
Peter Sauer spricht mit Vivien Verley über ADHS, Magie, Therapie und Teegenuss
WENN TEE EINE GANZ BESONDERE MAGIE ENTHÄLT
Mit allen Sinnen erlebt Vivien Verley die Welt als Buchautorin. Die 27-jährige Münsteranerin begeistert Publikum und Fachkritik mit ihrem Young-Adult-Roman „Thea Magica“. Der erste Teil „Das Geheimnis von Port Mint“ ist im September bei Ravensburger erschienen, richtet sich an Leser ab zehn Jahren, macht aber auch Erwachsenen Freude. Unser Mitarbeiter Peter Sauer unterhielt sich mit Vivien Verley zwischen Frankfurter Buchmesse und den Vorbereitungen auf Band 2.
Wie war es auf der Frankfurter Buchmesse?
Oh, mein Gott, ja, die Messe war einfach der Wahnsinn! Ich war bestimmt schon zehnmal da, aber bisher immer nur als Besucherin.
Was war dieses Mal das Besondere?
Ich hatte eine eigene Lesung am Ravensburger-Stand, mitten in der Halle, eine ganze Stunde. Wow. Ich war super nervös und habe mich gefragt, ob ich überhaupt noch weiß, wie man laut liest. Vor allem, wenn ich das Hörbuch höre und denke: Sprecherin Chantal Busse macht das so perfekt und ich lese einfach so, wie ich’s fühle. Insgesamt war die Messe einfach verrückt.
Verrückt?
Ich habe so viele begeisterte Leser*innen getroffen, durfte Bücher signieren und hatte großartige Termine, bei denen auch einiges für die Zukunft angestoßen wurde.
Was lieben Sie an der Buchmesse?
Man trifft all die Menschen, die man sonst nur von Social Media kennt. Früher hieß es immer: „Triff keine Leute aus dem Internet“ – aber ganz ehrlich, einige meiner liebsten Menschen habe ich genau da kennengelernt. Sie wieder live zu sehen, war besonders.
„Thea Magica“ richtet sich an Mädchen ab zehn Jahren. Wie waren Sie mit zehn?
Mit zehn war ich eine ziemliche Chaotin. Ich habe erst vor Kurzem meine ADHS-Diagnose bekommen. Rückblickend macht das aber alles Sinn. Ich fand damals, dass Hausaufgaben sinnlos sind und habe sie einfach nicht gemacht, was nicht so gut ankam. Freundschaften mit Gleichaltrigen waren schwierig. Ich habe viel fantasiert.
Inwiefern?
Ich habe mit Puppen Geschichten gespielt und stundenlang mit meinen imaginären Freunden geredet. Lesen und Schreiben habe ich damals gehasst. Ich konnte nicht stillsitzen und mich konzentrieren. Hörbücher dagegen waren perfekt, weil ich dabei gleichzeitig basteln, malen oder bauen konnte. Ich habe die Welt immer ein bisschen anders wahrgenommen. Ich glaube, das merkt man meinen Geschichten bis heute an.
Ja, das ist eine Stärke. Wann ging das mit dem Buchschreiben los?
Als ich 13 war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Das war definitiv gut so, aber die Zeit davor war sehr schwierig. Zu Hause ist einiges eskaliert. Mir ging’s echt nicht gut. In der Schule wurde das Mobbing stärker, ich konnte kaum schlafen, war ziemlich durch den Wind. Ich war in Therapie. Das hat mir damals aber noch nicht geholfen.
Warum?
Ich hab mich einfach nicht verstanden gefühlt. Und dann, mit 14, kam diese Nacht, in der ich wieder mal nicht schlafen konnte. Ich hab einer Freundin geschrieben: „Ich glaube, ich fang jetzt ein Buch an.“

Ich habe mit Puppen Geschichten gespielt
Was passierte dann?
Ich habe mir ein Notizbuch und einen Stift geschnappt und einfach angefangen. Zwei Wochen später hatte ich zweieinhalb Notizbücher voll. Dann habe ich nicht mehr aufgehört zu schreiben. So schlimm die Zeit damals war – das Schreiben war wie eine Selbsttherapie für mich.
Warum?
Ich konnte alles rauslassen, was ich nicht sagen konnte. Die medizinische Therapie brach ich ab, weil sie sich nicht richtig anfühlte. Heute bin ich wieder in Therapie – aber damals hat mir das Schreiben wirklich das Gefühl gegeben, endlich gehört zu werden. Es ist verrückt, weil ich vorher Lesen und Schreiben gar nicht mochte.
Warum macht Ihnen Schreiben mittlerweile so viel Spaß?
Ich erlebe Dinge, die für mich im echten Leben niemals möglich wären: Magie, geheime Orte, ferne Länder, fremde Welten, magische Wesen. Für mich ist das Schreiben ein Abenteuer, das in meinem Kopf beginnt. Weil mein Kopf nie damit aufhört, mir Geschichten zu erzählen, muss ich sie aufschreiben. Früher waren diese Geschichten mein Versteck, heute sind sie mein Wohlfühlort, meine Art, Dinge zu verarbeiten und neue Perspektiven zu entdecken. Ich tauche immer in sie ab, wenn mein Kopf Zeit hat.
Wann hat er Zeit?
Bei Langeweile, beim Spazierengehen, beim Abwasch. Es passiert einfach. Ich liebe es, so neue Perspektiven zu entdecken. Ich habe ständig eine Tasse neben mir stehen und mich irgendwann gefragt: Was wäre, wenn Tee eine besondere Magie enthalten würde? Welche Magie schlummert in mir oder in meinem Freundeskreis? Diese Geschichten sind oft Fantasie. Aber irgendwie auch meine Wahrheit.
Spannend. Inwiefern?
Ich verarbeite Dinge, denke über Menschen nach, über das Leben. Ohne den Zeigefinger zu heben. Manchmal traue ich mich nicht, über bestimmte Themen zu reden. Aber wenn ich sie aufschreibe, kann ich sie greifen, irgendwann auch aussprechen. Schreiben hilft mir, mich selbst besser zu verstehen und andere vielleicht auch.
Mit großem Erfolg. Gleich mehrere Verlage interessierten sich für Ihr Buch …
Ich konnte es damals überhaupt nicht glauben.
Was war das Schwierigste beim Verfassen von „Thea Magica“?
Ein Kinderbuch ist viel schwerer, als man denkt. Ich komme eher aus dem Bereich der Geschichten für ältere Leser mit Liebe, Tod, Dämonen, Grusel und Weltrettung. Aber beim Kinderbuch gelten andere Regeln.
Welche sind das?
Man darf zum Beispiel nicht zu viel Sarkasmus einbauen. Dinge passieren viel schneller. Es bleibt weniger Raum für lange Gedankengänge. Vieles muss in der Handlung direkt mitlaufen oder beiläufig erklärt werden. Der Konflikt ist meist sozial: Freundschaft, Vertrauen, Geheimnisse.
Wie ist er bei „Thea Magica“?
Es geht darum, wem man etwas erzählen kann und wem eben nicht. Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht „kleiner“ als ein Kampf gegen dunkle Mächte, ist aber emotional genauso intensiv. Und man hat viel weniger Seiten, auf denen man aber trotzdem Spannung, Humor, Emotionen und Tiefe unterbringen muss.
Was zeichnet Ihre Protagonistin Robin aus?
Robin ist witzig, dabei aber eher leise und beobachtend. Irgendwann reicht’s ihr. Sie merkt: Irgendwas stimmt nicht. Manche Menschen wirken seltsam falsch, und das Gefühl lässt sie nicht mehr los. Robin beginnt, Fragen zu stellen. Gleichzeitig trägt sie ein großes Geheimnis mit sich herum: ihre Magie.

Ich liebe es neue Perspektiven zu entdecken
Und da kommt auch der magische Tee ins Spiel …
Thea Magica ist eigentlich ein normaler Tee. Aber sobald man ihn trinkt, weckt er die Magie, die ohnehin bereits in einem schlummert, oft verbunden mit der eigenen Persönlichkeit. Da die Nutzung des Thea Magica streng reguliert wird, ist es nicht möglich, sich den Tee einfach so zu besorgen.
Was hat Sie für Ihr Buch inspiriert?
Inspiration finde ich oft beim Spazierengehen, etwa an der Werse. Aber auch in der Stadt, wenn ich Menschen beobachte.
„Thea Magica“ kommt sehr gut an …
Was mich am meisten freut, zu hören, dass Kinder es in einem Rutsch durchlesen oder morgens mit in den Bus nehmen, um es auf dem Weg zur Schule weiterzulesen.
Die Arbeiten an Teil 2 laufen auf Hochtouren. Auf was können wir uns freuen?
Wir werden mit einem Schiff fliegen, Rätsel lösen, einige Geheimnisse aufdecken, die im ersten Band noch offen geblieben sind. Es wird sehr action- und tee-reich.
Gibt es Anfragen, „Thea Magica“ zu verfilmen?
Bisher nicht. In einer Zeit, in der es viele Streaming-Dienste gibt, ist es greifbarer als früher. Aber das wäre „ich kann’s nicht glauben“-verrückt.
Und wenn sich Filmleute melden?
Ich wäre sofort dabei und würde alles daransetzen, am Set vorbeischauen zu dürfen.
Wie viel Handorf steckt in „Thea Magica“?
Viele Ideen sind bei Spaziergängen durch Handorf entstanden, bei langen Runden mit Watson oder in Cafés, in denen ich geschrieben, überarbeitet und geträumt habe.
Apropos, was ist Ihr Lieblings-Tee?
Grashüpfertee – das ist ein Mango-Vanille-Grüntee, den ich auf Baltrum im kleinen Teehaus entdeckt habe. Meine Oma und ich fahren meist einmal im Jahr ans Meer.
Lieben Sie Weihnachten?
Ich habe einen kleinen Grinch in mir. Für mich fühlt sich Weihnachten oft nach gezwungener Fröhlichkeit an. Ich feiere es am liebsten ganz entspannt, ohne großes Tamtam, ohne Dauer-Weihnachtsmusik und Zimtgeruch an jeder Ecke. Wenn’s draußen schneit, bitte in Maßen, sodass man noch rauskommt. Sonst bleibe ich unter einer Decke, mit Tee und meiner Bulldogge Watson. Das ist mein perfekter Winter.
Vivien Verley
Vivien Verley (geboren 10. Februar 1998) lebt mit Freund und französischer Bulldogge Watson in Handorf. Die Kinder- und Jugendbuchautorin ist auch Mediendesignerin und Videoeditorin. Ihr erster Roman „Blut der Bäume“ erschien 2014. Aktuell sind Lesungen geplant. Vivien trinkt leidenschaftlich gerne Tee, liebt Theater und Musicals, schaut True-Crime-Dokus und erkundet neue Orte.
Mehr Infos: @vivienverley ; www.facebook.com/vivienverleyautorin/
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Vivien Verley


