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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Peter Sauer spricht mit Mirja Boes über Tanzschweißen, Mäusejagd und Homeschooling

EIN BLONDER CLOWN OHNE ROTE NASE

Melk mir nen Biber: Mirja Boes ist in Town. Gleich zweimal. Bevor eine der witzigsten, konstantesten und schnellsten Komikerinnen auf diesem Planeten im März gleich zweimal Münster live beehrt, haben wir Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Inmitten ihrer Vorbereitungen für zahlreiche Karnevalsauftritte. So findet das Telefoninterview bei ihr Zuhause, im Auto und im Musikstudio statt. Ohne Pause. Denn wir sprechen ja mit Mirja! Und diese Frau ist Energie pur.

Hallo Mirja. Bald ist ja Valentinstag. Welche Erinnerung hast Du an Deine erste Liebe?


Das war der Marcel im Kindergarten. Der hatte eine kleine Unterhose gefunden und zog sie sich über den Kopf. Im Kindergarten fand ich den wahnsinnig witzig. Es war eine Kinderliebe.


Was waren Deine Eltern von Beruf?


Beide Lehrer. Mein Vater hatte den Schwerpunkt Mathe, mein Bruder ist da auch stark drin, ich nicht. Mathe lernen war für mich immer sehr zermürbend.


Was wolltest Du als junger Mensch beruflich werden?


Immer Prinzessin oder Star. Prinzessin war ja leider ausgeschlossen wegen unserer familiären Situation als reine Lehrerfamilie. Ich habe damals im Ballett getanzt und meine Haare immer mit einer Rundbürste fein gemacht.


Und warum Star?


Ich hatte den Film „Flashdance“ gesehen und war hin und weg von der Hauptdarstellerin Jennifer Beals, die als Schweißerin in einer Stahlfabrik so toll tanzte. Ich wollte Tanzschweißerin werden.


Das wäre ja auch ein toller Name für ein neues Programm.


Genau.


Gab es berufliche Vorgaben von Deinen Eltern?


Zum Glück nein. Wir wurden pädagogisch-diplomatisch erzogen und hatten als Kinder viele Entfaltungsmöglichkeiten. Mein Bruder ist dann auch nicht Mathematiker geworden, sondern Orthopäde.


Wie haben Deine Eltern reagiert, als Du dann auf die Bühne gegangen bist?


Gut. Meine Eltern haben alles mitgetragen. Ich habe in Leipzig Musical studiert und fand die TV-Serie „Anna“ toll, aber vor allem wegen Patrick Bach.


Welche Musicalrolle war Deine erste?


Im Musical „Sweet Charity“ von Neil Simon, ja das war eine lustige Rolle. Ich spielte eine Prostituierte. Und weißt Du was, Peter, ich bekam damals ein tolles Zeugnis vom Regisseur.


Und was stand da drin?


Er schrieb: „Mirja ist ein blondes NRW-Energiebündel und kann ihr komisches Talent nicht unterdrücken.“ Ich musste beim Musical in Leipzig auch mal Kulissen schieben als Strafarbeit, weil ich zu vorlaut war. Mein Freund sagt heute immer, ich sei irrsinnig intrinsisch.


Du agierst also voll aus Deinem eigenen Antrieb heraus?


Immer. Beruflich wie privat.


Was hast Du gerade vor diesem Telefonanruf gemacht?


Ich bin Präsidentin einer Karnevalssitzung und habe gleich den Probedurchlauf mit meiner Band. Bei mir Zuhause liegen hier 30 Zettel, deren Texte ich mir wie von Zauberhand auf letzter Minute einverleibe. Ich kann nur unter irrsinnigem Druck arbeiten. Ich würde jetzt lieber das Haus renovieren, statt Texte zu schreiben oder zu lernen.


Du hast auch Italienisch und Musik studiert. Wie fit bist Du heute darin?


Italienisch müsste ich bei einem Italienaufenthalt wieder aktivieren können. Als Lehrerkind haben wir viele Urlaube in Italien verbracht, ich habe am Strand immer angefangen, mit den Kindern zu plappern. Das war immer südlich von Rom. Spanisch wäre auch radebrecherisch machbar. Ich habe mein Studium abgebrochen, die Kunst kam immer dazwischen, ich habe aber noch ein paar Scheine.


Seit wann bist Du eigentlich lustig?


Ich bin einfach ein fröhlicher Mensch. Auch wenn eine Taube auf mich kackt, denke ich, das ist immer gut für die Haare. Ich habe immer schon gerne gequatscht.


Warst Du ein Klassenclown wie Hape Kerkeling als Kind?


Nie. In der Schule war ich damals ein unauffälliges, ganz normales Mädchen. Ich habe Zuhause zwar viel geplappert und bin übers Sofa kreuz und quer gesprungen. Meine Mutter nannte es immer Lebensfreude.


Was war Dein schönstes Jugenderlebnis?


Mit meinem ersten Roller baute ich einen Unfall. Meine Eltern haben mich sofort wieder auf den Roller gesetzt. „Wenn Du jetzt nicht draufsteigst, dann läuft das nicht“, sagten sie. Ich hatte auch Klavierunterricht, war beim Ballett und habe später in einer Bäckerei gejobbt.

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Ich kann nur unter Druck arbeiten

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Hattest Du erste Bühnenauftritte in der Schule?


Ich war nur beim Kinderballett dabei und kann mich noch gut an mein erstes Kostüm erinnern, als Babymaus bei Cinderella. Ich war einfach viel kleiner als die anderen Kindern.


Du kamst 1971 auf die Welt. Wie sehr haben die 80er geprägt?


Die 80er waren meine Jugend, ich hatte sehr viele und wahnsinnig feine Haare, meine Zöpfe hatten die gleiche Struktur wie im zweiten Schuljahr. Das waren zwei kleine Mäuseschwänzchen. Später hatte ich eine kleine Tolle, die viel Stylingprodukt brauchte. Meine Mutter musste mir in meine Leggins modische Jeansstoffe reinnähen.


Du hast beim Improvisationstheater Frizzles mitgespielt. Wie viel Impro steckt heute noch in Deinen Auftritten?


Mein Freund, der nichts mit meiner Branche zu tun hat, sagt immer, ich bin am stärksten, wenn ich improvisiere. Mit den Leuten im Publikum zusammen oder mit meiner Band. Huch, da läuft gerade meine Katze Paddy her …


Und was macht Paddy?


Gestern hat Paddy eine Maus mit nach Hause gebracht. Wir sind aber eine flinke Familie und schaffen es immer, ihr die Maus wieder abzujagen. Gestern lebte sie noch und die Maus verschwand unter einem Schrank. Sie haute hinterm Schrank dann ab. Paddy saß aber noch lange vor dem Schrank. Jetzt ist die Maus weg und Paddy wohl auf der Suche nach ihr.


Warum bist Du bei den „Dreisten Drei“ (SAT1) ausgestiegen?


Das war einfach auserzählt, so wie ein alter Joghurt abgelaufen ist. Als ich bei den Leseproben zur 4. Staffel dachte, das hatten wir doch schon, war ich halb raus. Und als Sony mir dann die Sitcom „Angie“ auf den eigenen Leib schneidern wollte, war die Entscheidung fix. Ich glaube einfach, alles hat seine Zeit. Ich renne auf den Berg hoch und denke, das Leben muss weitergehen. Ich laufe weiter und nicht zurück.


Du musstest Deine Tour für Deinen ersten Sohn unterbrechen und standest zwei Monate später wieder auf der Bühne. Wie hast Du das geschafft?


Das war eine extrem unkomplizierte Schwangerschaft. Ich wollte einen echten Kölner auf die Welt bringen. Bei meinem letzten Auftritt in Köln war eine Gynäkologin zu Gast, das Kind war ausgezählt für den 24. Dezember. Die Gynäkologin saß im Publikum und machte immer eine Handbewegung, ich sollte hüpfen und hüpfen. Ich war zwei Stunden auf der Bühne. Alles ruhig in mir. Mein Sohn hat sich dann bis Anfang Januar Zeit gelassen.


Während der Corona-Pandemie wurdest Du für Deine beiden Söhne zur Lehrerin. Hand aufs Herz, wie erfolgreich lief das Homeschooling?


Richtig schlecht lief es, auch wegen meines mangelnden Geduldszentrums. Mein älterer Sohn ist relativ unabhängig, der Kleinere fragt aber alles nach, er hinterfragt auch mal die Kompetenz von Lehrern. Wir hatten einen Schulgong mit Technosound. Den haben wir getanzt. Untenrum hatten wir immer Schlafanzugshosen an. Von der Seite von außerhalb des Bildschirms wurden regelmäßig Nutella-Brote reingereicht. Nach dem Homeschooling stand Fußballspielen an. Wir haben ein Haus mit Garten.


Wie würdest Du Dich selbst bezeichnen?


Ich bin ein fröhlicher Derwisch. Mein Sohn sagte mal in der Kita, dass seine Mutter ein Clown ohne rote Nase ist. Das passt.


Gibt es Rituale vor einem Auftritt?


Ich räume Backstage auf. Da kommt einfach das Lehrerkind durch.

Wie hat sich die Humorlandschaft in Deutschland verändert?

Der Klamauk wird immer weniger. Loriot, einer der Größten, fehlt, bei ihm konnte man noch einfach über klugen Quatsch hemmungslos lachen. Humor ist subjektiv, klar. Aber in den letzten Jahren wird es immer schwieriger. Ich zeige zum Glück auf der Bühne keine Haltung.


Weil?


Weil ich ja Unterhaltung mache, ich köppere unter der Haltung durch. Je beschissener es auf der Welt zugeht, desto wichtiger ist der Clown. Denn man hat das Recht, zwei Stunden einfach mal Quatsch zu machen. Und das wird immer schwerer gemacht. Das gefährdet die Humorbranche.

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Möre ist in Rente

Du hast fünf Mal den Deutschen Comedypreis gewonnen. Gratuliere!


Danke Dir.


Wie hat der Deutsche Comedypreis Dein Leben verändert?


Ich habe ihn ja vorher lange Zeit nicht bekommen und immer lange Gesichter gemacht. Nominiert war ich oft. Ich wollte immer auch mal hingehen als Gast und ihn selber haben. Meine Mutter hat mich immer mit der Schauspielerin Jutta Speidel verglichen.


Inwiefern?


Weil Jutta Speidel auch immer so oft nominiert war und keinen Preis bekam. Nachdem ich dann die Comedypreise endlich bekommen hatte, sagte mein Vater am nächsten Morgen: „Sehe es mal so, wie konstant Du Deine Leistung erbringst.“ Meine Eltern haben mich immer sehr gut aufgefangen. Als meine Mutter mich in einem TV-Studio Backstage mal wieder mit Jutta Speidel verglich, sagte Cindy von Marzahn hinter uns: „Kann man mehr gefickt werden, als Du?“


Wo bekommst Du die Ideen für Deine Programme?


Im Alltag, also beim Einkaufen, beim Elternabend, im Urlaub, beim Camping, oder auf dem Tankstellen-WC.


Was verbindet Dich mit Münster?


Die Familie. In Hiltrup wohnt ein Teil der Familie, meine Schwägerin mit Kind und Co. Mein Bruder hatte kurz VWL in Münster studiert, bevor er merkte, dass das Quatsch war und er dann Medizin in Düsseldorf studiert hat. Jetzt geht meine Reise immer häufiger nach Münster.


Was ist Dein Lieblingsort in Münster?


Der Garten meiner Schwägerin in Hiltrup. Münster ist eine schöne Stadt. Köln wird durch die Menschen und den Charakter schön. Nur das Stadtbild, das ist in Köln nicht schön. In Münster ist beides toll: die Menschen und das Stadtbild.


Wer ist lustiger? Westfalen oder Rheinländer?


Köln ist satter als kleinere Städte.


Du betreibst in Essen-Bredeney seit 2012 mit zwei Geschäftspartnern das Restaurant Villa Vue. Kochst Du gerne?


Geht, mein Lieblingsessen ist Fondue: Fett, Fleisch, Spiritus. Kochen ist bei mir wie Aufräumen.


Das heißt?


Ich muss wahnsinnig viel Lust dazu haben. Ich mache gerne einen gemischten Teller mit Mandarinenspalten mit Leberwurst und Ketchupgesichtern. Ja, ich habe mich immer ernährt wie eine Schwangere. Der Restaurantbetrieb in Essen ist übrigens eingestellt. Wir machen die Villa Vue nur noch als Eventlocation für Hochzeiten, Weihnachtsfeiern oder Kegelclubs.


Einige kennen Dich ja noch als Partysängerin Möhre („20 Zentimeter“). Wird es ein Comeback geben?


Nein. Möhre ist in Rente. Ich schreibe aber Songs fürs neue Programm.


Was machst Du in Deiner Freizeit?


Ich jogge und ich habe wieder mit dem Stricken angefangen. Während der Corona-Zeit habe ich viele Mützen gemacht, jetzt stricke ich Pullover. Mein jüngster Sohn ist mit elf Jahren ein dankbarer Abnehmer.


Du sprichst im Interview wie auch auf der Bühne schnell. Redest Du privat auch so viel oder gibt es auch Momente der Stille in Deinem Leben?


Ja, natürlich, als mein Vater 2017 starb. Bei zwei Kindern in der Vorpubertät ist Stille aber selten. Als ich 2023 Probleme an der Halswirbelsäule hatte, nachdem ich zuvor Probleme an der Lendenwirbelsäule hatte, fühlte ich mich, als ob mich einer mit einem Bolzenschutzgerät niedergestreckt hätte.

Mirja Boes

Mirja Boes, geboren am 3.9.1971 in Viersen, lebt in Köln, in einer Beziehung, ein Freund, zwei Kinder, eine Katze. Sie hat fünf Mal den Deutschen Comedyreis gewonnen. Die Comedienne, Schauspielerin und Sängerin tritt mit ihrem neuen Programm „Arschbombe olé“ am 3. März um 19 Uhr im Kap 8 in Münster-Kinderhaus auf (mit ihrer Band „Honkey Donkeys“) und ist am 17. März um 19.30 Uhr Talkgast in „Die Adam Riese Show“ im Atlantic Hotel Münster.

www.instagram.com/mirjaboes/?hl=de

Illustration Thorsten Kambach / Fotos Lars Laion

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