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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Tom Feuerstacke und Markus Haubrich besprechen die Johanniter-Unfall-Hilfe.

HELFEN, UM ZU HELFEN

Es ist schon irre, wieso sich Vereine gründen. In diesem Fall sind es die Unfallzahlen. In den 50er-Jahren sorgten sie dafür, dass ein Orden reagiert. Er lehrt Menschen, sich selber zu helfen. So ist es bis heute geblieben, auch wenn die Anforderungen vielschichtiger geworden sind. Es sind Menschen wie du und ich, die ehrenamtlich oder hauptberuflich tätig sind. Immer wenn es brenzlich wird; Menschen sich nicht mehr selbst versorgen können, sind sie da. Das ohne Wenn und Aber. Und immer mit einer hohen Sozialkompetenz, die sie beweisen in ihrer täglichen Arbeit: im Hausnotruf, in der Pflege und im Rettungsdienst. Und nebenher noch in vielen weiteren Bereichen.

Markus, seit wann gibt es euch Johanniter?


(Lacht) Seit 1099 nach Christus da…


…das passiert, wenn man nicht präzise genug fragt. Heute sprechen wir nicht über die Kreuzzüge und die Spaltung der Malteser. Ich würde viel lieber wissen wollen, seit wann es die Johanniter-Unfall-Hilfe gibt?


Aus der Not heraus wurde 1952 die Johanniter-Unfall-Hilfe gegründet. Es gab in den 50er-Jahren unglaublich viele Autounfälle. Unser heutiger Regionalverband Münsterland/Soest wurde 1957 als RV Münster gegründet und hat sich seitdem sowohl flächenmäßig als auch personell immer weiter vergrößert. Eine der damaligen Hauptdienstleistungen, die sich bis heute durchzieht, ist die Durchführung von Erste-Hilfe-Kursen.


Euer Hauptgeschäft ist es, Menschen zu zeigen, wie die Mund-zu-Mund-Beatmung geht?


(Lacht) Da sind wir mittlerweile deutlich breiter aufgestellt. Neben dem bekannten Rettungsdienst betreiben wir einen großen ambulanten Pflegedienst, versorgen Senioren mittags mit unserem Menüservice, helfen mit unseren Alltagshelfern bei den großen und kleinen Herausforderungen des tägliche Lebens und betreiben einen Kindergarten in Havixbeck. Zudem organisieren wir den Fahrdienst für den kassenärztlichen Notfalldienst, der immer dann kommt, wenn die Praxen geschlossen haben. Unsere größte Dienstleistung ist aktuell der Hausnotruf. Kranke und älterer Menschen können uns hierüber per Knopfdruck alarmieren, wenn sie Hilfe brauchen.


Wo seht ihr im Moment eure Kernkompetenz bei eurem Dienst an der Gesellschaft?


Vom starken Bereich der Rettung wandelt es sich im Moment in Richtung Pflege. Ambulante Angebote heißt das bei uns. Das geht von in Richtung ambulanter Tagespflege und bis zur ambulant betreuten Wohngruppe. Die klassische ambulante Pflege bei hilfsbedürftigen Menschen vor Ort ist eine große Aufgabe geworden.


Wie kommt es, dass bei euch die Pflege den größten Raum einnimmt? Ich würde noch immer denken, dass ihr Krankenwagen fahrt und bei Gefahrenlagen die Menschen betreut, die durch diese betroffen sind. Was sind eure Aufgaben in der Pflege?


Wir erledigen alles das, was die sozialen Gesetzbücher vorsehen. Die klassische Pflege ist ein Markt, in dem es unglaublich lange Wartelisten gibt. Diese Wartelisten betreffen alle Pflegedienste. Das Problem in diesem Bereich sind die Fachkräfte, die es für eine gute Pflege braucht. Das sind einfach zu wenige, um diese immens große Nachfrage zu befriedigen. Wir versuchen dem entgegenzuwirken, indem wir massiv ausbilden. Wir haben aktuell neun Auszubildende, die bei uns zu Pflegefachkräften ausgebildet werden. 


Wie ordne ich das ein? Ist diese Anzahl an Auszubildenden gut, wenn man die Menge an Bedürftigen sieht, die eine Warteliste rasant wachsen lässt? 


Circa zehn Prozent Auszubildende bei uns ist mit Sicherheit eine gute Zahl. Aber es reicht bei Weitem nicht aus, um den akuten und künftigen Bedarf nur ansatzweise zu stillen. Die Zahl der Auszubildenden in diesem Bereich sind überall eher rückläufig. Also müssen auch wir nach neuen Wegen suchen. Wir suchen zum Beispiel Pflegepersonal über Organisationen im Ausland, die wir dann nach Münster holen. Das ist keine optimale Situation, aber du findest nicht genügend junge Menschen, die diesen Beruf ausüben wollen. Trotz späterer Jobgarantie und einer hochwertigen Ausbildung an unserer Pflegeakademie. Es bleibt schwierig, junge Menschen zu begeistern, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Dabei klingt zehn Prozent Auszubildende ja erstmal gut.


Die Zahl an Auszubildenden in der Pflege, die ihr habt, klingt super. Trotzdem schwingt Sorge in deiner Stimme mit. Es reicht einfach nicht aus. Welche Zahl an werdenden Fachkräften bräuchtet ihr, damit die Sorgenfalten auf deiner Stirn zu diesem Thema weniger würden?


Das kann man in der Pflege so gar nicht sagen. Mit jeder Pflegefachkraft kann man eine neue Tour eröffnen. Und umso mehr Touren man fährt, desto mehr Bedürftige kann man bedienen. Und einen Aspekt darf man hierbei nicht außer Acht lassen: Wenn ein Mitarbeiter wegfällt, kann man direkt eine Tour schließen und die Liste wird wieder länger.

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Markus Haubrich, seit einem Vierteljahrhundert bei den Johannitern ganz vorne mit dabei.

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Gibt es Grenzen für euch, wie weit ihr Pflege durchführen könnt. Oder könnt ihr jegliche Form der Pflege anbieten?


Das kann man so pauschal nicht sagen. Die Grenzen bestehen in der Fachlichkeit. Für verschiedene Leistungen bedarf es besonderer Weiterbildungen, damit du sie erbringen darfst - wenn du zum Beispiel den Heilungsprozess einer Narbe begleiten willst, musst du Wundmanager sein. Wir haben in unseren Reihen viele Fachleute in den verschiedenen Bereichen der Pflege. Jetzt einen speziellen Fall zu finden, den wir nicht pflegen können, wäre zu pauschal und in der Kürze nicht zu erklären. 


Was ich mich frage: Wie läuft das in der Pflege in so einer Zeit wie Corona und danach? Alle Betriebe sprechen davon, dass ihre Mitarbeiter durch Krankheit wegbrechen und Dienstleistungen nicht mehr angeboten werden können. Wie ist und war das bei euch in der Pflege?


Menschen, die in der Pflege arbeiten, sind ganz besonders in ihrer Einstellung und Haltung zu ihrem Beruf und den Pflegebedürftigen. Wir hatten dieses Schneechaos vor ein paar Jahren. Da gab es Bereiche bei uns, die geschlossen werden mussten, weil die Mitarbeiter nicht zur Arbeitsstelle kommen konnten. So geschehen bei unserer Kita. In der Pflege sind unsere Fachkräfte zu Fuß durch die Schneemassen gestampft, um ihre Patienten zu versorgen. Völlig freiwillig. Die lieben einfach ihren Job. Die würden für ihre Kunden quasi alles tun. Das habe ich so woanders selten gesehen. Im Pflegeteam herrscht ein völlig anderes Sozialverständnis.


Dem kann man nur Respekt zollen. Wenn du so leidenschaftlich von diesem Bereich sprichst, wie viel Raum nimmt dieser Bereich in eurer täglichen Arbeit ein?


Unsere drei Standbeine sind aktuell Hausnotruf, Pflege und der Rettungsdienst. Beim Rettungsdienst sehe ich die Gefahr, dass das in den nächsten Jahren weniger wird. Der Dienst ist sehr kostenintensiv und bei den Ausschreibungen geht es um den Preis. Da wir unsere Fachkräfte streng nach Tarif bezahlen und davon auch nicht abweichen wollen, werden wir bei der einen oder anderen Ausschreibung an unsere Grenzen gelangen. In der Pflege herrscht zwar auch die Tarifbindung, aber hier verhandeln wir direkt mit den Krankenkassen als Kostenträger. 


Hast du persönlich eine Vision, was passieren müsste, dass alle drei Standbeine super laufen und euch ein Lächeln entlocken?


Ich arbeite seit fast 25 Jahren für die Johanniter. Ich habe die Entwicklung und das Wachstum live miterlebt. Wir haben unsere Mitarbeiterzahl in dieser Zeit verzehnfacht. Damit so ein Laden super läuft, brauchst du super Leute. Und die habe ich hier. Deshalb entlocken mir unsere Mitarbeitenden ein Lächeln. Diese Zufriedenheit, die ich in der ganzen Mitarbeiterschaft spüre, – leider geil.

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Fachkräftemangel gibt es nicht, die arbeiten nur woanders

Ihr habt so was wie ein Mantra: Wir arbeiten gerne hier, weil wir die Geilsten sind. Du weißt offensichtlich, wovon du dabei sprichst. Du bist 25 Jahre dabei. Was macht euch den so begehrenswert?


(Lacht) Wer mehr als sein halbes Leben in einer Organisation verbringt, der ist für den Arbeitsmarkt wahrscheinlich versaut. Ist aber nicht schlimm, denn ich finde, Johanniter zu sein passt einfach perfekt zu mir und ich würde nie woanders arbeiten wollen. Und das vermittele ich auch weiter. Wir bieten hier so viele Chancen zur persönlichen Entwicklung. Meine zweite Reihe, alles Leute, die hier im Laden groß geworden sind, – mich inklusive. Vom Krankenwagenfahrer zum Vorstand, wo findest du das sonst? Und ja, unser bisheriger Insider „weil wir die Geilsten sind“, existiert. Damit das aber mehr als eine Worthülse ist, bieten wir auch einiges. Neben Tariflohn, betrieblicher Altersvorsorge und den sonstigen Klassikern haben wir ein betriebliches Gesundheitsmanagement geschaffen, Fitnessräume eingerichtet, alles, was unseren Leuten guttut. Die Mitarbeiter, die in den Fachbereichen tätig sind, das sind die Spezialisten und der Motor unseres Erfolges. Das sind die wichtigsten Personen bei uns. Die müssen zufrieden sein und ich habe den Eindruck, dass sie es ganz cool finden, bei uns zu sein.


Warum wechseln die Mitarbeiter von nicht in Scharen zu euch?


Ein Kollege hat mal gesagt „Fachkräftemangel gibt es nicht, die arbeiten nur woanders“, da hat er sicher auch ein bisschen recht. Wir wollen uns aber am Markt nicht kannibalisieren. Jede Fachkraft ist wichtig und Ausbildung das Zauberwort. Unsere Türen stehen natürlich jedem offen. Aber wie ich ja bereits erklärt hatte, sind Mitarbeiter in der Pflege mit einer hohen Sozialkompetenz unterwegs. Sie pflegen zum Teil jahrelang ihre Kunden und wollen diese nicht einfach im Stich lassen. Das wäre aber der Fall, wenn man den Arbeitgeber wechselt. Die sind einfach mit Herzblut bei der Sache, da spielt manchmal keine Rolle, welches Firma auf dem Auto steht.


Wie viele Bewerbungen müssten bei euch eintrudeln, damit du sagst, jetzt sind wir unglaublich aufgestellt in der Pflege. 20 oder 100. Und könntest du denn alle einstellen, ohne dass das Budget aufgebraucht ist?


Wir sind bereits jetzt gut aufgestellt. Die Warteliste an Pflegebedürftigen ist aber dennoch megalang. Wir freuen uns über jede Fachkraft, jede Hilfskraft und jeden Auszubildenden, der sich meldet. Erst wenn unsere Warteliste leer wäre, dann wäre das ein „unglaublicher“ Zustand. Aber das wird wohl in naher Zukunft nicht passieren. Aktuell können wir unsere Pflegebedürftigen gut versorgen und freuen uns, mit wachsender Teamgröße weitere aufzunehmen. Daher gehe ich schon jetzt am Ende des Tages zufrieden nach Hause.


Aber jetzt bewerben sich morgen 100 Pflegefachkräfte bei dir…


...(Lacht), dann würden wir alle bei Eignung einstellen. Wir hätten dann allerdings ein ganz anders Problem. Versuche, mal Fahrzeuge für das ganze neue Personal zu bekommen. Das ist mindestens genauso schwierig. Denn auch der Fahrzeugmarkt ist sehr angespannt. Du siehst: Alles hat seine Vorteile und birgt manchmal auch Nachteile. Aber so wie es jetzt aktuell ist, können wir weiter optimistisch in die Zukunft schauen.


Den Eindruck habe ich heute gewonnen. Ihr seid wirklich super, um nicht nochmal „geil“ zu sagen. Ich wünsche euch alles Gute. Denn ihr werdet gebraucht. Und danke für euren Dienst an der Gesellschaft. Der ist am Ende unbezahlbar.


Danke dir, dass du da warst und uns ein Forum bietest.

Markus Haubrich
Er ist Jahrgang 1979 und seit seinem Zivildienst bei den Johannitern. Seit 2020 ist er Regionalvorstand für den Regionalverband Münsterland/Soest. Romy, seine Labradorhündin, ist ausgebildete Mantrail-Hündin. Zusammen suchen sie in der Rettungshundestaffel der Johanniter vermisste Menschen. Ein Herzensprojekt.

llustration Thorsten Kambach / Fotos Maren Kuiter

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