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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Romance Bassingha und Stephan reden über Ehrenamt

„ICH BIN EINE GROßSTADTMAUS AUS BOCHUM.“

Ganze 21 Jahre jung ist Romance Bassingha. Trotzdem hat sie bereits einen Lebenslauf, wie ihn wohl nur wenige in ihrem Alter vorweisen können. Eigentlich kommt sie aus dem Ruhrgebiet, studiert und wohnt aber aktuell in Münster. Viel interessanter ist aber, was sie schon seit ihrem 16. Lebensjahr nebenbei macht. Sie engagiert sich ehrenamtlich, aber wie! Das dürfte wohl ziemlich außergewöhnlich sein. Wir sprachen mit Romance über Ehrenamt, Engagement und warum die Stadt Münster und Romance keine Liebesbeziehung führen.

Du bist gerade 21 Jahre alt und die Liste deiner ehrenamtlichen Engagements liest sich schon fast wie ein ganzes Buch. Wie kam es dazu?


Ich würde sagen, da sind ziemlich viele Zufälle aufeinandergetroffen. Das fing schon in der Schule an, ich war in der Schülervertretung und später auch Schülersprecherin. Mich zu engagieren, etwas zu verändern und zu verbessern, war schon immer ein Teil von mir. Mit 16 habe ich dann geschaut, was man noch so machen kann, da war ich 16. Aber irgendwie war es für mich gar nicht so einfach herauszufinden, wie man sich ehrenamtlich engagieren kann. Jetzt ist das ein wenig besser geworden, aber ich glaube, wenn man nicht Teil dieser „Ehrenamts-Bubble“ ist, gibt es da immer noch Hürden. Ich habe damals dann mühsam gegoogelt.


Das klingt ziemlich ehrgeizig.


Ja, ich habe wirklich einfach Schlagwörter wie „Menschenrechte“, „ehrenamtlich engagieren“ oder „mitmachen“ eingegeben und geschaut, was dabei rauskommt. Durch die Schule kannte ich natürlich die großen Organisationen wie Amnesty International oder UNICEF. Bei denen habe ich mich sogar gemeldet.


Mit Erfolg?


Nein, leider nicht, die haben mich geghostet, witzigerweise, und sich nie zurückgemeldet.


Ein unerwarteter Rückschlag?


Ja, schon. Ich bin dann aber irgendwann auf Plan International Deutschland aufmerksam geworden. Eine NGO, die Entwicklungspolitik macht und einen Fokus auf Mädchenrechte hat. Die sind auch sehr bekannt für Ihre Kinder- und Community-Patenschaften, man spendet also regelmäßig Geld für ein bestimmtes Kind oder halt eine Community. Bei Plan gibt es ein loses Jugendnetzwerk. Bei dem man sich einfach anmelden konnte. Das habe ich dann einfach gemacht.


Dann ging es richtig los?


Viel war da leider nicht los, aber ich durfte dann über Plan auf eine Veranstaltung vom Dachverband der entwicklungspolitischen und humanitären Nichtregierungsorganisationen (VENRO). Dort habe ich dann ganz viele neue Leute kennengelernt und hatte die Zeit meines Lebens. Der Austausch dort war einfach toll, gerade weil in Ehrenamtskreisen einfach jedes Alter vertreten ist. Das hat bei mir gezündet, da wollte ich mehr davon haben. Bei Plan International sitze ich übrigens jetzt seit über 3 Jahren im Jugendbeirat.


Da hat das Projekt Ehrenamt bei dir ja schnell Fahrt aufgenommen, trotz kleinerer Rückschläge?


Ich hab halt auch viel Glück gehabt. Das Lustige an mir ist ja auch, dass ich mich wirklich oft einfach so bewerbe, ohne zu wissen, was da eigentlich los ist. Sonst würde ich mich viele Sachen auch nicht trauen. Ich habe mich auch bei einem Netzwerk beworben (Young European Professionals), die Workshops an Schulen anbieten. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich nie beworben. Als 16-Jährige vor anderen Jugendlichen Workshops zu halten, hätte ich mich sonst eher nicht getraut. Das war mir schon ein bisschen unangenehm, und ich hatte anfangs vor den Workshops etwas Bauchschmerzen.


Ist es nicht gerade als Gleichaltrige, und selbst schwer engagierte, Person leichter, Jugendliche zu motivieren?


50-50 würde ich sagen. Ich glaube, es ist unfassbar schwer, Leute davon zu überzeugen, sich zu engagieren, wenn sie selbst nicht so im Thema stecken. Bei mir in der Schule waren die Jugendlichen, die ihre Zeit, auch mal während Pausen oder nach Unterrichtsschluss, dafür opfern, nicht unbedingt die coolen Kids. Du kennst das vielleicht aus deiner Schulzeit. Auch ist es bei größeren Gruppen viel schwerer, die Bedürfnisse von einzelnen Personen abzuchecken, als in Einzelgesprächen. Jetzt, mit etwas mehr Erfahrung, ist es aber schon besser geworden.


Was sind denn eigentlich die Kernthemen deines Engagements? Haben die sich auch schon mit 16 herauskristallisiert?


Meine Kernthemen sind Jugendbeteiligung, strukturierte Jugendbeteiligung, Europa und Entwicklungszusammenarbeit, würde ich sagen. Herauskristallisiert hat sich das nicht direkt, das kam so mit der Zeit, als ich mich weiter engagiert habe. Entwicklungszusammenarbeit, also NGO-Arbeit, fand ich von Beginn an toll. Das Wohlergehen von anderen Menschen war mir schon immer sehr wichtig, und ich habe auch nie verstanden, warum das anderen nicht genau so geht. Es hat mich zum Beispiel in der Schule ziemlich gewundert, warum es manchen Leuten egal ist, was hinter ihrem Konsum steckt, und sie sich beispielsweise sagen: „Was interessieren mich die Menschen, die meine Jeans produzieren, was kümmert es mich, ob es denen gut geht?“ Das ist doch crazy, für mich war das eine Selbstverständlichkeit, dass es auch den anderen Menschen gut geht und niemand unter meinem Konsum leiden muss.


Nicht gerade Themen, die Jugendliche direkt auf dem Schirm haben. Hat sich dein Engagement denn eigentlich mit der Schule vertragen, bei dem Pensum, nachdem es sich anhört?


Ich war auf einer Schule, die das nur teilweise mitgetragen hat. Ich kenne es von anderen Leuten, die von ihrem Schulleiter für gefühlt alles und immer freigestellt wurden. Ich bin ganz ehrlich, ich war sehr oft nicht in der Schule, um meinem Ehrenamt nachzugehen. Das hat sich dann auch in Fehlstunden auf dem Zeugnis wiedergespiegelt, obwohl ich mich meist auch mit Begründung abgemeldet habe. Ich finde es ein wenig unfair, wenn nicht wirklich ersichtlich wird, warum eine Person so viele Fehlstunden hat. Gerade aus meiner Verwandtschaft kamen immer Warnungen, dass das zu Problemen führen kann.


Konntest du das nicht mit irgendwelchen Nachweisen wenigstens zum Teil entschuldigen?


Doch, bestimmt. Aber mit 16 habe ich halt noch nicht so weit gedacht. Ich dachte mir: „Okay, wenn erwachsene Menschen mir das sagen, dann werde ich wohl Probleme bekommen deswegen.“ Am Ende bekam ich keine Probleme. Lucky me! (Lacht)


Wenn Du erst mal genug Einfluss hast, kannst du diese Missstände ja beseitigen …


Schauen wir mal. Jetzt gerade befasse ich mich generell mit Jugendbeteiligung. Ich bin Teil des Bundeskompetenzzentrums für Kinder- und Jugendbeteiligung, über die KomKJB.

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Der Austausch dort war einfach toll

Was macht Ihr da?


Wir beraten Bundesministerien und nachgeordnete Behörden in Sachen Jugendbeteiligung. Das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit wollte zum Beispiel einen Jugendbeirat gründen. Eine Gruppe von uns hat den Prozess dahin sehr eng begleitet und beraten. Das beinhaltet Fragen in der Art, wie ein Jugendbeirat gegründet wird, ob es eine Vergütung geben muss, welche Themen dort hineingehören oder wie es überhaupt strukturiert werden muss. All das sind wir mit denen durchgegangen, und jetzt gibt es dort einen Jugendbeirat.


Eine gute Sache, die Jugend mit einzubeziehen.


Es ist schon ganz cool zu sehen, dass man bei so etwas wirklich mitgearbeitet hat. Anfang Dezember des Jahres findet in Bonn der Kinder- und Jugendgipfel des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend statt. Auch diese durften wir beratend mitgestalten.


„Nebenbei“ studierst du ja auch noch. Aber auch hier reicht dir nicht ein Studium, es müssen gleich zwei sein, korrekt? Wo nimmst du die Zeit her?


Ich habe ja 2024 mein Abitur gemacht, und mit dem Studium ist es eigentlich ein wenig einfacher geworden, weil ich durch die Schule nicht mehr so eingeschränkt bin – da konnte ich mich nicht so einfach frei machen. Es ist eine Sache der Planung. Es gibt halt Termine im Ehrenamt, die finden einfach statt, ob du da kannst oder nicht. Gerade in den Klausurphasen während der Schulzeit war das schwierig, weil die oft auch sehr spontan angekündigt wurden. Als die Schule plötzlich nicht mehr da war, habe ich richtig Gas gegeben, war überall unterwegs und bin auch mal einen Monat am Stück nur durch die Republik gereist. Da war ich dann auch gefühlt kurz vor meinem ersten Burnout. Ich habe so viele Sachen gemacht und dabei nicht auf mich selbst geachtet.


Wie ist denn das Feedback im Bekanntenkreis oder von Gleichaltrigen? Bekommst du da Rückmeldungen?


Ein Teil der Leute feiert das. Ich habe das aber auch lange mit mir herumgeschleppt und kaum Menschen von meiner ehrenamtlichen Arbeit erzählt. Aufmerksamkeit gab es aber, als ich dann hier und da mal etwas auf Instagram gepostet habe. Es gab mal eine Aktion von Plan International, bei der wir auf Periodenarmut aufmerksam gemacht haben – da sind wir mit riesigen Binden durch Berlin gelaufen. Da gab es viel positives Feedback. Dasselbe bei einer Aktion für Fairtrade – da sind wir im Bananenkostüm mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Ostkreuz bis zum Brandenburger Tor gefahren. Oder auch hier in Münster war ich bei einer Aktion an der Apostelkirche dabei.

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ich habe 2024 mein Abi gemacht

Sehr coole Aktionen, muss ich sagen. Du bist ja ein Kind des Ruhrgebiets, wie war es da für dich, auf einmal nach Münster zu kommen?


Schwierig, zwei komplett unterschiedliche Welten! Ich studiere ja nicht nur in Münster, sondern seit kurzem auch in Dortmund. Dort spreche ich mit vielen Mitstudierenden, die zuvor in Münster studiert haben, aber es abgebrochen haben, weil sie mit den Leuten hier absolut nicht zurechtkamen. Ich glaube aber, dass es auch damit zusammenhängt, wie viel Glück man mit den Menschen hatte, die man so trifft und kennenlernt. Mir fiel es etwas schwerer, vielleicht liegt es auch an meiner Persönlichkeit. Wenn ich mal darüber nachdenke, kommen alle Leute, mit denen ich hier so Zeit verbringe, aus dem Ruhrgebiet. Bevor ich herkam, dachte ich eigentlich, dass die Menschen hier aufgrund der räumlichen Nähe zu Dortmund auch ähnlich sind. Das ist aber gar nicht so.


Was stört dich denn noch an Münster?


ÖPNV! Ich bin ja eine Großstadtmaus aus Bochum, da kommt alle 5 Minuten eine Straßenbahn und ich war in einigen Minuten am Bahnhof. Das ist hier etwas anders, und der größte Schock war, dass ab 20:30 hier schon die Nachtbusse fahren. Busse scheinen hier generell auch nicht so zuverlässig zu sein, finde ich. Gerade wenn man nicht in der Innenstadt wohnt. Ich wusste, dass Münster eine Fahrradstadt ist, jetzt habe ich gelernt, dass die Leute dazu gezwungen sind, weil der Busverkehr hier so herausfordernd ist. Auch die Preise für einige Sachen in Münster sind ziemlich hoch.


Ich habe den Verdacht, dass Münster für dich nach dem Studium keine Alternative sein wird?


Vermutlich nicht, das Ruhrgebiet liegt mir schon sehr am Herzen. Ich muss aber schon zugeben, dass Münster eine wirklich schöne Stadt ist. Mir gefällt das leicht Touristische, der Prinzipalmarkt mit den Kutschen und die gesamte Innenstadt.


Das ist ein schönes Schlusswort! Romance, ganz vielen Dank für die vielen Einblicke und das schöne Gespräch!

Romance Bassingha ist 21 Jahre alt und kommt eigentlich aus Bochum. Nach ihrem Abitur 2024 zog es sie zum Studieren nach Münster. Mittlerweile ist als Studienort auch noch Dortmund hinzugekommen. Neben dem Studium engagiert sie sich ehrenamtlich in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Auch journalistisch ist sie tätig, in der Jugendredaktion Salon5, des Medienhauses „CORRECTIV“.

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Stephan Günther

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