
Steven Goldstein erzählt Stephan von seinem Schicksal
WENN DER KIEPENKERL EINEN SCHLAGANFALL HAT
Eigentlich ist alles normal bei Steven Goldstein. Er hat einen Job, den er sehr mag, eine schöne Wohnung und auch sonst geht es ihm ganz gut. Wie schnell sich das ändern kann, musste er im Januar am eigenen Leib erfahren. Ein Schlaganfall riss ihn plötzlich aus seinem Leben. Was sich aus einem kurzen Besuch einer Fastfood-Kette und ein wenig Durst alles entwickelte, erzählt uns der Kiepenkerl und Museumsführer in diesem Interview. Wir besuchten ihn in seinem Zuhause, dem Mühlenhof.
Du hast mich in dein „Zuhause“ eingeladen, ich bin ganz beeindruckt. Wie schafft man es, eine Wohnung im Freilichtmuseum, im Mühlenhof, zu bekommen?
(Lacht) Da muss ich mich selbst auch immer noch kratzen. Eine Mischung aus Zufall und Glück.
Erzähl!
Hier auf dem Gelände gibt es drei Wohnungen, die privat genutzt werden. Ich arbeite ja, wenn ich nicht gerade krankgeschrieben bin, im Mühlenhof. Irgendwann habe ich am Rande mitbekommen, dass jemand auszieht. Da habe ich nicht lange gezögert und gefragt, ob ich mir das mal anschauen kann. Ich war sofort begeistert und habe die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen.
Du arbeitest im Mühlenhof? Immer schon?
Könnte man fast meinen, bin ja Ur-Münsteraner und hier in der Gegend aufgewachsen und auch zur Schule gegangen. Aber mein beruflicher Werdegang ist lang. Ursprünglich bin ich gelernter Bankkaufmann. Habe meine Ausbildung bei der Sparda-Bank gemacht und dort dann länger im operativen Marketing gearbeitet. Danach ging es in diversen Jobs im Vertrieb, in der Beratung, im Coaching oder einer Werbeagentur weiter. Vor einigen Jahren ergab sich die Möglichkeit, ehrenamtlich im Mühlenhof Kiepenkerl und Museumsführer zu werden …
Stimmt, da hatte Dich ein Kollege vor ein paar Jahren schon zu interviewt.
Genau! Aus dem Ehrenamt wurde dann im Laufe der Zeit ein richtiger Job, da kam mir meine Berufserfahrung zugute. Es kamen immer mehr Aufgaben hinzu: Kasse, Buchführung, Marketing, Veranstaltungsplanung.
Jetzt lief ja nicht immer alles wie geplant. Du hast gerade schon das Thema Krankschreibung angedeutet?
Genau, ich habe im Januar diesen Jahres einen schweren Schlaganfall erlitten, was mich ziemlich aus dem Leben gerissen hat. Deswegen kann ich zurzeit immer noch nicht arbeiten.
Wow, das ist heftig. Was ist da passiert?
Irgendwann sonntags war ich kurz bei McDonald's, etwas essen. Als ich wieder zuhause ankam, hatte ich Durst und wollte einen Schluck Wasser trinken. Das ging aber irgendwie nicht, ich bekam es nicht durch den Hals, als ob da eine Klappe zu ist oder irgendwas vorsitzt. Ich musste das Wasser wieder ausspucken. Habe dann einige Zeit gewartet und es wieder probiert, mit demselben Ergebnis.
Hattest du da schon eine Ahnung, was dahintersteckt? Hattest du noch andere Symptome?
Ich hatte keinen blassen Schimmer, dachte zunächst auch ganz westfälisch: Was von selbst kommt, geht auch von selbst. Da es ja auch Sonntag war, wollte ich bis Montag warten und dann gegebenenfalls zur Hausärztin gehen. Am nächsten Tag waren die Beschwerden noch immer da und mir war auch ein wenig schwindelig. Bin dann sogar noch mit dem Fahrrad zur Hausärztin gefahren. War im Nachhinein vielleicht auch nicht die beste Idee, dahin zu radeln.
Konnte die Hausärztin denn wenigstens sofort für Klarheit sorgen?
Sie hatte keine Idee, hat mich aber sofort in die HNO-Klinik weitergeschickt. Ich dachte: Das gibt’s doch gar nicht!
Und du bist dann sofort dahin, oder hast du erst einen Termin machen müssen?
Ne, ich wollte das sofort geklärt haben und habe mich entgegen jeder Vernunft wieder auf meinen Drahtesel gesetzt und bin direkt dorthin gefahren. Nicht essen und trinken können ist ja auf Dauer eher schlecht.
Da gebe ich Dir Recht. Wie ging es dann weiter?
Es wurde eine Endoskopie gemacht, um die Luft- und Speiseröhre zu begutachten, ob da irgendeine Blockade ist. Ohne Befund. Dann habe ich mich sofort auf den Weg zur Notaufnahme der Uniklinik an den Bettentürmen gemacht. Dort war man mit einer Diagnose zunächst vorsichtig und hat mich über Nacht dabehalten, um am nächsten Tag eine Computertomographie zu machen. Danach hatte ich dann Klarheit.
Eine kleine Odyssee. Aber ich hätte auch nie vermutet, dass Schluckbeschwerden ein Symptom eines Schlaganfalls sein könnten.
Wie ich gelernt habe, ist das aber durchaus eines der häufigsten Symptome. Ich dachte auch zuerst, Symptome wären eher Lähmungserscheinungen oder Ähnliches. Aber ja, Odyssee trifft es ganz gut.

Der Schlaganfall hat mich ziemlich aus dem Leben gerissen
Wie reagiert man im ersten Moment, wenn man gesagt bekommt: „Sie haben einen Schlaganfall“?
Ich dachte einfach nur: Was passiert hier gerade? Das war ganz, ganz merkwürdig. Ich hab das erst gar nicht geglaubt. Komischerweise bin ich aber trotzdem eigentlich ziemlich ruhig geblieben, nicht zuletzt, weil ich fest an das medizinische Personal vertraut habe. Die werden schon wissen, was sie tun. Zum Glück bin ich nicht in Panik verfallen, sondern habe nur gedacht: Daumen drücken und schauen, was da kommt.
Die Verwirrung kann ich verstehen, da passiert ja auf einmal eine ganze Menge mit einem.
Ja, da geht einem dann eine Menge durch den Kopf. Man kann doch mit Anfang 50 noch keinen Schlaganfall haben, damit rechnet ja keiner. Das ist ein ganz komisches Gefühl.
Wenn man den Feind kennt, kann man ihn bekämpfen, sagt man ja. Hat das für ein wenig Erleichterung gesorgt, oder hast du danach erst richtig wahrgenommen, wie schlecht es dir
gegangen ist?
Hmm, eigentlich hat es eher für Erleichterung gesorgt, weil ich wusste, dass einem jetzt geholfen werden kann. Ich bin dann ja umgehend auf die Intensivstation gekommen und dort hat man sich rührend um mich gekümmert. Jede Stunde kam jemand und hat sich erkundigt, ob alles in Ordnung ist. Ich fühlte mich immer in guten Händen. Aber das muss man auch lernen, die Kontrolle abzugeben und sich quasi voll in die Hände der Ärzte zu begeben.
Auch nicht ganz unwichtig in so einer Situation, dass man sich gut aufgehoben fühlt. Konnte man dir denn schnell helfen?
Das ging leider nicht von heute auf morgen, die Schluckbeschwerden haben sich noch lange hingezogen. Da ich nicht essen und trinken konnte, hatte ich mittlerweile eine Nasensonde bekommen, durch die ich umgangssprachlich Astronautenkost bekam. Später habe ich dann auch eine richtige Magensonde bekommen.
Das ist wahrscheinlich nicht sehr angenehm, oder? Wie lange musstest du die behalten?
Angenehm sicher nicht, das stimmt. Allerdings wäre die Alternative gewesen, zu verhungern. Da ordnet man sein Befinden etwas unter. Zweieinhalb Monate musste ich komplett durch die Sonde ernährt werden.
Warst du die ganze Zeit über auf der Intensivstation?
Ne, ich wurde dann irgendwann in die Stroke-Unit, also die Schlaganfallstation, verlegt. Dort begann ich dann sofort mit Physiotherapie, um wieder Muskeln aufzubauen. Durch die Magensonde und alles war ich ja nicht gerade mobil. Vor allem aber war das Ziel, dort auch wieder schlucken zu lernen.
Ging es denn ab da dann wenigstens nur noch bergauf?
Fast. Während der Therapie entschieden sich die Ärzte, mir zum Schutz ein Tracheostoma (eine künstliche Öffnung der Luftröhre, um die Atmung zu unterstützen oder das Eindringen von Nahrung oder Speichel in die Luftröhre zu verhindern. Anm. d. Red.) zu legen. Dies hat leider dazu geführt, dass ich einen Atemstillstand erlitten habe.
Oh nein! Das klingt dramatisch, wie ist das passiert?
Mittlerweile lag ich im Kreiskrankenhaus Herford auf einer Frührehabilitationsstation. Dort hat sich ein ganzes Therapeutenteam ganz herzlich um mich gekümmert: Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie. Ich wurde eines Morgens zur Physio abgeholt und sollte mich dazu im Bett aufrichten. Währenddessen muss sich wohl ein Tropfen vor die Öffnung des Tracheostomas gesetzt haben. Das ist ja wie so eine kleine Röhre, und die hatte sich auch wohl schon mit etwas Schleim zugesetzt.
Oh nein, ich ahne Schreckliches …
Ja, auf einmal bleibt einem komplett die Luft weg, keine Chance mehr, zu atmen. Ich war voller Panik und habe vor lauter Angst nur noch fest die Hand der jungen Therapeutin gehalten. Im Zimmer wurde sofort der Notfallknopf gedrückt und plötzlich war ein riesiger Alarm um mich herum.

Die Alternative wäre verhungern gewesen
Dann geht es immer schnell, Gott sei Dank …
Ja, aber jede Sekunde erscheint dir in der Situation zu lang. Der Chefarzt der Neurologie war auch unter den vielen Menschen und der hat sofort reagiert. Er hat mir kurzerhand das komplette Tracheostoma buchstäblich rausgerissen. Ich konnte dann sofort wieder atmen und bin nicht ins Koma gefallen oder Ähnliches.
Ich kann mir gar nicht vorstellen, was das für ein Gefühl ist, auf einmal wieder atmen zu können.
Ja, diese 2–3 Minuten brauche ich sicher nicht noch einmal. Mein zweiter Geburtstag, wie ich heute sage. Das hätte auch ganz anders ausgehen können, ich habe mich schon die Radieschen von unten anschauen sehen. Gott sei Dank war der Chefarzt so geistesgegenwärtig. Ich sehe das als Geschenk an.
Was macht das mit einem, so eine Erfahrung? Was verändert sich danach?
Ich muss ehrlich sagen, es hatte eher einen positiven Effekt. Man wird ein wenig demütiger. Ich hatte vorher immer mal wieder mit Depressionen zu kämpfen. Die sind eigentlich seit diesem Moment verschwunden, weil ich das als zweite Chance für mein Leben sehe. Das hat mir geholfen, einige Probleme aus dem Weg zu schaffen. Zusammen mit dem Team aus den ganzen Therapeuten, die wirklich Außerordentliches geleistet haben.
Das klingt nach einem Happy End?
Ja. Ich bin dann nach einiger Zeit in die Reha gegangen, nach Bad Oeynhausen. So richtig mit strukturiertem Wochenplan, Anwendungen und allem, was dazugehört. Die Reha ist abgeschlossen, aber ich werde mich noch einige Wochen erholen müssen, bevor ich wieder voll in meinen Job einsteige.
Steven, Danke, dass du uns deine Geschichte erzählt hast. Ich wünsche dir weiterhin gute Genesung und alles Gute!
Steven Goldstein ist gelernter Bankkaufmann. Nach seiner Ausbildung arbeitete er in vielen Bereichen, unter anderem im Marketing. Nach etlichen Stationen landete der 52-Jährige schließlich im Freilichtmuseum Mühlenhof als Kiepenkerl und Museumsführer. Nebenbei ist er auch noch als Darsteller für eine Filmproduktionsfirma aktiv.
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Stephan Günther

