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Arndt Zinkant dreht eine Fragerunde mit Münsters jüngstem Busfahrer Maik Rosemann

TRAUMJOB AUF MÜNSTERS STRASSEN

während er hinten saß, träumte er sich damals schon auf den Fahrersitz und wollte das große Gefährt durch die Straßen steuern. Nun hat Rosemann seinen Traum wahr gemacht und ist mit 18 Jahren der Jüngste unter Münsters Busfahrern. Was er Überraschendes erlebt oder wie man mit renitenten Fahrgästen umgeht, erzählt er im Interview.

Sie sind mit 18 Jahren Münsters jüngster Busfahrer. Wissen Sie, ob Sie es auch deutschlandweit sind? 

Ich gehe davon aus, dass ich es bin. Es gibt einen YouTube-Beitrag über einen anderen 18-jährigen Fahrer. Soweit ich weiß, ist der aber nicht in der Mitte des Jahres geboren, also müsste ich der Jüngste sein. 

 

Ist man dann beim Arbeitgeber und bei den Stadtwerken bekannt wie ein „bunter Hund“?   

Ich bin nicht direkt bei den Stadtwerken angestellt, sondern bei einem Privatunternehmen. Dort wissen natürlich alle, dass ich der jüngste Kollege bin, und bei den Stadtwerken dürften es auch so einige sein. Es erfüllt mich durchaus mit Stolz, mit 18 Jahren schon so eine Verantwortung zu tragen.

 

Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden? 

Ich wollte das als Kind schon machen. Damals bin ich immer mit dem Bus in die Innenstadt gefahren und wollte mich am liebsten vorne auf den Fahrersitz setzen. Ich sah, wie der Busfahrer lenkte und all die Knöpfe bediente, und dachte: „Cool – das will ich auch!“ Momentan befinde ich mich noch im zweiten Lehrjahr – da gibt es natürlich auch ab und zu schlechte Tage, aber das mindert die Begeisterung nicht. Ich liebe es einfach, einen Bus durch die Stadt zu lenken. 

 

Braucht man eigentlich ein besonders gutes Augenmaß? Viele Leute können ja nicht mal ein kleines Auto einparken! 

Man lernt das in der Fahrschule, und wenn ein wirkliches Interesse besteht, dann geht es auch. Im Endeffekt muss man allerdings dafür geboren sein, glaube ich.  

 

In der Ausbildung darf man also bereits Fahrgäste befördern? 

Das ist eine Ausnahmeregelung, die es nur in Deutschland gibt. Wenn man 18 ist, darf man den Bus-Führerschein machen und auch regulär Fahrgäste befördern. Allerdings gibt es noch viele andere Regeln darüber hinaus. Zum Beispiel darf eine Linie von A nach B nicht länger als 50 km sein. Und ich darf, wenn ich noch unter 21 bin, nicht im Ausland fahren. Außerdem sind mir Sonderfahrten wie zum Beispiel Schulausflüge noch nicht erlaubt.

 

Haben Sie eine Stammroute? 

Nein. Wir fahren beinahe jeden Tag eine andere Route und auch zu verschiedenen Uhrzeiten. 

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Ist es denn nicht von Vorteil, wenn ein Fahrer seine Strecke in- und auswendig kennt, mit allen kniffligen Stellen? 

Im Schulverkehr gibt es solche „Gewohnheitsfahrer“ durchaus. Und bei manchen Busunternehmen ist es so, dass einem im Stadtverkehr für eine Woche eine bestimmte Route zugewiesen wird. Bei uns ist das anders, und das finde ich auch gut so. Denn durch die ständige Abwechslung bei der Strecke kommt keine Routine hinein. Jeder weiß: Routine ist auch gefährlich, weil dann die Konzentration nachlässt, was im Stadtverkehr keinesfalls sein darf. Die Fahrgäste vertrauen darauf, dass sie sicher ans Ziel gebracht werden. 

 

Sicherlich gibt es beliebte und weniger beliebte Routen, oder? 

Bei manchen, die durch die einschlägigen Brennpunkte führen, kann es zu Stress mit den Fahrgästen kommen. Diese Routen sind allerdings ebenso schön. Jede Linie hat ihre attraktiven Ecken. 

 

Renitente Fahrgäste sind natürlich ein Thema. Haben Sie schon mal einen rausgeworfen? 

Einmal war ich kurz davor. (lacht) Aber in den gut vier Monaten, die ich jetzt durch Münster fahre, ist zum Glück noch nichts Ernstes passiert. 

 

Vor vielen Jahren habe ich mal erlebt, wie ein ruhiger, aber strenger Fahrer einen Gast regelrecht abgeführt hat. Das war ein ungepflegter Mann mit einer Bierflasche. Kommt so etwas heute noch vor? 

Ich glaube, nicht. Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen Dosengetränken und Flaschen. Dosen sind absolut tabu, denn wenn mal eine stärkere Bremsung nötig ist, drücken viele instinktiv die Dose mit der Hand zusammen, und das Getränk spritzt heraus. Flaschen werden dagegen eher toleriert, wenn auch offene Getränke offiziell nicht erlaubt sind. 

 

Gibt es in der Ausbildung eine entsprechende Konfliktschulung? 

Durchaus, aber im Endeffekt eignet man sich das alleine an. Alle fünf Jahre muss unser Führerschein erneuert werden, aber diese pädagogische Seite unseres Berufes hat damit nichts zu tun. Man muss einfach ruhig mit den Leuten reden und sie so behandeln, wie man selbst behandelt werden will. Wird genau erklärt, was sie falsch gemacht haben, zeigen die Störer durchaus Einsicht. Durch die drei Jahre, die ich bislang beim Kinder- und Jugendzentrum CVJM gearbeitet habe, konnte ich einige pädagogische Erfahrungen sammeln, die mir jetzt von Nutzen sind. 

 

Haben Sie im Fahrer-Job schon positive Überraschungen erlebt? 

Mich hat positiv überrascht, dass es tatsächlich noch Fahrgäste gibt, die den Mund aufmachen und sich im Notfall für den Fahrer einsetzen. Ich muss gestehen, dass ich jemand bin, der Stress lieber aus dem Weg geht. Aber man muss eben doch lernen zu sagen: „Ich bin hier im Bus der Chef, und was ich sage, gilt.“ Dass sich teilweise dann Fahrgäste für einen einsetzen, finde ich schon toll. 

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Stichwort Tempo. Es gibt bestimmt Kollegen, deren Fahrstil den älteren Fahrgästen zu rasant ist. Lässt man das durchgehen? 

Ich selber habe einen sehr ruhigen Fahrstil, aber es gibt Kollegen, die schneller beschleunigen und härter abbremsen – und dann besteht die Gefahr, dass ältere Leute vielleicht stürzen. Deshalb gibt es ja auch Fahrer, die immer warten, bis sich alle Fahrgäste hingesetzt haben. Die bedanken sich dann auch teils, dass man an sie gedacht hat. Aber manche anderen Fahrer setzen sich sofort in Bewegung, sobald die Tür geschlossen ist. Grundsätzlich ist unsere Geschwindigkeit den Bedürfnissen der Fahrgäste anzupassen. Das hat oberste Priorität. 

 

Wenn man öfter dieselbe Route fährt, gibt es dann auch Fahrgäste, die einen wiedererkennen und ein paar Worte wechseln wollen? 

Ja, das ist mir schon passiert, nachdem ich in einer Woche dreimal dieselbe Route gefahren war. Vor allem ältere Leute sprechen mich durchaus an, sagen zum Beispiel: „Oh, Sie sind aber jung!“ Ein netter Smalltalk sollte eben auch mal sein. (lacht)  

 

Sind Sie privat eher Autofreund oder ganz Münster-typisch mit der Leeze unterwegs? 

Ich fahre mit dem Auto zur Arbeit – von Münster nach Altenberge. Privat fehlt mir derzeit die Ruhe, um überhaupt irgendwohin zu fahren. Momentan besitze ich nicht einmal ein Fahrrad. Das Auto kann ich nicht grundsätzlich vermeiden, aber ich gehe auch viel zu Fuß – und nehme natürlich auch den Bus als Fahrgast! Das ist momentan außer dem Rad die umweltfreundlichste Variante. 

 

Nun steht ja gerade das Neun-Euro-Ticket in den Startlöchern. Ist davon bei Ihnen schon etwas zu merken? 

Das Ticket gilt erst ab Juni, und bislang hat bei mir noch keiner eins gekauft. Der Verkaufsstart war am vergangenen Montag. Es ist also noch zu früh, darüber etwas zu sagen. 

 

Was sind die schönsten Momente im Berufsalltag?  

Wenn ich zum Beispiel alte Bekannte treffe, die mich dann begrüßen: „Mensch, du bist ja tatsächlich Busfahrer geworden!“ Das finde ich toll – und die alten Kumpels von früher ebenfalls, denn so mancher hatte nicht gedacht, dass ich meinen Plan wirklich durchziehe. (lacht) Einigen Brennpunkten zum Trotz ist Münster eben doch eine schöne Stadt. Wenn man am Aasee entlang oder über den Prinzipalmarkt fährt, sieht man viele gut gelaunte Menschen, und das hebt dann auch die eigene Laune. Durch Münster zu fahren, macht einfach Spaß. 

 

Natürlich muss man die vorgeschriebenen Ruhepausen einhalten. Ich habe mal gesehen, wie einer Ihrer Kollegen dann ein Buch rausgeholt hat und anfing, ein bisschen zu schmökern. Wie verbringen Sie Ihre Pause? 

Die nutze ich, um mich zu bewegen. Dann gehe ich durch den Bus und kontrolliere, ob jemand etwas vergessen hat oder vielleicht sogar eine Beschädigung vorliegt. Wenn das Wetter gut ist, bewege ich mich kurz an der frischen Luft, checke die Handy-Nachrichten oder esse eine Kleinigkeit. Einfach kurz loslassen und sich regenerieren. 

 

Wenn die Ausbildungszeit vorbei ist, haben Sie dann Ihren Arbeitsplatz schon sicher? 

Da Busfahrer grundsätzlich gesucht werden und ich noch keinerlei Stress mit meinem Chef hatte, gehe ich davon aus, übernommen zu werden. Und falls nicht: Als Berufskraftfahrer findest du heute eigentlich überall einen Job. 

 

Letzte Frage: Kennen Sie eigentlich Münsters ältesten Busfahrer – und glauben Sie, dass Sie das eines Tages selber sein werden? 

Den ältesten unter den Kollegen kenne ich persönlich nicht, aber ich bin ihm bestimmt schon begegnet. Ob ich irgendwann der Älteste sein werde? Warum nicht – wenn’s die Gesundheit mitmacht! 

INFO

Maik Rosemann

Zurzeit ist Maik Rosemann im zweiten Lehrjahr und darf bereits ganz regulär seinen Bus durch den Stadtverkehr lenken – lange Strecken, Auslandsfahrten oder Schulausflüge allerdings noch nicht. Angestellt ist Maik Rosemann nicht direkt bei den Stadtwerken, sondern bei einem der Busunternehmen, die in deren Auftrag arbeiten. Die drei Jahre, die er beim Kinder- und Jugendzentrum CVJM gearbeitet hat, waren ihm beim Umgang mit störrischen Fahrgästen durchaus nützlich, sagt er.

Autor Arndt Zinkant / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Maik Rosemann

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview Juli 2022

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