
Peter Sauer spricht mit Reinhard Plettenberg über Leben, Tod und Heiterkeit
WIE MAN DEN TAGEN MEHR LEBEN GEBEN KANN
Wie kann man sich in die Lage von Schwerstkranken und Sterbenden hineinversetzen? Wie lässt sich erahnen, was am Ende des Lebens auf uns zukommt? Antworten gibt es in dem von Fachkritik und Publikum gelobten packenden Kulturexperiment „zwischen//welt“ von Thomas Nufer. Am 21. Februar (Samstag) wird es um 19:30 Uhr im Kulturbahnhof Hiltrup aufgeführt. Möglich machte dies der Pädagoge und Moderator Reinhard J. Plettenberg vom Verein Kulturbahnhof Hiltrup e.V.
Dem Kulturmacher Thomas Nufer aus Münster ist mit „zwischen//welt“ ein intensiver, kunstvoller und komplexer Blick auf die Palliativmedizin gelungen. Das Theaterexperiment wurde 2023 im Auftrag des Herz-Jesu-Krankenhaus Hiltrup im Planetarium Münster uraufgeführt.
Reinhard J. Plettenberg: Das stimmt, da habe ich das Stück das erste Mal gesehen.
Am 21. Februar kehrt es dann dank Ihrer Unterstützung nach Hiltrup zurück: In den Kulturbahnhof. Warum ist dieses Stück Kultur so wichtig, Herr Plettenberg?
Zwischen Wachen und Schlafen, Leben und Tod, liegen Passagen der Verwandlung und der Grenzübertritte in eine vielschichtige Welt. Alles besitzt eine andere Art der Deutung, einen verborgenen Sinn. Diese Transformationsprozesse sind ein wichtiger Teil der wirkmächtigen Inszenierung. „zwischen//welt” sieht sich als komplexes und ergebnisoffenes Experiment, also ganz frei von Weltanschauung und Glaube.
Worum geht es konkret im Kulturexperiment „zwischen//welt“ von Thomas Nufer, der auch Regie führt?
Das Stück eröffnet die Chance mit allen Sinnen nachzuvollziehen, was in einer Palliativsituation geschieht. Damit lenkt das Stück das Augenmerk auf eine ganz ungewöhnliche Art der Medizin, auf die so wichtige Palliativmedizin, bei der es nicht mehr darum geht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zu geben.
Warum ist das so wichtig?
Zwischen Wachen und Schlafen, Leben und Tod, liegen Passagen der Verwandlung und der Grenzübertritte in eine vielschichtige Welt. Alles besitzt eine andere Art der Deutung, einen verborgenen Sinn. Diese Transformationsprozesse sind ein wichtiger Teil der wirkmächtigen Inszenierung. „zwischen//welt” sieht sich als komplexes und ergebnisoffenes Experiment, also ganz frei von Weltanschauung und Glaube.
Worum geht es in „zwischen//welt“?
Eigentlich um fast alles zwischen Leben und Tod. Der Schauspieler Ulrich Bärenfänger übernimmt die Rolle des todkranken Berliner Kunstmalers Tomasz und Schauspieler Martin Schlathölter die seines einfühlsamen Palliativ-Pflegers Jens Lamberti in einem vielschichtigen Beziehungsgeflecht in der Endphase zwischen Leben und Tod. Der Palliativpfleger Jens erweist sich als ein einfühlsamer Begleiter in Tomasz’ schwierigster Lebensphase. Er versucht auf die Bedürfnisse und Gefühle seines Patienten Tomasz spontan und vielgestaltig zu reagieren, wenn es auch bisweilen kriselt zwischen den beiden Männern.
Wie wird dieses Miteinander auf der Bühne gezeigt?
So unterschiedlich wie sich das Leben an sich ja auch zeigt. Das Miteinander zwischen Patient und Pfleger wird dargestellt zwischen dramatischen Krisen und schönen Momenten, zwischen Ernst und Heiterkeit, sich auch sehr spannend entwickelt hin zu einem finalen Kunstwerk. Das will der Kunstmaler Tomasz noch unbedingt realisieren, bevor sein Leben endet. Schauspielerin Christiane Hagedorn verbindet als Sprecherin pointiert die einzelnen Szenen auf der Bühne.

Thomas Nufer und ich , sind uns ziemlich ähnlich
So lenkt das Stück „zwischen//welt“ das Augenmerk auf die Palliativmedizin …
Ja, und dieser Blick ist auch wichtig um die Palliativmedizin aus ihrem bisherigen Schattendasein mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Denn bei der Palliativmedizin geht es nicht darum dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zu geben.
Das haben Sie sehr gut formuliert, Herr Plettenberg. Und warum ist es wichtig, dass das Stück „zwischen//welt“ gerade in Hiltrup gezeigt und gesehen wird?
Thomas Nufer konnte seine inspirierende Eindrücke „zwischen//welt“ auf der Palliativ-Station im Herz-Jesu-Krankenhaus sammeln. Sein tiefsinniges Kulturexperiment sensibilisiert trefflich für das Thema Palliativmedizin.
Warum wird das Stück „zwischen//welt“ im Kulturbahnhof Hiltrup aufgeführt?
Das Motto „Treffpunkt kultureller Vielfalt“ ist im Kulturbahnhof Hiltrup in jedem Wortsinn Versprechen und Zukunftsvision. „Kulturelle Vielfalt“ bedeutet nicht nur einen bunten Reigen an Musik-, Ausstellungs- , Party- und Theaterveranstaltungen.
Sondern?
Kultur ist bei uns im Kulturbahnhof Hiltrup vielmehr die enge Verknüpfung an Lebenswelten, an den Stadtteil, an Menschen und Zielgruppen, an Themen und an Herausforderungen, die das „Stadt-Bild“ im besten Wortsinne prägen. Man muss auch wissen: Wir bekommen keine öffentlichen Förderungen. Was uns vor allem motiviert und antreibt sind die treuen Besucher und das die Besucherzahlen stetig wachsen.
Wie haben Sie Thomas Nufer, Autor und Regisseur von „zwischen//welt“, eigentlich kennengelernt?
Ein Zuschauer der von mir im Kulturbahnhof seit drei Jahren mehrfach im Jahr moderierten Talkshow „Hiltruper Frühstücknoten“ empfahl mir, mal unbedingt Thomas Nufer als Talkgast einzuladen. Nufer ist ja in Münster vor allem bekannt als Erfinder der sehr erfolgreichen „Grünflächenunterhaltung“ und des „West-Östliche-Diwan“.
Und wie lief das Kennenlernen dann so ab?
Wir kamen so gut ins Gespräch, dass daraus unzählige Ideen und Projekte entstehen. Und echte Freundschaft. Wir sind uns ziemlich ähnlich. Thomas Nufer und ich sind beiden vor dem 60ten Geburtstag geflüchtet. Ich moderiere zwar die „Hiltruper Frühstücksnoten“ mag es aber nicht, mich selbst zu feiern. Und ich finde Stücke wie „zwischen//welt“ sehr wichtig.
Warum?
Das Stück „zwischen//welt“ eröffnet die Chance, mit allen Sinnen nachzuvollziehen, was in einer Palliativsituation geschieht. Zwischen den Welten von Wachen und Schlafen, Leben und Tod, liegen Passagen der Verwandlung und der Grenzübertritte in eine vielschichtige neue, kaum fassbare Welt.
Was ist anders?
In der Palliativsituation besitzt alles eine andere Art der Deutung, einen verborgenen Sinn. Diese Transformationsprozesse sind ein wichtiger Teil der Inszenierung. Und diese Inszenierung ist besonders, auch weil das Theaterstück „zwischen//welt” sich als komplexes und ergebnisoffenes Experiment sieht, als ganz frei von Weltanschauung und Glaube.
Der Kulturbahnhof Hiltrup ist bekannt für Konzerte Ausstellungen und Hochzeiten. Ist es nicht ein Wagnis, Sterben als Thema auf die Bühne zu bringen?
Es gab von vielen Menschen eine Rückmeldung und zunächst Zweifel, in der heutigen Zeit mit ihren grausamen Überfällen auf die Ukraine oder jetzt auf Venezuela, so ein Stück über Leben und Tod auf die Bühne zu bringen. Es gab anfangs in der Tat Bedenken, ob das Thema Palliativmedizin auch unser Publikum interessiert, aber schließlich waren sich die Verantwortlichen vom Verein Kulturbahnhof Hiltrup schnell einig. Denn Sterben gehört zum Leben ja einfach dazu.

Sie haben sich das Stück „zwischen//welt“ bereits angesehen. Warum sollte man es auf keinen Fall verpassen?
Das Stück „zwischen//welt“ Ich unglaublich kraftvoll. Auch in seiner intensiven Inszenierung mit Projektionen und Spiel. Es bündelt Kräfte, zeigt das Sterben in modernen Gesellschaften. Und, das das Sterben einfach zum Leben dazu gehört.
Was fasziniert Sie am meisten?
Ich finde die Perspektive des Stückes großartig, weil wir ja als lebende Menschen das Sterben eines anderen Menschen immer aus der Vogelperspektive sehen und nicht per Nahaufnahme.
Stimmt. Darüber habe ich noch nie nachgedacht …
Ich vorher auch nicht. Ich habe das selbst bei sterbenden Angehörigen gesehen, das wir Lebenden selber mit einer gewissen Distanz auf den Tod draufgucken. Sicher auch aus Gründen des Selbstschutzes und der Unsicherheit.
Was macht Autor und Regisseur Thomas Nufer nun anders?
Er experimentiert tiefsinnig, er findet andere Wege der Darstellung.
Inwiefern?
Thomas Nufer sorgt für tiefe Nahaufnahmen und macht auch die Gedankenwelt des Sterbenden sicht- und erfahrbar. Er zeigt Bewusstsein und Unterbewusstsein. Eine solche kraftvolle, tiefsinnige wie nachhaltig inspirierende Beschäftigung mit dem Tod wie in dem Stück „zwischen//welt“ ist für uns Lebende ein Gewinn. So ist meine tiefe Empfindung. Und das Stück passt perfekt zum Kulturbahnhof Hiltrup.
Warum?
Eines unserer Hauptziele im Kulturbahnhof ist die Begegnung ist, mit Kulturen, anderen Gedanken, anderen Lebenswelten, auch mit jenen, die auf den ersten Blick schmerzhaft sein können. Ich finde, sich mit der eigenen Sterblichkeit zu konfrontieren ist der höchste Anspruch von Kultur – gerade im Paradoxon von Sterben und Erlebniskultur. Wenn man Sterben als Teil seines Lebens verbuchen kann ist Sterben ein Gewinn.
Wir wollen nicht zu viel verraten, aber welches Gefühl hatten Sie am Ende des Stückes „zwischen//welt“?
Bei mir hat sich am Ende ein durchweg positives Gefühl eingestellt, das Sterben einfach mitdazugehört. Das zu wissen und zu fühlen ist unheimlich kraftvoll. Es ist ein wichtiger Gegenentwurf zum langläufigen Klischeebild des bösen Todes. Ein Gegenentwurf, der nachwirkt, inspiriert und gut tut. Und der das Leben abbildet.
Reinhard J. Plettenberg (60) ist Volkswirt und Pädagoge. Er arbeitet zur Hälfte als Pädagoge bei Westfalenfleiß und freiberuflich als Veranstaltungsmanager und als Moderator der „Hiltruper Frühstücksnoten“. Vorverkauf des Stückes „zwischen//welt“: Stadtteilbücherei St. Clemens/Infopunkt-Hiltrup. Es gibt im Kulturbahnhof Hiltrup auch eine Abendkasse.
Alle Infos, auch Online-Tickets: https://kulturbahnhof-hiltrup.de/veranstaltung/2026/02/zwischenwelt-von-thomas-nufer
https://zwischen-welt.de
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Zura Badziong


