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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Tom Feuerstacke und Malte Küppers verbal zwischen Schulflur und Stand-up

SCHULE LIEFERT. IMMER. LEIDER:

Malte Küppers wirkt erst einmal gar nicht wie jemand, der sich auf der Bühne „Antisozialarbeiter“ nennt. Dann lacht er kurz, erzählt von Schule, System, Frust, Humor, und plötzlich passt alles zusammen: der Sozialpädagoge, der über Bildungspolitik schimpft, der Comedian, der daraus Pointen baut und der Duisburger, der seine Herkunft wie ein Etikett trägt, das man nicht abkratzen will. Küppers arbeitet mit Jugendlichen, die im Schulsystem kämpfen – und erzählt abends genau davon. Nicht über sie, sagt er, sondern über Strukturen, Situationen, Widersprüche. Münster kennt er vom Fußball und von Auftritten, die Fahrräder fürchtet er mehr als jedes Publikum. Warum Schule unerschöpflich komisch ist, was Hoffnung im System bedeutet und warum er seinen Job wohl nie ganz aufgibt: Darüber musste gesprochen werden.

Malte, du bist eigentlich Sozialarbeiter beziehungsweise Sozialpädagoge. Was heißt das konkret: Wer sitzt dir im Alltag gegenüber und wie viel davon landet später auf der Bühne?



Ich habe tatsächlich beides gemacht: klassisch als Schulsozialarbeiter gearbeitet, also direkt im System Schule. Inzwischen hat sich das stärker in Richtung Sozialpädagogik verschoben, weil mein Schwerpunkt jetzt auf Berufsorientierung liegt. Ich begleite Jugendliche, die mit ihrem Schulabschluss kämpfen oder drohen, durchs Raster zu fallen, und versuche, mit ihnen zusammen Perspektiven zu entwickeln. Das ist manchmal zäh, manchmal berührend, manchmal absurd. Und genau diese Mischung prägt mich natürlich auch als Künstler.


Du stehst seit zehn Jahren auf Bühnen, aber viele kennen dich erst seit deinem Stand-up. Wie lief dieser Weg vom Poetry-Slam zur Comedy und warum der Wechsel?



Der Start war Poetry-Slam, vor ziemlich genau zehn Jahren. Schreiben war für mich immer schon ein Ventil, und der Slam war dann der Moment, wo das plötzlich öffentlich wurde. Ich schreibe eigene Texte und trete weiterhin als Slammer auf. Vor drei Jahren habe ich dann Stand-up ausprobiert, weil meine Texte ohnehin oft humorvoll und erzählerisch waren. Ich wollte ein Format, das noch direkter mit Publikum funktioniert. Seitdem mache ich beides – Wortkunst und Comedy.


Dein Programm heißt „Antisozialarbeiter“. Das klingt nach Frontalangriff auf deinen eigenen Beruf. Wogegen rebelliert dieser Antisozialarbeiter?



Das ist eigentlich Selbstironie. Ich merke in meinem Job oft, wie ich innerlich hadere: Wie soll ich mich verhalten? Was erwartet das System? Und was denke ich wirklich? Es gibt Momente, da würde ich Menschen lieber zunächst anpöbeln als professionell helfen. Natürlich mache ich das nicht. Dazu kommt mein Frust über Strukturen im Bildungssystem. „Antisozialarbeiter“ spielt mit der Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. Auf der Bühne rege ich mich auf. Aber mir ist wichtig, am Ende trotzdem einen hoffnungsvollen Dreh zu finden.


Bist du denn noch hoffnungsvoll – oder hat dir das System Schule diese Illusion längst ausgetrieben?



Beides. Wenn ich aufs große Ganze schaue – Bildungspolitik, Schulstrukturen –, dann denke ich oft: Das ist katastrophal. Es gibt seit Jahrzehnten gute Konzepte. Und politisch passiert wenig. Dieses „Haben wir schon immer so gemacht“, frustriert mich massiv. Hoffnung kommt für mich selten aus dem System, sondern aus Menschen. Aus einzelnen Jugendlichen, mit denen ich arbeite. Und da sehe ich viel Stärke, Witz, Überlebenskunst. Diese Begegnungen halten meine Hoffnung am Leben.


Wenn Leute in deiner Show sitzen und lachen: Spüren die, dass unter dem Humor ein ziemlich ernstes Thema liegt?



Ich hoffe, und ich glaube schon. Mir ist wichtig: Ich mache mich nicht über Jugendliche lustig. Ich nehme Situationen und Systemlogiken auseinander. Deshalb benenne ich im Programm: Es geht nicht um Einzelne, sondern um das Dahinter. Nach Shows sagen mir Leute oft, sie seien froh, dass das jemand ausspricht. Das berührt mich. Humor öffnet Türen für Themen, die sonst schwer werden.


Wann hast du gemerkt: Dieser Job hat eigentlich selbst schon Humor, wenn man ihn nur erzählt?



Ziemlich früh, schon im Poetry-Slam. Ich habe angefangen, überspitzt aus dem Schulalltag zu erzählen. Und das hat sofort funktioniert, weil da viel Wiedererkennung drinsteckt. Ich habe gemerkt: Das ist meine Expertise. Ich muss nichts recherchieren. Klar, ich überhöhe. Aber alles, was ich erzähle, könnte passieren. Daraus entsteht dieser spezielle Humor: aus Realität, die zu schräg ist, um sie ernst zu erzählen.


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Dieses Umschalten war ein Lernprozess

Viele sagen: Gute Comedy hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Warum glaubst du, liefern ausgerechnet Schule und Sozialarbeit so viel Stoff zum Lachen, obwohl er eigentlich bitterernst ist?



Weil Schule ein Ort ist, zu dem jede und jeder eine Beziehung hat. Entweder war man selbst dort, hat Kinder dort, arbeitet dort oder kennt Leute im System. Schule ist kollektive Erfahrung. Da reichen Stichworte, und alle sind wieder im Klassenzimmer. Und ich erzähle das locker, mit Tempo, mit Ruhrpott-Schnauze. Diese Mischung macht, dass Leute sich öffnen. Sie lachen über etwas, das sie kennen.


Kurz zur Einordnung. Du bist 1988 in Viersen geboren, hast Erziehungswissenschaften studiert und arbeitest bis heute als Sozialarbeiter. Zehn Jahre Bühne. Warum bist du trotzdem noch im Job?



Es müsste viel passieren, damit ich komplett aussteige. Der Job ist für mich mehr als eine Materialquelle. Erstens: Sinn. Ich arbeite gern mit Jugendlichen. Zweitens: Sicherheit. Ich hatte Ende 2019 den Plan, mich 2020 komplett selbstständig zu machen. Und dann kam dieses globale Ereignis, das den Kulturbetrieb auf null gefahren hat. Da war ich froh über ein festes Einkommen. Diese Erfahrung sitzt. Deshalb fahre ich bis heute morgens zur Arbeit und abends zur Bühne.


Ist der Plan denn langfristig Bühne statt Büro, oder willst du genau diese Doppelrolle behalten?



Gegenwärtig sehe ich eher die Doppelrolle als Modell. Der Job erdet mich, die Bühne verarbeitet. Er hält mich nah an Lebensrealitäten. Und umgekehrt hilft mir die Bühne, Frust in etwas Produktives zu drehen. Komplett auszusteigen würde bedeuten, einen Teil meiner Identität abzugeben. Ich stehe mit einem Bein im System und mit dem anderen im Scheinwerferlicht, und genau das hält die Balance.


Du sagst, Stoff gäbe es auch in der Straßenbahn. Was macht Schule als Comedy-Ort trotzdem besonders?



Schule hat eine Rest-Unschuld. Es geht um Kinder und Jugendliche, und denen verzeiht man mehr. Wenn ein 15-Jähriger etwas Absurdes macht, ist das eine witzige Anekdote. Wenn ein Mittfünfziger dasselbe bringt, denken alle: „Was stimmt mit dir nicht?“ Diese Fallhöhe ist anders. Bei Jugendlichen schwingt Entwicklung mit. Das macht Situationen komisch und menschlich. Und ich kann mit Wohlwollen draufschauen. Das Publikum spürt das.


Wenn du auf der Bühne über das Bildungssystem und seine Absurditäten sprichst: Gibt’s Momente, wo du selbst noch denkst „Das kann doch nicht wahr sein“?



Am Anfang ständig. Diese Fassungslosigkeit war riesig: wie Prozesse laufen, wie wenig sich bewegt. Über die Jahre bin ich weniger schockiert und mehr wütend. Und da hilft mir die Bühne. Sie ist ein Ventil: Ich kann Frust in Humor übersetzen. Viele sagen danach: „Danke, dass du das aussprichst.“ Dann merke ich: Dieses Aufregen hat einen Zweck. Es verbindet.


Viele im sozialen Bereich benötigen ein Ventil. Hast du auch solch einen Gegenpol zum Schulalltag?



Ich habe nichts Ritualisiertes. Bei mir ist es unspektakulär: lesen, Serien schauen, abschalten. Entscheidend: Ich habe gelernt, Arbeit und Zuhause zu trennen. Am Anfang war das nicht so. Inzwischen gelingt mir das viel besser. Ich lasse das meiste in der Schule. Dieses Umschalten war ein Lernprozess. Heute ist es mein wichtigstes Ventil: Grenzen ziehen.


Du kommst aus Duisburg und das Ruhrgebiet gilt nicht gerade als Comedy-Neuland. Wie stark prägt dich diese Herkunft auf der Bühne?



Komplett. Ich sage: Ich bin der Botschafter von Duisburg, den die Stadt nie beauftragt hat. Diese Stadt hat mich geprägt – wie ich rede, denke, schaue. Und das merkt man auf der Bühne: in Sprache, Ton, Ruhrpott-Direktheit. Egal, wo ich auftrete, kommen Leute, die sagen: „Ich komme auch von da.“ Diese Herkunft trägt.


Könnte man dich auch nach Köln, Hamburg oder Berlin verorten – oder steht da immer „Malte aus Duisburg“ drauf?



Da steht ziemlich fett Duisburg drauf. Nicht als Gimmick, sondern Teil meiner Identität. Ich verstecke es nicht. Ich rede nicht „Ruhrgebiet“, ich bin es. Das gibt meiner Perspektive Erdung: weniger akademisch, mehr lebensnah. Selbst in Köln wäre ich einfach der Typ aus dem Ruhrgebiet. Und das ist okay.


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Nur ohne Mütze

Kommen Leute zu dir, weil da „Duisburg“ draufsteht – oder weil sie sich im „Antisozialarbeiter“ wiederfinden?



Ich glaube: wegen des Themas, nicht wegen der Stadt. Duisburg ist kein Ticketgrund. Leute lesen „Schule“, „Sozialarbeit“, „Jugendliche“ und denken: kenne ich. Duisburg ist Rahmen. Aber der Kern ist das System Schule. Schule versteht überall jeder.


Du bist Jahrgang ’88 und hast Beruf und Bühne parallel aufgebaut. Gibt es einen Bereich, der für dich künstlerisch immer „liefert“, egal wie sich dein Job verändert?



Ja: Jugendliche selbst. Solange du mit Jugendlichen arbeitest, passiert immer etwas. Diese Mischung aus Direktheit, Unsicherheit, Witz und Ernst. Das ist unerschöpflich. Begegnungen sind dicht. Daraus ziehe ich Energie: Kontakt, Reibung, Selbstwirksamkeit. Jugendliche liefern immer.


Du sagst, Duisburg ist Rahmen, Schule Kern. Was bleibt denn nach einem Abend stärker hängen: der Ruhrgebietler oder der Antisozialarbeiter?



Ganz klar der Antisozialarbeiter. Also die Perspektive: jemand, der im System arbeitet und es gleichzeitig zerlegt. Das Ruhrgebiet färbt das nur ein. Aber die Identifikation läuft über Erfahrung. Deshalb sagen Leute: „Genau so läuft das bei uns auch.“ Duisburg gibt Herz und Schnauze, aber die Schule gibt die Relevanz.


Du kennst Münster ja nicht nur von der Bühne, sondern auch vom Fußball. Was geht dir durch den Kopf, wenn du hier hereinfährst?



Ganz ehrlich: Münster ist die Stadt, in der ich jedes Mal denke, heute fahre ich jemanden um, wegen der Fahrräder. Diese Verkehrslogik überfordert mich. Ich finde Münster spannend, weil es so anders ist als meine Welt. Sehr geschniegelt, organisiert, „wir unter uns“. Genau das macht es als Gast reizvoll: ein Paralleluniversum.


Was bringst du denn als selbst ernannter Duisburg-Botschafter dem Münsterländer Publikum mit?



Vor allem Perspektive von außerhalb. Münster lebt gut in seiner Blase. Aber Richtung Westen sieht Deutschland anders aus. Und diesen Blick möchte ich mitbringen: eine Prise Kernigkeit, Ruhrgebietsrealität. Ich hoffe, dass Leute danach merken: So weit weg ist das gar nicht. Humor verbindet an dieser Schnittstelle.


Mir ist aufgefallen: früher Beanie und Slammerlook, heute Bart und Türsteher-Aura. Was ist da passiert?



(lacht) Das war der Moment, als ich von der Grundschule an die Gesamtschule gewechselt bin. Man passt sich seiner Umgebung an. Ich sage: Ich habe mich optisch meiner Klientel angenähert. Aber natürlich ist das auch Älterwerden. Zehn Jahre Bühne, zehn Jahre Schule. Ich fühle mich innerlich noch wie der Typ mit Mütze, der Texte schreibt. Nur ohne Mütze. Und mit mehr Bart.


Dein Thema Schule wirkt wie eine nie versiegende Quelle. Hoffst du eigentlich, dass diese Geschichte auserzählt ist, oder könntest du sie ewig weitererzählen?



Rein praktisch könnte ich das ewig erzählen. Schule, Jugendliche, System. Das liefert unendlich. Aber ich hätte keine Lust, immer dieselbe Linse zu benutzen. Mich interessieren auch andere Themen: Digitalisierung, Medien, Veränderungen. Ich weiß nicht, ob Schule künftig immer so zentral bleibt. Das entscheide ich nach innerem Bedürfnis.


Du kommst aus dem System. Wünschst du dir manchmal, die Geschichten aus der Schule würden einfach versiegen, aus guten Gründen?



Ja. Nicht, weil ich keine Bühne hätte, sondern weil die Ursachen weg wären. Viele Geschichten haben Armut, Bildungsungleichheit, Schieflagen im Hintergrund. Ich würde mir wünschen, dass mir genau das keinen Stoff mehr gibt. Dass Komik weniger aus Mangel kommt und mehr aus purem Menschsein.


Wenn du sagst: „Es wäre schön“ – was müsste als Erstes passieren, damit diese Geschichte tatsächlich auserzählt werden könnte?



Dass Schule weniger Ungleichheit verwaltet und mehr Chancen ausgleicht. Dass Armut nicht mehr Bildungsbiografien bestimmt. Wenn diese Faktoren kleiner würden, würden sich auch meine Geschichten verändern. Es gäbe sie weiter – weil Menschen absurd bleiben. Aber sie hätten einen anderen Kern. Diese Veränderung würde ich als Sozialarbeiter sofort unterschreiben – auch wenn sie mir als Comedian Stoff stiehlt. Das wäre ein guter Tausch.


Malte Küppers

Der 1988 in Duisburg geborene Sozialpädagoge kümmert sich im Beruf um Schülerinnen und Schüler auf dem Weg ins Berufsleben. Die Erlebnisse verarbeitet er auf der Bühne. Mit einem Schmunzeln erklärt er die Hindernisse in seinem Job. Die Hoffnung auf den Comedy-Ruhestand hat er vorläufig aufgegeben. Sein Job liefert weiterhin Geschichten, und das täglich.

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Anna-Lisa Konrad

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