
Peter Sauer spricht mit Siegmund Natschke über eine tierliebe Legende
ZIEGENMILCH AUS WOLBECK ALS SUPERFOOD
Warum ist Ziegenmilch eigentlich so gesund? Warum führt ausgerechnet eine Ziege den ZiBoMo-Umzug in Wolbeck an? Und was hat ein 102-Jähriger damit zu tun? Antworten darauf gibt Siegmund Natschke aus Nienberge. Unser Mitarbeiter Peter Sauer unterhielt sich mit dem erfahrenen Journalisten, der sein erstes Buch „Der Ziegenbaron“ jetzt im Aschendorff-Verlag veröffentlicht hat.
Grüß dich, Siegmund. Man kennt Dich in Münster seit Jahren als Journalisten. Jetzt bist du unter die Buchautoren gegangen.
Richtig, das wollte ich schon immer werden.
Welche scheinbar belanglose Frage einer Lehrerin löste dein Buch aus?
Gut recherchiert, Peter. Es geht um die Frage „Wer von Euch hat eine halbe Stunde Zeit?“. Eine Lehrerin in der Marienschule stellte diese Frage 1957. Die Lehrerin suchte in der Klasse meiner Mutter nach jemandem, der den 102-jährigen Ziegenbaron aus Wolbeck besuchen sollte. Der Ziegenbaron wollte aus seinem sehr, sehr langen Leben erzählen. Auf besagte Frage der Lehrerin meldete sich meine Mutter Mechthild Luise.
Und wie erreichte dich diese Anekdote?
Durch eine besondere Begegnung. Ich besuchte meine Mutter in einem Pflegeheim im Süden von Münster. Dort erinnerte sie sich an jene spannende Geschichte aus ihrer Schulzeit. Das inspirierte mich.
Es geht also um eine kleine Zeitreise?
Ja. Meine Mutter war damals an der Marienschule. Als 16-jährige Schülerin traf sie im Jahre 1957 auf Initiative ihrer Lehrerin auf den damals bereits 102-jährigen „Ziegenbaron“ Alfred von Renesse (19.10.1855 bis 29.11.1957) aus Wolbeck.
Und wie war es?
Sehr bewegend und mitreißend. Der Ziegenbaron begeisterte eine halbe Stunde lang mit jeder Menge Lebensweisheiten, schönen Erinnerungen und überraschender Einsichten, die meine Mutter als junge Schülerin von damals bis heute nicht vergessen hat.
Und eine Generation weiter hat dich diese Geschichte dann zu deinem ersten Buch inspiriert?
Ja, genau. Im Roman heißt die 16-jährige Schülerin nur Luise. Meine Mutter ist jetzt 85 Jahre alt. Ich habe ihre Geschichte aufgeschrieben, und so entstand, ergänzt um intensive Forschungen und Recherchen, mein erster Roman. Er heißt „Der Ziegenbaron“.
Wovon handelt er konkret?
Der Roman erzählt diese tatsächlich stattgefundene Begegnung und nimmt die Leserinnen und Leser mit in eine andere Zeit: in das Münster der 1950er-Jahre, in die beginnenden Wirtschaftswunderjahre, in die Welt der katholischen Marienschule und zu einem außergewöhnlichen Original, das mit Humor, Leidenschaft und unerschütterlicher Überzeugung seine Geschichte an die junge Generation weitergeben wollte. Und das gelang ja auch erfolgreich.
„Ziegenbaron“ Alfred von Renesse war dieses Original. Was war so besonders an diesem Wolbecker?
Der „Ziegenbaron“ war eine schillernde Persönlichkeit der Stadtgeschichte. Er war Landwirtschaftslehrer. Deswegen hatte er auch so viel Wissen um Ziegen und Ziegenmilch.
Verstehe.
Als Landwirtschaftslehrer setzte er sich leidenschaftlich für die Ziegenzucht ein und machte die Ziege zur „Kuh des kleinen Mannes“, wie er sie nannte.
Das heißt?
Das heißt, dass sich eigentlich jeder eine Ziege halten und so zum Milchbauern werden kann (lacht). Alfred von Renesses Begeisterung wirkte ansteckend: Aus seinen Aktivitäten entstanden nicht nur landwirtschaftliche Initiativen, sondern auch gesellschaftliche Ereignisse, die Menschen zusammenbrachten und das Leben in Münster nachhaltig prägten. Mein Roman erzählt von einem Mann, der in einer Zeit des Umbruchs an das Gute im Einfachen glaubte und in der Natur eine heilende Kraft sah.

Inwiefern?
Die Ziegenmilch, die er den Leuten damals empfahl, ist – so würde man es heute nennen – ein echtes „Superfood“.
Warum?
Die Ziegenmilch enthält unwahrscheinlich viel Vitamin D, und das ist gesund – besonders für die Knochen. Und so wirkte damals die Ziegenmilch auch fantastisch gegen eine ganz gefürchtete Mangelkrankheit – die Rachitis, von der früher viele einfache Leute, auch Kinder, betroffen waren, und gegen die es sonst kein Mittel gab.
Der „Ziegenbaron“ trank regelmäßig Ziegenmilch und warb für sie. Es gab sie aber nicht nur als „Superfood“ oder?
Richtig. Ziegenmilch ist gesund, lecker und außergewöhnlich zugleich, also fast exotisch. Ein zugleich edles, wie auch bodenständiges Getränk. Man serviert Ziegenmilch sowohl in Bauernstuben, als auch in Fünf-Sterne-Hotels in der Schweiz.
Hast du auch schon Ziegenmilch probiert? Wie schmeckt sie?
Ja, natürlich. Ziegenmilch schmeckt etwas würziger, erdiger als Kuhmilch und ist auch etwas cremiger. Ich bin überzeugt davon, dass sie gesund ist.
Wie lebst du in Nienberge? Wäre da auch Platz für eine Ziege im Garten?
Ja, ich habe einen großen Garten.
Wie bist du an die passenden Rezepte in deinem Buch gekommen?
Durch Recherche. Ich habe da auch ein gewisses Gespür für. Meine Oma konnte nämlich kochen und backen wie keine andere. Sie hatte eine tolle Rezeptsammlung mit tausenden von Leckereien, die ich auch selbst gegessen habe. Und es kamen ständig neue Rezepte hinzu.
In deinem Buch „Der Ziegenbaron“ geht es nicht nur um die Milch. Wie war der sogenannte Ziegenkult früher in Wolbeck?
Kult im religiösen Sinne war die Ziegenhaltung nicht, das war eher eine kluge, rationale Entscheidung. Ziegen waren relativ leicht zu halten und lieferten Milch und Käse. Zusammen mit Brot ist das eine vollwertige Ernährung.
Wie kommt es, das der ZiBoMo-Karnevalsumzug immer von einem Ziegenbock angeführt wird und wo kommt der eigentlich her?
Als der Karneval in den 1950er-Jahren wiederbelebt wurde, entschied man sich, den Ziegenbock als Maskottchen vorneweg laufen zu lassen. Seit 1958 zieht der Karnevalszug regelmäßig mit einem echten Ziegenbock an der Spitze durch Wolbeck. Der Ziegenbock kommt immer aus der näheren Umgebung, aus einem Ziegenstall in Telgte. Er hat also keine weite Anreise.
Was hat deine Mutter nach dem Lesen deines Buches zu dir gesagt, als erste Leserin und Zeitzeugin?
Meine Mutter hat sich abends an ihren Wohnzimmertisch gesetzt und das Buch am Stück gelesen – in einem Rutsch. Ich hoffe, dass die Nachfahren des „Ziegenbarons“ es ganz genauso tun. Meine Mutter sagte, dass ihre Begegnung mit dem „Ziegenbaron“ genauso passiert ist, wie es im Buch steht. Und dass die Nonne, die sie zu ihm brachte, zu ihr streng sagte: „Nur zuhören, nicht sprechen!“
Der „Ziegenbaron“ war ein Herzensmensch, der zu Leben wusste. Was zeichnete ihn dabei aus?
Er glaubte an eine einfache Idee und kämpfte für sie mit Herz, Tatkraft und Humor. Für mich ist das vorbildhaft. So tat er also den Menschen jede Menge Gutes und erfand gleich nebenbei auch noch den Karneval in Münsters Süden.

Der Ziegenbock kam aus Telgte
Der „Ziegenbaron“ erfand den Karneval in Wolbeck? Wie das?
Die Treffen von seinem Ziegenzuchtverein wurden immer ausgelassener und fröhlicher. Bald entstand daraus der Karneval in Wolbeck.
Wie hat die ZiBoMo beziehungsweise der Münstersche Karneval auf dein Buch reagiert?
Mein Buch ist erst nach Rosenmontag und Veilchendienstag erschienen. Ich bin auf die nächste Session gespannt und hoffe, dass auch viele Karnevalisten von dem Stoff begeistert sind.
Wenn ich dich und die Botschaft deines Buches richtig verstehe, ist der „Ziegenbaron“ auch ein gutes Vorbild für uns heute, oder?
Richtig. Er hatte keine Angst vor Autoritäten, er war ja selbst eine Autorität. Auch gegen Widerstände machte er einfach das, was richtig war. Ja, für mich ist das vorbildhaft.
Was findest du persönlich am „Ziegenbaron“ so toll?
Eben genau das. Er war, so würde man sagen, ein „Machertyp“, der sein Wissen und sein Können und auch seine Reputation für die einsetzte, die es am meisten gebrauchen konnten – für die Kranken und Schwachen. Er war ein stiller Held mit viel Selbstironie.
Was war das Schwierigste beziehungsweise die größte Herausforderung beim Konzipieren und Verfassen des Buches?
Es hat unheimlichen Spaß gemacht. Das Schwierigste kommt erst nach dem Schreiben. Nämlich erklären, was der „Ziegenbaron“ eigentlich so unfassbar Tolles gemacht hat. Manche kennen ihn nicht mehr, aber mein Buch soll die Legende am Leben halten.
Auf dem Buchcover steht als Gattung Roman. Wie viel echte Fakten sind im Buch, wieviel sind Fiktion?
Die Rahmenhandlung, die Begegnung meiner Mutter mit dem „Ziegenbaron“, hat genauso stattgefunden, das ist also wirklich so geschehen. Die eigentliche Romanhandlung ist eine freie Annäherung an das Wirken des „Ziegenbarons“, an seinen Einsatz für Ziege und Ziegenmilch, den es aber tatsächlich auch so gegeben hat. Durch sein Wirken gab es um 1900 in Wolbeck immerhin 230 Ziegen auf den Höfen und in den Haushalten.
Wow! Du bist seit deiner Jugend Journalist. Warum jetzt auch Buchautor? Was ist daran zu spannend?
Ich hatte immer viel Fantasie, auch als Kind schon. Beim Bücherschreiben kommt das jetzt voll zum Tragen. Es ist noch viel kreativer und persönlicher als einen journalistischen Artikel zu schreiben.
Was planst Du zur Veröffentlichung deines ersten Buches?
Zur Veröffentlichung plane ich eine besondere Lesung – idealerweise in einem Ziegenstall in Münster oder Umgebung. Ein passender Ort für dieses ungewöhnliche literarische Ereignis wird derzeit noch gesucht. Wer mir dabei helfen will: E-Mail bitte an siegnatschke@web.de.
War es schwierig, für dein Buch "Der Ziegenbaron" einen Verlag zu finden?
Siegmund: Nein, gar nicht. Der Aschendorff-Verlag war der erste, den ich gefragt habe. Und der Verlagsleiter hat sofort „Ja“ gesagt. Das hat mich beeindruckt.
„Der Ziegenbaron“ war dein erstes Buch. Bist du jetzt auf den Geschmack gekommen? Schreibst du schon an einem zweiten Buch?
Ja, ich schreibe an einem weiteren historischen Roman, aber mit einem ganz anderem Thema. Es geht um einen Kriminalroman rund um den historischen Börsencrash von 1929.
Spannend, warum dieses Thema?
Die erste Seite habe ich noch als Student geschrieben, vor dreißig Jahren. Ich habe jetzt angefangen weiterzuschreiben, da das Thema aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise hochaktuell ist. Mehr als ich damals geahnt habe.
Wie viel Münster steckt im Börsencrash-Buch?
Es steckt sehr viel New York drin. Mein Traum ist, dort einmal hinzuziehen.
Dann viel Erfolg. Danke für das Gespräch und weiterhin gutes Schreiben!
Ich danke dir. Ich habe Ideen bis ins nächste Jahrtausend. Meine Beruf ist auch mein Hobby. Ich schreibe gerne, ununterbrochen.
Siegmund Natschke (geb. am 28.5.1971) in Münster. Der Buchautor, Fotograf und Journalist (u.a. Münster täglich, früher MZ und WN) lebt in Nienberge. Sein Hobby: Schallplatten sammeln und hören. Lesungen zum Buch „Der Ziegenbaron“, das im Aschendorff Verlag erschienen ist, sind in Planung. Er sucht dazu noch einen Ziegenstall. Kontakt: E-Mail: siegnatschke@web.de Mehr Infos: www.siegmund-natschke.de.
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Sammlung Stoffers & Uwe Paulsen


