme. Wie kommt man dazu? Trinkst du täglich Whiskey und paffst in einer Tour Zigarren oder hast du als Kind viel geschrien?

(lacht) Ich habe von Natur aus eine sehr tiefe Stimme. Dass ich nur 1,73 m groß bin, hat in dem Kontext schon mal einen guten Schockeffekt. Aber sonst: keine Ahnung. Ob ich mich viel mit meinen Eltern gestritten habe? Ich weiß es nicht.

 

Hast du Geschwister, gegen die du dich lauthals durchsetzen musstest?

Nein. Ich bin ein verwöhntes Einzelkind. Vielleicht war’s auch genau das. Dass ich die volle Aufmerksamkeit aller hatte und mit meiner Stimme herausstechen wollte. Aber ich rauche in der Regel nicht und mit Whiskey habe ich auch nicht viel am Hut. Die Frage höre ich jedoch öfter.

Welche Bands inspirieren euch musikalisch?

Ganz verschiedene. Wir fünf kommen musikalisch allesamt aus unterschiedlichen Richtungen. Wir sind deshalb mal mehr, mal weniger geeint in dem, was wir machen wollen, weil jeder seine Einflüsse mitbringt. Das ist aber meistens von Vorteil.

 

Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn man aus vielen Ideen eine neue gemeinsame Linie kreiert.

Ganz genau. Persönlich beeinflusst haben mich zum Beispiel Eddie Vedder von Pearl Jam, der für mich der absolute Gott ist. Jeff Buckley und Radiohead mag ich gerne. Und Patti Smith inspiriert mich lyrisch sehr. Dann kann ich Paolo Nutini nur empfehlen. Dem Mann fließt Musik durch die Adern. Unvergleichlich. Sehr sexy.

 

Eure letzten Produktionen kann man sich auf der größten Streaming-Plattform anhören. Nun ist die finanzielle Ausbeute für die Künstler bekanntermaßen sehr gering. Hat sich das Hochladen eures Albums und der Single rentiert oder geht es euch hauptsächlich um die potenzielle Reichweite?

Tatsächlich konnten wir mit dem Geld, das wir für die Klicks unseres ersten Albums erhalten haben, den Upload der neuen beiden Songs finanzieren. Da sich musikalisch nun mal alles auf dieser Plattform abspielt, wollen wir dort natürlich vertreten sein. Unser letztes Album haben wir aber auch auf CD pressen lassen.

 

Was machst du, wenn du nicht gerade Bandprobe hast oder über neue Texte sinnierst?

Ich spiele zwar nicht mehr aktiv Fußball, aber ich trainiere eine Jugendmannschaft beim SC Münster 08. Ich mache auch viel Musik abseits der Band in Richtung Singer-Songwriter. Das sind dann eher poppigere Nummern. Ansonsten studiere ich Deutsch und Pädagogik auf Lehramt und schreibe gerade meine Masterarbeit.

 

Vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche euch viel Erfolg und dir eines Tages einen Auftritt in Argentinien.

Danke schön!

 

INFO

Patrick Menkhaus

Der 1995 in Mettingen geborene Patrick Menkhaus kam für sein Studium nach Münster. Er studiert Deutsch und Pädagogik und neben seiner Trainertätigkeit brennt er für die Musik. Mit seiner außergewöhnlichen Stimme ist er Teil der Münsteraner Band „Electric Gravity“, bestehend aus Alex Wildenhues, Klaus Tombrink, Marius Riebandt, Daniel Pielarczyk und Patrick Menkhaus.

Autor Tim Schaepers / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Pressefotos

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Februar 2022

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