
Peter Sauer spricht mit dem Muckepickemechaniker über sein Leben im Untergrund
DER MANN HINTER DEN KORKMÄNNCHEN
Plötzlich über Nacht sind sie da! Erst gab es nur einige wenige, mittlerweile gehören sie zum Stadtbild von Münster. Aber auch an Orten sind sie präsent. Die Rede ist von den putzigen und in Handarbeit privat gefertigten Korkmännchen. Der Kork-Künstler, der anonym bleiben will, nennt sich Muckepickemechaniker. Unser investigativer Mitarbeiter Peter Sauer hat ihn in Münster ausgespürt, mitten in der Arbeit für neue Korkmännchen.
Sie nennen sich Muckepickemechaniker. Warum?
Ich nenne mich so nach dem Buch „Kinder von Bullerbü“ von Astrid Lindgren, wo Lasse vom Mittelhof diesen Berufswunsch äußert.
Was verbindet Sie und Lasse?
Laut Lasse steckt ein Muckepickemechaniker runde Pappscheiben auf alte Drehlichtschalter aus Plastik oder Bakelit, befestigt oben und unten an der Pappscheibe einen Bindfaden, zieht die Fäden durch Ösen, die unter der Holzbalkendecke befestigt sind bis zum Bett, wo man dann durch das Ziehen an den Bändern das Licht an und aus schalten kann.
Und wie viel Lasse steckt in Ihnen?
Als Jugendlicher hab ich Lasses Erfindung in meiner Schlafkammer natürlich auch installiert, was meine Mutter genauso wie Lasses Mutter nicht so prickelnd fanden.
Muckepickemechaniker ist der Künstlername für Ihre Streetart mit Ihren Korkmännchen. Warum verraten Sie Ihre Identität nicht?
Bansky macht das ja auch nicht und einige Menschen nennen mich ja inzwischen den Banksy von Münster oder von Westfalen. Mit diesem Vergleich fühle ich mich ganz gut. Ich will anonym bleiben. Das ist in der Korkmännchen-Bastelszene so üblich.
Wie ging das bei mit den Korkmännchen los?
Meine Oma Elisabeth spornte mich an. Erst baute ich Figuren in Beton nach, etwa meine Oma mit Strickzeug auf einem Stuhl oder bei „Kunst trifft Kohl“. Irgendwann ging es nicht mehr wegen Arthrose. 2017 bin ich auf Kork umgestiegen. Ich baue im Schnitt jeden Tag eine Figur.
Wer hat Sie inspiriert?
Der in Berlin lebende Yoga-Lehrer Josef Foos fing damit 2009 an, der war wiederum vom Projekt „Little People“ des britischen Street Art Künstlers Slinkachu inspiriert worden. Aus zwei Korken und einem Schaschlikspieß für die die Gliedmaßen dazwischen baute Josef Foos die ersten Korkmännchen. Weil die Männchen nicht alle gleichaussehen sollten, entschied er sich, ihnen verschiedene Yoga-Positionen zu geben. Man kennt sie als Street Yogis.
Wie verlaufen die Reaktionen auf Ihre wild aufgestellten Korkmännchen?
Ich werde öfters beim Aufstellen oder Anbringen der Figuren entdeckt, aber es gibt nur positive Reaktionen. Negative Reaktionen hatte ich bislang noch keine.
Wirklich noch keine? Auch nicht, als Sie am Gefängnis Figuren angebracht hast?
Bansky hatte ja in Liverpool an die Wand gesprayt, wie ein Mann ausbricht, das war 1889 der homosexuelle Schriftsteller Oscar Wilde, der sich geoutet hatte und dafür sechs Wochen in den Knast musste. Ich baute das als Korkmännchenfigur nach, mit kleiner Kork-Schreibmaschine runter. Zum Anbringen der Figur bin ich nachts zur Justizvollzugsanstalt an der Gartenstraße.
Und wie lief es an diesem besonderen Ort?
Gut. Dort angekommen überlegte ich: wo hängste die Korkmännchenfigur jetzt hin. Und an einer Außenmauer der JVA hing da zum Glück ein Kupfernagel in drei Meter Höhe. Ich habe ja immer so einen Müllgreifer dabei und dann tippt mir plötzlich jemand auf die Schulter. Einer von der Wache von der JVA Münster hatte mich beobachtet durch seine Kamera, denn die haben immer Angst, das einer Handys rüber wirft.
Oha. Und was passierte?
Der JVA-Wachmann fand es witzig. Am gleichen Abend war ein Foto vom Wachmann auf dessen Facebook-Seite.
Werden eigentlich vieler Ihrer Figuren geklaut?
Ungefähr die Hälfte kommt weg schätze ich.
Das ist doch eine geringe Wertschätzung Ihrer Arbeit?
Ja, man gewöhnt sich dran. Seit 2017 habe ich rund 1800 Figuren gemacht. Die Figur der Türmerin wurde mehrfach entfernt. Wenn es viel regnete. Da sie in Nähe der Dachrinne hing. Da wurde sie wohl immer weggespült.
Mit welchen Figuren ging es bei Ihnen los?
Eine der ersten Figuren war ein kleiner Kiepenkerl in Kinderhaus an einem Straßenschild. Der fiel aber dreimal runter. Ich dachte, der wollte nicht mehr leben. Da habe ich einen kleinen Sarg gebaut, das Korkkiepenkerlchen mit seinen Restknochen reingelegt. Da habe ich ihm am Kinderbach direkt am Bachverlauf ein Loch gebuddelt und ihn direkt begraben. Das hat ein Steinmetz auf Instagram mitgekriegt und mich gefragt, ob er noch einen Grabstein machten sollte. Hat er aber dann doch nicht gemacht, haha.
Welche Betonfiguren haben Sie gebaut?
Ich habe im Zoo den „Pinguin 137“ nachgebaut. Als die Skulptur 97 lief habe ich am Aasee, dort wo die Kirche verbuddelt war, einen „verschenkten Eckball“ gebaut, eine Eckfahne aus Beton, eckigen Ball drauf, Schleife drum und Schild dran. Zwischen drei Wacholderbüschen.

Das Geld was ich bekomme, landet auf dem ASB - Wünschewagen
Und wie reagierten die Skulptur-Besucher?
Die Kunstbesucher der Skulptur 97 wussten echt nicht, ob er dazugehört. Später bei einer EM habe ich den „verschenkten Eckball“ mitten in den Kreisverkehr gestellt.
Worin liegt die Faszination, die Figuren zu bauen?
Ich finde das witzig, das alle sich freuen, auch Fotografen, die abends durch die Stadt laufen, und das ich damit bei den Menschen ein Lächeln im Gesicht erzeugen kann.
Hat die Stadt sich schonmal bei Ihnen gemeldet, wegen Eingriffe ins Stadtbild?
Ne, nie. Ich habe etwa das Korkmännchen „Onkel Willy“ schon dreimal vors Rathaus gesetzt. Die Damen an der Info, wissen auch nicht, wer die wegmacht. Es gibt wahrscheinlich Sammler.
Nehmen Sie auch Aufträge an?
Ja, aber das Geld dafür gebe ich aber komplett als Spende an den ASB-Wünschewagen weiter.
Und Ihnen fallen immer wieder neue Motive ein?
Ich habe ja alle 1800 bisherigen Korkmännchen schon aufgemalt, als Ideensammlung, sonst vergesse ich die. Ich kenne noch so viele Ecken in Münster, wo noch was hinpasst.
Ihre Korkmännchen haben Arme, Beine und kleinen Hals aus Schaschlikspießen. Essen Sie so viel Schaschlik?
Ne, die Spieße muss ich extra kaufen. Die sind meistens aus Bambus. Wenn die Figuren Gelenke haben sollen, muss man die knicken. Dann kommt ein Tropfen wasserfester Leim drauf. So werden die stabil. Ich hatte am Anfang immer auf die genickten Sachen, Ellenbogen oder Knie ein Pflaster drauf geklebt, dann zwei bis drei Tropfen Sekundenkleber, so wurden sie auch hart.
Sie wissen sich schon zu helfen. Sie sind so eine Art Mac Gywer, oder?
Guter Vergleich. Ja, das wird immer besser.
Wo kriegen Sie nur so viele Weinkorken für Ihre Figuren her?
Die Weinkorken kriege ich von Leuten, die sich freuen, das sie die Korken los bekommen. Von einem Weinhändler an der Steinfurter Straße habe ich bestimmt fünf bis sechs Ikea Tüten voll mit Korken.
Setzen Sie Ihre Figuren auch außerhalb von Münster aus?
Oh ja. Dann bin ich mit meinem Wohnmobil unterwegs. Auf 23 der 42 begehbaren Halden im Ruhrgebiet war ich schon. Langfristig will ich alle Halden begehen und mit meinen Figuren bestücken.
Warum sind die Halden für Sie ein wichtiger Ort?
Auf den rekultivierten Halden sind ja überall Kunstwerke drauf, deutlich größere. Und die werden dann mit Kork optimiert. Ich werfe die teilweise mit Magneten an manche vorhandene Objekte.
Wie weit haben es Ihre Korkmännchen schon geschafft?
Holland und Dänemark, das war bislang das Weiteste. Obwohl: ein Bekannter hat mal drei Figuren nach Sydney mitgenommen. Und ein Student bei uns im Haus hat Figuren mit nach Marokko genommen.
Gibt es eine Entwicklung bei den Korkmännchen?
Die haben jetzt im Laufe der Zeit auch wirklich einen Gesichtsausdruck bekommen. Ich male sie mit Acrylfarbe an und mische auch selber die Farben.

Meine Figuren sind immer positiv
Was sind Ihre Vorlagen?
Oft Fotos oder oft auch die Fantasie. Meine Figuren sind eigentlich immer positiv.
Auch mal politisch?
Selten. Wenn eine Demo ansteht, übe ich mit meinen Figuren auch Kritik gegen rechts. Noch bevor der Bischof von Münster ein Gutachten über die Pastöre, die Kinder sexuell belästigt haben sollen, bekommen hat, habe ich ein gekreuzigtes Korkmännchen nachts um 2 Uhr am Ausgang des Domes mit langer Leiter an der Laterne am Himmelreich angebracht.
Welche Figur war das?
Das war ein gekreuzigtes Korkmännchen. Das hält sich die Hand vor die Stirn und oben drüber steht ein Schild: „Der letzte Idealist schämt sich fremd.“ Und vier Figuren stehen am Behinderteneingang des Domes. Drei Pastöre die sich Ohren, Augen und Mund zu halten und ein Korkbischof gibt dazu seinen Segen. Und als der Bischof in Rente ging, habe ich beim Bischof auf den Stufen eine Figur angebracht. Ein Korkmännchen auf einem goldenen Thron mit Mitra, Badehosen, Badeschlappen. Leider war die Figur nach zwei Tagen weg. Eine Woche später saß er wieder da. Er wird jetzt bei gutem Wetter immer von Mitarbeitern aus dem Generalvikariat auf die Eingangstreppe gesetzt.
Wie viel Figuren machen Sie gleichzeitig?
Die Figuren dauern zwei bis drei Stunden bis sie fertig sind. Erst kommt die Hautfarbe, Ich mache vier bis fünf Figuren auf einmal, sodass die Farbe und der Leim gut über Nacht trocknen kann.
Was sind Ihre Berühmteste Figuren?
„Wilsberg“-Leonard Lansink steht jetzt sogar am Antiquariat Solder. Nur für die Dreharbeiten werden die kurz abgeklebt. Leonard hat Buch und Eis in der Hand, weil er auch bei „Eis am Stiel“ mitgedreht hat. Von Oliver Korritke habe ich auch schon eine Anfrage bekommen. Er sagte zu mir: „Ich hätte wohl Ideen.“ Ich habe ihm seine Figur persönlich im „Spatzl“ überreicht, ich war angezogen als Kiepenkerl in voller Tracht. Und so kam ich mit Oliver Korritke nach den Dreharbeiten für eine Wilsberg-Folge im späteren Verlauf nach „Mutter Birken“ und danach mit dem gesamten Kamerateam noch in die „Gorilla-Bar“. Sein Korkmännchen will er bei den nächsten Dreharbeiten im Finanzamt auf seinen Schreibtisch stellen.
Was sind Ihre berühmtesten Figuren außerhalb von Münster?
In Köln bin ich 80 Kilometer mit dem Rad gefahren, um meine Korkmännchen anzubringen. Zum Beispiel eine Maus mit einem Pflaster an der Backe, nachdem Vandalen die Maus-Skulptur angegriffen hatten. Auf der Zugspitze sind schon drei Korkmännchen, das ist der höchste Standort.
Gibt es noch Aufstellungswünsche?
Ja, am Funkturm von Münster nahe der Mondstraße, aber da kommt man schlecht dran.
Warum lieben Sie Korkmännchen so?
Es macht mir Spaß anderen Menschen eine Freude zu machen. Und das ist ja in diesen schwierigen Zeiten auch sehr wichtig.
Der Muckepickemechaniker wurde 1958 in Herbern geboren, hat Maurer gelernt und als Maurer- und Betonmeister gearbeitet. Er lebt seit 1987 in Münster, in Kinderhaus, ist verheiratet, hat drei Kinder und drei Enkelkinder. Seinen Klarnamen möchte er nicht verraten. Als Hobby geht er gerne als Kiepenkerl durchs Münsterland. Beim ZiBoMo-Karnevalsumzug verkleidete sich sein Sohn als – Korkmännchen! Mehr Infos: www.instagram.com/muckepickemechaniker; www.instagram.com/kotene_pojauken/
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Muckepickemechaniker


