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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

David Olef spricht mit Lars Tönsfeuerborn über Aktivismus im Dschungelcamp

KEINE TABUS

Die meisten denken bei den Formaten ‚Prince Charming‘ oder der Dschungelshow bei RTL wohl nicht an politischen Aktivismus oder Einsatz für mentale Gesundheit. Genau diese Gratwanderung unternimmt Lars Tönsfeuerborn jedoch schon seit seinem ersten Fernsehauftritt bei RTL. Nicht nur auf seinem Instagram Account mit siebzigtausend Followern zeigt der gebürtige Warendorfer Flagge gegen Diskriminierung und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Auch in seiner Rolle als Unternehmer und Podcaster tritt Lars anderen immer wieder gerne auf die Füße.

Hallo Lars, du bist Unternehmer, Podcaster, Dschungelcamp-Kandidat und Aktivist. Als was soll ich dich denn jetzt vorstellen?


Das ist eine gute Frage (lacht). Früher habe ich mich immer Lebenskünstler genannt, weil ich mich nie wirklich festgelegt habe und in verschiedenen Bereichen tätig war. Mittlerweile liegt der Schwerpunkt bei meiner Aufgabe als Unternehmer und CEO. Der Aktivismus für queere Themen und Mental Health ist mir allerdings genauso wichtig.


Gebürtig kommst du aus Warendorf; hast du noch eine Verbindung zum Münsterland?


Verbindungen habe ich noch eine ganze Menge. Am meisten aber zu Münster selbst, wo ich sieben Jahre gelebt und die Stadt lieben gelernt habe.


Was hast du in Münster beruflich gemacht?


Alles Mögliche. Ich habe eine Ausbildung zum Frisör sowie mein Fachabi angefangen und später dann in der Pflege gearbeitet. Außerdem habe ich versucht, mich im Bereich der Inneneinrichtung selbstständig zu machen.


Wenn deine aktuelle Karriere in der Öffentlichkeit nicht zu Stande gekommen wäre, hättest du dir auch vorstellen können, in einem der Bereiche zu arbeiten?


Ich war immer sehr sprunghaft; damit ich mich wohlfühle, brauche ich Abwechslung. Deshalb tut mir die Selbstständigkeit sehr gut. Aber gerade in Düsseldorf habe ich am Ende im Bereich der Inneneinrichtung in einem sehr guten Team gearbeitet und wenn alle Stricke reißen würden, hätte ich keine Probleme, dort wieder zu arbeiten. Jedoch bin ich jeden Tag dankbar für das Privileg der Selbstständigkeit und das ich mein Leben so leben kann, wie ich es mir wünsche.


Nachdem du durch den Podcast „Schwanz und Ehrlich“ schon ein bisschen bekannter wurdest, folgte dann dein „Durchbruch“ mit dem Gewinn der ersten Staffel „Prince Charming“ auf RTL+. Hat es dich schon immer ein bisschen ins Rampenlicht gezogen?


Also die Idee, einen Podcast zu starten, war sehr spontan. Wir haben damals festgestellt, dass es zwar Sexpodcasts gibt, aber keine, die sich mit queerer Thematik auseinandersetzen. Der Podcast hatte dann auch überraschend schnell Erfolg. Dadurch wurde ich dann auch für Prince Charming angefragt.


Hast du damals direkt zugesagt?


Im ersten Impuls habe ich abgelehnt, mir das Ganze später aber nochmal überlegt. Es wäre allerdings gelogen, wenn ich sage, ich hatte dabei nicht auch Werbung für den Podcast im Hinterkopf. Zu dem Zeitpunkt hätte ich es auch nicht für möglich gehalten, dass sich aus der Sendung eine Beziehung entwickelt. Bühnenerfahrungen habe ich ansonsten bereits in meiner Kindheit gesammelt, da mein Vater in einer halb-öffentlichen Rolle stand. Aber an sich habe ich keinen Drang zur Öffentlichkeit und kann mich auch gerne zurückziehen und die Ruhe genießen.


Inwiefern hatte dein Vater eine halb-öffentliche Rolle?


Er war sogenannter „Erster Hauptsattelmeister“, also zweiter Chef des NRW-Landgestüts in Warendorf. Das Gestüt dient der Erhaltung der regionalen Pferderasse. Deshalb gab es dort teilweise öffentliche Auftritte bei der Hengstparade mit Landesministern und anderen regionalen Größen. Dort stand ich oft vor vielen Zuschauern auf dem Platz und musste Blumen überreichen oder war Teil eines Schaubildes (lacht).

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Ich kann mich wunderbar zurückziehen und die Ruhe genießen

In eurem Podcast sprecht ihr ausführlich über euer Sexleben, bei Prince Charming hast du Einblicke in deine Gefühlswelt gegeben und über den Suizid deiner Mutter gesprochen. So intime Bereiche des Lebens preiszugeben, ist für die meisten Menschen nicht vorstellbar. Fehlt dir manchmal deine Privatsphäre?


Wenn man sich auf diese Weise öffentlich nackt macht, braucht man natürlich ein dickes Fell. Allerdings halte ich mir in solchen Momenten immer vor Augen, dass die Leute mich nicht persönlich kennen und mir ein Urteil von diesen Leuten egal sein kann. Durch meine Tätigkeit als CEO habe ich mich auch ein bisschen aus der Öffentlichkeit rausgezogen und stehe nicht jeden Tag vor der Kamera, sodass ich mein Privatleben sehr gut schützen kann.


Es ist aber nicht nur Öffentlichkeit im Allgemeinen, sondern es sind sehr persönliche Themen wie Sexualität, Beziehung und Familie. Warum hast du dich entschieden öffentlich darüber zu sprechen?


Beim Thema ‚Sex‘ habe ich tatsächlich nie drüber nachgedacht, weil mich die Tabuisierung in der Gesellschaft von Anfang an gestört hat. Egal in welchem Kontext, Sex hat noch immer diesen leichten Schmuddel-Hauch, obwohl es dafür überhaupt keine Gründe gibt. Es ist das Normalste der Welt und sollte auch so behandelt werden. Bei den Themen ‚Liebe‘ und ‚Beziehung‘ sieht es ein bisschen anders aus.


Also würdest du eine zukünftige Beziehung nicht wieder auf Instagram und Co. präsentieren?


Dazu muss man sagen: Hätte ich zu Beginn der „Prince Charming“-Sendung gewusst, dass sich daraus eine Beziehung entwickelt, hätte ich mir das noch dreimal überlegt. Das war ein Punkt, mit dem ich nicht gerechnet habe und der sich innerhalb des Formates ergeben hat. Trotzdem ist ein Learning aus der ganzen Geschichte: Ich werde meine nächste Beziehung auf jeden Fall erst einmal privat halten.


Danach folgten weitere Podcasts und Fernsehauftritte, unter anderem 2021 bei der Corona-beeinflussten Variante der Dschungelshow von RTL. Was war die erste Reaktion deiner Freunde und Familie, als du gesagt hast: „Ich gehe ins Dschungelcamp“?


Das war meine freie Entscheidung, die ich dementsprechend auch fällen wollte. Meine Freunde unterstützen mich immer. Im Nachhinein bereue ich eigentlich nur, dass ich zu der Corona-Variante der Show „ja“ gesagt habe und nicht auf den „richtigen“ Dschungel gewartet habe.


Du hast bei zwei großen RTL-Shows mitgemacht. Was reizt dich an solchen Formaten?


Die beiden Shows waren sehr unterschiedlich: Im Dschungel wollte ich sehen, ob ich mit meiner großen Klappe dort auch liefern kann. Ein Datingformat wiederum ist halt eher ein Wohlfühlformat. In beiden Formaten hat man keinen Kontakt zur Außenwelt, keine Uhrzeit und keine Rückversicherung von Freunden und Co. Also fängst du wieder an, auf dich selbst zu hören; das ist schon eine spannende Erfahrung.

Bei beiden Formaten standest du rund um die Uhr unter Beobachtung. 


Bereust du eine Aussage von dir so richtig?


Ich bereue nichts. Natürlich hatte ich auch das Glück, dass ich nicht besser oder schlechter geschnitten wurde als ich bin. Klar eckt man mal an und klar denkt man im Nachhinein: Das war ein bisschen hart. Am Ende hat sich aber alles im ganzen Kontext richtig angefühlt. Den bekommt der Zuschauer bei diesen Formaten nicht immer mit, da immer nur ein Bruchteil gezeigt wird.

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Danke für die Unterstützung und danke für die meeeega Steaks!

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Sex hat immer noch diesen „Schmuddel-Hauch“

Du engagierst dich auf den sozialen Netzwerken sichtbar gegen Diskriminierung und für seelische Gesundheit. Hattest du von Anfang an die Idee, deine Bekanntheit oder Plattform politisch zu nutzen oder war das ein Prozess?


Mir war von Anfang an klar, wenn ich eine Reichweite bekomme, möchte ich nicht nur Fitness -Tees bewerben und mit Rabattcodes rumschleudern, sondern einen Mehrwert bringen. Ich arbeite zwar auf Instagram auch mit Kooperationen, da versuche ich aber nicht mehr als zwei pro Monat zu veröffentlichen. Ich möchte die Follower:innen nicht nerven.


Anfang des Jahres hast du für die AOK in einem Tagebuch über deine Depression berichtet.


Dieses Thema ist mir sehr wichtig. Ich habe nicht nur meine Mutter, sondern auch weitere Personen in meinem Leben durch Suizide verloren. Unter psychischen Krankheiten leiden so viele Menschen. Wir müssen das Thema als Gesellschaft viel stärker diskutieren. Und das Bewusstsein dahin ändern, dass es eine ernsthafte Erkrankung ist, die jeden Menschen treffen kann.


Also auch dort: Enttabuisierung?


Genau, wir brauchen mehr Aufklärung und vor allem Versorgung. Im Durchschnitt braucht ein Patient in Deutschland 22 Wochen, bis es zu einem Erstgespräch mit einem Psychotherapeuten kommt.


Gerade auf Instagram wird Influencern oft vorgeworfen, sich nur oberflächlich mit Themen auseinanderzusetzen und eigentlich nur Werbung machen zu wollen.


Viele schimpfen sich Aktivisten, aber wenn es eng oder unbequem wird, ziehen die Leute den Schwanz ein. Aktivismus ist nicht dazu da, Leuten zu gefallen oder mit der Herde zu gehen, sondern Aktivismus bedeutet, Haltung zu vertreten. Das kann und muss teilweise auch unangenehm sein.


Passt denn dein Kampf gegen Diskriminierung und für seelische Gesundheit mit einer Teilnahme beim Dschungelcamp zusammen?


Vor diesem Konflikt stand ich auch und habe deshalb nach dem Dschungelcamp gesagt: Das wars mit Trash TV. Ich kann mich nicht auf der einen Seite für Akzeptanz und seelische Gesundheit einsetzen und auf der anderen Seite in Formate gehen, wo Menschen gemobbt oder vorgeführt werden. Mittlerweile frage ich mich aber: Warum kann das denn nicht zusammengehen? Dort erreichst du doch genau die Leute, die sich mit diesen Themen wenig bis gar nicht auseinandergesetzt haben. Also warum nicht dort den Finger in die Wunde legen?


Dabei gehst du auch teilweise gegen Leute vor, die sich auf den ersten Blick für ähnliche Themen einsetzen. Zum Beispiel arbeitet deine Firma an einer Dokumentation über bzw. gegen den Verein „Liebe wen du willst“. Warum sollte man auch Leuten auf die Füße treten, die sich auf den ersten Blick für ähnliche Dinge einsetzen?


Ich schaue immer genau hin: Ist drin, was versprochen wird? Natürlich gilt das Prinzip „nobodys perfect“, ich bin es ganz bestimmt nicht, aber man darf sich nicht einfach auf Kosten von solchen Themen bereichern wollen.


Du hast 2019 eine eigene Medienagentur gegründet, deren CEO du bist. Geht es auch dort darum, sich nicht auf andere zu verlassen, sondern selbst Leute zu fördern?


Absolut, wir arbeiten gerade bei diesen Themen teilweise mit sehr großen Unternehmen zusammen, wo eben nicht alles rund läuft und wollen dort Dinge zum Guten verändern. Der Hauptgrund für die Gründung war aber ein anderer: Ich hatte so oft in meinem Leben beschissene Chefs und ich möchte Leuten einen Arbeitsplatz bieten, an dem sie sich wohlfühlen.


Hast du nicht Angst, auch selbst Pinkwashing zu betreiben? In dem Moment, wo du ein profitorientiertes Unternehmen führst, steht das Geschäft ja automatisch an erster Stelle.


Machen wir uns nichts vor: Auch PTO Media ist selbstverständlich ein Wirtschaftsunternehmen. Allerdings versuchen wir, die Firma nach unseren Werten zu führen. Ich denke, dass man seine aktivistischen Ideale auch in einer solchen Position umsetzen kann. Das kann dann auch bedeuten, auf manche Aufträge zu verzichten. Geld ist eben nicht alles.


Zum Schluss hätte ich noch eine Frage: Welches Fernsehformat würdest du gerne nochmal ausprobieren? Sehen wir dich als nächstes bei Promi Big Brother?


Promi Big Brother wäre eine Option, aber am liebsten würde ich nochmal in den richtigen Dschungel. Ansonsten versuche ich mich ein bisschen im Bereich ‚Moderation‘ weiterzuentwickeln. Also eine Moderatorenrolle könnte ich mir in Zukunft sehr gut vorstellen.


Egal bei was: Viel Erfolg und danke für das Interview!

Lars Tönsfeuerborn
Er wurde 1990 in Warendorf geboren und lebte von 2009 bis 2016 in Münster. Im Jahr 2019 gründete er die Medienagentur PTO Media, deren Geschäftsführer er ist. Außerdem nahm er an dem RTL+ Format Prince Charming teil und gewann die erste Staffel als Auserwählter von Nicolas Puschmann. 2021 folgte die Teilnahme an der „großen Dschungelshow“ von RTL. Seit 2018 ist er gemeinsam mit Mirko Plengmeyer und Michael Overdick Host des Podcasts „schwanz & ehrlich“.

Autor David Olef / Illustration Thorsten Kambach / Fotos Lukas Sowada

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