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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Michael Custodis und Stephan Günther reisen musikalisch in die Nachkriegszeit

DER PROFESSOR, DER ERKLÄRT, WIE DEUTSCHLAND KLINGT!

Es gibt sicher viele Menschen, die viel oder noch mehr über Musik wissen. Das ist auch dem Münsteraner Musikwissenschaftler und Autor Prof. Dr. Michael Custodis bekannt. Daher hat er gar nicht erst versucht, noch eine weitere Sammlung von mehr oder weniger interessantem oder bekanntem Musikwissen in Buchform zu gießen. Er ging einen Schritt weiter. Er setzt Musik und Historie in einen Kontext. In seinem Buch „Wie klingt Schwarz-Rot-Gold?“ erzählt er entlang der Musik die deutsch-deutsche Geschichte von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart. Was das alles beinhaltet und wie man darauf kommt, erzählt er uns in diesem Interview.

Wie und warum wird man Musikwissenschaftler und studiert dann noch einige andere Sachen?


Das ist in meinem Fall relativ einfach: Ich war immer schon musikbegeistert, sowohl im Bereich der klassischen Musik mit Klavierunterricht als auch im Bereich der Populärmusik als Gitarrist in einer Hardcore-Punk-Band. Diese stilistische Vielfalt hat mich immer schon gereizt, das war das Erste. Das Zweite, ich bin kein Profimusiker geworden, da mich die Musik selbst, ihre Geschichte und Theorie, sehr früh schon ganz in ihren Bann gezogen hat. Das kann man sich mit einem Vergleich zu einem Bauwerk vielleicht gut vorstellen: Wir sehen ein Gebäude, Architekten sehen einen Bauplan und die Architekturgeschichte dazu.


Verstehe …


Dann fing ich an zu studieren, die Musikwissenschaft war immer mein roter Faden, den ich kombiniert habe mit Soziologie, Erziehungswissenschaft und Filmwissenschaft. Und in Norwegen war ich auch zwei Semester, um in Bergen Politikwissenschaft zu studieren. Hintergrund war, diese Verbindung aus Musikgeschichte und Musikforschung mit ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Rahmung besser verstehen zu lernen.


Das ist ja ein ganz schöner Batzen!


Ja, die kurze Antwort wäre, mich interessiert, wie Musik funktioniert, aber auch, wer sie hört, warum sie gehört wird, in welchen Zeiten sie bestimmte kulturelle und politische Funktionen erfüllt usw., wie das alles zusammenpasst.


Toll, das sagst du jetzt erst? Ich habe gelesen, deine Schwerpunkte sind Musiksoziologie und Musikästhetik, was stelle ich mir darunter vor?


(Lacht). Also Ästhetik fragt im philosophischen Verständnis sehr grundsätzlich, weshalb beispielsweise Musik richtig und schön, wahr oder kritisch sein muss. Solche Gedanken reichen in der europäischen Kulturgeschichte bis weit in die griechische Antike zurück und sind bis heute wichtig, wenn wir etwa Geschmacksvorlieben oder Kompositionsstile verstehen wollen.


Ich kann dir gerade nur bedingt folgen …


Versuchen wir es mal mit einem praktischen Beispiel: Häufig hat eine Zeit oder eine Generation ein Gefühl davon, wie bestimmte Musik klingen soll, während eine andere Musik für uns „veraltet“ klingt. Aber woher wissen wir das eigentlich? Unser Ohr hat offenbar gelernt, dass bestimmte Epochen bestimmte Klänge oder Stile prägten. Die Musikästhetik stellt die Frage nach den dahinter liegenden Kunstgesetzen, nach den Regeln, die solchen Vorstellungen von „schön“ und „hässlich“ zugrunde liegen. Heute können Geräusche fraglos Teil der Musik sein, was im 19. Jahrhundert undenkbar war. Da waren Geräusche quasi das, was man nicht hören wollte. Stell dir eine Trompete vor, die einen Kiekser macht, dann war das erstmal ein falscher Ton. Im Jazz dagegen gibt es diese Regel so pauschal nicht, hier zeigt eine Trompete ganz andere Möglichkeiten. Du merkst also, es ist eine Frage der Ästhetik, ob wir das als schön oder störend wahrnehmen. Das ist nicht in der Musik festgelegt, sondern in den Menschen.


Ok, das klingt tatsächlich spannender, als ich dachte. Und was ist mit der Musiksoziologie?


Soziologie beobachtet Musik als gesellschaftliches Phänomen. Die Musikanalyse würde sich zum Beispiel anschauen, wie funktioniert ein bestimmtes Stück Musik, wo ist die Melodie, wie läuft der Rhythmus, diese technischen Dinge. Die Musiksoziologie dagegen fragt nach dem Publikum, nach den Hörerinnen und Hörern. Das ist das Tolle an der Musik, an sich existiert sie ja nur ganz abstrakt: Hier ist eine Schallplatte, das ist aber nicht die ganze Musik. Da hinten liegen Noten in Partituren, das ist aber auch nicht die Musik.

Musik ist allein die Summe dessen, was ich höre. Wo beginnt die Musik? Dafür braucht man immer einen Plural von bestimmten Dingen und Musik ohne Publikum ist auch nicht wirklich vorstellbar. Musik muss idealerweise aufgeführt werden. Da beginnt die Soziologie, die eben nach dem gesellschaftlichen Kontext fragt: Wie lernen wir eigentlich Musikgeschmack, wie verändert er sich, welche gesellschaftlichen Prozesse lassen sich in der Musik abbilden, was hat Musik mit Geld, Alter, Geschlecht, Herkunft oder Bildung zu tun? Solche Fragen stellt man in der Musiksoziologie.

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Es ist oft eine Frage der Ästhetik was wir als schön empfinden

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Schwenken wir mal auf dein aktuelles Buch „Wie klingt Schwarz-Rot-Gold?“. Woher stammt die Idee?


Ich habe das Vergnügen, mich seit vielen Jahren schon mit Musik beschäftigen zu dürfen und an der Uni natürlich auch zu forschen. Da ich immer Themen sammle und mich für deutsche Geschichte interessiere, ist die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg für mich besonders spannend, da es plötzlich zwei Deutschlands gab. Man findet Musik dabei überall: Mal ist sie ein besonders wichtiges gesellschaftliches Medium, mal ist sie als Kunst ganz mit sich beschäftigt. Generell faszinieren mich Wechselwirkungen von Kultur und Zeitgeschichte, da man entlang der Musik sehr viel Zeitgeschichte der BRD und der DDR erzählen kann. Diesen doppelten Blick versuchte ich mit dem Buch einzufangen. Das war der erste Punkt.


Reicht das nicht schon?


Für mich nicht. (Lacht)

Der zweite Punkt ist, dass wir aus Sicht des Westens nur ganz wenig über die DDR wissen. Es wird bei uns in den Schulen kaum unterrichtet und auch an den Unis kommt von der Musikgeschichte der DDR sehr wenig an.


Das reichte jetzt aber, um ein Buch zu schreiben?


Fast, dazu kommt noch eine leicht verständliche Vermittlung dieser Geschichten. Üblicherweise schreibe ich gerne forschungslastige Bücher, intensive Themen mit vielen Fußnoten und Details. Diesmal wollte ich es anders machen und nicht für spezielle Fachcommunitys schreiben, um etwas ganz gründlich aufzuarbeiten, sondern für die breite Öffentlichkeit. Vor allem für Musikbegeisterte, die sich nicht speziell mit Musik beschäftigen oder selbst forschen, sondern sich einfach für Musik interessieren.


Das ist dir auch gut gelungen. Auch optisch ist das Buch ein Highlight.


Genau, deswegen wollte ich mich mit dem Illustrator Niklas Schwartz zusammentun. Er kann mit Bildern noch ganz andere Dinge vermitteln als ich mit Text und Worten, da seine Bilder so intensiv auf die Musik reagieren und Dinge betonen, die bei mir zwischen den Zeilen stehen. Schau dir alleine das Cover an, das ist ein Knaller, oder?


Da muss ich dir recht geben. Aber generell sind die Illustrationen der Knaller! Es wirkt alles so stimmig.


Diese Bilder sind nie nur die Illustration des Textes, sondern sie erzählen die Geschichte noch mal aus ihrer ganz eigenen Sicht. Das DDR-Thema zu Hanns Eisler und Paul Dessau zum Beispiel, eine Anlehnung an ein typisches Wandbild, wie es in Ost-Berlin am Haus des Lehrers zu sehen ist. DDR-Kunst hatte sehr klaren politischen Bedingungen zu entsprechen. Dieses Kapitel handelt von zwei jüdisch-kommunistischen Musikern, die aus dem Berlin der frühen 1930er Jahre vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten und ins amerikanische Exil gingen. Wir sehen in Niklas’ Mittelbild für dieses Kapitel links oben den jüdischen Kantorensohn Paul Dessau am Klavier und folgen ihm und Hanns Eisler durch die Arbeiterkämpfe der 1920er Jahre gegen die SA. Wenig später grüßt Miss Liberty, die neben dem Oscar steht, für den Eisler für seine Musik zu Fritz Langs „Hangmen Also Die“ nominiert war. Stattdessen musste sich Eisler vor Joe McCarthys berühmt-berüchtigtem antikommunistischem Komitee verantworten und wurde aus den USA ausgewiesen.

Ein roter Faden bei Eisler und Dessau ist ihre jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Bert Brecht, die sich in der DDR fortsetzte. Trotz Nationalpreis und anderen Ehrungen scheiterten sie letztendlich aber an den Betonköpfen, symbolisiert durch die Berliner Mauer. Jedes Detail erzählt eine Geschichte.

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Niklas Schwarz kann mit Bildern andere Dinge vermitteln als ich mit Texten

Wie stellt man das an? Kannte Niklas deine Texte und hat danach gezeichnet?


Als erste Entwürfe und Skizzen ja, aber prinzipiell haben wir wirklich parallel gearbeitet. Also nicht „Hier ist mein Text, bitte male das Bild dazu“. Ich habe zunächst eine Vorlesung dazu gehalten, habe da die Themen entwickelt und ausprobiert und immer weiter mit ihm diskutiert.


War er denn auch bei den Vorlesungen?


Ich habe sie aufgezeichnet und ihm zur Verfügung gestellt. Wir haben permanent intensiv diskutiert, da ich nicht gut visuell denken kann. Er dagegen denkt in Bildern und ich fasste ihm mit zwei bis drei Thesen jedes Kapitel zusammen, damit er sich dazu eine Bildsprache überlegt.


Wahnsinn, was daraus entstanden ist. Wie hast du die Auswahl getroffen, welche Themen ins Buch kommen?


Ich habe mir Beispiele gesucht und dabei inhaltlich überlegt, welche Geschichte man mit ihnen erzählen kann. Zum Beispiel „Künstlerinnen und Künstler aus der DDR verlassen die DDR und machen dann im Westen Karriere“. Hierfür sind die Biografien von Wolf Biermann, Bettina Wegner und Nina Hagen prädestiniert. Bei anderen Themen ging ich anders vor, beispielsweise bei der Neuen Deutschen Welle. Wie fasst man die zusammen? Wir nahmen also Songs, die besonders wichtig und repräsentativ waren und möglichst verschieden: Ideal war etwas komplett anderes als Trio, und Extrabreit sehr unterschiedlich zur Deutsch-Amerikanischen-Freundschaft oder Nena.


Ich glaube, wir haben einen guten Einblick in die Welt des Musikwissenschaftlers und Buchautors bekommen. Vielen Dank für das Gespräch, Michael!

Michael Custodis
Er ist 1973 geboren und ist nicht nur Professor für Musik der Gegenwart und systematische Musikwissenschaft an der Uni Münster, sondern hat „nebenbei“ auch noch Soziologie, Film-, Erziehungs- und Politikwissenschaften studiert. Um das alles zu schaffen, gab er sogar seine Karriere als Gitarrist in einer Hardcore-Punk-Band auf.

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Armin Zedler

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