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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

In der Werkstatt – Sophia Bernd trifft den Superschrauber

FAHRRAD IST ZUKUNFT

Radfahren ist Mobilität ohne schädigende Klimagase. Es spart Platz und ist geräuscharm. Deutschland hat sich in einem Klimaschutzplan verpflichtet, seine Treibhausgas-Emissionen zu mindern. Radfahren kann mehr als nur das Klima schützen. Durch Förderung
von Bewegung, die Vermeidung von Feinstaub- und Abgas-Emissionen sowie von Lärmbelastung und die Freihaltung von Grünflächen, wirkt sich Radfahren positiv auf die
Gesundheit der Menschen aus. Also rauf auf die Leeze! Ein Gespräch mit Thomas Gallien – dem Superschrauber.

Hier sollten ursprünglich Pommes frittiert werden. Warum kam es anders?


Für den Laden war eine Pommesbude geplant. Aber da hatte niemand Lust drauf. Niemand wollte noch eine Pommesbude am Hafen. In Mauritz wurde ich wegen „Luxussanierung“ rausgeworfen. Drei Monate, um etwas Neues zu finden. Ich bekam Panik. Durch Kontakte habe ich erfahren, dass ein Ladenlokal frei wurde. Es ging alles Schlag auf Schlag. Abends um elf habe ich den Mietvertrag unterschrieben. Danach hatte ich erstmal Schiss. Die Miete ist teurer, der Laden dreimal so groß. Naja, jetzt bin ich neun Jahre hier und habe vier Mitarbeiter.


Welche Menschen schauen am meisten bei euch rein?


Junge Familien mit Kindern. Das original Bakfiets aus den Niederlanden ist jetzt mein Hauptgeschäft. Wir sind seit 14 Jahren Premiumhändler bei Bakfiets.nl und damit das einzige Fahrradgeschäft in Münster, das es verkauft. Es zeichnet sich durch eine hohe Qualität und das Baukastensystem aus. Es wird gebaut, wenn du es haben willst. Deshalb kann es auch den Preis halten. Alle anderen Fahrräder werden teurer. Ich hole ab und liefere aus.


Mit wem konkurrierst du?


Jeder hat sein Spezialgebiet. Der eine verkauft ausschließlich Rennräder, der Nächste repariert nur. In Münster muss man nichts befürchten. Wir haben circa 50 Fahrradläden und die Werkstätten sind alle ausgebucht.


Und warum sollte man bei einer so großen Auswahl zu euch kommen?


Wir sagen, wie es ist. Wenn unserem Kunden etwas unklar ist, halten wir mit ihm Rücksprache. Die Reparatur muss für ihn transparent bleiben. Das musst du so machen.

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Spielt Nachhaltigkeit eine Rolle bei euch?


Soweit es möglich ist. Unsere Öle sind Bio-Öle. Wenn es denn überhaupt Bio-Öle gibt. Wir reparieren viel und erneuern nicht andauernd. Ich bestelle aus Deutschland und aus den Niederlanden, unsere Stoffbeutel kommen von „KOWE“ aus Münster. Aber im Grunde genommen kannst du auch nicht viel mehr machen.


Was erstaunt dich in deinem Beruf?


Laien können bei dem Versuch einer Fahrradreparatur einiges falsch machen. Vor allem bei der Schaltung. Und ich merke immer wieder, dass keiner mehr Flicken kann. Immer jüngere Kundschaft kommt zu uns, weil der Reifen platt ist. Die junge Generation gibt das Rad eher ab, als es zu reparieren.


Erzähl mal, wie ist es, Geschäftsführer zu sein.


Sehr anstrengend. Du machst alles. Das Drumherum. Ich komme nicht zum Schrauben. Es ist Ewigkeiten her, dass ich an einem Rad geschraubt habe. Wenn ich entspannen möchte, verkrieche ich mich in eine Fahrradreparatur. Aber das kommt selten vor. Feierabend gibt es nicht. Nachts werde ich wach und denke an Telefonate, die ich noch führen muss. Jede Sekunde kommen zehn neue Mails. Auch das Thema Leasing ist ein großer Aufwand.

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Warum stehst du trotzdem jeden Morgen im Radwerk?


Die Freude der Familie, die ihr Bakfiets abholt, ist ansteckend. Immer mehr Familien verkaufen ihr Auto und ersetzen es mit einem Bakfiets. Wenn ich anrufe und sage, dass das Rad abholbereit ist, höre ich die Jubelrufe im Hintergrund. Das ist großartig. Die Münsteraner und deren Beziehung zu ihren Fahrrädern ist speziell – alles Fahrradnerds! Wenn sie mit ihren Schätzchen kommen, haben sie oft eine Geschichte zu ihrem Rad zu erzählen. Manchmal kommen Kunden von anderen Werkstätten, die das Fahrrad aufgegeben haben. Wenn wir es aber dann doch noch reparieren, sind die Kunden sehr dankbar. Das macht Spaß. Fahrräder sind meine Leidenschaft.


Vor dem Eingang hängt das Schild „Der Mensch ist das Maß“. Was hat
es damit auf sich?


Mein Hauptziel war es, Fahrräder so zu bauen, dass sie an die unterschiedlichen körperlichen Gegebenheiten angepasst sind. Ich habe zwei kleinwüchsige Kunden oder auch Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung, die nicht auf das Fahrradfahren verzichten können und wollen. Einer meiner Kunden hat sein Bein verloren. Ein anderer, ein Rennradfahrer, war in Afghanistan. Er hat seinen Unterarm verloren und ich habe ihm das Fahrrad so umgebaut, dass er mit einer Hand schalten und bremsen kann. Der Spruch „Der Mensch ist das Maß“ stand damals in unserer Berufsschule.


Das klingt toll. Und zum Abschluss: Was wünschst du dir für die Zukunft?


Ich will bis zur Rente so weitermachen. Vielleicht übernimmt mein Sohn das Geschäft. Der ist aber erst sieben. Er behauptet von sich selbst, Junior-Chef zu sein.


Fahrrad ist Zukunft. Da wird noch einiges passieren.

Thomas Gallien
Er ist gelernter Orthopädietechniker und Zweirad-mechaniker, ist heutiger Geschäftsführer von Radwerk Gallien im Hansaviertel. Er ist Premiumhändler von Bakfiets und startete mit dem Ziel, behindertengerechte Fahrräder für Erwachsene zu bauen – anfangs allein in Mauritz, jetzt mit vier Mitarbeitern am Hansaring.
www.radwerk-gallien.de

llustration Thorsten Kambach / Fotos Thomas Gallien

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