
Tom Feuerstacke und Siggi Mertens besprechen ein musikalisches Leben
WO MUSIK ENTSTEHT, BEVOR SIE JEMAND SUCHT
Siggi Mertens ist einer von denen, die du in Münster am Rand siehst – nie auf den ganz großen Bühnen, aber immer da, wo es interessant wird. Wenn du seinen Namen googelst, stolperst du über Bandfotos, Rare-Guitar-Plakate, Schulprojekte – nur Wikipedia sagt: kenne ich nicht. Genau deshalb klingeln wir bei ihm durch. Am Telefon sitzt ein 70-Jähriger, der behauptet, eher schüchtern zu sein, während er montags und dienstags noch Musik unterrichtet, abends im Keller Highway-Star-Soli übt und mit seiner Band „VAN DAM“ Klubs auseinander nimmt. Dazwischen schreibt er Mails an Mickie Krause, erinnert sich an Umzüge im Ford Transit nach West-Berlin und fragt sich bis heute, warum ausgerechnet er niemals Plan A, sondern immer Plan B gelebt hat. Ein Gespräch über Gitarren, Glück, Scheitern und die Frage, wozu man Musik macht, wenn der Ruhm ausbleibt.
Siggi, wenn man deinen Namen googelt, tauchen Bands, Schulprojekte und alte Fotos auf, aber kein Wikipedia-Eintrag. Wie fühlt es sich an, gleichzeitig so präsent und doch offiziell unsichtbar zu sein?
Ich finde das offen gesagt ganz angenehm. Wikipedia wirkt für mich wie eine Art Denkmal zu Lebzeiten, und ich habe nie das Bedürfnis gehabt, mir selbst ein solches Denkmal zu bauen oder bauen zu lassen. Meine Frau sagt zwar schon länger, dass ich eigentlich längst einen solchen Eintrag verdient hätte, aber ich merke, dass mich dieser Gedanke eher bremst als antreibt. Entscheidend ist für mich, dass Menschen mich über meine Musik, meine Bands oder über die Begegnungen an der Schule wahrnehmen, nicht über einen lexikalischen Text. Natürlich gibt es im Netz einige Spuren von mir.
Als ich dich zum ersten Mal heute Morgen anrufe, sitzt du gerade an einer Mail an Mickie Krause. Wie kommt es dazu, dass ein Partysänger plötzlich in deinem schulischen Kosmos eine Rolle spielt?
Für mich war Mickie Krause nie nur der Typ mit der Perücke und den lauten Refrains. Ich kenne ihn über seine Kinder, die bei uns an der Realschule waren, und habe ihn zuerst als Vater erlebt, der im Flur steht und sich ehrlich für die Schule interessiert. Mit der Zeit habe ich mitbekommen, wie stark er sich für Schulen in Afrika engagiert, wie er seinen Namen nutzt, um dort etwas aufzubauen, das weit über Partyhits hinausgeht. Deshalb habe ich ihn in eine Reihe eingeladen, die ich an der Schule gestartet habe. Die Mail an Mickie war in diesem Moment einfach Teil meiner Arbeit. Ich wollte ihm danken, den Kontakt halten und vielleicht anknüpfen für weitere Aktionen.
Dein aktuelles Bandprojekt mit Jürgen Stegemann und dem Namen „VAN DAM“ hat eine lange Vorgeschichte. Wie ist diese Mischung aus Pubrock, Punk und deutscher Sprache entstanden?
Der Ursprung liegt in meiner Zusammenarbeit mit Johnny Ketzel. Wir wollten damals den rauen Spirit von Dr. Feelgood nutzen und auf Deutsch neu denken. Die ersten Songs, die wir angegangen sind, hatten diese Energie von Pubrock, aber eben mit Texten, die sich sehr konkret auf unsere Realität bezogen. Dreißig Texte lagen fertig in der Schublade, erste Aufnahmen mit Steffi als Gastmusiker waren im Kasten und wir standen kurz davor, das Ganze auf eine Bühne zu bringen. Dann kam die Pandemie und mit ihr eine Phase, in der Menschen in meinem Umfeld plötzlich in Verschwörungswelten abgetaucht sind. Johnny war eine dieser Personen. Für mich war damit klar, dass ich musikalisch nicht weitermachen kann, wenn die Haltung im Hintergrund nicht mehr zusammenpasst. Also musste ich diese beinahe fertige Idee loslassen, was mir sehr schwergefallen ist. In dieser Lücke suchte ich eine neue Stimme und stieß auf Jürgen. Ich hätte früher mit ihm kein Projekt erledigt, weil er Punk- und ich Progrocker war. Heute sehe ich das gelassener. Jürgen bringt eine markante Stimme mit, eine gewisse Leichtigkeit und gleichzeitig Ernsthaftigkeit, die gut zu den Songs passt. Wir haben erst im Studio gearbeitet, unter dem Namen Siggi und Zezo Van Dam, und gemerkt, dass diese Musik auf die Bühne gehört. Aus dieser Erkenntnis ist dann die Band entstanden, wie wir sie jetzt haben.
Wenn du von der Band erzählst, fallen Namen wie Waclaw, Georg Hempel und Knüppi, die man in Münsterer Kreisen sofort erkennt. Was ist das für ein Haufen, mit dem du da unterwegs bist, und wie fühlt sich das auf der Bühne an?
Es ist eine Konstellation, die sich für mich sehr stimmig anfühlt. Waclaw kenne ich schon lange aus der Marilyn-Zeit, er hat diesen kompromisslosen, aber gleichzeitig sehr musikalischen Schlagzeugstil, der das Fundament liefert, auf dem alles andere stehen kann. Georg bringt als Professor und Bassist eine Mischung aus theoretischem Wissen und Bühnenroutine mit, die extrem beruhigend ist. Bei Knüppi mag ich, wie er sich in Gitarrenlinien hineinwühlt und mit einem gewissen Augenzwinkern spielt. Ich selbst stehe mit Gitarre und manchmal auch als eine Art Moderator zwischen diesen Polen. Auf der Bühne entsteht eine Energie, die ich so einordnen würde: Wir sind alt genug, um nicht mehr beweisen zu müssen, dass wir jeden Lauf doppelt so schnell spielen können wie andere, aber jung genug im Kopf, um uns bei jedem Konzert noch überraschen zu lassen.

Erst hieß es Siggi und Zezo Van Dam
Ihr arbeitet an einem Album. In einer Zeit von Playlists und Kurzvideos, warum hängst du noch so am Gedanken einer klassischen Platte mit Booklet?
Für mich ist ein Album ein in sich geschlossener Raum. Einzelne Songs sind wie einzelne Zimmer, in denen man kurz stehenbleibt, ein Album ist ein ganzes Haus, durch das man geht. Wenn ich an eine Platte denke, denke ich automatisch an Reihenfolgen, Übergänge, Spannungsbögen. Ein Song, der alleine kaum auffällt, kann im Kontext eines Albums plötzlich eine große Wirkung haben. Ein notwendiger Teil ist für mich das Booklet. Ich mag es, wenn man nachlesen kann, wer welche Instrumente gespielt hat, wo aufgenommen wurde, wem gedankt wird. Das schafft Nähe und erzählt kleine Nebenstorys, die man in einem Stream so nicht mitbekommt. Natürlich weiß ich, dass man mit CDs oder Vinyl heute selten noch viel Geld verdient. Aber das ist in meiner Lebensphase ohnehin nicht der Hauptantrieb. Wenn ich jemandem eine physische Platte in die Hand drücke, entsteht eine andere Verbindung. Man schaut sich das Cover an, setzt sich vielleicht bewusst hin und hört die Songs am Stück. Ich merke selbst, wie sehr mich Platten zu neuen Konzerten geführt haben. Ohne Alben hätte ich viele Bands nie entdeckt. Insofern ist dieses Format für mich ein wichtiges Werkzeug, um eine Brücke zwischen Studio und Bühne zu schlagen.
Du blickst auf viele Bands zurück, von Marilyn über Razzle Dazzle bis zu Studiozeiten in Greven. Gab es Momente, in denen du das Gefühl hattest, jetzt könnte der große Durchbruch kommen?
Es gab mit Marilyn Abende, an denen ich wirklich dachte, dass sich gerade ein Fenster öffnet. Der Song Weizenkeim war so eine Art inoffizieller Hit, die Leute kannten den Text, sangen mit, bevor wir die ersten Takte gespielt hatten. Wenn du eine Bühne betrittst und dein eigenes Stück vom Publikum getragen wird, ist das ein berauschendes Gefühl. In diesem Moment spielt es keine Rolle, ob draußen jemand von Karriere oder Charts spricht, du spürst einfach, dass die Musik angekommen ist. Später mit Razzle Dazzle oder anderen Projekten musste ich das Publikum sehr viel öfter von Null an gewinnen. Das ist eine andere Art der Arbeit, aber sie kann auch befriedigend sein. Im Studio in Greven habe ich mit meinem Partner Peter nächtelang über Erfolg gesprochen. Wir haben uns gefragt, warum manche Kolleginnen und Kollegen groß herauskommen und andere nicht. Sein Satz, dass wir immer einen Plan B hatten, hat sich bei mir eingebrannt. Wir hatten Schule, Unterricht, Familie, verschiedene Sicherheiten. Andere hatten nur diese eine Karte Musik und haben alles darauf gesetzt. Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich es genauso gemacht hätte. In den meisten Momenten fühle ich aber, dass die Mischung aus Unterricht, Bandprojekten und einem relativ stabilen Leben für mich der richtige Weg war.

Bei Marilyn dachte ich, dass sich ein Fenster öffnen würde
Du hörst im Unterricht viel Rap, Drill und Trap aus den Handys deiner Schülerinnen und Schüler. Gleichzeitig kommst du aus einer Rockgeneration. Wie gehst du damit um, ohne in die klassische Früher-war-alles-besser-Haltung zu rutschen?
Ich habe verstanden, dass es nichts bringt, pauschal auf eine ganze Stilrichtung zu schimpfen. Natürlich erschreckt mich manchmal, wie inflationär Gewalt, Drogen und totale Hoffnungslosigkeit in manchen Texten vorkommen. Aber ich erinnere mich daran, wie sehr ältere Menschen einst über Rock und Punk den Kopf geschüttelt haben. Das möchte ich nicht einfach wiederholen. Im Unterricht lasse ich mir gerne erklären, warum bestimmte Songs in den Kabinen vor Spielen laufen, welche Passagen besonders pushen und wo die Jugendlichen sich wiederfinden. Wenn ich dann kritisch nachfrage, geht es mir nicht darum, ihnen ihr Genre madig zu machen, sondern die Haltung dahinter zu hinterfragen. Parallel dazu zeige ich ihnen, wie viel Körperlichkeit und Können in einem guten Gitarrensolo, einem präzisen Schlagzeuggroove oder einem Klavierstück steckt. Mein Ziel ist, dass sie merken, wie sich handgemachte Musik anfühlt, egal ob es Rock, Jazz oder Klassik ist. Ich glaube fest daran, dass Stücke, die wirklich bleiben, oft aus dieser Mischung aus Handwerk und persönlichem Ausdruck entstehen. Wenn jemand nach Jahren zu mir kommt und erzählt, dass ein bestimmtes Gitarrenmotiv oder eine Bandprobe etwas ausgelöst hat, ist mir das wichtiger als jede hitzig geführte Stildiskussion.
Immer wieder erwähnst du ehemalige Schülerinnen und Schüler, die ihren Weg gemacht haben, im Studio, auf Tour, in bekannten Bands. Welche Geschichten bleiben dir dabei besonders im Kopf?
Sehr präsent sind für mich die frühen Gitarrenschüler. Albrecht D. zum Beispiel habe ich als Jugendlichen erlebt, der viel Neugier und Hingabe mitbrachte. Heute sehe ich ihn als hervorragenden Gitarristen, der ein klares Gespür für Timing und Ausdruck hat. Otto B.ist ein anderer Fall. Er ist beruflich im juristischen Bereich gelandet, hat gesundheitliche Probleme durchgestanden und trotzdem nie ganz aufgehört, Musik zu machen. Wenn wir uns sehen, spüre ich sofort diese alte Verbindung über die Gitarre. Clemens R. ist ein drittes Beispiel. Er hat sich wissenschaftlich entwickelt, ist inzwischen Professor und bildet Menschen aus, die etwa in der Impfstoffentwicklung arbeiten. Musikalisch war er nie der Virtuose, aber er spielt bis heute ein Stück aus unserer Unterrichtszeit. Allein das zeigt mir, wie nachhaltige Spuren entstehen können, ohne dass jemand Profi wird. Dann gibt es die, die im Musikgeschäft richtig Fuß gefasst haben, etwa bei Unheilig oder an der Seite von bekannten Popacts als Tontechniker. Wenn ich ihre Namen in Credits oder Tourankündigungen sehe, muss ich unweigerlich schmunzeln. Ich bilde mir nicht ein, dafür verantwortlich zu sein, aber ich weiß, dass ich an einem wichtigen Punkt ihres Weges eine Rolle gespielt habe. Das ist ein schönes Gefühl.
Du sitzt immer noch regelmäßig mit der Gitarre im Keller und übst Soli aus deiner Jugend, etwa aus „Highway Star“. Was bedeutet dir dieses tägliche Üben heute noch?
Das Üben ist für mich eine Art Ritual geworden. Wenn ich mich hinsetze und an einem Solo arbeite, das ich seit Jahrzehnten kenne, betrete ich eine Zwischenzone aus Erinnerung und Gegenwart. Bei Highway Star zum Beispiel höre ich innerlich eine bestimmte Liveaufnahme, jede Nuance, jeden kleinen Fehler. Dann versuche ich, dieser Energie näherzukommen, nicht als Kopie, sondern als Dialog. Ich nehme mir vor, etwa zwei Stunden am Tag zu spielen. Manchmal klappt das, manchmal nicht, aber dieser Anspruch hält mich wach.
Du wirkst sehr beschäftigt, planst Konzerte, unterrichtest, arbeitest an Songs. Gibt es einen Traum, den du unbedingt noch verwirklichen möchtest, bevor du sagst, es ist genug?
Ich empfinde es tatsächlich als großes Glück, überhaupt dieses Alter erreicht zu haben. Wenn ich auf meine Familiengeschichte schaue, ist das nicht selbstverständlich. Das macht mich demütig und lässt mich weniger vom großen Spätwerk träumen, sondern eher von vielen kleinen erfüllten Momenten. Natürlich gibt es auch konkrete Wünsche. Ich würde gerne einen Song schreiben, bei dem ich später ohne Einschränkung sagen kann, dass er mir wirklich gelungen ist. Einen Song, in dem sich mein ganzes Leben mit der Gitarre und mit Musik spiegelt, ohne dass er angestrengt wirkt.
Wenn du durch Münster gehst, triffst du ehemalige Schülerinnen, alte Bandkollegen, Menschen aus der Szene. Viele kennen dich aus ganz verschiedenen Zusammenhängen. Wie würdest du dich selbst in diesem Geflecht beschreiben, ganz ohne Wikipedia-Eintrag?
Ich sehe mich als jemanden, der nie nur eine Rolle hatte. Ich bin Musiklehrer, der nie verbeamtet wurde, Gitarrist, der nie zum Star geworden ist, Familienmensch, der trotzdem ständig in Kellern und Proberäumen verschwindet, um an Songs zu feilen. In Münster begegne ich Jugendlichen, die mich als den Pauker aus dem Musikraum wahrnehmen, und zeitgleich Leuten, die mich von Auftritten in kleinen Klubs kennen. Manchmal überschneiden sich diese Welten und ein ehemaliger Schüler steht plötzlich im Publikum bei einem Konzert. Das sind Momente, die ich sehr mag. Ich benötige keinen Wikipedia-Eintrag, um mich verortet zu fühlen. Meine Biografie steckt in den Geschichten, die ich mit anderen teile, in Aufnahmen, die in einem Regal stehen, in Erinnerungen an schiefe Busfahrten nach West-Berlin oder an Nächte im Studio.
Danke, Siggi, für das Gespräch.
Danke dir.
Siggi Mertens
Geboren in Münster und der Stadt bis heute eng verbunden, ist er Pädagoge für Musik und Englisch und seit Jahrzehnten mehr als nur Lehrer im klassischen Sinn. Musik begleitet ihn nicht als Nebenfach, sondern als Lebensform. Sein Antrieb war dabei nie Ruhm oder Karriere, sondern der Wunsch, Musik erfahrbar zu machen und weiterzugeben.
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Armin Zedler


