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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Arndt Zinkant fragt Oliver Polak nach Comedy, New York und Münster

DER EIGENE KOMPASS ZÄHLT

Comedian Oliver Polak ist auf der Bühne er selbst – keine Kunstfigur, keine Verkleidung. Die alte amerikanische Stand-up-Schule eben. Kein Wunder, dass er sich jüngst auch im legendären Comedy Store in Los Angeles mit einer eigenen Show bewährte. Wie eh und je langt Polak kräftig hin – Humor aus seiner persönlichen, jüdisch geprägten Sicht. Die wird er im September auch in Münster in der Pension Schmidt auf die Bühne bringen.

Wie oft waren Sie schon in Münster und welche Erfahrungen haben Sie hier mit unserem Publikum gemacht?


Meine Geschichte mit Münster fängt viel früher an. Weil ich in Papenburg aufgewachsen bin, war das Tor zur Welt für uns damals Oldenburg, Bremen – und eben Münster. Münster war vor allem aus zwei Gründen extrem wichtig für mich: Zum einen gab es dort den Skate-Laden Titus. Das war um 1988 herum, als ich noch aktiver Skater war. Es war absolut revolutionär, dass es so einen Laden von einem totalen Fanatiker gab, der all die coolen Marken importierte. Zum anderen gab es das Gleis 22, wo die ganzen großen Indie-Bands gespielt haben. Münster war also immer ein Anlaufpunkt. Über die Jahre kamen dann die Anfänge als Stand-up-Comedian bei verschiedenen Mix-Shows dazu. Ein ganz wesentlicher Grund, nach Münster zu fahren, ist für mich außerdem das „Alte Gasthaus Leve“. Ein wunderschönes, gemütliches Restaurant mit fantastischem Essen. Für mich wäre das schon Grund genug, die Reise anzutreten.


Ja, sehr traditionell – ein echtes Gastro-Urgestein hier. Unser Oberbürgermeister hieß passenderweise auch 16 Jahre lang Lewe, allerdings mit „W“. Aber im Vergleich dazu ist Los Angeles natürlich noch mal ein ganz anderes Kaliber. Sie waren dort im Frühjahr für drei Monate?


Genau: Januar, Februar und März – im Rahmen meines Stipendiums im Thomas-Mann-Haus.


… und haben dort Ihr Stand-up-Material vor dem US-Publikum getestet?


„Testen“ klingt immer so wissenschaftlich! Ich bin dort einfach aufgetreten. Relativ schnell hatte ich das Glück, in den ganz großen Clubs der Stadt zu spielen, und bekam sogar eine eigene Show im legendären Comedy Store in Los Angeles. Ich habe den Flyer hier gerade vor mir liegen: Als Gäste hatte ich Sarah Silverman, Nikki Glaser, Robbie Hoffman und Tiffany Haddish dabei. Das war einfach eine großartige Zeit – und vor allem: Während hier im Januar und Februar das Wetter furchtbar war, hatten wir drüben gefühlte 25 bis 30 Grad.


Wie geht man an so etwas heran? Überlegt man sich im Vorfeld, dass man den Amerikanern andere Themen präsentieren muss, oder ticken die ähnlich wie das hiesige Publikum?


Bei mir läuft das eher über persönliche Geschichten, Gags und Gedanken. Ich habe einfach mein deutsches Set genommen und geschaut, was von meinen bestehenden Sachen dort funktioniert. Oft ist es ja so: Sie kommen nach Amerika, beobachten das Leben vor Ort und reden dann auf der Bühne darüber. Aber ich dachte mir, das machen ohnehin alle. Ich habe mich eher auf die Dinge konzentriert, die ich in mir selbst reflektiert hatte – eigene Storys. halt. Das lief super und hat sich extrem gut angefühlt. Es war eine klassische Mix-Show, die ich moderiert habe und bei der ich selbst 20 bis 30 Minuten auf der Bühne stand.


Da Sie die bekannten US-Kollegen genannt haben. Wenn wir mal Sarah Silverman herausgreifen – wie war sie aus der Nähe?


Sie war wahnsinnig lustig, aber das wusste ich natürlich vorher schon. Sarah Silverman ist eine Komikerin, die meine eigene Arbeit sehr stark geprägt hat. Trotzdem möchte ich betonen, und das meine ich absolut ernst: Die Pension Schmidt in Münster ist für mich nicht weniger schön. Deswegen trete ich dort auch immer wieder extrem gerne auf. Ich spiele lieber ein paar Mal mehr in so einem intimen Rahmen als in riesigen Hallen.


Wo liegt heute der größte Unterschied zwischen dem amerikanischen Stand-up und der Szene, die wir hier in Deutschland haben? Ist die Kluft immer noch so riesig?


Was ich für mich sagen kann, ist, dass ich von Beginn an sehr stark nach dem US-Vorbild gearbeitet habe: keine Verkleidung, keine Kunstfigur – ich bin auf der Bühne ich selbst und nutze meine eigene Biografie als Fundament für die Show. Ich spiele auch nie dieses hierzulande übliche Format von zweimal einer Stunde mit einer Pause dazwischen. Ich finde das viel zu lang. In Amerika dauert eine Show meistens knackige 60 oder 70 Minuten. Wenn es gut ist, reicht das völlig.

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Wenn man einen schärferen Witz macht, fühlen sich manche Leute persönlich beleidigt

Und die Stand-up-Comedy in Deutschland?


Grundsätzlich hat sie sich in den letzten Jahren massiv verändert und ist wesentlich amerikanischer geworden. Das liegt natürlich an Instagram und den ganzen Video-Clips. Viele Leute fanden diesen Style cool und probieren sich jetzt selbst darin aus. Deshalb gibt es plötzlich auch bei uns echte Comedy-Clubs. Vor knapp 14 Jahren sah das noch ganz anders aus. Es ist eine echte, organische Underground-Szene entstanden. Für uns Komiker ist das essenziell: Als Komiker können Sie Ihre Gags nicht im stillen Kämmerlein zu Hause ausprobieren. Sie brauchen zwingend die direkte Resonanz des Publikums.


Hatten Sie denn in den USA das Gefühl, dass das amerikanische Publikum aufgrund seiner Kultur anders reagiert und man bestimmte Witze dort eher bringen kann, die in Deutschland nicht funktionieren?


Das amerikanische Publikum bringt durch die lange Historie des Stand-ups natürlich eine ganz andere Tradition und ein tieferes Grundverständnis für diese Kunstform mit. Aber dieses Verständnis hat sich mittlerweile auch in Deutschland stark etabliert – und ich war an dieser „Grundsteinlegung“ sicher aktiv beteiligt. Der ungekünstelte Style hat viele inspiriert. Zudem war ich schon immer jemand, der bewusst an Grenzen geht. Das war für mich im deutschen Kulturbetrieb gewiss nicht immer der einfachste Pfad, aber genau das macht Kunst am Ende doch aus.


Als Sie im Comedy Store in Los Angeles spielten, waren ja deutsche Medien vor Ort …


Ja - für den Fernsehbeitrag haben sie ausgerechnet einen Gag aus meinem Programm ausgewählt, bei dem ich im Nachhinein dachte: „Heftig, dass sie den tatsächlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bringen.“ Der Witz ging sinngemäß so: „Selbst Greta Thunberg hasst uns Juden jetzt. Das Einzige, was sie davon abhält, uns zu vergasen, ist der hohe CO2-Ausstoß.“ Wenn man das Prinzip von Comedy und die befreiende Wirkung von Lachen versteht, war es pointiert, dass genau dieser Gag in den Tagesthemen lief.


Darum geht es wohl auch in Ihrer aktuellen Show?


Ja – ich finde, das Hauptproblem in Deutschland liegt oft darin, dass viele nicht begreifen, wie sehr uns Humor entlasten und das Leben leichter machen kann. Wenn man hier einen schärferen Witz macht, fühlen sich Leute schnell persönlich beleidigt. Aber genau das ist der Punkt: Wir befinden uns in einem Comedy-Club und auf einer Bühne. Kein einziger Gag, den ich dort oben mache, ist jemals härter als die Realität da draußen. Im geschützten Raum eines Comedy-Clubs merkt man plötzlich: Uns verbindet die Fähigkeit, gemeinsam zu lachen. Und dieses gemeinsame Lachen ist am Ende viel stärker als jede Form von Hass.

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So sollte es im Idealfall auch sein. Allerdings sind die Empfindlichkeiten in den vergangenen Jahren spürbar gewachsen. Spielen Sie auf das Phänomen der Cancel Culture an?


Vieles von dem, was wir aktuell erleben, ist reine Farce. Da wollen plötzlich irgendwelche Leute von außen starre Regeln vorgeben und Ihnen vorschreiben, was moralisch erlaubt ist und was nicht. Dafür brauche ich doch niemanden, ich habe meinen eigenen Moralkompass. Eine funktionierende Demokratie muss bestimmte Dinge und Pointen schlichtweg aushalten können. Ist es also in Zeiten von Cancel Culture schwieriger geworden, Comedy zu machen? Meine Antwort lautet: Es interessiert mich schlichtweg nicht. Nur weil jemand einen Witz schlecht oder nicht lustig findet, heißt das noch lange nicht, dass er im Recht ist. Wenn den Amerikanern etwas nicht gefällt, verhalten sie sich eher still.


Ich hatte im Vorfeld ein Zitat von Ihnen gelesen, wonach Sie sich prinzipiell nie für einen Witz entschuldigen würden. Das hat sich demnach nicht geändert?


Man muss das differenzieren. Pauschal entschuldigen im Sinne eines Einknickens vor einem Shitstorm – nein. Aber wenn nach einem Auftritt eine Person ganz konkret zu mir kommt und mir schildert, dass ein Witz sie aufgrund einer persönlichen Erfahrung emotional extrem hart getroffen hat, dann reagiere ich hoffentlich empathisch. Als Komiker ist es schließlich niemals Ihr Ziel, dass sich ein einzelner Mensch im Publikum auf diese Weise unwohl fühlt. Sie können diese Art von harter Comedy nur dann erfolgreich machen, wenn das Fundament aus einer Grundliebe zu den Menschen besteht.


Lassen Sie uns zum Abschluss noch kurz auf Ihren Hintergrund blicken: Das Aufwachsen im Emsland prägt einen ja fürs Leben. Wie viel von dem Jungen aus Papenburg steckt heute noch in dem Berliner Entertainer Oliver Polak?


Natürlich prägt uns alles, was man in der Jugend erlebt, extrem tief – das ist fast wie ein unsichtbares Tattoo auf der Seele. Gleichzeitig wählt man später im Leben einen völlig anderen Weg. Aber ich merke immer wieder, dass diese emsländische Herkunft tief in mir verwurzelt ist. Und ich fühle mich sehr wohl damit. Es tut unheimlich gut, Konstanten aus der eigenen Vergangenheit im Leben zu haben. Ich könnte mir zwar beim besten Willen nicht mehr vorstellen, dauerhaft dort oben auf dem Land zu leben, aber diese Wurzeln machen einen zu dem, der man heute ist. Auf dem Land herrschte einfach eine ganz andere Grundruhe. Das war damals eine andere Welt: Wenn Sie dort als Jugendlicher so betrunken waren, dass Sie kein Wort mehr herausgebracht haben, mussten Sie sich nur ins Taxi setzen – der Fahrer wusste ohnehin genau, wer Sie sind und wo Sie wohnen.

Er wurde 1976 in Papenburg als Sohn eines Holocaust-Überlebenden geboren. Seine Kindheit und Jugend als einziger jüdischer Junge in der Stadt prägten ihn und auch seine späteren Comedy-Themen. Seit 2006 tritt Polak als Stand-up-Comedian auf – zunächst in Berliner Kleinkunstbühnen, später auf großen Festivals und sogar in US-Clubs wie dem Comedy Store (LA) und dem Comedy Cellar (NYC). Zu seinen Erfolgen zählt in jüngerer Zeit auch Netflix-Show „Your Life is a Joke“ (2021) – mit sogenannten „Promi-Roasts“. Im September wird er in Münster in der Pension Schmidt zu erleben sein.

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Oliver Polak

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