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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Arndt Zinkant im Gespräch mit Vera Isabelle Blasum

LADY VERA UND IHRE GESCHICHTEN

Wenn Vera Isabelle Blasum nicht gerade in ihrem Hauptberuf als Marketing-Leiterin des GOP-Varietés arbeitet, schreibt sie Bücher. Das können alte Sagen aus dem Münsterland sein oder auch ein Kinder-Krimi, mit Münster-Bezug, versteht sich. Im Gespräch erzählt sie, wie sie mit ihrer Mutter zum Heavy-Metal-Festival nach Wacken pilgern wollte oder wie sie zur schottischen Lady wurde.

Eins Ihrer Bücher heißt: „Das Schwein da vorne ist meine Tochter“ – womit Sie gemeint sind! Provokant ist ja immer gut, aber haben Sie keine Angst vor Missverständnissen?


(Lacht) Nein, das Cover macht ja zum Glück klar, dass meine Mutter und ich uns nicht spinnefeind sind, sondern uns wirklich super verstehen. Obwohl durchaus besorgte Aussagen aus der Verwandtschaft kamen, so nach dem Motto: Hoffentlich habt ihr euch wieder lieb!


Und wie kam es zu dem Ausspruch?


Das passierte bei einer Aufführung der Oper „Die verkaufte Braut“. Damals verkörperte ich im Theater Münster wirklich ein verkleidetes Schwein. Meine Mutter war bei der Premiere so begeistert und stolz, dass sie es unbedingt jemandem erzählen wollte. Dann erblickte sie am anderen Ende des Parketts unseren Lieblingselektriker. Und in ihrer Begeisterung rief sie ihm quer durch den Saal zu: „Das Schwein da vorne ist meine Tochter!“ Erst hinterher wurde ihr klar, wie das für unbeteiligte Ohren klingeln muss. Ich sagte damals nur: „Das wird der Titel unserer Memoiren!“


Wie alt waren Sie damals?


So Anfang 20 – also keine Kinderrolle. Am Theater habe ich viel in der Statisterie mitgewirkt, denn damals hieß es immer: „Frau Blasum, Sie sind doch sowieso da!“ Ich war offenbar für Tierrollen prädestiniert, denn bei dem Schwein ist es damals nicht geblieben (lacht).


Natürlich ist Ihre Mutter froh und stolz. Aber trotzdem ist es erstaunlich, dass Sie beide gemeinsam nach Wacken oder Bayreuth gepilgert sind. Dem Klischee nach wollen Frauen so ab 16 mit der eigenen Mutter nichts mehr unternehmen.


Aber wir verstehen uns wirklich ganz toll, haben ähnliche Interessen und einen ähnlichen Humor. Weil wir uns gegenseitig begeistern können, funktioniert es erstaunlich gut. Der Bayreuth-Besuch ergab sich eher spontan, weil Wacken nicht geklappt hatte.


Aber für Bayreuth bekommt doch kein normaler Mensch Karten!


Dieses Jahr ausnahmsweise schon. Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass noch Restkarten zu bekommen seien. Das war alles ganz spontan, aber manchmal muss man eben auch spontan sein. Wie gesagt, eigentlich wollten wir auf das Wacken-Festival, sind dann aber stattdessen in Bayreuth gelandet. Das regnerische Schlammwetter war schuld.


Sich mit der eigenen Mutter gut verstehen ist eine Sache – aber gemeinsam ein Buch schreiben, wie geht das denn?


Wir lesen beide unglaublich gerne – und schreiben nicht minder gerne. Außerdem haben wir schon ziemlich absurde Sachen erlebt, wo die Leute immer gesagt haben: „Das müsst ihr aufschreiben!“ Der Gedanke war also da, aber man hat eben nie Zeit… Und dann kamen die Lockdowns.


Das habe ich mittlerweile von sehr vielen Kreativen gehört: „Corona hat mir endlich die Zeit gegeben, ein bestimmtes Projekt zu verwirklichen.“


Das klingt seltsam, aber es steht eben der Gedanke dahinter: Die durch den Lockdown verursachte Auszeit soll keine verlorene Zeit sein. Ich bin der Meinung, dass man immer aus allem das Beste machen muss.

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Wir beide lesen und schreiben unglaublich gern

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Könnten Sie mal so eine Absurdität nennen, die in das Buch unbedingt rein musste?


Also, ich liebe die Serie „Law and Order, Special Victims Unit“. Läuft seit etwa 25 Jahren, und fast so lange gucke ich das schon. Besonders die Hauptdarstellerin Mariska Hargitay finde ich ganz toll. Dann erfuhr ich, dass sie einen sogenannten Gracie Award verliehen bekommt, und dass man da auch Karten für eine Gala in Los Angeles bekommen könne. Andererseits fand ich es auch wieder absurd, extra deswegen dorthin zu fahren. Meine Mutter jedoch, die eigentlich nach China wollte, fand die Idee nicht unflott. So sind wir dann pünktlich dort angelangt. Allerdings war Mariska Hargitay dann leider gar nicht da.


In dem Buch sind also 33 autobiografische Geschichten versammelt?


Genau, es ist nichts erfunden. Zum Beispiel führen wir beide den Titel „Lady“, denn wir haben Ländereien in Schottland erworben. Ich wollte nämlich unbedingt mal an einer Aktionärsversammlung teilnehmen, wofür ja bereits der Besitz einer einzigen Aktie ausreicht. In dem konkreten Fall war es United Labels, und dort versammelten sich dann überwiegend Rentner, welche die Geschenktüte für die Enkel einsacken wollten. Da ich meine Aktien mit Gewinn verkaufen konnte, kam mir der Gedanke, mit dem Gewinn Ländereien in Schottland zu erwerben – genauer gesagt einen Quadratfuß: 30 mal 30 Zentimeter. Das war ein Souvenir-Grundstück, und dafür erhielt man den Titel Lady oder Lord.


Donnerwetter! Das geht allerdings auch einfacher: Vielleicht kennen Sie ja den aus Münster stammenden Cartoonisten und Paradiesvogel Lo Graf von Blickensdorf. Der hat sich einfach so selbst zum Grafen ernannt.


Aber ich habe eine richtig schöne Urkunde an der Wand! (Lacht) Wir haben auch den Plan, mal dorthin zu fahren, um zu schauen, wer so alles unser Nachbar ist. Stellen Sie sich mal vor, es wäre zum Beispiel Nicole Kidman – die hatte nämlich einen Gutschein für ein solches Grundstück in ihrer „Oscar Goody Bag“. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dort Bienen zu züchten. Dann hätte ich nicht nur Honig, sondern ein eigenes Volk.


Und wovon handelt das allerneueste Buch?


Es ist ein Band mit Sagen und Geschichten aus Münster und dem Münsterland. Wirklich existierende Sagen, die wir recherchiert haben – wieder gemeinsam mit meiner Mutter, denn wir begeistern uns beide für die Geschichte des Münsterlandes und machen auch beide Stadtführungen. Bei Reisen haben wir uns immer gerne Führungen angeschaut und dachten dann irgendwann: Warum es nicht in der eigenen Stadt selbst machen?


Muss man dafür eine Prüfung absolvieren?


Ja, eine Probeführung, bei der man auch auf Herz und Nieren geprüft wird. Immerhin bin ich ja in Münster geboren und zugegebenermaßen positiv voreingenommen. Zwar habe ich mir durchaus mal überlegt, vielleicht woanders zu wohnen, aber ich mag diese Stadt einfach: die Größe, die Menschen und die studentische Prägung. Man ist hier schnell im Grünen, aber ebenso schnell im Ruhrgebiet oder in den Niederlanden. Alles wunderbar.


Stichwort Münster: Unter Ihren Büchern findet sich auch ein Münster-Krimi, genauer gesagt ein Kinder-Krimi. Da geht es um Fahrraddiebstahl – das macht es viel realistischer als Wilsberg und Tatort! Denn Morde passieren hier in Wirklichkeit ja so gut wie nie.


Das war auch so eine Corona-Geschichte, für die ich zuvor nie Zeit hatte. Der Anfang lag bereits zehn Jahre in der Schublade. Reich wird man normalerweise natürlich nicht mit solchen Büchern, aber darauf kommt es mir auch nicht an. Ob Beruf oder Freizeit: Ich möchte immer Spaß an dem haben, was ich mache.

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Ich kann mir auch vorstellen Bienen zu züchten

Noch mal zu Wacken und Bayreuth: Sind Sie und Ihre Mutter beide so breit aufgestellt, dass Sie diesen kulturellen Spagat hinbekommen?


Die Grundidee war, dass wir beide mal auf so ein Festival wollten, und da kam uns Wacken als Erstes in den Sinn. Die Karten waren uns sozusagen durch den Gewinn bei einem Preisausschreiben in den Schoß gefallen. Da gab es dann kein Zurück mehr. Allerdings hat das Schlammwetter uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Meine Mutter sagte: „Gott sei Dank habe ich mir kein Tattoo stechen lassen: Wacken 2023 – das hätte man dann ja durchstreichen müssen!“ (Lacht) Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, nächstes Jahr geht es nach Wacken! Grundsätzlich ist Bayreuth zwar eher unsere Musik, aber wir sind wirklich für vieles aufgeschlossen. Ein Taylor-Swift-Konzert ist auch bereits geplant.


Da kann ich gleich elegant die Brücke zum Stadttheater schlagen. Der vormalige Intendant Ulrich Peters erzählte mir, dass er Heavy-Metal-Fan ist – und das als Vertreter der Hochkultur.


Meine Mutter ist zwar vom Alter her nicht unbedingt die Zielgruppe, aber viele Leute, die da waren, haben uns erzählt, dass die Atmosphäre und das Gemeinschaftsgefühl bei diesem Festival einfach toll sind. Ich sage immer: Man muss alles mal mitgemacht haben.


Beim Stadttheater waren Sie zehn Jahre. Und wie lange jetzt hier im GOP?


Gerade gestern habe ich das elfte Jahr vollendet.


Wie würden Sie die Unterschiede zwischen beiden Häusern beschreiben? Gibt es da mehr Gemeinsamkeiten, als man so denkt?


Die erste Gemeinsamkeit: In beiden Betrieben geht abends der Vorhang auf (lacht). Hier wird natürlich en suite gespielt, also eine Produktion jeweils zwei Monate. Und wir haben auch kein festes Ensemble. Mir persönlich ist es wichtig, von kreativen Menschen umgeben zu sein. Das GOP ist mit 352 Sitzplätzen natürlich kleiner, das ist weitaus weniger als im Großen Haus des Theaters. Aber ganz besonders ist hier das Gesamterlebnis, wozu auch der gastronomische Aspekt zählt. Ich erlebe es oft, dass Gäste völlig unabhängig von der jeweiligen Show buchen wollen. Wenn ich ins GOP gehe, weiß ich, was mich erwartet.


Aber vermutlich haben Sie mit den Künstlern nicht so viel zu tun, sondern repräsentieren das Varieté-Theater mehr nach außen, oder?


Es ist meine Aufgabe, alles bekannt zu machen und quasi an den Mann zu bringen. Dennoch habe ich immer wieder mit den Künstlern zu tun. Zum Beispiel, wenn einer einen interessanten Background hat und dieser Aspekt an die Presse herangetragen werden muss. Außerdem wohnen ja alle hier bei uns im Haus, und da trifft man sich natürlich.


Welche Vorteile hat diese Wohnsituation?


Etwa finanzielle und organisatorische. Wir können auch unsere Künstler ganz anders begleiten, zum Beispiel mit Dolmetschen, wenn mal ein Arztbesuch ansteht. Oder, wenn Kinder mit dabei sind, bei der Frage: „Wo sind die nächsten Spielplätze?“ So ist einfach ein enger Kontakt vorhanden – und alle zwei Monate lernt man wieder neue Leute kennen, was absolut toll ist. Auch da entstehen immer wieder kuriose Begebenheiten: Zum Beispiel hatte ich einmal ein Beratungsgespräch mit einem Bauchredner. Das war äußerst knifflig, weil seine Puppe immer dazwischenredete!

Vera Isabelle Blasum
Sie ist Diplom-Betriebswirtin mit Studienschwerpunkt Kultur-, Medien- und Freizeitmanagement und hat auch einen Magister der Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Ethnologie. Sie hat diverse Bücher bei mehreren Verlagen veröffentlicht. Elf Jahre arbeitet Sie nun beim GOP Varieté Münster, zehn Jahre war sie in der Presseabteilung des Stadttheaters tätig.

llustration Thorsten Kambach / Fotos Armin Zedler

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