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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Arndt Zinkant im Gespräch mit Stefan Reimer alias „Khetama“

DIE KRAFT DER KLÄNGE

Manche Fans erzählen ihm, dass sie extra seinetwegen in den münsterschen Club „Fusion“ kommen. Stefan Reimer legt als DJ Khetama öfter dort auf; aber wer als Discjockey in über 30 Jahren an seinem Handwerk gefeilt hat, wird natürlich zu vielen Anlässen gebucht. Bis nach Russland führte Khetama sein elektronischer Sound regelmäßig – dort war er öfter in den Radio-Airplays als Madonna. Auch die Größe seiner Hörerschaft auf „Spotify“ kann sich sehen lassen. Momentan ist Stefans Nummer „Sunshine“ dort beliebt. Ein Gespräch über den coolen Sound der Achtziger und den magischen Draht zum Publikum.

Stefan, fangen wir doch einfach mit deinem T-Shirt an: Da ist David Bowie drauf. Bist du sein Fan?


Ja – aber kein fanatischer Fanboy. Ich finde ihn als Künstler und auch als öffentliche Person interessant. Ist ein schöner Mensch gewesen, der auch musikalisch eine Menge bewirkt hat. Allerdings war er nicht eine so große Inspiration als Musiker, wie manch Andere es für mich gewesen sind...


Zum Beispiel?


Meine Initialzündung war Alan Parsons. Den habe ich in den späten Siebzigern durch meinen Papa kennengelernt. Da war ich also noch nicht mal zehn Jahre alt, aber es ging zu dieser Zeit los, dass Musik bei mir Eindruck hinterließ. Alan Parsons ist einfach ein unfassbar toller Producer – ohne ihn wäre „Dark Side of The Moon“ von Pink Floyd niemals das geworden, was es ist. Er hat damals viele Ideen zu diesem Album eingebracht. Allein schon die Doppelalben mit ihrem beeindruckenden grafischen Artwork! Das waren Konzept-Alben mit ganz unterschiedlichen Themen. Diese Eindrücke habe ich, wie gesagt, meinem Papa zu verdanken, der eine große Plattensammlung besaß. Er war in den Siebzigern ebenfalls DJ – Künstlername: „Music Machine“. 


Du nennst dich ja „Khetama“. Was bedeutet dein Name?


Das ist eine Gegend in Marokko. Ein sehr schöner Landstrich, den wir als Kinder gemeinsam mit meinem Stiefvater erkundet haben. Im Bulli sind wir durch die Sahara und auch ansonsten durch die Weltgeschichte gereist. Darüber hinaus ist Khetama auch der Name einer bewusstseinsverändernden Substanz. (Lacht)


Wie würdest du dein Genre beschreiben?


Der Überbegriff ist „Elektronische Musik“ und das Genre „House Music“. Diese ist wiederum in sehr viele Sub-Genres unterteilt, und ich bewege mich in fast allen davon. Anfang der Neunziger, als ich anfing, war House eigentlich „nur House“. Heute muss man alles irgendwie benennen und ausdifferenzieren. Das Wichtigste: Es ist Musik, die die Leute zum Tanzen animiert.


Hat Deine Karriere in den letzten Jahren einen Sprung gemacht, oder entsteht dieser Eindruck nur durch deinen Erfolg auf Spotify?


Diese Plattform existiert ja erst seit einigen Jahren. Ich erreiche bei Spotify monatlich schon eine Menge Hörer/innen, gehöre aber natürlich nicht zu den Superstars. Und dorthin zu kommen, ist ziemlich utopisch. Ich habe jedoch einige erfolgreiche Titel produziert, die weltweit stattfinden, und das über Jahre. Diese generieren täglich auch immer noch eine Menge Streams.


Nach allem, was man so hört, ist Spotify aber für Musiker kein guter Deal.


Nein, absolut nicht! Ich bin eigentlich auch kein besonderer Freund davon, aber heutzutage bleibt einem als Musiker kaum etwas anderes übrig, als dieses Spiel zu spielen. Der Glaube, dass man einfach nur mit einem guten Stück erfolgreich sein kann, herrschte vielleicht in den Neunzigern und auch noch in den Zweitausenderjahren. Will man heute Menschen erreichen, muss man kontinuierlich daran arbeiten, mit täglichem Marketing. Spotify honoriert das Ganze auch, allerdings mit einem für mein Empfinden absolut ungerechten Verteilungsschlüssel. Das herrschende Prinzip: Die Kleinen kriegen fast nichts, die Großen fast alles.

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Drogen haben in meiner Branche keinen Platz

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Ich habe natürlich mal reingeschaut: Offenbar ist dein Titel „Sunshine“ momentan am beliebtesten. Liegt das daran, dass wir gerade Sommer haben?


Es liegt daran, dass es einfach eine gute Nummer ist! Es war seinerzeit so eine Art Schnellschuss, in Zusammenarbeit mit meinem guten Freund Marra Kesh. Er war sozusagen die Initialzündung und hatte damals in seinen Studios in Düsseldorf auch die Vocals aufgenommen. Dort produzierte er auch ein Playback für Sunshine, das ich dann hier in meinem Studio in Münster überarbeitet habe. In dieser Version wurde es dann veröffentlicht. Es kam 2014 auf dem Label Tiger Records heraus. Dahinter steht mit Kontor Records wiederum ein Major Label; und die haben die Möglichkeit, Stücke relativ schnell groß zu machen. Aber eben auch nur Stücke, die wirklich gut sind. Der alte Spruch, dass man aus Scheiße Gold machen kann, stimmt eben nicht. Es ist elektronische Musik, die einfach auf zeitlose Art die Leute anspricht. Das Stück vermittelt das schöne Gefühl von Sonnenschein – das kannst du in Ibiza am Beach ebenso spielen wie in einem Club in Münster. Und das wiederum führt dazu, dass ich bei Spotify etwa 30.000 Hörer im Monat habe.


In deiner Vita steht: „Seit den Achtzigern aktiv, international als DJ unterwegs, über 100 Platten produziert.“ Wieso muss man da noch arbeiten und in Münster wohnen?


Du musst bedenken, dass ich das seit 30 Jahren mache. Im Laufe der Jahre sind eben viele Produktionen herausgekommen, da sind aber auch Remixe dabei. Auf 30 Jahre gesehen, ist das eben gar nicht mal so viel. Es ist ein guter Schnitt und insofern okay. Natürlich habe ich mit den Produktionen auch Geld verdient, aber eben nicht so viel, dass ich mich zur Ruhe setzen könnte.


Kommt das meiste über die Events zusammen, für die du gebucht wirst?


Jein. Das Stück Sunshine, von dem wir gerade sprachen, ist ja nicht mal mein erfolgreichstes. 2008 habe ich ein Stück veröffentlicht, das in Russland gestartet war. Mit diesem war ich über 600 Wochen in den AirPlay Charts – also elf Jahre lang. Über drei Jahre bin ich seinerzeit fast jedes Wochenende nach Russland geflogen und habe dort aufgelegt. Ich hatte mehr Radio-AirPlays als Madonna oder Lady Gaga. Die Reisekosten wurden bezahlt, die Gage auch, das lief alles über meine Agentur. Wenn man für so ein Wochenende nach Russland fliegt, macht man das natürlich auch nicht für 200 €. Es ist also durchaus ein bisschen Kohle zusammengekommen, aber reich bin ich dennoch nicht geworden. (Lacht)


Wenn du in Clubs auflegst, geht es dann darum, einen „hypnotischen Flow“ zu erzeugen?


Durchaus, aber die Leute sollen ja nicht einschlafen, sondern aus sich herauskommen! Firmen-Events sind dagegen interessant, weil dort eine ganz andere Klientel zu finden ist. Hin und wieder findet man dort allerdings auch Besucher, die einen aus Clubs kennen. Aber grundsätzlich geht es darum, die Leute glücklich zu machen. Das sollte sich übrigens jeder DJ zum Ziel setzen: nicht sich selbst glücklich zu machen, sondern das Publikum. Das ist übrigens gar kein Gegensatz – wer Andere glücklich macht, bekommt dasselbe auch wieder zurück. Ich bewundere das Prinzip des Altruismus. Wenn man eine Weile Musik gespielt hat und die Leute erstmal warm geworden sind, beobachtet man manchmal, dass genau jene zu tanzen anfangen, von denen man es gar nicht erwartet hätte.

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In Münster habe ich eine treue Fanbase

Hast du früher auch mit Vinylplatten gearbeitet?


Klar – aber jetzt nicht mehr. Ich habe durchaus noch Vinyl zu Hause, aber auf Events, wo Turntables, also Plattenspieler stehen, spiele ich nicht. Man ist damit von der Menge her eingeschränkter, weil ich natürlich auf meinem Rechner ein viel größeres, ja ein riesiges Repertoire zur Verfügung habe: Da sind etwa 200 Gigabyte Musik drauf. Du kannst dir vorstellen, wie viel das ist. Und in einer Plattentasche ist maximal Platz für 150 Platten. Bei zwei Taschen hätte ich dann 300 Platten, und das ist nicht viel! Ich bin viel relaxter, wenn ich mit meinen digitalen Medien arbeite, weil ich dann viel mehr auf alle Wünsche und Erfordernisse eingehen kann. Neulich ist es mir zum Beispiel passiert, nachdem ich leise und chillig losgelegt hatte, dass bei einem Event die Leute am Ende fragten, ob sie nicht mal was aus den Achtzigern hören könnten. Klar konnten sie das!

Die Achtziger hatten aber auch ihren ganz eigenen Sound, was nicht zuletzt an den frühen Synthesizern lag. Neulich liefen im Fernsehen die ganzen alten James-Bond-Filme. Und 1985 kam der Titelsong für „View to a Kill“ von Duran Duran. Genau das war dieser typische Stil.

Mega! So etwa 2007 habe ich übrigens einen Titel der Band Spandau Ballet gecovert. Der Sound ist ähnlich wie bei Duran Duran. Über meinen Verleger bin ich dann mit der Band in Kontakt gekommen, und wir wollten eigentlich „Tony Hadley“, den Originalsänger, für unsere Coverversion haben. Das hat er abgelehnt, wollte aber ein komplett anderes Stück mit uns machen. Leider ist damals nichts draus geworden.


Können die Künstler eigentlich Coverversionen verbieten?


Nicht unbedingt die Künstler, aber durchaus die Rechte-Inhaber. Machen aber die wenigsten, denn in der Regel bringt das zusätzliches Geld, auch wenn das Cover noch so schlecht sein mag. Heutzutage kräht kaum noch ein Hahn danach, ob gecovert wird. Das liegt auch daran, dass mit veröffentlichter Musik kaum noch Geld verdient wird.


Kriegst du Rückmeldungen von Fans, was sie an deinen Stücken am meisten schätzen?


In Clubs passiert das öfters. Wir (Cutmaster Jay und ich) treten ja viel hier in Münster auf, wo wir auch eine treue Fanbase haben. Wir spielen hier vorzugsweise im Fusion. Und da sprechen mich durchaus mal Leute an: „Wisst ihr eigentlich, dass wir extra euretwegen gekommen sind?“


Letzte Frage: Was für Projekte hast du gerade in der Pipeline?


Soeben haben wir unser eigenes Label Boundless gegründet. Jens Lissat, mit dem ich damals diese Russland-Nummer produziert habe, ist ein sehr erfahrener Produzent. Die Rechte an diesem Stück von damals sind mittlerweile an uns zurückgegangen. Deshalb „schießen“ wir jetzt all die Produktion von damals noch mal neu über unser eigenes Label raus. Außerdem habe ich noch Nummern, die teilweise 18 Jahre alt sind, auf Halde. Die hauen wir jetzt alle auch noch raus (lacht). Ich sagte ja vorhin, dass mich Alan Parsons auf zeitlose Art und Weise immer noch abholt. Und ich wünsche mir, dass meine eigene Musik ähnlich zeitlos ist.

Stefan Reimer
Unter seinem Künstlernamen Khetama hat Stefan Reimer sich einen Namen in der Club- und DJ-Szene gemacht. Seit den Achtzigern ist Stefan im Geschäft, hat über 100 Platten produziert und zahllose Remixe herausgebracht. Obwohl international unterwegs, hat Khetama natürlich in seiner Heimatstadt Münster eine besonders treue Fanbase.
Außerdem arbeitet er als Teamleiter bei Elevator,
einem Anbieter für DJ-Equipment in Münster.

llustration Thorsten Kambach / Fotos Arndt Zinkant und RIL

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