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David Olef befragt Ludger Schwegmann zu 38 Jahren Arbeit im Franziskus Hospital

BEZIEHUNGSARBEIT

Die Aussage „Der hat schon viel gesehen“ trifft auf kaum jemanden so zu wie auf Ludger Schwegmann. Seit 38 Jahren ist er Teil des Franziskus Hospitals in Münster und hat in dieser Zeit einen Aufstieg vom Zivildienstleistenden bis hin zum Bereichsleiter der Intensivpflege hingelegt. Dabei hat sich sein Arbeitsalltag so stark verändert wie die Medizin selber auch. Doch ob im Büro oder bei der direkten Arbeit mit den Patienten: Das Wichtigste bleibt für Ludger der Dialog und die Beziehungen zu seinen Mitmenschen.

Wie sehen denn diese besseren Tage aus?

Natürlich zuerst einmal, wenn wir alle Patienten gut versorgt bekommen und genug Zeit da ist. Außerdem sind Momente, wo wir selber etwas verbessern können, sehr schön. Das ist auch ein Grund, warum ich so lange hier bin, weil wir immer auch eigene Initiativen einbringen konnten. Eigentlich hatte ich damals vor, nur zwei Jahre zu bleiben.

 

Das hat nicht geklappt.

Hier habe ich von Anfang an erlebt, dass ich mitentwickeln und selber gestalten konnte. Auch räumlich und organisatorisch habe ich mich hier immer wohlgefühlt, sodass ich keinen Wunsch hatte, in ein anderes Haus zu wechseln.

 

Wie kamst du denn grundsätzlich zur Pflege?

Ich bin in einem christlichen Haushalt groß geworden und sozialisiert worden. Außerdem habe ich mich immer viel im Jugendzentrum engagiert. Deshalb war schnell klar für mich, dass es ein sozialer Job wird. Dann stand ich vor der Entscheidung Sozialarbeit oder Pflege und habe mich für Letzteres entschieden.

 

Die Ausbildung hast du aber noch nicht im Franziskus Hospital absolviert?

Nein, die war in Hiltrup. Danach musste ich allerdings noch meinen Zivildienst leisten, was nicht im Ausbildungskrankenhaus möglich war. Darum habe ich mich hier beim Personalchef gemeldet, obwohl eigentlich alle Zivildienststellen besetzt waren. Ich habe jedoch eingeworfen, dass ich auch ausgebildeter Krankenpfleger bin. Da ist er nochmal in sich gegangen und es funktionierte doch (lacht). Ein ausgebildeter Krankenpfleger als Zivildienstleistender ist natürlich ein ökonomischer Gewinn.

 

Vom Zivildienstleistenden zum Bereichsleiter der Intensivpflege. Das nenne ich mal eine steile Karriere.

Das ging dann Stück für Stück weiter und hat sich durch Weiterbildungen und Erfahrung so entwickelt. Irgendwann habe ich die Fachweiterbildung „Intensivpflege“ gemacht und bin später in die Stationsleitung eingestiegen. Vor ein paar Jahren hatte ich übrigens noch einen Kollegen hier, der hat es vom Zivildienstleistenden zum Chefarzt gepackt. Auch solche Geschichten sind möglich.

 

Das Krankenhaus sah 1984 sicherlich noch anders aus als jetzt, nehme ich an?

Als ich hier eingestiegen bin, wurde die Stationsleitung noch von zwei Ordensschwestern übernommen; das ist heute natürlich nicht mehr vorstellbar. Außerdem war alles eine ganze Ecke langsamer, zum Beispiel lagen die Patienten deutlich länger im Krankenhaus. Damals gab es noch ein anderes Abrechnungssystem, sodass nur der Chefarzt entschieden hat, wer nach Hause durfte. 

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Heute bist du Bereichsleiter der Intensivpflege. Seit wann hast du die Position inne?

Das Ganze hat vor drei Jahren einen anderen Namen bekommen, aber die Rolle habe ich seit 16 Jahren inne. Davor war ich die Abteilungsleitung für die beiden Intensivstationen.

 

Jetzt hast du Verantwortung über wie viele Mitarbeiter und Patienten?

Ich betreue die Dialyse auch noch, sodass es insgesamt etwa 150 Mitarbeiter sind. Davon natürlich viele in Teilzeit. In der Intensivpflege sind es 29 Plätze, die wir momentan, wie alle anderen auch, nicht vollständig betreuen können.

 

Belastet einen eine solche Verantwortung teilweise auch?

Mich persönlich nicht wirklich. Natürlich gibt es schwierige Situationen und Gespräche, aber man wächst ja langsam in diese Rolle durch Routinen und Weiterbildungen hinein. Wenn es einen zu sehr belastet, macht man den Job auch einfach nicht so lange.

 

In der Zeit bist du nicht nur in die Rolle hineingewachsen, sondern auch der Krankenhausalltag hat sich komplett verändert.

Der technische Fortschritt verlief natürlich rasant. Als ich angefangen habe, haben wir noch alles auf Papier geschrieben: jedes Dokument, jeden Bericht. Die Umstellung hat uns aber auch vorangebracht. Alleine wenn ich an die Patientenkurven denke, die wir hatten, die je nach der Schrift des Arztes nicht lesbar waren oder unterschiedlich interpretiert werden konnten (lacht). Oder die Tatsache, dass wir von 13 Betten früher nur an zweien die Möglichkeit hatten, einen arteriellen Zugang zu versorgen. Jetzt ist sowas selbstverständlich an jedem Platz möglich.

 

Wie sieht dein persönlicher Arbeitsalltag heute aus?

Es ist einmal sehr viel Bürojob und Verwaltung, aber daneben auch viele Gespräche mit Fachleitungen und einzelnen Mitarbeitern. Meistens darf ich bei den Schwierigen dabei sein, aber es gibt auch immer wieder schöne Gespräche mit Freude darin. 

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Fehlt dir die Arbeit mit den Patienten?

Doch, an manchen Tagen schon. Einer der wichtigsten und schönsten Aspekte in meinem Beruf bleibt aber die Beziehungsarbeit. Früher fand das natürlich hauptsächlich mit Patienten und Angehörigen statt, mittlerweile eher mit dem eigenen Team. Am Bett bin ich trotzdem so gut wie gar nicht mehr. Es gibt sogar schon Kolleginnen, die trauen sich nicht mal mehr zu fragen (lacht).

 

Der Beruf verändert sich ständig.

Ja, genau. Wenn ich ewig kein Beatmungsgerät mehr angefasst habe, lasse ich das lieber. Vor Ort bin ich aber trotzdem natürlich. Das ist mir auch extrem wichtig, um die Situation und Dynamik besser einschätzen zu können. Wir trennen übrigens nicht zwischen Therapie und Überwachung, was ich ganz wichtig finde für Pflegekräfte. 

 

Also Therapie bedeutet die akute Behandlung?

Genau, es gibt auch viele Settings, wo die Menschen nach der schlimmsten Phase direkt verlegt werden. Ich halte das auf Dauer für sehr frustrierend. Für die Pflegekräfte bleiben dann nur der hohe Aufwand und die schlimmsten Situationen. Dadurch, dass die Überwachung Teil unserer Station ist, sehen wir auch hin und wieder Menschen am Gehstock über den Flur laufen. Diese Erfolgserlebnisse sind ganz wichtig.

 

Du bekommst auf der Intensivstation natürlich trotzdem schreckliche Fälle und Situationen mit. Kannst du danach abschalten?

Grundsätzlich schon. Das ist natürlich auch etwas, das du im Beruf lernst. Wenn du alles mit nach Hause nimmst, kannst du den Job einfach nicht machen. Anders war die Situation unter Covid. 

 

Kannst du uns einen kleinen Einblick in die letzten zwei Jahre geben?

Covid kannte keiner. Deshalb wussten wir nicht, was auf uns zukommt und wurden umso härter von der Realität getroffen. Ich habe in meiner Laufbahn viele schwerkranke Menschen gesehen, aber so krank wie die Menschen mit Covid noch nie. Zum Beispiel konnte man kaum die Einstellung der Beatmungsgeräte verändern, ohne extrem vorsichtig zu sein. Das war schon ein harter Lernprozess. 

 

War die Situation im Franziskus auch so dramatisch wie in Teilen des Landes?

Ja, wir sind an unsere Grenze und darüber hinaus gegangen, weil es nicht anders möglich war. Immer wieder im Herbst ging es los, dass die Situation sehr angespannt wurde.

 

Bundesweit war immer wieder zu lesen, dass aufgrund der Situation viele Pflegekräfte gekündigt haben. War das auch im Franziskus ein Phänomen?

Nein, wir sind als Team weitestgehend zusammengeblieben. Darüber hinaus haben wir viele Mitarbeiter, die bereits hier waren, aber für andere Aufgaben im Haus gewechselt sind, zurückgeholt. Auch aus anderen Bereichen konnten uns Mitarbeiter unterstützen; das hat wirklich gut funktioniert. 

 

Das ganze Krankenhaus hat zusammengehalten.

Ja, zumindest aus vielen Bereichen. Das nehme ich auch aus dieser schrecklichen Zeit mit: Solche Aufgaben sind nur als gutes Team zu bewältigen.

 

Waren die letzten zwei Jahre die krassesten deines Berufslebens?

Bis zu dem Zeitpunkt dachte ich, ich hätte im Beruf schon so ziemlich alles gesehen. Was während Corona passiert ist, konnte ich mir allerdings bis dahin nicht vorstellen. Wir haben aber immer kreative Wege gefunden, die Patienten zu unterstützen. Zum Beispiel haben wir in der Anfangszeit, wo alle Infizierten komplett isoliert wurden, ein Tagebuch für die Patienten geführt. 

 

Weil nach der Genesung keine Erinnerung mehr da ist?

Genau, da ist nichts mehr. Die Angehörigen erzählen einem ein bisschen, aber die Wochen oder teilweise Monate sind weg. Zuerst wollten viele das Tagebuch aber gar nicht lesen.

 

Das wäre, glaube ich, auch mein erster Impuls.

Einer Patientin ging es ähnlich und die hat das Tagebuch später ständig gelesen. Ab einem Punkt gibt es oft den Wunsch, sich auch mit so einer schlimmen Zeit auseinanderzusetzen. Zum Beispiel „Wann habe ich das erste Mal wieder auf der Bettkante gesessen?“ und so weiter. Ein anderes Beispiel war, dass wir ein Foto von uns auf die Dienstkleidung geklebt haben, damit die Patienten wussten, wer da eigentlich vor ihnen steht. 

 

Wie ist die aktuelle Situation?

Noch ist es verhältnismäßig entspannt. Momentan haben wir eher die Situation, dass Menschen aus verschiedenen Gründen schwerkrank zu uns kommen und „auch“ Covid haben. In dem Fall ist Corona dann nicht der Auslöser, sondern es wird zufällig entdeckt. Hilfreich ist das für die Patienten natürlich trotzdem nicht.

 

In den letzten zweieinhalb Jahren stand die Pflege natürlich auch so sehr im Fokus wie noch nie. Es gab unzählige Talkshows und viele Versprechen der Politik. Spürst du schon erste Verbesserungen?

Noch nicht wirklich. Ich glaube, man hat das Thema einfach zu lange beobachtet und nichts gemacht. Dass wir einen Pflegemangel haben, ist schon lange bekannt, der hat sich nur jetzt verschärft. Ein anderes Thema ist die „Wertschätzung“.

 

Auch ein geflügeltes Wort heutzutage.

Natürlich bekommen wir auch Anerkennung und Wertschätzung; die Welt ist nicht nur schlecht. Zum Beispiel, wenn die Geschäftsführung ein paar Betten reduziert, damit wir unsere Arbeit vernünftig machen können. Mich stört einfach nur die inflationäre Verwendung des Wortes „Wertschätzung“ ohne zu wissen, was man meint. Ein Beispiel wäre das Klatschen auf dem Balkon zu Beginn von Corona. Da war uns allen sehr schnell klar, dass das genauso schnell wieder weg ist.

 

Wie hoffst du wird der Pflegebereich in zehn Jahren aussehen?

Also ich glaube, im Franziskus gibt es Probleme und Schwierigkeiten, aber es gibt in Deutschland noch wesentlich schlimmere Fälle. Ich würde mir vor allem sehr wünschen, dass die Pflege eine Stimme gewinnt und man qualifiziert mit der Politik sprechen kann. Entscheidend ist, am Ende des Tages das Gefühl zu haben, dem Patienten mit allen Möglichkeiten geholfen zu haben. Das ist aktuell leider oft nicht der Fall.

 

Und als positiven Abschluss: Gab es einen schönsten Moment in deiner Zeit am Franziskus?

Wenn ein Patient nochmal zurückkommt und normal gekleidet ohne weißes Flügelhemd vor einem steht. Das sind richtig gute Momente.

 

Vielen Dank für dieses schöne Gespräch!

INFO

Ludger Schwegmann

Er ist seit 1984 Teil des Franziskus Hospitals in Münster und Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie. 1996 übernahm er die Stationsleitung und ab 2006 die Abteilungsleitung über beide Intensivstationen. Seit dem Jahr 2019 ist er offiziell Bereichsleiter der Intensivpflege. 

Autor David Olef / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Armin Zedler

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview November 2022

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