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Tim Schaepers fragt Jonas Heeke, wie man sich am besten selber etwas gönnt

HAUSHERR DER HEIMAT

Ob Dienstleistungen, Getränke, Kleidung oder eine Bank mit einem Skateboard als Sitzfläche – dieser Mann kennt sich aus. Mit der Zeit wurde aus einem jungen Start-up-Unternehmer ein erfahrener Hase in Münsters Geschäftswelt. Immer an seiner Seite: sein Bruder und seine besten Freunde. Das neueste Projekt ist ein Geschäft voll bunter, aber auch traditioneller Produkte aus dem Münsterland. Natürlich regional und natürlich nachhaltig – so wie alles, was Jonas Heeke in der Vergangenheit realisiert hat.

Wie spricht man „Homebeis“ aus? Wie das englische Wort „homebase“ oder bezieht sich „Beis“ auf den Masematte-Begriff für Haus?

Genau das. Der Begriff „Beis“ bedeutet Haus oder Heim, ebenso wie „Home“. Frei übersetzt bedeutet es so viel wie Heimathaus oder Haus der Heimat. Unsere Idee war, dass wir eine Heimat beziehungsweise ein Haus bieten für die Produkte regionaler Marken. Wir sind natürlich nicht gegen die Welt oder andere Produkte. Es ist in unseren Augen sinnvoll, zu schauen, welche regionale Alternativen es gibt. Der Gedanke „Think global act local“ fasst unser Konzept gut zusammen.

 

Da passt das Lokalkolorit natürlich auch wunderbar rein.

Genau. Und die, die mit dem Masematte-Begriff nichts anfangen können, lesen zunächst „homebase“. Dieser Ausdruck kann auch treffender nicht sein.

 

Eindeutig doppeldeutig, wenn man so will. Da bist du als Chef draufgekommen?

Nein. Ich bin eingesetzter Geschäftsführer. Das Homebeis ist eine Kooperation. 50 Prozent von Liba und 50 Prozent von „Das Dackel“, sprich von David Deilmann. Der Kontakt entstand durch das gemeinsame Radler, welches wir auf den Markt gebracht haben. Wir kennen uns zwar schon länger, aber dadurch kamen wir geschäftlich zusammen. Vor ziemlich genau einem Jahr kam er auf uns zu und sagte, er habe ein leer stehendes Gebäude. Nach gemeinsamem Brainstorming entstand dann die Idee zu dem Laden.

 

Du hast Liba angesprochen. Mit der heimischen Getränkemarke bist du schon länger in der Münsteraner Start-up-Szene unterwegs, richtig?

Das stimmt. Ich habe ursprünglich BWL in Münster studiert, nachdem ich auf dem altehrwürdigen Paulinum war. Während des Studiums habe ich mit meinem Bruder Benni und zwei Freunden im Jahr 2008 Liquid Spot gegründet – eine mobile Cocktail-Bar. Das lief bis 2014 sehr erfolgreich. Allerdings befand ich mich in einer Lernphase und konnte Aufgaben nicht gut delegieren. Enormer Stress und Gewichtsabnahme waren die Folgen. Wir haben das Geschäft daraufhin verkauft, parallel haben Benni und Jonny Liba gegründet.

 

Und du hast dir erst mal eine Auszeit genommen?

Kann man so sagen. Wobei ich von Anfang an mit im Boot war, wenn auch nur mit einem kleineren Anteil. Ich habe im Backoffice alles gemacht, was mit Zahlen zu tun hatte. Heute haben wir fünf mit Mani und Kristof die gleichen Anteile.

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Seid ihr fünf Brüder? Hört sich so an.

Nein. Nur Benni und ich sind Brüder. Wobei wir im Geiste alle fünf Brüder sind.

 

Zurück zu Homebeis. Regionale und nachhaltige Produkte zu verkaufen ist in Münster nichts Neues. Was ist das Besondere an diesem Geschäft?

Das Besondere ist, dass wir alles in einem Laden haben. Und das ist der Unterschied zu vielen anderen Verkaufsstätten – was nicht despektierlich gemeint ist. Alles hat seine Berechtigung. Aber in einen Souvenir-Shop zum Beispiel geht nicht die Münsteranerin oder der Münsteraner rein und kauft für sich ein. Wir haben eine große Auswahl an hochwertigen Getränken und Accessoires, aber auch im Papeterie- und Drogeriebereich. Und mittlerweile kommen immer mehr Marken aus Münster und Umgebung auf uns zu, weil sie ihre Waren in unseren Regalen stehen haben wollen.

 

Zum Beispiel?

Julius Dittmann kam auf uns zu und wir werden demnächst Ware von Titus bei uns im Laden haben. Das wird das erste Mal sein, dass man Ware von Titus außerhalb seiner eigenen Geschäftsräume kaufen kann.

 

Wenn ich jetzt anfangen würde, etwas zu produzieren, könnte ich dann einfach auf euch zukommen und fragen, ob ihr meine Produkte verkauft?

Ja. Unser Kriterium ist: Die Marke muss im Münsterland registriert sein. Außerdem geht es uns in erster Linie um die Menschen hinter der Marke. Man lernt sich kennen und baut ein Netzwerk auf. Arbeitet zusammen an Ideen und verfolgt eine gemeinsame Ideologie.

 

Hinter allem steht das Motiv der Nachhaltigkeit, was den Menschen zum Glück immer wichtiger wird. Ist es dir eine Herzensangelegenheit, nachhaltige Produkte größer und populärer zu machen?

Definitiv. Ich denke, wir müssen den kleinen Marken eine Chance auf dem Markt geben. Man kann besser erkennen, ob etwas nachhaltig produziert wurde, wenn man die Möglichkeit hat, die Menschen dahinter zu sehen. Es braucht Vertrauen als Basis für umweltbewussten Konsum.

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Wie kommt der Laden bei den Leuten an?

Unglaublich gut. Die Leute kommen rein und sagen: „Boah geil, hier finde ich ja alles an einem Ort!“ Es ist mir jedoch wichtig, dass wir nicht nur als Geschenkeladen wahrgenommen werden. Gönn dir selber mal was. Anstatt die günstigen Chips im Laden zu besorgen, wenn man einen Doppelkopf-Abend macht, lieber mal bei uns vorbeischauen und die guten Nüsse kaufen. Den Abend somit zu etwas Besonderem machen.

 

Seit wann gibt es Homebeis hier an der Aegidiistraße?

September letzten Jahres haben wir eröffnet. Die Idee zu dem Laden ist jedoch etwas älter.

 

Während der Pandemie einen Laden zu eröffnen, war doch sicherlich nicht frei von Risiken, oder?

Ja natürlich. Wir haben abgewogen: Machen wir das oder lassen wir das besser? Wir hatten natürlich Zweifel, ob das Geschäft in so einer Zeit anlaufen wird. Das Weihnachtsgeschäft lief super, ohne zu wissen, wie das Weihnachtsgeschäft ohne Corona laufen würde. Wenn alles wieder normal ist, denke ich, haben wir eine gute Chance, dauerhaft zu überleben.

 

Wie viele Angestellte habt ihr?

Malina und Neda sind festangestellte Storemanagerinnen in Kooperation. Lisa macht die Social-Media-Kanäle auf 450-Euro-Basis und meine Mutter ist Aushilfe.

 

Welches Produkt in euren Regalen ist deiner Meinung nach besonders exquisit oder ungewöhnlich?

Ungewöhnlich? Bestimmt die Skateboardbank. Die zieht viele Leute in den Laden. Aber das Herz ist das Spirituosenregal, was unglaublich geil ist und sehr spezielle Tropfen zu bieten hat.

 

Hast du in deiner Vita auch mit Misserfolgen umgehen müssen? Ich weiß, dass du bei der sogenannten „Fuck-up-Night“ gesprochen hast. Worum ging es an dem Abend und was hast du den Besuchern erzählt?

Ich wurde von dem Veranstalter gefragt, ob ich nicht Lust hätte, über meine Erfahrungen mit Liquid Spot zu reden. Es war in dem Sinne kein Fuck-up, weil ich den Laden mit Gewinn verkauft habe und wir davon Liba aufgebaut haben. Es ging eher um mein persönliches Scheitern mit mir selbst. Wirtschaftlich standen wir sehr gut da, aber ich hätte das besser managen können.

 

Chefsein muss man also erst lernen?

Richtig. Und das habe ich auf der Veranstaltung dem Publikum erzählt. Die Idee hinter Liquid Spot haben wir dann anschließend gastronomisch mit der Bar Zwanzig20 an der Hammer Straße umgesetzt. Die haben wir 2016 eröffnet und hatten nur einen Pachtvertrag bis 2020, deshalb heißt der Laden so. Der Eigentümer kam dann mit der Bitte auf uns zu, mit uns persönlich zu verlängern. Wir haben also auf die Gelder der großen Brauereien verzichtet und unser eigenes Konzept realisiert – ausschließlich mit bekannten Getränkeherstellern aus der Region. Jetzt ist es wahrscheinlich die regionalste Kneipe der Welt.

 

Die Unternehmen, in die du involviert bist, scheinen alle gut zu laufen. Welchen Tipp hast du für angehende Jungunternehmer?

Machen! Unbedingt machen. Es gibt ohnehin nicht viel zu verlieren. Man muss vielleicht auch eine gewisse Egalitätseinstellung haben. (lacht) Immerhin leben wir in Deutschland und man fällt sehr weich im Falle eines Misserfolges. Das müsste jungen Menschen viel mehr vermittelt werden. Denn wer etwas tut, worin sein Herzblut steckt, blüht auf. Deswegen ist es schade, wenn Menschen sich nicht trauen.

 

Ich denke, die meisten schätzen die Sicherheit, die sie haben.

Was ist schon sicher im Leben? Gerade die Zeit im Moment. Es passieren so viele Dinge, da fragt man sich doch, was heute überhaupt noch sicher ist? Klar sollte man an seine Rente denken und so, aber wenn man sein eigenes Ding aufzieht, dann kann das deine Rente bedeuten.

 

Ist Münster gut geeignet, um neue Ideen und Geschäfte auf den Markt zu bringen?

Auf jeden Fall! Wir haben mit dem Venture Club, Digital Hub, REACH und anderen Vereinen und Initiativen eine Menge Einrichtungen, die Start-ups ohne Ende fördern. Dazu gibt es Wettbewerbe, die Start-ups fördern, und es gibt uns. Damit meine ich die etwas größeren Marken wie Liba, aber auch viele andere, die unglaublich viel Support geben. Oder eben das Homebeis, wo jeder eine Chance bekommt, sein Produkt am Markt zu testen. Im Gegensatz zu Berlin zum Beispiel, wo eine riesige Konkurrenz herrscht, ist es in Münster eher ein riesiges Miteinander.

 

Ich merke, du sprühst vor Unternehmergeist. Was kommt als Nächstes?

(Lacht) Das kann ich noch nicht sagen. Dieses Jahr wird noch eine Sache kommen. Und wir haben noch ein ganz großes Projekt, aber das wird erst machbar, wenn wir genügend Geld dafür haben.

 

Da bin ich sehr gespannt. Vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke in Münsters Krämergilde.

Sehr gerne.

 

INFO

Jonas Heeke

Er ist 1982 in Herdecke geboren und zog mit seiner Familie als Viertklässler von Rheine nach Münster. Noch während des BWL-Studiums startete er mit seinem ersten Start-up-Unternehmen durch. Nach Liquid Spot, einem Bekleidungsgeschäft, Liba und dem Zwanzig20 ist das Homebeis an der Aegidiistraße das neueste Projekt des umtriebigen Krämers.

Autor Tim Schaepers / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Pressefotos

Erstmalig erschien dieser Text in Stadtgeflüster Interview April 2022

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