
Tom Feuerstacke und Philipp Hagemann bewegen sich verbal zwischen Rathausbank und Anstoßkreis
ZWISCHEN PFEIFE, POLITIK UND PREUßEN
Er ist einer, der selten stillsitzt: morgens Mandant, nachmittags Rathaus, am Wochenende Kreislinie statt Kreißsaal. Wer im Münsteraner Amateurfußball unterwegs ist, kennt seinen Namen – Philipp Hagemann, Schiedsrichterchef, Netzwerker, Kümmerer. Und wer Politik verfolgt, begegnet ihm wieder: Ratsmitglied, SPD, eher leise als laut, aber beharrlich. Ein Mann zwischen Aschenplatz und Ausschusssitzung, der sich gern einmischt, wenn ihn etwas ärgert – und dann nicht meckert, sondern macht. Wir treffen ihn dort, wo beides zusammenläuft: im Stadion von Preußen Münster, wo er Bundesligaschiedsrichter betreut, ihnen Kaffee organisiert und Linien checkt. Ein Gespräch über Ehrenamt, Fehlpfiffe, Nachwuchs, Bierchen nach dem Spiel – und darüber, warum man Verantwortung manchmal einfach übernimmt, statt nur zu kritisieren.
Philipp, du jonglierst ja eine echte Dreifaltigkeit: Beruf, Ratsarbeit und dann noch Schiedsrichterchef für den gesamten Kreis Münster. Mal ehrlich: Schlaf ist doch Luxus, oder?
Weniger als früher, ja. Aber mehr oder weniger bekomme ich das hin. Es ist viel Koordination: 17 Uhr hier, 19 Uhr der nächste Termin – da musst du die Dinge sauber hintereinander bekommen. Als Freiberufler habe ich immerhin den Vorteil, dass ich mir Wochenenden oder Vormittage freischaufeln kann, wenn Politik oder Fußball ruft. Das ist schon ein Spagat, aber einer, der funktioniert.
Heißt aber auch: weniger Ehrenamt gleich mehr Einkommen. Verdienst du faktisch weniger, weil du so viel Zeit verschenkst?
Wahrscheinlich schon. Wenn ich die Stunden, die ich ins Ehrenamt stecke, voll arbeiten würde, käme mehr herum – logisch. Und ich würde vermutlich auch länger arbeiten, statt um fünf zum Rathaus zu fahren. Aber Geld ist nicht alles. Ich habe mir das ja bewusst ausgesucht. Und ich weiß: Wenn ich das Ehrenamt nicht hätte, würde ich zwar mehr arbeiten – aber mir würde auch etwas fehlen.
Der Weg ins Ehrenamt war bei dir eher Trotz als Plan. Was war der Moment, an dem du gesagt hast: Jetzt reicht’s – ich mache das selbst?
Das war so ein typischer Sonntagmorgen, 11 Uhr auf Asche, Nieselregen, und ich hatte schon beim Aufstehen keinen Bock mehr. Dann wirst du auf dem Platz auch noch angespuckt – und der Schiri macht nichts. Jemand sagt zu mir: „Dann mach’s doch besser.“ Das blieb hängen. Ich hatte gerade meine Trainerlizenz, also hab’ ich gesagt: Gut, dann höre ich auf zu spielen und werde Schiedsrichter. Wer genau da alles beteiligt war, weiß ich heute gar nicht mehr. Aber dieses Gefühl – sich nicht nur zu ärgern, sondern selbst Verantwortung zu übernehmen – das war der Start. Und dass ich später Schiedsrichter-Obmann wurde, hat sich dann einfach entwickelt.
Und politisch lief’s ähnlich: erst genervt, dann engagiert?
Ja, ziemlich genau so. Ich habe mich oft über Politik vor Ort geärgert – über Leute, die wenig gemacht haben oder es aus meiner Sicht nicht gut gemacht haben. Später musste ich mich entscheiden: Meckerst du nur oder versuchst du’s selbst besser? Ich gehöre eher zu denen, die dann einsteigen. Deshalb kann man meine beiden Wege gut vergleichen: Fußball und Politik – beides aus dem Impuls heraus, nicht nur zu kritisieren, sondern anzupacken.
Jetzt passt das Klischee ja nicht ganz: Jurist, Schiedsrichter – viele würden dich politisch eher bei FDP oder CDU verorten. Wie bist du ausgerechnet bei der SPD gelandet?
Ich komme aus Roxel, ziemlich konservatives Umfeld, auch familiär nicht politisch vorgeprägt. Aber ich habe mich früh interessiert, mit 16, und mir die Parteien vor Ort angeschaut. Und dann war’s tatsächlich Bauchgefühl: Ich bin ein sozialer Typ, setze mich gern für andere ein, denke auch an Leute, denen’s nicht so gut geht. Und das habe ich damals bei der SPD stärker gespürt als anderswo – dieses „auch mal für andere denken“. Also bin ich mit 17 eingetreten. Innerhalb der SPD gelte ich heute teilweise selbst als eher konservativ – das stimmt in Teilen, in anderen nicht. Aber die Grundentscheidung von damals habe ich nie bereut.
Du sitzt im Sportausschuss und bist Schiedsrichterchef – da kommt man um alte Weggefährten nicht herum. Wann hast du zuletzt mit Gereon Melchers ein Bier getrunken?
Zugegebenermaßen weiß ich gar nicht, ob wir überhaupt mal zusammen ein Bier getrunken haben. Wir sehen uns gelegentlich zufällig bei Preußen, er ist als Dopingkontrolleur unterwegs. Dann schüttelt man sich die Hand, wechselt ein paar Worte, und das war’s. Also: professionell, korrekt – aber jetzt keine Stammtischrunde.
Euer Verhältnis galt als angespannt, gerade nach seiner Abwahl und deinem Amtsantritt. Kann man sich heute wieder in die Augen schauen?
Ja, auf jeden Fall. Wobei wichtig ist: Die Abwahl ging gar nicht von mir aus. Ich wollte keinen Wechsel erzwingen. Aber aus Vereinen und aus der Schiedsrichterschaft selbst kam damals der Wunsch nach Veränderung, auch vom Kreisvorsitzenden. Wir waren als Kreis eher Durchschnitt – bei Zahlen, Entwicklung, Perspektiven. Da musste sich was tun. Gereon war natürlich sauer, das verstehe ich auch. Er hat noch ein paar Jahre hier gepfiffen, sogar bis 62 in der Kreisliga, dann war regelbedingt Schluss und er ist nach Gütersloh gewechselt. Heute ist es ein sachliches Miteinander, ohne Groll.
Und was genau hast du verändert, damit sich dieser „Neustart“ auch lohnt?
Wir sind jünger und moderner geworden – primär im Umgang mit den Schiedsrichtern selbst. Die Jüngeren werden früh wertgeschätzt und merken: Hier kannst du dich entwickeln, hier wirst du nicht ausgebremst. Früher hieß es: Wer selbst spielt, kann kein Schiri sein. Wir sagen: Klar geht beides. Samstag Jugend pfeifen, Sonntag Trainer oder Spieler – warum nicht? Wir sind flexibler bei Ansetzungen, vernetzen uns stärker mit Nachbarkreisen und dem Verband, und wir bringen wieder Gemeinschaft rein: Treffen, Schiri-Mannschaft, Austausch. Das klingt banal, aber genau dieses Gefühl, Teil von etwas zu sein, hält Leute im Ehrenamt. Und das hat uns wirklich vorangebracht.
Hast du das Gefühl, dass sich auch das Verhältnis zwischen Schiedsrichtern und Mannschaften verbessert hat?
Ja, schon. Wir gehen heute viel offener auf die Vereine zu und holen aktiv Feedback ein – das ist auch eine Linie unseres Kreisvorsitzenden Norbert Krevert. Ich bekomme Anrufe, WhatsApps, Mails: von „Boah, der war richtig stark“ bis „Über die Leistung müssen wir mal reden“. Beides ist wichtig. Wir hören zu, schauen uns Fälle an und spiegeln das zurück. Diese Dialogkultur gab’s früher so nicht – und die zahlt sich aus.

Das ist Fluch und Segen zugleich
Du zeigst sogar Videos herum, hab’ ich gesehen. Holst du dir bewusst auch Einschätzungen von Nicht-Schiris?
Ja, weil heute fast jedes überkreisliche Spiel gefilmt wird. Das ist Fluch und Segen zugleich – aber vor allem eine riesige Lernchance. Junge Schiedsrichter schicken mir Szenen, die sie selbst herausgeschnitten haben, und fragen: Wie siehst du das? Dann geben Lehrwarte oder erfahrene Kollegen Feedback. Auch Vereine schicken uns Clips. Wir schauen gemeinsam drauf und lernen alle. Diese Transparenz hilft enorm – auch fürs Verständnis auf beiden Seiten.
Wenn man ins Ruhrgebiet schaut: mehr Gewalt, mehr Eskalation. Im Kreis Münster bleibt’s vergleichsweise ruhig. Ist das Ergebnis eurer Linie?
Teilweise ja – aber nicht nur. Wir profitieren auch von unserem Umfeld: viele studentische Teams, Vereine mit klarer Kultur, Trainer, die sagen: Spielt Fußball, macht kein Theater. Aber wir leben Prävention auch konsequent vor. Wenn wir merken, dass was kippt – viele Rote Karten, Beleidigungen, gerade rassistische oder homophobe Sprüche –, gehen wir sofort auf die Vereine zu. Kreisvorstand, Sportgericht, Staffelleiter: Alle ziehen an einem Strang. Wir sprechen Probleme früh an, führen Vereinsdialoge und erinnern an Verantwortung. Und das wirkt. Manchmal reicht schon ein klares Signal: Fahrt mal runter. Genau dieses frühe Eingreifen sorgt, glaube ich, dafür, dass Dinge hier gar nicht erst eskalieren.
Nach den Stadtmeisterschaften hast du gesagt: Ein erfahrener Schiedsrichter hätte diese Zwei-Minuten-Strafe im Finale vielleicht nicht gegeben. Klingt so, als sei das Spiel an fehlender Erfahrung entschieden worden. War das dein Punkt?
Nee, so war’s nicht gemeint. „Nicht erfahren“ heißt nicht jung oder unfähig – sondern vielleicht jemand, der noch nicht so viele Endspiele in dieser aufgeheizten Atmosphäre geleitet hat oder vom Typ her strenger ist. Regeltechnisch war die Entscheidung korrekt, da sind sich unsere Lehrwarte einig: leeres Tor, taktisches Foul, klare Zeitstrafe. Aber in so einem Finale kannst du natürlich überlegen: Muss ich das jetzt zu 120 Prozent durchziehen oder lasse ich’s laufen, um Ruhe hereinzubringen? Das ist Spielmanagement. Ich hätte vielleicht gezögert – aber ein Fehler war es nicht.
Trotzdem gab’s massive Vorwürfe gegen den Schiedsrichter. Wie bist du damit umgegangen?
Ich fand die Reaktionen überzogen. Der Kollege wurde nach Abpfiff regelrecht umringt, auch von Funktionären, es gab sogar körperlichen Kontakt – unser Assistent musste dazwischengehen. Wir haben die Videos gesehen und ernsthaft überlegt, das ans Sportgericht zu geben. Haben wir aber nicht, weil wir es bewusst runterkochen wollten. Emotionen direkt nach einem verlorenen Finale verstehe ich ja. Aber da ist eine Grenze überschritten worden, und die haben wir intern sehr klar benannt.
Du hast dich ja sogar mit einem der Trainer zusammengesetzt – inklusive „Friedensbier“. Hat das geholfen?
Sagen wir: ein halbes Friedensbier. Wir haben gesprochen, offen, auch über sein Verhalten, und ich habe ihm angeboten, die Videos gemeinsam anzuschauen. Da sieht man eben, wie der Schiedsrichter bedrängt wurde. Einig waren wir uns an dem Abend noch nicht – es war zu frisch. Aber wichtig war: Wir bleiben im Gespräch. Genau das ist unsere Linie im Kreis: Konflikte nicht eskalieren lassen, sondern klären. Und manchmal dauert das eben länger als ein Spiel und ein Bier.
Diese Hallensaison hatte gefühlt einen neuen Fangesang: „Schieber“. Selbst bei der U13. Was treibt Zuschauer an, ehrenamtliche Schiris so anzugehen?
„Schieber“ ist noch die höfliche Variante. Wenn du dir Turniere im Ruhrgebiet oder in manchen Nachbarkreisen anschaust, geht’s deutlich härter zu – bis zu Innenraumbetretungen oder Massenszenen. Das ist leider auch eine gesellschaftliche Entwicklung: schneller pöbeln, schneller beschuldigen. In Münster ist es zum Glück vergleichsweise harmlos, auch weil Ausrichter und Hallensprecher oft sofort eingreifen und Respekt einfordern. Aber ja, ich habe das auch stärker wahrgenommen: ganze Gruppen, die plötzlich lossingen oder pfeifen. Das tut keinem gut – und schon gar nicht einem 17-jährigen Schiedsrichter, der das hobbymäßig macht.
Trotzdem findest du weiter Nachwuchs. Wie passt das zusammen?
Erstaunlich gut sogar. Wir haben inzwischen über 300 Schiedsrichter im Kreis – das ist stark. Gerade am Wochenende hatten wir wieder einen Lehrgang in Kaiserau mit Jungschiris, super betreut, etwa von Jugend-Bundesliga-Schiri Jonas Ritter. Da kommen richtig gute Leute nach. Also: Die Lust ist da, trotz Druck von außen. Aber es gibt eine große Baustelle.
Welche?
Schiedsrichterinnen. Davon haben wir viel zu wenige – vielleicht eine, zwei Handvoll. Dabei haben wir in Münster die meisten Frauen- und Mädchenmannschaften in ganz Westfalen. Wir besetzen sogar jede Frauen-Kreisliga B mit Schiris, was viele Kreise nicht schaffen. Oben sind wir top aufgestellt: Regionalliga, internationale Assistentinnen, Bundesliga-Erfahrung. Aber in der Breite fehlen Frauen. Da wünsche ich mir, dass gerade Vereine mit vielen Mädchen- und Frauenteams mehr eigene Schiedsrichterinnen melden. Davon profitieren am Ende alle – und der Fußball wird vielfältiger und stabiler.
Du sagst, im Kreis fehlen dir real etwa 30 Schiedsrichter – auch, weil viele lieber ins Preußen-Stadion gehen. Zeigt das nicht den Spagat zwischen Amateur- und Profifußball?
Total. Wenn Preußen sonntags spielt, sehen wir sofort die Lücken: Spieler wollen selbst ins Stadion, Spiele werden verlegt, Gegner können nicht – und uns fehlen plötzlich Ansetzer. Ich sage immer halb im Spaß: Von unseren gut 300 Schiris blocken sich 30 bis 50 an solchen Wochenenden selbst, mich eingeschlossen. Das ist verständlich, aber zeigt den Zielkonflikt. Der Amateurfußball läuft parallel zum Profifußball – und verliert dann eben Personal für ein paar Stunden.
Beim Fußball klappt die Nachwuchsgewinnung trotzdem hervorragend. In der Politik dagegen wirkt alles eher ausgedünnt. Was müsste sich ändern, damit mehr junge Leute nachrücken?
Ich wünschte, ich hätte die eine Lösung. Ich sehe nur: Politik läuft heute stark über Social Media, über TikTok – und da erreichen extreme Parteien junge Leute gerade viel direkter. Ich selbst ticke anders: Ich finde persönliche Begegnungen wichtiger als Clips. Aber das macht es schwerer, junge Menschen für klassische Parteiarbeit zu gewinnen. Klar gibt’s Jugendorganisationen, aber am Ende muss jeder für sich schauen: Wo kann ich mich einbringen? Das muss nicht mal parteiisch sein, das kann auch sozial oder lokal sein. Ein fertiges Konzept habe ich zugegebenermaßen nicht.

Schiedsrichterinnen, davon haben wir viel zu wenig
Du bist inzwischen selbst „mittlere Generation“ im Rat. Macht dir diese Entwicklung Sorgen?
Ja, schon. Früher war ich einer der Jüngeren, heute bin ich einer der Älteren im Gremium. Und ich sehe, wie schwer es wird, Leute zu finden, die langfristig Verantwortung übernehmen wollen – ehrenamtlich, mit viel Zeitaufwand, wenig Anerkennung. Beim Fußball helfen Gemeinschaft, Teamgefühl und klare Entwicklung. Politik ist da komplizierter, konfliktbeladener, öffentlicher. Und ehrlich: Mein Schiedsrichterkonzept lässt sich nicht einfach übertragen. Am Wochenende ist bei mir Sport – die Partei muss sich selbst kümmern. Aber dass uns politischer Nachwuchs fehlt, das sehe ich genauso kritisch wie du.
Du sagst selbst: Eines Tages hörst du auf. Hast du Sorge, dass dann Lücken entstehen – im Kreis oder politisch?
Im Moment, offen gestanden, nicht. Wir haben im Rat und auch in der Fraktion gute junge Leute – Lia, Noah, da wächst was nach. Klar, früher waren Parteien voll mit jungen Aktiven, das hat sich verändert. Aber ich sehe trotzdem engagierte Leute, die Verantwortung übernehmen wollen. Im Fußballkreis genauso: Da sind viele Jüngere, die Schritt für Schritt hochgehen. Dieses System funktioniert ja – du überspringst nichts, entwickelst dich. Deshalb bin ich da ziemlich entspannt.
Was wünschst du dir konkret für die Zukunft des Fußballkreises?
Eigentlich, dass vieles so bleibt. Wir haben einen starken Kreisvorstand, einen engen Draht zu Norbert, gute Strukturen. Besonders im Frauen- und Mädchenfußball sind wir richtig gut aufgestellt – das soll weiter wachsen. Und auch im oberen Schiedsrichterbereich haben wir Talente, die nachrücken werden. Da mache ich mir wenig Sorgen. Kontinuität ist gerade unsere Stärke.
Du hast noch ein besonderes Feld erwähnt: deine Rolle rund um Preußen und den Profifußball. Was machst du da genau?
Das ist ein solches Hobby im Hobby. Nach dem Aufstieg von Preußen in die 2. Liga kam die Anfrage: Kannst du uns bei den Schiedsrichterthemen unterstützen? Also bei Abläufen, Kommunikation, Ansprechpartnern – gleichermaßen Schnittstelle zwischen Profiklub und Schiedsrichterwesen. Früher hat das intern jemand mitgemacht, aber in der 2. Liga wird das alles professioneller. Und mir macht das riesig Spaß, weil ich beide Welten kenne: Amateurbasis und Profilogik. Das ist noch einmal eine ganz eigene Perspektive auf Fußball – und eine, bei der ich merke, wie viel Erfahrung aus dem Kreis plötzlich auch ganz oben gefragt ist.
„Schiedsrichterbetreuung bei Preußen“ klingt nach Funktionärsdeutsch. Was machst du da ganz konkret?
Ganz praktisch: Ich hole die Schiris am Spieltag im Hotel ab und fahre sie ins Stadion. Zwei, zweieinhalb Stunden vorher sind wir da, dann Kaffee, Kuchen, ein bisschen Austausch – wie läuft’s im Verband, wie geht’s Kollegen wie Florian oder Vanessa? Dann kommt der DFB-Beobachter, der Physio, wir schauen uns den Platz an: Linien okay, Netze heil, Technik wie VAR-Anbindung funktioniert. Und nach dem Spiel bringe ich sie zurück oder wir trinken noch ein Bier, je nach Ansetzung. Das ist Betreuung im Wortsinn – kümmern, begleiten, ansprechbar sein.
Du verpasst dafür sogar Teile des Spiels, hast du erzählt. Lohnt sich das wirklich?
Ja, vollkommen. Ich muss zur Halbzeit in die Kabine, wenn Essen geliefert wird, damit alles passt – da fehlen mir dann zehn Minuten zweite Hälfte. Ich habe schon Tore deswegen verpasst, aber ich habe dafür Zugang zum gesamten Innenraum, einen Arbeitsausweis, überall rein – das ist besonders. Und du bist ganz nah dran: Gespräche mit Bundesligaschiris aus anderen Kreisen, Austausch über Strukturen, Probleme, Lösungen. Für jemanden aus dem Amateurbereich ist das extrem spannend.
Und wie kommt man an einen solchen Job – einfach, weil man ohnehin immer im Stadion ist?
Fast. Preußen hat nach dem Aufstieg in die 2. Liga jemanden gesucht, der die Schiris organisatorisch unterstützt. Früher lief das intern mit, aber im Profibereich wird alles formeller. Und weil ich ohnehin jedes Heimspiel da bin und die Schiedsrichterwelt kenne, haben sie mich gefragt. Klar kostet das Zeit – ich bin meist der Erste im Stadion und der Letzte, der geht. Aber ich gehe ohnehin hin. Und so wird aus Stadionbesuch plötzlich eine Aufgabe, die richtig Spaß macht.
Hand aufs Herz: Beim Bier nach dem Spiel – juckt es dich da nie zu sagen: „Ey, was hast du denn da gepfiffen?“
Ganz ehrlich: Diese Bierchen gibt’s viel seltener, als man denkt. Das passiert nur bei Abendspielen, wenn alles entspannt lief und die Schiris überhaupt Lust haben, auszugehen. In Münster sagen viele: Hier fühlen wir uns wohl, hier kann man noch raus. In anderen Städten bleibst du lieber im Hotel. Und wenn wir dann zusammensitzen, bin ich nicht der, der nachtritt. Die wissen selbst genau, was sie gepfiffen haben. Wir reden eher über Strukturen, Kreise, Entwicklung – weniger über einzelne Pfiffe.
Du bist für viele Bundesligaschiris ja fast Gastgeber geworden. Was macht Münster für sie besonders?
Ich gebe denen vorher Tipps: Geht auf den Markt, in die Röstbar, hier essen, da Kaffee. Die kommen oft mit Familie oder Freunden, benötigen Tickets, haben Jubiläumsspiele – da helfe ich. Und nachher schreiben sie: War wieder super bei euch. Das ist schon ein schönes Verhältnis geworden. Und für unsere Nachwuchsschiris ist das Gold wert: Wenn plötzlich ein Bundesligamann sagt „Bring den Jungen mal runter“ und ein 14-Jähriger steht unten in der Kabine – der kommt mit Tränen in den Augen wieder hoch und sagt: Ich will nur noch pfeifen. Genauso haben wir schon Leute richtig angefixt.
Gab’s jemanden, der dich persönlich besonders beeindruckt hat?
Patrick Ittrich war natürlich stark – Bundesliga, offen, nahbar, sofort bereit für Nachwuchs. Aber der Coolste für mich war Richard Hempel. Ich kannte ihn nicht, sage: „Hallo Richard, ich bin Philipp.“ Und er: „Call me Richie.“ Alle nannten ihn so. Dann gab’s diese Szene, als Fans in den Innenraum drängten. Ich renne runter, Wasser holen, frag: Willst du unterbrechen? Und er, ganz ruhig: „Philipp, das juckt mich gar nicht. Wir spielen weiter.“ Sozialpädagoge, Osttyp, vollkommen gelassen. Diese Ruhe, dieses Selbstverständnis – das fand ich beeindruckend. Da merkst du: Persönlichkeit pfeift mit.
Und am Ende – trotz Bundesliga-Glanz: Was macht dir mehr Spaß?
Ehrlich? Fast noch meine eigenen Spiele im Kreis. Bundesliga ist spannend, keine Frage. Aber wenn du Samstag auf einem Platz stehst, Leute kennst, Atmosphäre spürst – das ist mein Fußball. Das andere ist das Sahnehäubchen obendrauf.
Danke Philipp für das Gespräch.
Danke dir, Tom.
Philipp Hagemann
Der 1977 in Münster geborene studierte Rechtsanwalt ist Jurist, sitzt für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) im Rat der Stadt Münster und ist Chef der Schiedsrichter im Fußballkreis Münster. Wenn er dann noch Zeit findet, kreuzt er gerne auf einem Schiff über die sieben Meere.
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Philipp Hagemann & shutterstock


