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NICHT CAMPINGPLATZ, NICHT ROUTE 66 – EIN MODERNER REISETREND

Vor 100 Jahren wurde Jack Kerouac, Autor des legendären Buches „On the Road“, geboren. Bilder von flirrender Hitze, menschenleeren Fernstraßen und das nostalgische Gefühl von Roadtrips irgendwo im Nirgendwo von Amerika prägen bis heute und treffen auf diametral entgegenstehende Eindrücke wie stundenlanges Suchen eines Campingplatzes und Beäugen der Nachbarn und ihrer Badelatschen. Fernab dieser kursierenden Klischees gibt es ganz andere Bewegungen von Reisenden, die das Camping wegführen vom vielleicht längst gewesenen Spießertum und wieder hin zu spontanen und unkomplizierten Touren, voll Abenteuer und Flexibilität. 

Chiara Kucharski spricht mit dem erfahrenen Camper und Gründer des Blogs „Fan4Van“, Markus Wolf

Bist du gerade auf Reisen mit deinem Camper?
Heute tatsächlich nicht. Ich bin gestern zurückgekommen und muss jetzt ein bisschen klar Schiff machen die nächsten drei, vier Tage. Dann geht es wieder los.

Du hast also einen festen Wohnsitz.
Ja, ich führe das totale Gegenteil von dem Van-Life, das man sich immer so vorstellt. Ich lebe nicht im Van, habe Familie, einen kleinen Sohn und eine feste Home-Base. Eigentlich bin ich Business-Camper und fast immer geschäftlich unterwegs. Es kann sein, dass ich mit meinem Wohnmobil morgens um acht Uhr aus dem Haus fahre und abends sogar wieder zurückkomme. Meine Geschäftstermine mache ich aber nicht mehr mit Flugzeug, Bus und Bahn, sondern eben nur noch mit dem Camper. Das ist meine Welt.

Stichwort: Flexibilität?
Es gibt ganz viele irre Vorteile dabei. Ein ganz banaler Grund ist: Man war sonst immer unter Druck, rechtzeitig überall anzukommen. Das habe ich so alles nicht: Wir essen zusammen, ich bringe den Kleinen ins Bett und kann dann ganz gemütlich lostouren und schauen, wie weit ich komme, ob ich zwischendrin halten möchte. Da ist der zweite Punkt: Ich kann es richtig gut mit meinen Hobbys kombinieren. Ich bin gern in den Bergen, gehe Paddeln, Mountainbiken, Gleitschirmfliegen. Wer kann das schon von seinen Mittagspausen sagen?

Geht das immer so oder ist dein Bloggen bzw. Autor sein da eine Ausnahme?
Genau. Das Bloggen kam ja eigentlich nur nebenbei. Weil ich Campern gerne helfen möchte, da, wo ich selbst am Anfang unbeholfen war. Es gibt im Bereich Camping einfach unfassbar viele Gebiete, wo man sich auskennen sollte oder muss. Das kombiniert sich natürlich optimal und ist für mich wirklich perfekt.

Was sind das für Tipps, die man dringend braucht?
Das sind zum Teil Sachen, wo ein erfahrener Camper sich totlacht. Wenn es darum geht, wie die Toilette funktioniert. Viele machen sich da anfangs keine Gedanken, weil sie von Zuhause nur kennen, dass irgendwo Wasser reinläuft und irgendwo wieder herausläuft, und die Sache ist erledigt. Das ist beim Camper natürlich anders. Welche Chemie muss ich verwenden? Was sind die Alternativen? Thema Toilette ist da ein Paradebeispiel. 

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Oder?
Oder aktuell gibt es die große Stellplatzproblematik, wo ich auch erfahrenen Campern mit Alternativen, die es zu Campingplätzen gibt, helfen kann.

Welche gibt es?
Es gibt zum Beispiel spezielle Plattformen mit Angeboten, auf Grundstücken von Privatpersonen zu übernachten. Ein bisschen wie AirBnB. Davon wissen viele Leute gar nicht. Denn es gibt mit der Zeit immer wieder neue Dinge, die sich auftun. Da halte ich die Leute mit meinen Infos auf dem Laufenden. Was hat sich bei den Mautgebühren getan? Was hat sich bei den Dieselskandalen getan? Da ändert sich immer eine Menge.

Welche ersten Schritte würdest du Einsteigern empfehlen?
Mieten, mieten! Auf gar keinen Fall sofort etwas kaufen. Erst einmal kleine Touren am Wochenende mit einem Wohnmobil planen. Man muss gar nicht sofort bis nach Portugal fahren. Lieber in der Nähe bleiben, wo man sich schnell Hilfe holen kann. Oder bei Freunden, die schon länger campen. Erproben, was vermisse ich auf meinen Reisen, was muss ich dabei haben? Oft nimmt man zu viel mit. Dann kann man sich peu à peu weiter entfernen.

Gab es bei dir schon mal eine Campingsituation, nach der du keinen Bock mehr hattest?
Oh ja, da gibt es viele! Das Schlimmste für mich war, glaube ich, die Situation „Trocken-Trenntoilette“: Mein kleiner Sohn hatte „Magen-Darm“. Das ist eine Situation, die macht keinen Spaß. Wir sind dann nach Hause gefahren. Ich weiß nicht, wie sehr du in der Thematik drin bist, ich möchte aber auch nicht zu sehr ins Detail gehen.

Da bin ich völlig mit einverstanden.
(Lacht) Das ist also ein Campingverfahren, das ziemlich umweltfreundlich ist. Andere Situation: Wenn beim Wintercampen die Heizung streikt – will man einfach nicht haben. Das sind alles Dinge, die überlebt man, aber man möchte dann vielleicht doch erst mal wieder nach Hause kommen. Auf der Gegenseite ist eben genau das dieses Abenteuer-Feeling. Man muss auch unverhofft lösungsorientiert sein. Du lernst während des Campens unweigerlich, Lösungen zu finden. 

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Hat das zum Imagewandel vom ursprünglichen Campingspießer zum Abenteurer geführt?
Das ist definitiv so. Die Möglichkeit zu haben, jederzeit wegzufahren. Spontan bei Freunden bei bestem Wetter übernachten. Auch diese kleinen Sachen, die man jederzeit flexibel machen kann – den Schlafplatz hat man immer dabei –, führen einfach zu einem entspannten Lebensgefühl. Dieses Freiheitsgefühl ist das, was mich und viele andere so kickt. Morgens loszufahren und nicht zu wissen, wo du abends übernachtest, ist für sich allein genommen schon ein Abenteuer.

Aber es hat bis jetzt immer einen Ort gegeben, wo ihr stranden konntet?
Absolut, ja. Es gibt zwar Situationen, gerade als der erste „Covid-Sommer“ war, und mit Kind, versuche ich schon immer, eine gute Infrastruktur mit Frischwasser, Campingplatz und Co. aufzusuchen, da hast du oft Probleme gehabt, weil vieles überfüllt war. Aber da muss man einplanen, dass man auch mal ein, zwei Stunden auf Platzsuche ist. Das hört sich negativ an, aber wenn man es richtig macht, ist es eigentlich ganz cool und eher eine Challenge. 

Wem würdest du vom Campen abraten? Gibt es da spezielle Eigenschaften?
Man muss es wollen. Wenn man einiges kategorisch ablehnt: Warum sollte man es versuchen? Da will ich gar keinen überreden. Als Kind war ich schon immer gerne zelten. Dieses Einfache macht mir Spaß und ich kann damit umgehen, auch wenn nicht immer alles schön dabei ist. Durch Zufall hatte ich mal ein Auto – einen VW-Bus –, in dem ich auch schlafen konnte. Damit hat sich alles entwickelt. Wenn man minimalistisch-abenteuerlich drauf ist, gerne mal bastelt …

… dann ist das schon mal ein guter Start?
Ja, du musst halt wissen – musst du auch nicht –, du gehst entweder auf deine eigene Toilette und musst sie irgendwie entleeren oder du gehst auf Fremdtoiletten. Ich komme immer wieder auf das Thema Toilette und Hygiene. Das kann für viele schon ein Problem sein. Wenn man da Ekel oder Hemmungen hat, wenn man nicht gerne Auto fährt, ist das definitiv nichts für einen. Aber wenn man ein bisschen damit liebäugelt, sollte man es wagen, auch wenn es erst mal nur fünf Kilometer vom Wohnort entfernt ist.

Okay.
Einfache Wege nehmen, nicht in den Wald stellen – was man generell nicht machen sollte. Auf dem Campingplatz bekommt man Hilfestellung, wenn man irgendwas nicht weiß.

Du sprichst gerade das Wildcampen an. In vielen baltischen Ländern wie auch Finnland und Schottland ist das, glaube ich, erlaubt. Hast du da schon mal Erfahrungen gesammelt?
Ja, ich bin einer, der gerne frei steht, aus verschiedenen Gründen. Es kann auch mal sein, dass ich ganz unromantisch bei einem Kunden auf dem Parkplatz in einem Industriegebiet stehe. Aber diese wilde Freiheit, die gibt es und habe ich auch schon erlebt. Man muss es aber in Maßen machen. Es muss ein respektvoller Umgang mit der Natur, aber auch mit den Menschen sein. Auch in Deutschland kannst du das machen.

Wie das?
Da habe ich sogar die besten Erfahrungen gesammelt: Wenn du irgendwo hinfährst und dich darum kümmerst, wem das Stück Land gehört. Das sind meistens Landwirte. Wenn man mit denen spricht, dass es einem da so gut gefällt und man gern eine Nacht dort stehen würde, keinen Dreck hinterlässt, keine Werbung macht, dass man da einfach stehen kann. Da haben sich teilweise schon richtig gute Freundschaften entwickelt. Manchmal wird man zum Essen eingeladen, erhält das Angebot, die Dusche zu nutzen … da entstehen viele Sachen. Das ist schon irre.

Toll!
Ich glaube aber, dass das manchmal auch so eine romantische Vorstellung ist, die viele haben. Wie es auch auf Instagram oft suggeriert wird. Aber ganz vielen ist das, glaube ich, gar nicht so wichtig, sondern sogar unangenehm. Wenn man nachts Geräusche hört, die man nicht kennt, und Angst bekommt. Oder sie wissen nicht, wo sie jetzt ihr Frischwasser herkriegen. Wenn man allerdings so abenteuerlustig ist, ist es natürlich wahnsinnig schön.

Welche drei Dinge haben sich bei deinen Reisen als unverzichtbar herausgestellt?
Ganz wichtig für mich ist die Stromversorgung. Weil ich im Camper arbeite, bin ich darauf angewiesen. Dann, das klingt jetzt blöd, möchte ich immer eine schöne Brotzeit dabeihaben. Wenn du gerade an einem wunderschönen Platz der Erde bist und dann eine Scheibe Brot isst und genießt, ist das einfach fantastisch. Das Dritte ist schon fast zu kitschig, aber: Immer die Neugier behalten. Das ist jetzt kein Gadget, aber immer Neues zu entdecken, das treibt mich an.

Das klingt gut.
Aber im Endeffekt gibt es so viele verschiedene Formen des Campings, die luxuriöse Variante mit viel Infrastruktur, das „Glamping“ (Glamour + Camping). Der andere mag einfach nur Natur, das ist das Facettenreiche, und am Ende macht es auch die Mischung, auf ganz verschiedene Leute zu treffen. Und dadurch, dass ich für die Arbeit mit dem Camper unterwegs bin, bin ich auch komplett konträr zu vielen anderen Campern. Aber das gefällt mir auch gerade daran. 

 

INFO

Markus Wolf

Er ist Blogger und Gründer des erfolgreichen „Fan4Van“, das zu den größten deutschsprachigen Infoportalen für Camper und Wohnmobil-Nutzer gehört. Angefangen mit einem VW California ist der Business-Camper, Autor und Vater seit über zehn Jahren als erfahrener Camper unterwegs und gibt wertvolle Tipps für den Einstieg und Reise-Alltag mit Camper, Van oder Wohnmobil. Sein aktuelles Buch „How to WoMo“ bietet umfassende Hilfestellung, Checklisten und Kniffe für ein schönes Road-Trip-Leben.

Autor Chiara Kucharski / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Fan4Van

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview April 2022

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