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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Peter Sauer spricht mit Reinhard Plettenberg über Stolpersteine, Liebe und Philosophie

MEIN LEBEN IST EIN FLICKENTEPPICH

Was haben Lanzarote, Uganda und Münster gemeinsam? Sie sind für Reinhard J. Plettenberg persönliche Kraftorte. Der 60-Jährige hat einiges erlebt, war ganz oben, ganz unten. Unser Mitarbeiter Peter Sauer unterhielt sich mit einem spannenden, weil sehr selbstkritischen Menschen, der mit „Memoiren eines Anderen“ nicht nur sein erstes Buch herausgebracht, sondern auch eine praktizierte Lebensphilosophie.

Reinhard, Du hast mit Deiner tiefsinnigen und spannenden Erzählung „Die Memoiren eines Anderen“ Dein erstes Buch veröffentlicht. Was war die Initialzündung?


Es war eine Kette von verschiedenen Sachen in den letzten Jahren. Ich war in meinem Leben nahezu permanent unterwegs. Es gab neben den Erfolgen immer wieder Brüche und Risse. Ich kenne den Wohlstand in einem Einfamilienhaus mit Familie, Frau und zwei Kindern und Top-Job auf der einen Seite und das mittellose Leben mit Nächten unter Brücken auf der anderen Seite. Ich bin ganz real nach außen geflüchtet. Genau das Gegenteil zu meiner Hauptperson im Buch, die sich nach innen flüchtet.


2021 bist Du nach drei Jahren auf Lanzarote wieder nach Münster zurückgekehrt. War das ein Auslöser?


Ja. Die Zeit auf Lanzarote hat mir viel gebracht. Ich habe angefangen, Texte systematischer zu schreiben, zunächst anonym für Internetseiten. Ich habe Werbetexte für Bodenstaubsauger geschrieben, habe als Ghostwriter Autobiografien geschrieben. Ich kam mit so großer Energie von Lanzarote nach Münster zurück und bin dann in die Arbeit am Kulturbahnhof voller Elan hineingestürzt. Ich bin im Kulturbahnhof von vielen Menschen super aufgenommen worden. Mit meinen Ideen, auch mit der Moderation und Produktion des erfolgreichen Talkformates „Frühstücksnoten“.


Wie fing das eigentlich an?


Als ein Freund mich fragte, der erkrankt war, ob ich dort in Vertretung für ihn Kinoabende moderieren könnte. Und dann kam ich auf die ein oder andere Idee und der Kulturbahnhof wurde mein neues kreatives Zuhause.


Hast Du als junger Mensch schon geschrieben?


Früh Gedichte, auch Tagebuch, aber es nicht hingekriegt, jeden Tag dranzubleiben. Ich bin eher ein zurückhaltender und schüchterner Mensch, der sich nicht traut, nach vorne zu preschen. Ich verberge das hinter meiner kognitiven Fassade. Auch das ist eine Parallele zur Hauptperson im Buch. Aber mein Selbstbewusstsein ist gewachsen mit meinem Buch über einen Wissenschaftler aus Münster, der aus seiner Flucht in das Innere und das Zurückgezogene seiner Arbeit erneut flieht, um in einem fremden Land einen verschwundenen Menschen im Auftrag ihrer Angehörigen zu suchen.


Hand aufs Herz, Du hast ja schon Parallelen genannt. Ist Dein Buch „Memoiren eines Anderen“ eine Autobiografie?


Es ist keine Autobiografie, aber: Die Orte, Handlungsweisen und Lebensphilosophien haben mit mir zu tun. Die handelnde Geschichte in meinem Buch eine völlig andere ist.


Worum geht es?


Der Protagonist Prof. Paul von Hovestedt ist ein erfolgreicher Wissenschaftler, der sich in seinem Kokon am Prinzipalmarkt eingerichtet hat. Ein Literaturprofessor, ein logischer Analytiker, der mal sehr bekannt war. Ein Unfall auf Lanzarote warf ihn total aus der Bahn. Ein ungewöhnlicher Auftrag führt ihn nach Uganda. Dort findet er seine Tochter, obwohl er gar nicht wusste, dass er eine Tochter hat.


Wie viel Münster steckt in Deinem Buch?


Münster ist der Rahmen meines Lebens und auch dieser Geschichte. Sie beginnt dort und endet dort. Der Prinzipalmarkt dient als Synonym für die Lebensart. Münster ist auch Fassade, aber eben auch viel mehr. Hinter der scheinbaren Oberfläche und Arroganz des Westfalen steckt viel Bodenständigkeit und Wärme. Hier kann man sich auch in einer intellektuellen Welt gut zurechtfinden, aber auch darin verstecken.


Das Schöne ist, dass Dein Buch sehr vielschichtig aufgebaut ist, mit einer abwechslungsreichen und bildreichen Erzählsprache. Wie wichtig ist dir Philosophie?


Ich habe mich schon früh damit beschäftigt. Ich war schon als Kind und Jugendlicher oft für mich, trotz Freunden und trotz einer frühen Beziehung. Ich habe früh die Faszination von Büchern für mich entdeckt. Mit acht, neun Jahren habe ich bewusst gelesen, mit Philosophiebüchern fing ich mit elf Jahren an.


Ich habe durch das Lesen mein eigenes Denken weiterentwickelt.

Hast Du auch Tagebücher geschrieben?


Ich habe immer wieder Fragmente von Tagebüchern geschrieben, habe das aber nicht durchgehalten, jeden Tag zu schreiben. Ich habe viele Gedichte und Kurzprosa geschrieben, in meine Vokalhefte und mit Schreibmaschine auf Papier. Die habe ich analog mit Freunden geteilt. Oder in der Schülerzeitung.

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Ich überlasse es dem Leser das Dargestellte zu sortieren

Dein Buch ist ideal als Selbstmotivation geeignet, oder?


Ja, geeignet für eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Es gibt ein Kapitel, da schreibe ich über Zufall und Fügung.


Das heißt?


Mein Protagonist Prof. Paul von Hovestedt sagt, jedes Ereignis ist eine Folge vorheriger Ereignisse. Es gelingt vielen Menschen nicht, diesen Zufall und diese Fügungskette zu durchbrechen, weil sie nicht erkennen, wann der richtige Zeitpunkt und welche die richtige Art und Weise ist, diese Wirkzusammenhänge aktiv zu unterbrechen.


In Deinem Buch zitierst Du Max Frisch: „Ich halte nichts von Selbstmord, das ändert ja nichts daran, dass man auf der Welt gewesen ist, und was ich in dieser Stunde wünschte: nie gewesen sein.“ Warum?


Ich habe als junger Mensch „Homo Faber“ in einer Nacht im Bett durchgelesen.


Wow!


Für mich ist das der Zugang zu der faszinierenden Philosophie dieses Buches. Für mich heißt das: Es ist keine Option, nicht zu sein.


In Deinem Buch geht es auch um Liebe und Selbstliebe. Du bist 15 Jahre mit Deiner großen Liebe zusammen. Und wenn ich Euch beide so sehe, muss ich sagen: Real Love!


Danke Dir, Peter.


Prof. von Hovestedt versucht es in Deiner Erzählung mit seiner Assistentin Kylie. Wie schwierig ist es, „Big in Love“ zu gehen?


Das ist unheimlich schwer. Ich bin nicht vertrauensselig, habe aber zugleich einen natürlichen Drang nach Nähe und Erotik. Aber oft ist es im Beziehungsleben schwer, dass Vertrauen und Erotik auf einem die Liebe stets neu befeuernden Level bleiben. Hovestedt rutscht in Beziehungen rein, lässt sich suchen. Am Anfang ist es ein totaler Vulkan, dann folgt der Ascheregen und Kylie und Paul fegen die Scherben zusammen, um irgendwie weiterzumachen. Allerdings bleibt die Erotik auf der Strecke. Kylie sorgt dafür, dass Paul von Hovestedt nach Uganda geht. Um einen Menschen zu suchen.


Seine Auftraggeberin ist auch eine Frau. Sie gibt sich als Miriam aus, heißt aber Nora.


Der Leser erfährt so viel, wie Protagonist Paul auch, oft sogar viel eher.

Dein Buch ist verzwickt geschrieben, was aber den besonderen Reiz ausmacht. Es gibt verschiedene Erzählebenen. Wird der Leser zum Sortierer?


Ja. Das ist mein Anspruch. Ich überlasse es dem Leser, das Dargestellte zu sortieren. Der Auftrag ist auch gleich zu Beginn des Buches so formuliert und das macht es total spannend.


Ich finde vor allem die Erlebnisse in Uganda spannend. Wie war Deine Zeit dort?


Ich möchte die Zeit dort nicht mehr missen, auch die reale Begegnung dort mit meiner Tochter, die dort in einer Schule arbeitete. Ich habe sie besucht und wir sind dann, wie die beiden im Buch, durch ganz Uganda gereist.


Was ist Dir besonders in Erinnerung geblieben?


Jedes Kind bekam zur Einschulung ein kleines Ferkel geschenkt. Das wurde liebevoll aufgezogen. Am Ende der Schulzeit wird das ausgewachsene Schwein verkauft und der Erlös ist das Startgeld für die Kinder. Das finde ich super! Man verliert in Afrika viel von seiner europäischen Überheblichkeit. Im Diner mussten wir mal länger aufs Essen warten. Da fragte uns ein Mann, ob wir etwas von seinem Essen haben wollten. So etwas kann man sich in Deutschland nicht vorstellen, oder?!


Richtig. Was mir in Deinem Buch auffiel, ist die filmische Dramaturgie.


Ich denke in Bildern. Ich habe früher bei meinen kleinen Super-8-Filmen nie Schwenks gemacht, sondern immer Schnitte. Wir gucken im Leben in Schnitten, nicht in Schwenks. Wir denken auch in Schwenks. Ich habe niemals kontinuierliche Gedankengänge. Es prasselt in meinem Kopf vor tausenden unterschiedlichen Ideen.

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Stolpersteine sind Punkte im Leben an denen man innehält

Wie wichtig ist Dir Humor?


Sehr. Ich bin ein humorvoller Mensch. Aber: Ich werde humorlos, wenn ich verunsichert bin. Wenn ich sicher bin, liebe ich den schwarzen Humor. Es ist wichtig, aus Situationen das Positive, das Lachen daraus zu ziehen.


Was ist Deine (Über-)Lebensphilosophie?


In der Situation sein. Authentisch sein. In dem Moment sein. Zeit anhalten können. Im Moment sein ist etwas, was ich unglaublich gut kann. Was ich auch liebe. Dann lache ich. Dann albere ich herum.


Wieso bezeichnest Du Lebensabschnitte als Stolpersteine?


Stolpersteine sind Punkte im Leben, an denen man innehält, nicht zwingend hinfällt, sondern darauf achtet, wo man ist. Mein Leben hat keine innere Logik. Das ist ein Flickenteppich. Da bin ich mittlerweile stolz drauf. Ich habe gelernt, an Stellen, wo ich nicht mehr richtig, also nicht mehr erwünscht bin, einfach zu gehen.


Deine Zeit in Lanzarote und in Uganda war sehr wichtig für Dich. Und der Kulturbahnhof?


Der Kulturbahnhof Hiltrup ist ein Anker. Nach Jahren der Scheu vor Menschen und Öffentlichkeit stand ich dort wieder auf der Bühne. Mit meiner eigenen Show „Frühstücksnoten“.


Wie war die Premiere?


Es waren nur etwa 20 Leute da, da war der Kulturbahnhof für mich wie einen Berg besteigen. Es hat mir mein verloren geglaubtes, aber verschollenes Selbstbewusstsein zurückgegeben. Es gibt rund 80 sehr unterschiedliche Menschen, die im Kulturbahnhof tätig sind. Einige davon gehen mit mir Wege, unterstützen mich. Das ist sehr gut.


Du lebst in einem schönen Haus in Hiltrup Ost. Wie kam es dazu, dass Du früher einige Zeit als Obdachloser in Münster gelebt hast?


Ich hatte damals einen unglaublich erfolgreichen Job im Ruhrgebiet, bis ich über eine haltlose Mobbingkampagne gestolpert bin, total im freien Fall. Das ging groß durch die Medien. Ich stand in der BILD. Mit seitenfüllendem Foto.


Aber nicht mit Klarnamen, oder?


Doch, mit Klarnamen von mir. Ich konnte nicht mehr in den Supermarkt gehen. Es gab später eine Gegendarstellung, klein und versteckt in der BILD, von kaum einem gelesen. Ich kenne heute die Gründe der Akteure, das ist alles jetzt schon 15 Jahre her. Da habe ich durch die Schmutz- und Mobbingkampagne auf einen Schlag meinen Job, meine Familie in Dülmen, das Haus, mein gesellschaftliches Ansehen verloren.


Was hat das mit Dir gemacht?


Ich war handlungsunfähig. Ich habe Gerichtstermine versäumt. Es war hammermäßig, was das gemacht hat mit mir. Ich habe wirklich den Kopf in den Sand gesteckt. Ich habe gar nichts gemacht. Ich war nicht in der Lage, etwas zu machen. Letzten Endes habe ich mich wiedergefunden, wie ich durch die Straßen lief. Völlig mittellos.


2013 kamst Du obdachlos in Münster an. Wo hast Du überlebt?


Am Aasee, am Bahnhof, unter den Brücken. Ich hatte kein Geld. Auch weil ich mich nicht darum gekümmert hatte, irgendetwas zu bekommen. Ich wollte einfach nur für mich sein. Meine Ruhe haben. Es dauerte lange, bis es mir gut ging.

Reinhard J. Plettenberg (60) arbeitet zur Hälfte als Pädagoge bei Westfalenfleiß und freiberuflich als Veranstaltungsmanager, Moderator und Buchautor. Er war Aus- und Weiterbilder, arbeitete im Jugendamt, als Berater im Veranstaltungs-, Touri- und Gesundheitsbereich und als langjähriger Prokurist eines der größten Freizeitbäder. Er lebt in Hiltrup. „Memoiren eines Anderen“ ist bei Amazon erschienen (ISBN: 9798182427470). Eine Lesereise hat gerade begonnen.

www.instagram.com/r.j.plettenberg/. 

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Armin Zedler und Reinhard J. Plettenberg

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