
Arndt Zinkant im Gespräch mit Radio-Urgestein Peter Sauer
ADRENALIN UND GLÜCKSHORMONE
Peter Sauer liebte stets das Kino – genauso aber jenes „Kino im Kopf“, das der magische kleine Kasten namens Radio ihm bereits als Kind bescherte. Kein Wunder, dass es ihn später zum Rundfunk zog. Und: Zum Musikjournalismus. Den zelebriert der Mann mit der bassigen Stimme nun auch in der Sendung „Gila Gila“ in Doppelmoderation mit Kollegin Gila Marali – spontan und sympathisch im Impro-Talk.
Peter, du bist in deinem langen Journalistenleben sehr vielseitig unterwegs gewesen – aber deine erste große Liebe war das Radio. Warum?
Schon als Kind wollte ich da unbedingt in diesen kleinen schwarzen Kasten rein, der sich Radio nennt. Die Stimmen, die Musik, die Geräusche, die Atmos, das alles in einem Mix – kurzum, das Kino im Kopf hat mich von Anfang an geflasht. Mich fasziniert(e) es, wie die Radiomacher ohne die Bilder, die TV und Kino haben, uns die Welt im Großen und Kleinen näherbringen, global und lokal, ernst und nachdenklich, Horizont erweiternd, unterhaltsam und witzig, authentisch und inspirierend.
Kannst du dich noch an deine ersten Mikrofon-Job erinnern?
Schon mit 13 Jahren lief ich mit einem ITT-Kassettenrekorder durch die Straßen meiner sauerländischen Heimatstadt Arnsberg und machte Umfragen zu Themen wie „Welches Auto fahren Sie?“. Später folgten eigene Hörspiele, von Grusel-, über Action- bis Western und Science Fiction. Die Schularbeiten traten in den Hintergrund, was sich dann aber negativ auf meine Schulnoten auswirken sollte.
Deine andere große Liebe war immer die Musik, deshalb hast du stets die Fühler nach Musiksendungen ausgestreckt; soweit ich weiß, bereits als Schüler. In welcher Musiksendung hast du zuerst mitgewirkt?
Oh ja. 1983 mit gerade mal 18 moderierte ich mit der bundesweit ausgewählten Hörerjury „Die Septobers“ in der WDR-Sendung „Schlagerrallye“ und sagte Songs an. Die hatten wir als Jury aus allen Neuveröffentlichungen vorher ausgewählt und stellten sie nun den Hörern zur Wahl vor, live aus dem Studio gegenüber des Kölner Doms. Bevor das Rotlicht anging, ging mir schon gewaltig die Flatter.
Lief‘s rund?
Ach was, Frösche im Mund, Quaddeln im Bauch, Schweiß auf der Stirn und viel zu schnell gesprochen und Endungen verschluckt. Aber: voller Adrenalin und Glückshormone.
Damit wäre der Bogen zu deinen aktuellen Sendungen bei „Gila Gila“ geschlagen – einer Musiksendung bei OS-Radio 104,8, die vor 25 Jahren von Gila Marali ins Leben gerufen wurde. Wie kam es zu eurer Co-Moderation?
Gila war Teilnehmerin meiner Sprechcoaching-Seminare, die ich an der VHS Münster gebe. 2020 lud sie mich ein, als ich mit dem Künstler Laurenz E. Kirchner das Sachbuch „BodenNullpunkt“ veröffentlicht hatte und danach noch einmal mit Dir, lieber Arndt, zum Thema Filmmusik. Es folgte eine Sendung mit Radiomoderator „Don Spell“ alias Werner Kußmann zum „Schlagerrallye-Kult“. Ob mit oder ohne Gäste im Studio: Gila und ich merkten auf Anhieb, dass die Chemie zwischen uns stimmt und wir beide fürs Radiomachen brennen. So entstanden bis heute in loser Folge zahlreiche doppelmoderierte „Gila Gila“-Ausgaben mit mir als Co-Moderator und „Musikakquisiteur“. Das nächste Mal am 13. Februar und 13. März, jeweils von 18:02 bis 19 Uhr, weltweit empfangbar im Webradio, auch per Handy unter www.osradio.de.

Das nächste Mal ist der 13. März
Ihr geht bewusst den „Impro-Weg“, moderiert also ohne vorgefertigtes Skript. Dafür muss man nicht nur Talent haben, sondern es muss auch die Chemie stimmen. Wie habt ihr Euch entwickelt?
Uns ist es wichtig, dem durchgetakteten und bis ins kleinste Detail redaktionell vorbereiteten Formatradio jenes freie Radio entgegenzusetzen, das ich von früher kenne, aus den wilden 70ern und 80ern. Gila und ich begannen mit spontanem Talk rund um Gäste und ihre Themen, wie zum Beispiel „Syrische Fluchtlyrik und ihre Klangmembrane“ mit dem Lyriker Hasan Alhasan und dem Lektor und Filmemacher Georg D. Schaaf; oder auch dem Mediziner und Coach Dr. Marc Hoefeld-Fegeler zum Thema „Gesundheit für alle!“ Das entwickelte sich dann hin zu Sendungen mit ganz verschiedenen Themen, die aus unseren Gesprächen spontan erwachsen. Ganz gleich, ob sie aus der Wirkung der gespielten Musik entstehen oder aus den jeweiligen gesellschaftlichen oder Lebensstimmungen. Mit der Zeit wurden wir immer offenherziger. Je tiefer wir improvisieren, desto mehr positives Feedback bekommen wir von unseren Zuhörern und Zuhörerinnen. Wir nehmen da kein Blatt vor den Mund – ganz im Gegenteil. Bei uns geht alles!
Außerdem sollten die Musikgeschmäcker nicht zu weit auseinanderliegen…
Doch, dürfen sogar. Gila und ich haben nicht immer den gleichen Musikgeschmack. Sie liebt mehr härteren Rock oder Rap, Grunge und Punk. Ich halte gerne mit ProgRock, New Wave, Singer-Songwriter, Blues, Synthi-Pop und Funk/Soul dagegen. So befruchten wir uns gegenseitig, also musikalisch jetzt. Haha..
Haha. Verstehe. Aber jetzt konkret: Wenn du zum Beispiel Favoriten wie Leichtmatrose, Niki Dilka, oder The Bluesanovas spielst und vorstellst – hält Gila dann mit eigenen Vorlieben dagegen?
Bei uns ist auch musikalisch alles erlaubt – also fast alles. Wir spielen keine Volksmusik und keinen Schlager. Never! Und meiden die ewiggleichen fast totgenudelten Hitschleifen und durchgeweichten Oldies, die täglich im (Format-)Radio laufen, ob bei den Öffentlich-Rechtlichen oder bei den privaten Radiosendern. Schön, dass uns OS-Radio104,8 nicht nur ein tolles Sendestudio vertrauensvoll überlässt, sondern uns auch komplett freie Hand gibt. Das gilt eben auch bei der Musikauswahl.
Auffällig ist, dass ihr den „lokalen Fokus“ auf Bands und Interpreten aus dem Raum Münster-Osnabrück zu wahren versucht. Das garantiert, dass diese regelmäßig in der Sendung präsent sind und auch Termine für die hiesigen Fans angekündigt werden. Ein schwieriger Spagat, oder?
Auf jeden Fall. Bei uns treffen die Rock-Veteranen von Deep Purple auf Elektro-Singer-/Songwriterin Ilona Koenig, Trompeter Till Brönner auf den Rapper RispectA. Aber (noch) unbekannte Interpreten und Bands sind durch den Radioeinsatz bei uns schon bekannt und bekannter geworden. Wir unterstützen auch Musikinitiativen wie „Die Box“ aus Telgte, die eben auch Lokales und Internationales vor Ort „in der Provinz“ zusammenbringt. Wir brauchen das Flair Berlins, New Yorks oder Dubais nicht wirklich.

Wir wollen Starkes von neuen Künstlern spielen
Das heißt?
Wir wollen Starkes von neuen Künstlern spielen, die mit Ecken und Kanten und authentischer Persönlichkeit nebst Talent punkten, aber kaum noch eine Chance bekommen, im Radio, im TV, bei den Plattenfirmen oder den Konzertveranstaltern. Viele müssen mit anderen Berufen ihren Lebensunterhalt verdienen, nicht wenige zweifeln an ihrer Kunst, wenn sie kein radiophones Feedback bekommen. Wir wollen genau die (Noch-) Außenseiter-Szene unterstützen, erst zum „Innenseiter“ und dann zum „Globalseller“ machen. Wir brauchen in allen Musikstilen neue Gesichter, ganz ohne KI. Und wir müssen dazu nicht jeden Trend aus USA, vom Ballermann oder von der nächsten hippen Urlaubsregion übernehmen. Natürlich spielen wir auch größere Acts, wie die schon erwähnten Deep Purple, in diesem Fall war das aber bisher geflopptes Songmaterial, das ein Update bekam.
Deine persönlichen Kontakte reichen von den legendären Rainbirds über träumerischen Pop von Ronja Maltzahn bis zur jungen Singer-Songwriterin Linda Suarez aus Münster. Wie hast du dir dieses musikalische Netzwerk aufgebaut?
Über Jahrzehnte. Seit meiner studentischen Schwangerschaftsvertretung beim WDR in Siegen bis zu meiner heutigen journalistischen Tätigkeit bei WN und MZ achte ich immer darauf, Talente zu sichten, zu fördern und zu vernetzen, die mir am Herzen liegen, die also Ohren, Seele und Beine direkt erreichen. Als Menschen. Als Musiker.
Die Sendung am 13. März, 18:03 bis 19 Uhr, ist überschrieben: „Mit Geigen-Rock gegen den Krebs, mit Hafenblues das Leben bilanziert“. Klingt ungewöhnlich. Erzähl – was erwartet uns?
Tanja Scheichl-Ebenhoch ist eine famose Geigerin aus Österreich, die mit der Musik den Krebs ihrer Mutter und ihren eigenen Krebs ebenso verarbeitet wie mit Lyrik. Absolut empfehlenswert. Der Sänger und Musiker Ekki Kurz, der sich mit der Band „Starlight Excess“ eine Fangemeinde weit über Münster hinaus erspielt hat, vermittelt, was Hafenfreiheit ist.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Getalkt wird bei Gila und dir keineswegs nur über Musik – es kommen auch münstersche Lokalmatadore wie etwa der junge Zauberkünstler „Magic Freddi“ zur Sprache; oder der Journalist Siegmund Natschke, der just einen Roman mit Lokalkolorit geschrieben hat. Worum geht es dann da?
Es geht darum, wie ein 20-jähriger Jurastudent sein eigenes „Magic Freddi Theater“ aufbaut und betreibt und bei uns per Radio zaubert, und bei Siegmund Natschke um den Ziegenbaron, einen gut recherchierten Roman über eine Legende, die zum Beispiel mit Ziegenmilch 102 Jahre alt geworden ist.
Hast du als Radiomacher Vorbilder?
Die drei großen W´s: Winfried Trenkler („Rock In/Schwingungen“) Wolfgang Neumann und Wolfgang Roth (beide „Schlagerrallye“). Überhaupt nicht mag ich Moderatoren, die immer in Songs rein- und rausquatschen, zu viele Jingles spielen oder selbstverliebt sind.
Seit den frühen Tagen des Radios war die Hörerschaft immer wieder von markanten Stimmen fasziniert. Dein Bass hat dir ja den Spitznamen „The Voice“ eingebracht. Kann man ausdrucksvolles Timbre irgendwie lernen – zum Beispiel in deinen VHS-Seminaren?
In meinen Seminaren kann jeder zur „Voice“ werden. Er oder Sie müssen mich nur lassen, sich öffnen für Optimierungen. Jeder Mensch hat eine klingende Visitenkarte in sich – wenn er will!
Wen würdest du gerne noch vors Mikro bekommen?
Meine absoluten Wunschkandidaten für einen Talk sind leider schon verstorben: Klaus Kinski und Steve McQueen – obwohl, seine Ehefrau Barbara McQueen, geb. Minty, konnte ich im Factory Hotel interviewen. Gerne würde ich mal Iris Berben, Ralf Hütter von Kraftwerk, Kate Bush, Depeche Mode und Oliver Geissen interviewen. Also, wenn Ihr das jetzt hier lest . . .
Peter Sauer, geboren 1965, Journalist, Moderator, Dozent (u.a. Sprechcoaching, Interview, Storytellimg), Sprecher, Buchautor („BodenNullpunkt“), Rechercheur (Adam Riese Show). Master Germanistik/Geschichte/Philosophie Uni Münster, ausgebildeter Hörfunkredakteur (u.a. Radio NRW, 1Live, WDR 2, WDR5, DLF, NDR, HR). Liebt Wellness, Lost Places, Film&Musik, Tanzen, Meer. Kontakt: buerosauer@web.de. Mehr Infos: www.facebook.com/buerosauer ; www.sto-ms.de/ganz-pers%C3%B6nlich/peter-sauer/
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Uwe Paulsen


