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WEG! UND DAS NICHT FREIWILLIG

Krieg ist etwas, das immer weit weg erscheint. Doch im Moment ist er ganz nah. Er ist mitten in Europa. Er verfolgt uns den ganzen Tag und verbreitet Angst und Schrecken. Aber wenn man sich dann zurücklehnt, merkt man, dass man sich vermeintlich in Sicherheit befindet. Dass sich das schnell ändern kann, zeigt die Geschichte von Moritz Hoffmann und seiner Familie, die den Krieg hautnah erlebten und eine Entscheidung treffen mussten, den der Verlust des Zuhauses und der Heimat bedeutete. Eine Entscheidung, die man in seinem Leben niemals treffen will.

Tom Feuerstacke und Moritz Hoffman verlassen verbal ein Kriegsgebiet

Moritz, was war der Grund, dass du in die Ukraine gezogen bist?

Mich hat die Kunstakademie in die Ukraine verschlagen. Dort ist durch die Sowjetunion die klassische Schule der Künste konserviert worden. Ich hatte die Möglichkeit, die hohe Kunst als Handwerk zu studieren. 

 

Was genau war das Handwerk, das du an der Fakultät der Künste erlernt hast?

Ich besuchte die Fakultät für Grafik-Design. Die war gänzlich anders als die Fachhochschule hier in Münster. Wir hatten genau einen Computer. Wir lernten noch Techniken wie Radierungen und Lithografien. 

 

Du hast Bühnenbilder gebaut für Film und Fernsehen. Außerdem hast du als Bildhauer gearbeitet. Dein Lebensmittelpunkt war Kiew, wo du geheiratet hast und von 1997 bis 2014 gelebt hast. Danach ging es aufs Land. Jetzt hat euch der Krieg erreicht und seine Brutalität eingeholt. Wie hast du die Entstehung wahrgenommen?

Letztlich begann der Konflikt, der zu einem Krieg gewachsen ist, vor acht Jahren. Damals wurden auf dem Majdan Nesaleschnosti, dem Platz der Unabhängigkeit, also auf dem zentralen Platz in Kiew, demonstrierende Studenten im November von Spezialkräften der damaligen moskautreuen Regierung zusammengeprügelt. Es ging den Studenten um den Anschluss an Europa. Die Eltern dieser Studenten gingen in den Generalstreik, um ihre Kinder bei den Protesten zu unterstützen. Das war der Anfang des Krieges. Sie hatten einfach keinen Bock, dass ihre Liebsten von Assis verprügelt werden. 

 

Die Bilder waren erschreckend und verstörend. Janukowytsch hat damals den ganzen Majdan in Schutt und Asche legen lassen. Es war schrecklich, was uns damals aus Kiew gezeigt wurde. Aber es war auch unglaublich, wie sehr sich die Menschen gegen ihren Präsidenten gestellt haben.

Aus den Protesten wurden rasch bürgerkriegsartige Zustände. Polizisten schossen auf die Demonstranten. Es flogen Molotowcocktails und Tränengasgranaten. Ich fuhr Busladungen von Reifen auf den Majdan, damit sich die Demonstranten verbarrikadieren und somit schützen konnten. Und so wie heute haben sich damals die Menschen gegen einen Aggressor verteidigt. 

 

Es sind immer Aktionen, die aus Moskau vom dortigen Autokraten gesteuert werden. Dieses brutale Vorgehen gegen das eigene Volk, das man in Russland sieht, ist eine Blaupause. Sogenannte Schwester- und Bruderstaaten werden durch Marionettenregierungen regiert, die am Ende mit harter Hand versuchen, die Interessen Moskaus durchzusetzen. Es wurden ja unter fadenscheinigen Begründungen Gebiete im Osten der Ukraine besetzt.

Putin hatte Soldaten auf die Krim geschickt. Was große Angst hervorrief. Es war ein kriegerischer Angriff auf die Ukraine. Das hatte das ukrainische Volk, Europa und die Welt so wahrgenommen. Putin sprach schnell davon, dass es sich nicht um Soldaten handelte, die einem Befehl gefolgt sind. Nein. Für ihn waren es grüne Männchen, die in die Krim einmarschiert waren. Und fast acht Jahre hat Europa darüber sinniert, ob es sich wirklich nur um grüne Männchen handelt. 

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Mittlerweile sind russische Soldaten in der Ukraine. Putin führt seit Februar einen blutigen Krieg gegen das ukrainische Volk und dessen Regierung. Es ist eine Gewalt, die man vielleicht so erahnt hatte, aber die Hoffnung bestand, dass die Vernunft siegen würde. Wie hat dich und deine Familie dieser Krieg erreicht?

Der Bruder meiner Frau hatte sich früh der Freiwilligenarmee angeschlossen, um die Ukraine im Falle eines Angriffes durch Putin zu verteidigen. Neben ihm gingen dann auch viele Freunde in den Osten des Landes, um einer möglichen Aggression entgegenzutreten. Das machte mich schon sehr hellhörig. Und es kam, wie es kommen musste. Putin marschierte mit seiner Armee ein und es wurden übelste Schlachten um die Gebiete geführt. Bereits in den ersten Tagen des Krieges gab es hohe Verluste an Menschenleben auf beiden Seiten. 

 

Vor allem gab es ja den irren Kriegsgrund, dass ein Völkermord an der russischen Minderheit durch ukrainische Faschisten begangen würde.
Das wirklich Unglaubliche daran war, dass sich Freunde aus Deutschland bei mir gemeldet hatten, um zu fragen, was das mit den Nazis in der Ukraine auf sich hätte. In dem Land leben Juden, Tataren und Ukrainer miteinander und bereichern die Kultur. Diese Menschen entnazifizieren zu wollen, ist schon lächerlich. 

 

Wie nahe ist euch der Krieg gekommen, dass ihr als Familie entschieden habt, das Land zu verlassen?
Der brutale Überfall auf die Ukraine begann 15 Kilometer von unserem Zuhause entfernt. Ich bin nachts aufgewacht, als unsere Fenster anfingen zu scheppern. Normalerweise rauche ich nachts nicht, wenn ich wach werde. Diesmal schon. Draußen vor dem Haus hörte ich einen Einschlag nach dem anderen. Ich weckte meine Frau und sagte ihr, dass es begonnen habe. Ich bin schnell zum Geldautomaten und habe abgehoben, was möglich war. Und als ich mich umdrehte, standen hinter mir 30 Menschen. Es machte schnell die Runde, dass russische Truppen über die weißrussische Grenze eingedrungen seien. Also war auch klar, dass diese Horde von unzivilisierten Söldnern unser Dorf erreichen würde. Somit war die Entscheidung gefallen, dass wir unser Zuhause verlassen werden.        

 

Das ist ein gewaltiger Schritt, die Heimat und sein Zuhause verlassen zu müssen. Wie habt ihr eure Abreise geplant?

Ich habe sofort angefangen, das Auto startklar zu machen. Ich suchte Werkzeug und Instrumente zusammen, die uns auf der Fahrt durch mögliches unwegsames Gelände helfen würden, sicher voranzukommen. Das zog sich über den Tag. Währenddessen kamen die Einschläge immer näher und am Horizont sah man Rauchschwaden der Zerstörung in den Himmel aufsteigen. Erste Erfolgsmeldungen machten die Runde, dass die ukrainische Armee drei Hubschrauber abgeschossen hätte und dass alles gut würde. Das änderte aber nichts an der Entscheidung, zu fliehen. Wir haben noch eine Nacht in unserem Haus verbracht. Wir mussten los. Da war es noch möglich. Wir wussten nicht, was die nächsten Stunden bringen würden. Die Flucht begann.

 

Das ist eine enorme psychische Belastung, die da auf den Schultern der Familie lastet. Man verlässt ja nicht freiwillig sein vermeintlich sicheres und geliebtes Umfeld. Schon gar nicht, wenn man nicht weiß, wohin es einen verschlägt. Vor allem weiß man ja nicht, wann man zurückkehrt und wie alles sein wird, wenn ein Dorf dem Krieg zum Opfer fällt.

Mein Frau hatte nur eine Zahnbürste eingepackt, weil sie dachte, dass wir nach dem Wochenende wieder zurückkehren würden. Ich war der Auffassung, es dabei zu belassen, weil ich große Sorge hatte, dass alle anderen Verlautbarungen hohe Wellen schlagen würden und wir nicht schnell genug die Flucht in die Sicherheit starten könnten. 

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Wohin seid ihr aufgebrochen? Gab es konkrete Anlaufziele, die ihr besprochen habt?

Wir sind als Erstes zu meinen Schwiegereltern gefahren, weil ich der Auffassung war, dass in dem 50 Kilometer entfernten Dorf kein Interesse für die Russen liegen würde, und wir da erst mal eine Nacht bleiben könnten. Als wir dort angekamen, gab es die Information, dass russische Fallschirmjäger im nahe gelegenen Wald abgesetzt wurden und wir schleunigst weiter sollten, um uns der Gefahr zu entziehen. 

 

Na gut. 50 Kilometer sind in einer militärischen Intervention keine Distanz. Zudem man bis heute ja nicht wirklich weiß, was Putins Ziele sind, außer totale Vernichtung?

Genau. Wir sind dann weiter. Richtung Westen, wo die Cousine meiner Frau lebt. Es handelt sich dabei um Entfernung von circa vier Stunden. Der Weg wird die Warschau-Route genannt. Einfach geradeaus und man erreicht Warschau. Und wenn man dann weiter Richtung Westen fährt, landet man automatisch in Berlin.  


Klingt machbar?
War aber weitgefehlt. Als wir die Wälder erreichten, hielten uns Soldaten an, die darauf hinwiesen, dass hier gekämpft würde und eine Durchfahrt nicht möglich sei. Also einen Umweg in Kauf genommen und weiter Richtung Kiew. Die Ortsumgehung war verstopft und es wurde die Gegend um Kiew bombardiert. Also war Im-Stau-Stehen für uns keine Option. Wir sind dann offroad weiter. Mit dem 30 Jahre alten Ford Scorpio durch Wälder und über Pisten. Aus den vier Stunden wurde eine Odyssee von 15 Stunden. Nachts lagen wir auf Matratzen bei der Cousine, um etwas Ruhe zu finden. Die Sirenen heulten auf und rissen uns aus dem Schlaf. Es ging direkt in den Kartoffelkeller. Ein kleiner enger Raum mit Naturboden und Schwarzschimmel an den Wänden. Da saßen wir mit drei Familien. 

Und vermutlich waren die Diskussionen größer als vorher, wie es nun weitergehen soll, wenn der Krieg auch den Ort erreicht hatte, den ihr als sicher ausgemacht habt?
Das stimmt. Als der Alarm endete, gingen wir zum Mittagessen hoch und besprachen uns. Mir war schnell klar, dass wenn wir bleiben würden, ich mich bewaffnen müsste, um die Familie zu beschützen. Oder wenigstens bräuchte ich eine Kettensäge und einen Lastkraftwagen, um Barrikaden errichten zu können. Und während wir dasaßen, schlugen die nächsten Granaten in unmittelbarer Nähe ein. Rauch verdunkelte den Taghimmel und ich packte meine Familie zusammen. Denn wenn im Osten Explosionen zu hören und zu sehen sind, ist der Weg nach Westen noch frei. Ziemlich alternativlos die Möglichkeiten. Also auf nach Polen, wo wir dann einen Tag und zwei Nächte mit drei kleinen Kindern an der Grenze standen.

Wann wurde dir klar, dass ihr Flüchtlinge seid?
An der Grenze wurden wir mit Nahrungsmitteln versorgt. Außerdem gab es Windeln und Babynahrung. Ich hatte eigentlich alles dabei. Aber die Helfer meinten, dass man nicht wisse, wie lange man an der Grenze stehen würde. Diese Situation vermittelte mir zum ersten Mal das Gefühl, dass wir Flüchtlinge sind. 

 

Nun seid ihr in Sicherheit hier in Münster und vor allem willkommen. Mir ist klar, dass eure Gedanken und Sorgen in der Ukraine sind. Ich hoffe, der Familie geht es gut und dass der Bruder deiner Frau noch gesund ist, während er sein Land verteidigt.
Gott sei Dank. Es sind alle wohlauf. Ich hoffe, das bleibt auch so.

Moritz, ich danke dir für das Gespräch und wir bleiben in Kontakt.
Ich danke euch und wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt. 

 

INFO

Moritz Hoffmann

Der in Münster geborene Hoffmann zog in die Ukraine, um Kunst als Handwerk an den dortigen Fakultäten zu erlernen. Neben der Kunst lernte er sein heutige Frau kennen und fand in der Ukraine seine neue Heimat.

Autor Tom Feuerstacke / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Moritz Hoffmann

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Mai 2022

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