
Peter Sauer spricht mit DJ Mike Sugar über Rhythmus, Tanz und das neue 40
VON DER TANZFLÄCHE ZU DEN TURNTABLES
Einige kennen ihn aus der „Roten Lola“, andere aus dem „Puls“. DJ Mike Sugar legt aber auch bundesweit auf und zaubert seit über 40 Jahren am DJ-Pult. Jetzt bietet er in Münster einen DJ-Workshop speziell für Menschen ab 50 an. Damit will DJ Mike Sugar seiner eigenen Generation – den sogenannten Boomern – das Auflegen näherbringen. Höchste Zeit für ein Gespräch.
Wobei störe ich Dich gerade?
Ich liebe es, Peter, dass Du mich störst, weil ich mich gerade mit meiner Steuer beschäftigen muss: Bilanzen!
Läuft bei der Steuererklärung Musik?
Auf keinen Fall. Ich kann Musik nicht einfach nur banal im Hintergrund hören. Wenn ich Musik höre, dann hat sie meine ganze Konzentration. Und wenn die Musik es nicht schafft, meine Konzentration zu bekommen, dann ist sie zu banal. Dann brauche ich sie auch nicht.
Von wem war Deine erste Platte?
Von den Bay City Rollers. Ich fand diesen smashigen Popcorn-Sound als Zwölfjähriger so inspirierend wie ein gutes Kaugummi. Die Jungs hatten diese Verschmitztheit. Das waren diese Kumpels, die man gerne in der Schule gehabt hätte.
Warst Du damals auch so angezogen wie die Bay City Rollers, also mit karierten schottischen Schlaghosen, Tartan-Schals und Plateau-Schuhen?
Nein, das habe ich mich getraut. Meine Eltern hätten es auch nicht erlaubt.
Wann hat das angefangen mit den Partys?
Bei den Freunden, wo die Eltern richtig ausgebaute Partykeller hatten mit Bänken oder improvisierte Partykeller mit Matratzen aus Omas Bett als Sitzgelegenheit.
Wann hast Du das erste Mal als DJ aufgelegt?
Als ich 12 Jahre alt war, gemeinsam mit meiner elfjährigen Schwester Christiane zu Hause im Wohnzimmer meiner Eltern. Wir durften Geburtstag feiern. Sonntags ab 15 Uhr.
Was lief?
Ich mischte die Vinylsingles „Moviestar“ von Harpo und „Money Honey“ von den Bay City Rollers mit dem Album „Pop-Express“ vom K-Tel, einem Sampler von 1977.
Und wie wars?
Die Mädels wussten genau, wie man Saturday-Night-Fever-mäßig tanzte. Es war 1977 und die „Bravo“ war voll mit den Tanzschritten. Die Jungs standen verlegen in der Ecke herum. Ich habe versucht, zwischen den Musiktiteln möglichst wenig Pausen zu machen, das war meine erste DJ-Erfahrung. Ich gab das meiste Taschengeld nur für Platten aus. Ich habe immer schon gerne getanzt und kannte die einzelnen Titel genau, um von Plattenspieler auf Kassettenrecorder umzuschalten. Und ich legte so auf, dass ich zwischendurch immer auch selbst tanzen konnte – auf der Tanzfläche gemeinsam mit den anderen.
Musik auflegen hätte Hobby bleiben können. Warum wurdest Du beruflich DJ?
Ich bin früh Vater geworden, mit 21. Zwei Kinder kamen, die Ehe hielt sechs Jahre. Damals legte ich auf den Geburtsvorbereitungskursen und Elternpartys auf. Viele Eltern waren deutlich älter als ich und so spielte ich viel Soul und Funk und auch die Doobie Brothers als Oldie.
Für wen war Dein erster bezahlter DJ-Job?
Der war für unsere damalige Eheberaterin, die versucht hat, unsere gescheiterte Ehe sauber zu scheiden, also mit Anstand. Es war 1991 und ich war 26. Es war zu ihrem 50. Geburtstag.
Von 1991 bis heute hast Du bundesweit auf über 1000 Partys als DJ aufgelegt. Welche Pannen gab es?
Stromausfälle gab es so häufig, dass es gar nichts Besonderes mehr war. Aber ich habe auf einer Party durch ein scheinbares Problem etwas ganz Wichtiges gelernt.
Und was?
Ich legte auf einer Hochzeitsparty für ein Paar auf, das nur Alternative- und Indierock hören wollte. Da kam plötzlich ein Onkel Willy aus der Familie zu mir. Der wollte partout „Zehn nackte Friseusen“ von Mickie Krause hören. Da machte ich einen Deal!

Die Jungs standen verlegen in der Ecke
Welchen?
Ich sagte zu dem Onkel: „Ich mache es nur dann, wenn das Brautpaar einverstanden ist.“ Das waren sie nach kurzer Nachfrage. Und ich sagte dem Onkel Willy: „Ich mache es nur dann, wenn ich dich ansagen darf, du hier mindestens fünf Tänzer auf die Tanzfläche bekommst und du hier eine Show ablieferst.“
Wie ging die Sache aus?
Onkel Willy brauchte zehn Sekunden, um fünf Leute auf die Tanzfläche zu bekommen. Ich machte eine Ansage an alle, dass Onkel Willy jetzt hier abreißt mit einem Song, mit dem keiner rechnet. Zu meiner Verwunderung wurde daraufhin die Tanzfläche rappelvoll. Und zu Mickie Krause tanzten plötzlich auch die, die vorher auf Rage Against the Machine getanzt haben. Für meine DJ-Laufbahn lernte ich daraus, aus potenziellen Problemen ein kreatives Special-Event zu machen.
Warum richtet sich Dein neuer DJ-Workshop an Menschen ab 50, also an die Boomer-Generation? Wäre es nicht einfacher gewesen, ihn jungen Leuten anzubieten?
Klar, es wäre einfacher gewesen. Aber es wäre die Frage gewesen, ob sich junge Leute von mir als 61-jährigem DJ was zeigen lassen wollen – während YouTube voll ist mit Tutorials.
Was hältst Du von diesen Tutorials?
Tutorials, die man kostenlos bekommen kann, würde ich erstmal grundsätzlich misstrauen. Tutorials, die Geld kosten, machen Leute, die auch was vorhaben. Ich habe in meinem Leben viele mobile DJs ausgebildet.
Mit welchem Erfolg?
dass viele von ihnen als DJ beruflich bundesweit erfolgreich sind, weil sie mit dem DJ-Bande-System schnell gelernt haben und souverän ihren Weg als mobiler DJ gehen konnten.
Klasse. Aber kommen wir zurück zu den Boomern …
Gerne. Boomer sind Menschen, die an einem Punkt im Leben angekommen sind, wo sie sich neu orientieren möchten, mit neuen Herausforderungen und Hobbys. Sie tanzen gerne. Und 50 bis 60 ist das neue 40!
Inwiefern?
Die Boomer wollen noch etwas erreichen und wollen mehr als Pilates oder E-Bike-Fahren.
Worum geht es in also Deinem neuen DJ-Workshop?
Es geht darum, wie Musik aufgebaut und strukturiert ist, wie ein modernes DJ-Pult funktioniert, wie man Beats groovig synchronisiert, wie Songs miteinander verbunden werden und Dramaturgie, Tonhöhen und Equalizer zum Einsatz kommen.
Welche Fähigkeiten sollte man zum Workshop mitbringen?
Offenheit, Spaß, Neugier und Lust auf Musik. Alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen dürfen ihre persönlichen Lieblingstitel mitbringen.
Was ist das Ziel der neuen Workshops?
Das Ziel ist, dass die Teilnehmenden die Musikstücke selbst zu einem kleinen, stimmigen Mix verbinden können. Sodass sie Anfang und Ende der einzelnen Songs im dynamischen Flow der Musik gar nicht wahrnehmen. Bei aller Technik steht das persönliche Musikerlebnis mit vielen Aha-Momenten, Bewegung und natürlich auch Tanz im Mittelpunkt.
Tanzen eigentlich Frauen mehr am Pult als Männer?
Die Gruppen sind bei meinen Workshops unterschiedlich. Manche Frauen und Männer kommen so extrovertiert, tanzend und selbstbewusst. Sie kommen schnell in den Takt und in den Rhythmus rein. Dann gibt es wieder Männer und Frauen, die am Anfang noch Selbstzweifel haben wegen der ganzen Technik vor ihnen. Aber ich lasse mich auf jeden Einzelnen ein. Viele Männer nehmen Bezug auf die Platten von früher und beginnen zu schwärmen, während es viele Frauen gibt, die im Hier und Jetzt förmlich in die Musik reinspringen wollen. Mein Eindruck ist, dass Frauen eher von der Praxis kommen und Männer von der Theorie.

50-60 ist das neue 40
Wichtig ist sicher auch hier die Vielfalt, oder?
Auf jeden Fall, Peter. Alle meine Workshops sind anders. Klar, von der Vermittlung des Grundwissens sind sie gleich. Aber ich arbeite immer auf Augenhöhe mit den Teilnehmenden, ganz individuell. Man kann hier laut sein, es gibt etwas zu trinken, man kann auf dem Sofa einfach nur zuhören, aber die meisten sind in Bewegung wegen der Musik. Eines sind diese drei Stunden auf jeden Fall: eine Zeit zum kreativen Relaxen.
Wie läuft das Coaching am Mischpult?
Für manche ist erst ganz schön viel los an so einem Controller. Aber man hat die Grundfunktionen schnell begriffen, wenn man eine wichtige Regel beherzigt.
Welche?
Viele schauen immer auf die Regler und gleichzeitig auf die Wave-Darstellungen auf den Bildschirmen. Ich empfehle etwas anderes: Konzentriere Dich und verlasse Dich erstmal nur auf Deine Ohren. Die erkennen vieles sehr schnell. Was du mit den Ohren hörst, koordinierst du dann haptisch mit den Drehreglern, den sogenannten Potis (Kurzform für Potentiometer), und den verschiedenen Fadern am DJ-Pult.
Werden die ersten DJ-Mixe der Workshop-Teilnehmer mitgeschnitten?
Das ist wichtig, um später noch weitere Erkenntnisse zu erfahren. Es gibt auch schon Leute, die nach dem jeweiligen Coaching in der Vierer-Gruppe als Fortgeschrittene weitermachen wollen. Die coache ich dann in Einzelstunden.
Wer kommt alles in Deine Boomer-Kurse?
Von Verwaltungsfachangestellten, Juristen bis hin zu Selbständigen, wie zum Beispiel Handwerkern. Es kommt der Querschnitt der Gesellschaft. Darunter auch ein Vater mit seinem elfjährigen Sohn.
Du legst auch bundesweit auf. Was war dein bislang größter Event?
Im Backstagebereich der Schalke-Arena hatte ich das Vergnügen bei der Oper „Carmen“, einer Riesenproduktion mit über 1000 Leuten. Ich durfte nach der letzten Aufführung die ganze Crew bespielen und stellte fest, dass die Toreros von „Carmen“ die gleichen BPM (Beats per Minute) wie „Played-A-Live (The Bongo Song)“ von Safri Duo hatten. Und ich hatte einen guten Mix dafür.
Hattest Du in all Deinen DJ-Jahren auch mal eine leere Tanzfläche?
Natürlich. Aber es kommt immer auf den Blickwinkel an.
Inwiefern?
Eine leere Tanzfläche ist immer auch ein Event. Guck, wichtig, als ob es so sein muss, tu so, als ob es gewollt ist, und hab den richtigen Song in Vorbereitung, der danach die Tanzfläche wieder vollmacht.
Gibt es da einen sicheren Song?
„Long Train Running“ von den Doobie Brothers aus den 70ern funktionierte vor 30 Jahren und funktioniert heute noch. Der ist noch nicht so totgespielt und voller Funk, Soul und Rock.
Es ist nicht „Insomnia“ von Faithless?
„Insomnia“ muss immer am Ende einer dramaturgischen Kurve stehen. Faithless ist zum Vollmachen nicht günstig, weil viel zu überraschend.
Du hättest als Musikfan auch Musiker werden können. Warum bist Du dann DJ geworden?
Ich fühlte mich in dieser Position immer wohler, weil ich selbst aus dem Tanzen komme. Und da ist dieser Anreiz, mit Menschen umzugehen und selbst Teil dieser Tanzfläche zu sein. Ich wollte eben nicht als Musiker auf einer Bühne etwas präsentieren, sondern mit Musik und den Leuten interagieren. Meine Gitarrenkünste reichen auch nur privat für den Strand, haha.
Was treibt Dich an, weiterzumachen – die Musik?
Ja, nur. Der Kern ist, dass es immer einen Titel gibt, der einen überrascht, das heißt emotional abholt.
Gibt es Songs, die Dich immer begleiten?
Oh ja. Michael Minds-Remix von „Show me Love“ von Robin S., „Don’t Stop ’til You Get Enough“ von Michael Jackson. Den Song liebe ich so, weil er meinen Übergang von der Jugend zum Erwachsenen markiert. „I feel Love“ in der Version von Sam Smith ist ein Hammer. Natürlich „Le Freak“ von Chic und „Beautiful Burnout“ von Underworld, um mich komplett zu verlieren. Den kann man aber auch mitten auf einer Party hören.
Was ist Musik für Dich, kurz zusammengefasst?
Musik ist für mich, jederzeit die totale Entspannung oder die totale Ekstase zu finden.
Könntest Du eigentlich einen Tag ohne Musik aushalten?
Muss ich gar nicht. Zu Not habe ich Musik in mir. Nach so vielen Jahren kann ich mir Musik einfach nur klanglich vorstellen. Viele Songs habe ich so verinnerlicht, ohne sie über meine Ohren hören zu müssen – denn ich fühle die Musik von innen.
DJ Mike Sugar kam am 8.4.65 als Michael Knüfer auf die Welt. Der Vater zweier Kinder lebt in einer glücklichen Beziehung. Er ist seit über 40 Jahren DJ, fast genauso lange bildet er auch DJs aus. Regelmäßig veranstaltet er Ü50-Partys. Sein Workshop „Dein erster DJ-Mix“ findet von 18 bis 21 Uhr bei der dj-Bande, Hammerstraße 37, statt. Weitere Infos gibt es hier: https://tanz-bande.de/dein-erster-dj-mix
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Peter Sauer

