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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Peter Sauer unterhält sich mit Lars Beusker über Mode, wilde Tiere und Artenschutz

IM ANGESICHT WILDER TIERE

Ob in Afrika oder in der Antarktis: Der gebürtige Münsteraner Lars Beusker fotografiert wilde Tiere in freier Wildbahn nur aus ein paar Metern Entfernung. In faszinierenden großformatigen Schwarz-Weiß-Bildern, die eine ganz besondere Geschichte erzählen und endlich als edler Bildband vorliegen. Lars Beusker wurde in der Carnegie Hall in New York City als „Nature Photographer of the Year“ international ausgezeichnet. Sowohl 2022 als auch 2023.

In New York hast Du die internationale Konkurrenz weit hinter dir gelassen. Deine fotografische Laufbahn begann aber in Münster. Wie ging alles los?


Ich hatte als Jugendlicher keine eigene Kamera und mein Vater nur eine ohne Zoom und andere Extras. Im Internat fragte mich der Präfekt, ob ich mal das Schwarzweiß-Labor kennenlernen wollte. So habe ich mit 15 Jahren mit analoger Fotografie in Schwarzweiß meine ersten Bildversuche gemacht, lernte selbst Filme zu entwickeln, und Abzüge auf Baryt-Papier. Ich habe mir dann ein eigenes Schwarzweiß-Labor gekauft und bei uns zuhause im Keller eingebaut. In den Anfängen habe ich viel im Hafen von Münster experimentiert, die alten Osmo-Hallen waren da zum Beispiel ein tolles Motiv.


Und wie ging es dann weiter?


Ich wollte nach dem Abitur eigentlich Fotografie studieren. Ich hatte die Aufnahmeprüfung in Bielefeld und in Dortmund. Doch ich konnte an beiden Unis nicht anfangen.


Warum nicht?


Wegen meines schlechten Abi-Schnitts. Ich bekam daher sechs Wartesemester aufgebrummt.


Wie hast Du die Zeit genutzt?


Eigentlich wollte ich in Wolbeck im Werbe- und Modestudio Klaus Altevogt nur ein Jahrespraktikum machen. Daraus wurden dann aber vier Jahre.


Klasse ...


Ja, ich habe bei ihm alles gelernt. Und das war damals noch die analoge Fotografie. Als sein Assistent. Wir hatten Kunden im ganzen Münsterland und darüber hinaus. Die Arbeit bei und mit Klaus Altevogt hat mich sehr geprägt, denn im Studium lernst Du viel, aber nichts mit Technik.


So hast Du ja deine Wartesemester sehr gut ausgefüllt...


In der Tat. Im Studium an der FH Bielefeld machte ich dann mein Diplom bei Prof. Gottfried Jäger Foto-/Film-Design und bei Prof. Gerd Fleischmann Typografie.


Du hast dann 20 Jahre erfolgreich in der Werbe und Modefotografie gearbeitet...


Ja, zu den Highlights zählte ein Shooting in Rotterdam mit Peter Lindbergh und Supermodel Nadja Auermann.


Wow! Aber warum bist Du dann nicht in diesem Business geblieben?


Viele Kunden sorgten für viel Arbeit und gutes Geld – Aber: irgendwann war diese ganze Werbe- und Modewelt nicht mehr auszuhalten. Dieses ständige Reinquatschen in die Arbeit, dieses ständige Unterdruck-Setzen von Saison zu Saison Mode neu zu erfinden, obwohl die Jacke genauso aussieht, wie im Vorjahr. Ständig musste man alles neu inszenieren. Die Kreativität litt immer mehr.


Nicht gut ….


Eben. Du machst immer nur die Kopie von der Kopie. Ach, Mode-Leute sind so einfältig, das ist irgendwann als kreativer Mensch nicht mehr auszuhalten. Ich wollte irgendwann einfach nicht mehr.


Und dann bist Du total umgeschwenkt. Von der Fotografie von Menschen, Moden und Produkten zum Ursprünglichen, zu wilden Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum. Wie kamst Du dazu?


Durch Zufall. Ich bin im Februar 2018 nach Ostafrika gereist, weil ich da privat immer schon mal hinwollte. Es hat mich sofort umgehauen, die Natur, die Landschaft, Die Zufriedenheit und Dankbarkeit der Menschen dort. Da beschloss ich mein Leben zu ändern. Ich hörte auf mit dieser Fake-Welt. Das Ursprüngliche in Afrika hatte mich echt abgeholt.


Wie muss ich mir das vorstellen?


Ich war die ersten Tage so geflasht, dass ich gar nicht fotografieren konnte. Dieses Einzigartige der Natur. Diese Urwüchsigkeit.


Du meinst das Fehlen jeglicher Künstlichkeit?


Ja, die Landschaften waren so frei und so offen.


Wie vor der multimedialen Eroberung unserer Welt?


Alles war so, als ob sich nichts geändert hätte. Kein Strommast, kein Handynetz. Trotzdem zufriedene Menschen und wilde Tiere. In friedlicher Koexistenz. Das war das totale Kontrastprogramm zu meinem vorherigen Alltag in dieser künstlichen Werbe- und Modewelt. Ich merkte in Afrika auf Anhieb, hier fühle ich mich zuhause.


Bist Du dann sofort aus der Werbe- und Modewelt ausgestiegen?


Einige wenige Kundenaufträge habe ich noch zu Ende geführt. Ich nahm keine neuen Aufträge mehr an. Manche fragen mich heute immer noch an. Mein Leben hat sich um 180 Grad geändert. Ich reise, so oft ich kann, so wie ich will. Ich entscheide selbst, wann und wo ich welches Tier fotografieren will. Ich bin wesentlich ausgeglichener. Ich bin zutiefst dankbar für das, was ich mit den Tieren erleben darf.


Das besondere Deiner Fotografien ist ja, dass du dich den Wildtieren in ihrem natürlichen Lebensraum auf Augenhöhe begegnest ...


Wir sind da hingefahren, wo kein Mensch ist, wo die Tiere auch ruhiger sind. Ich fotografiere außerhalb der Touri-Gebiete, mit der nicht gerade einfachen Genehmigung der Regierung. Oft haben wir auch Ranger vom Government mit im Auto.

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Ich war einfach nur geflasht

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Wo hast Du zum Beispiel diese faszinierenden Elefantenbilder gemacht?


In einem ausgetrockneten Seebett in Amboseli, einem kleinen Landstrich im Südosten Kenias am Fuße des Kilimandscharo.


Gab es eigentlich nie Probleme beim Shooting?


Es gab wirklich nie Probleme. Man muss sich ruhig verhalten, dass sich zum Beispiel ein Löwe nicht bedroht fühlt, und wissen, dass man nicht zum Beuteschema eines Löwen passt. Der schätzt Vierbeiner und wir riechen nach Parfüm und Chemie, das mag der Löwe nicht so. Allgemein bin ich extremst vorsichtig und wertschätzend gegenüber den Tieren und ihrer Lebensräume.


Das heißt?


Ich würde nie mich oder das Tier gefährden. Wenn mir was zustoßen würde hätte das auch schlimme Konsequenzen für das Tier und das ganze Areal. Dann gibt es einen Riesenaufschrei und die Nationalparks würden wahrscheinlich geschlossen.


Du kommst den Wildtieren mit Deiner Kamera so nah wie kaum jemand. Hattest Du keine Angst, wenn Elefant, Löwe oder Tiger direkt auf Dich zukommen?


Ich habe immer zwei Local Guides der Massai bei mir. Die wissen aus mehreren 100 Metern Entfernung genau, in welcher Verfassung der Elefant oder der Löwe ist. Manchmal machen wir auch großen Bogen um manche Tiere.


Das heißt, du sitzt nie stundenlang in der Wildnis und wartest auf die Tiere?


Das ist wohl der größte Unterschied zwischen meiner Herangehensweise und der, vieler meiner geschätzten Kollegen. Zum einen habe ich keine Geduld, mich wochenlang unter einem Tarnzelt zu verstecken oder irgendwo einzugraben und abzuwarten, was passiert. Ich benutze auch keine langen Tele-Brennweiten, um ein Tier aus weiter Entfernung zu fotografieren. So kriegt man nicht diesen speziellen Augenkontakt.


Also der direkte Moment zählt?


Ja.


Und wie war das allererste Mal?


Ich hockte auf dem Boden der afrikanischen Savanne. Ich sitze vor der Autotür. Die Autotür ist offen. Der Guide sitzt oben auf dem Dach des Autos und spricht die ganze Zeit mit mir, denn ich schaue ja auf das Display meine Kamera.


Das bedeutet?


Da ich kein Distanzgefühl habe und der Guide zählt ab, wenn sich ein Tier nähert, also "Sechs Meter, fünf Meter, vier Meter“, dann drücke ich ab, drücke immer wieder den Auslöser und habe direkten Augenkontakt zum Löwen oder Elefanten. Mein längstes Objektiv ist ein 200-Millimeter-Tele. Das ist nicht viel.


Wie bleibst Du da ruhig?


Ich lege die Kamera auf einen Bohnensack. Dann habe ich schon mal einen waagerechten Untergrund. Und dann lege ich mich absolut still, schaue durch den Ausschnitt meiner Kamera. Ganz, ganz ruhig.


Das ist sicher eine Sache von Sekunden, oder?


Ja, maximal halbe Minuten, die man Gelegenheit für ein gutes Bild hat. Irgendwann ruft der Guide "Back to the Car" und dann springst Du zitternd ins Auto.


Und warum ist dieser Augenkontakt mit den Wildtieren so wichtig?


Ich habe das von meinen Erfahrungen bei der Fotografie von Menschen abgeleitet. Wenn ich im Augenblick der Aufnahme direkten Blickkontakt zum Tier habe aus der bodennahen Perspektive, dann wird auch der Betrachter meiner Bilder zum direkten Betrachter. Deshalb heißt ja auch mein Buch "Beusker – Look into my Eyes".

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Man hat maximal eine halbe Minute für ein gutes Bild

So funktioniert in der Tat dann authentisches Storytelling ohne Worte. In einem weiteren Projekt hast du Eisbären fotografiert. Frieren einem da nicht die Hände ab?


Ich habe ein paar dicke Handschuhe und da drunter Handschuhe mit dünnen Fingern zum Fotografieren. Mit dem Schneemobil haben wir uns den Eisbären genähert.


Ein Eisbär wittert Menschen über drei Kilometer. Besteht da keine Gefahr?


Ich saß am Schneemobil meines Guides im April dieses Jahres mitten in der Arktis auf einem angehängten Schlitten. Als wir einen männlichen Eisbären erblickten, der den komplett zugefrorenen Dickson-Fjord durchwanderte, stieg ich vom Schlitten und legte mich flach auf den Bauch. Bis uns 50 Meter trennten. Der Eisbar schaute mich an, bevor er eine Robbe erreichte. Ich sah dieselbe riesige Dankbarkeit in dem Tier, das es mir diesen Moment schenkt, er schaut mich an, fress ich dich oder die Robbe. Ich schaute durch den Sucher und drückte den Auslöser meiner Kamera. Der perfekte Blickwechsel. Der Eisbär lief dann weiter zur Robbe.


Warum fotografierst Du die Wildtiere eigentlich nicht in Farbe


Wir Menschen werden nach Farben erzogen. Vom Säugling an, den Maxi Cosis, den bunten Wachsmalkreiden im Kindergarten. Wenn die Kinder in gelb, blau, grün malen kriegen sie Lob und wenn sie die Farben vertauschen, kriegen sie böse Worte oder eine Empfehlung zum Psychologen. Auch bei der Kleidung und den Autos geht alles über die Farbe. Innerhalb weniger Augenblicke bewerten wir, ob es harmonisch oder disharmonisch ist.


Was bedeutet das für deine Arbeit als Fotograf?


Ich finde es viel authentischer, wenn zum Beispiel der Elefant in der ausgetrockneten Steppe authentisch wahrgenommen wird. Ich nehme bei den Fotos den Bewertungsfaktor Farbe, das subjektive Farbempfinden raus. Kein blauer Himmel, kein Postkartenklischee und so. Wie früher als Jugendlicher in der Dunkelkammer.


Authentizität und die Unvoreingenommenheit des besonderen Augenblicks steht bei Dir also im Fokus?


Ja. Die lange Trockenzeit lässt das Gras eben nicht grün, sondern beige vertrocknet aussehen und der Elefant ist nicht typisch grau, sondern durch den Staub der Erde rot-braun.


Gibt es eigentlich eine besondere Philosophie, die hinter deiner Arbeit steckt?


Ich will die wilden Tiere authentisch porträtieren, in ihrer Schönheit und Einzigartigkeit auf unserem Planeten. So wie sie wirken, wie sie mir in dem Augenblick der Aufnahme begegnen. Auch um zu zeigen, was wir noch unglaublich Wertvolles auf dieser Erde haben und das wir auf unseren Planeten aufpassen sollen.


Was ich sehr sympathisch finde, ist das Du auch für eine gute Sache fotografierst...


Mehr als zehn Prozent meiner Einnahmen spende ich für die Aktionsgemeinschaft Artenschutz (AGA). Unser Beitrag hier kommt 1:1 einem Anti-Wilderei-Programm des Sheldrick Wildlife Trust zugute. Am ersten Verkaufswochenende meiner Bücher habe ich alles gespendet und 25.000 Euro direkt überwiesen.

Fotograf Lars Beusker (*1973 in Münster) lebt mit seiner Verlobten und den drei Kindern in einer Patchwork-Familie zusammen. Seine Fotos werden in Galerien in Kitzbühel, Knokke, London, Los Angeles und auf Sylt ausgestellt. Mit einer Auflage von nur zehn Abzügen pro Aufnahme sind sie zu begehrten Sammlerstücken avanciert. Im Coffee-Table-Book „Beusker-Look into my Eyes“ finden sich 150 herausragende Fotografien von Lars Beusker als Sammelwerk. https://larsbeusker.com/ ; https://www.teneues.com/de/buch/beusker

llustration Thorsten Kambach / Fotos Lars Beusker

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