
Peter Sauer spricht mit Klaus Veelker über Windstärke 8 und den Scheidungskanal
AHOI: VON DER FREIHEIT, NACH HERZENSLUST IN DIE WEITE ZU SEGELN
Sie leben im Schatten des Fernsehturmes – also, wenn sie zuhause sind. Denn die meiste Zeit im Jahr ist Klaus Veelker mit seiner Frau Heike unterwegs – auf den Weltmeeren mit ihrem Segelboot. Bisheriger Rekord am Stück: Sieben Monate mit ihrer „Stina“ auf der Ostsee. Unser Mitarbeiter Peter Sauer hat sich mit Klaus Veelker bei einem seiner wenigen Landgänge im Heimathafen Münster unterhalten.
Ahoi, lieber Klaus Veelker. Wie sind Sie eigentlich zum Segeln gekommen?
Ab meinem 13. Geburtstag ging alles los auf dem Aasee. Ich kümmerte mich als Jugendlicher in der Yachtschule Overschmidt darum, die Segelboote an- und abzunehmen. Statt dafür Geld zu bekommen, konnte ich so viel segeln, wie ich wollte, was viel besser war. So habe ich mein Handwerkszeug von der Pike auf erlernen können. Seit 1983 bin ich beim Segelclub Hansa Münster, der ja auch am Aasee sein Zuhause hat.
Und Sie haben Ihre Frau Heike auch mit Ihrer Faszination fürs Segeln infiziert?
Ja, auf jeden Fall, obwohl wir uns ja zunächst an Land kennen- und lieben gelernt haben.
An welchem romantischen Ort in Münster war das? War da auch am Aasee?
Nein, das war im früheren Ausflugslokal „Maikotten“, das ja leider mittlerweile nur noch eine Brandruine ist und Münster fehlt.
Ja, sehr schade. Können Sie sich noch an ihre ersten Worte beim Kennenlernen erinnern?
Ich weiß nur noch, dass ich sehr schnell sehr forsch zu Heike sagte: „Ich nehme Dich nur, wenn Du auch das Segeln magst.“
Oh, das ist wirklich mutig. Und wie war die Reaktion?
Ich sage immer: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und ganz ehrlich: Ohne die gemeinsame Leidenschaft für das Segeln wäre es nicht gegangen, denn das Segeln liegt mir offenbar im Blut. Und das Gute war: Heike interessierte sich nicht nur für mich und für meine große Leidenschaft, das Segeln, sondern sie machte auch gleich alle Segelscheine nach. Wow – was für eine Frau!
In der Tat. Was für eine Liebe!
Ja, uns verbindet so viel. Und inzwischen ist bei meiner Frau Heike die Segel-Leidenschaft noch schlimmer als bei mir.
Klasse! Wie heißt Ihr Motorsegler, mit dem Sie unterwegs sind?
Er heißt „Stina“. Der Segler ist schon länger auf dem Wasser unterwegs, seit 1990. Ich hatte ihn in Holland gekauft. Er war in einem bemitleidenswerten Zustand. Im Yachthafen Fuestrup haben Heike und ich den Motorsegler wieder richtig auf Vordermann gebracht. Heike drinnen, ich draußen.
Sie haben ja schon einige Segeltörns unternommen. Was war ihre größte Reise auf See?
2025 eine siebenmonatige XXL-Tour, unsere Ostseerundung mit „Stina“.
Sieben Monate – wow! Und ging alles gut?
Ich sag mal so: Vieles ging gut. An der polnischen Küste mussten wir ganz genau aufpassen, um die militärischen Sicherheitsbereiche rechtzeitig zu umschiffen. Und im polnischen Swinemünde hatten wir bei der Einfahrt in den Hafen echt gepennt.
Oha! Mit welchen Folgen?
Wir sind mit fünf Knoten voll in den Schlick gefahren, voll in den Schiet. Und das so heftig, dass wir ohne fremde Hilfe da nicht mehr rauskamen. Uns retteten schließlich zwei Polen mit ihrem Motorboot, die zum Glück des Weges kamen und so einiges an Manpower leisteten. Danke nochmal auf diesem Weg!
Wie war denn die See so zu ihnen? Heftig oder sanft?
Auf dem Weg von Swinemünde nach Dziwnów (Polen) hatten wir jede Menge zu tun mit heftigen Wellen, die drei Meter hoch waren. Schaukelig war auch die Überfahrt zum schwedischen Simrishamn. In Malmö herrschte Windstärke 8. Uns ging da gut die Düse. Es blieb aber alles an Bord.
Gab es auch mal mit Nebel Probleme?
Ja, auf der Strecke nach Stegeborg überraschte uns ziemlich dichter Nebel. Wir konnten gerade noch unseren Bug-Korb erkennen.
Wie kamen Sie sicher aus dieser „Brühe“ raus?
Dank einer besonderen App konnten wir mit unverminderter Geschwindigkeit weiter durch den Nebel fahren. Bevor er noch schlimmer wurde. Aber es war schon irre und teilweise auch etwas gespenstisch. Die felsigen, flach abgerundeten Schären mit ihrer romantischen Bewaldung tauchten plötzlich unvermittelt direkt neben unserem Segelboot auf. Manche Schären sind bewohnt, viele nicht. Und es ist eine Herausforderung, dort zu segeln.
Warum?
Man muss durch das ständige Rein- und Rausfahren in die Schären öfters die Segelstellung wechseln und ist also sehr gut in Bewegung. Aber es ging alles gut. Absolut romantisch war hingegen die klare Fahrt durch die dicht aneinandergereihten Schären mit ihren glattgeschliffenen Granitfelsen auf dem Weg zur Hafenstadt Västervik.

Das war mal Idylle pur
Die Stadt sagt mir was …
Ja, denn Västervik ist die Heimatstadt des ABBA-Musikers und Komponisten Björn Ulvaeus. Auf Landgang haben wir in Stockholm das Mittsommerfest feiern können. Und die Gastfreundschaft dort ist einfach wunderbar. Wir haben an verschiedenen Orten sehr nette Menschen kennengelernt. Auch Sandham war ein tolles Erlebnis, spielt hier doch die erfolgreiche TV-Filmreihe „Mord im Mittsommer“.
Wie war es, durch den Göta-Kanal zu segeln, der ja ganz dicht zwischen grünen Wiesen, Wäldern und Feldern hindurch verläuft?
Das war mal Idylle pur. Es ging an mehreren prächtigen Seen vorbei, diese Sicht, diese Farben, und dazu gab es manchmal Nervenkitzel an manchen Engstellen. Gerade wenn uns da so größere Fahrgastschiffe mit ihrer ganzen Wucht entgegengekommen sind, wie zum Beispiel die wunderbar historischen Kreuzfahrtschiffe „M/S Diana“ von 1931, „die M/S Wilhelm Tham“ von 1912 oder die „Juno“, das älteste registrierte Kreuzfahrtschiff der Welt. Das tuckert schon seit 1874 übers Wasser. So schön das Betrachten dieser Schiffe aus vergangenen Zeiten war, ihre Heckwellen und Sogwirkungen waren nicht von schlechten Eltern und erforderten höchste Konzentration. Das gilt auch für die Tonnen in manchen Kanälen.
Tonnen?
An der Backbord- und an der Steuerseite mancher Kanäle liegen Tonnen im Kanal, um die tiefe Fahrrinne genau anzuzeigen, damit es nicht zu Grundberührungen kommt, etwa mit Sandbänken. An der Backbordseite weisen die roten, zylindrischen Tonnen, an der Steuerbordseite die grünen, spitz zulaufenden Tonnen den Weg.
Verstehe, und dann wird sicher die Fahrt konzentrierter, aber langsamer?
Richtig. Das haben wir gut auf dem Weg nach Trollhättan erlebt. Für die eigentlich kurze Strecke von neun Seemeilen, das sind umgerechnet 16,6 Kilometer, vom südschwedischen Vänersborg stromabwärts nach Trollhättan brauchten wir volle vier Stunden! Die Anlage der Tonnen im Kanal war schon speziell.
Warum?
Sie ragte an langen „Armen“, also Auslegern, in den Kanal hinein, und wir mussten höllisch aufpassen, sie nicht zu rammen. Aber in Trollhättan konnten wir dann gut relaxen. Wir genossen die Natur und auch die uralten und mittelalterlichen Schleusentreppen, die zum Teil noch gut erhalten waren.
Sind Sie eigentlich auch nachts gesegelt?
Nein, für Nachtfahrten braucht man eine größere Mannschaft. Wir legten zum Abend immer an kleinen Inseln oder in den Häfen an, die auf der Strecke lagen.
Die Ostseeumrundung ist ja insgesamt ein ganz schöner Riemen, oder?
Von der Strecke und von den Herausforderungen her auf jeden Fall. Aber man wird so reich belohnt während der Fahrt. Jeden Tag aufs Neue. Das Tolle beim Segeln ist zum einen die Nähe zur Natur. Man bekommt vom Wasser aus ganz andere Einblicke und Stimmungen. Am Ufer haben wir zum Beispiel einige Damhirsche mit ihrem prächtigen Schaufelgeweih und ihrem gefleckten Sommerfell gesehen.
Und was ist das andere Schöne am Segeln?
Ja, diese unmittelbare Nähe zum Wasser, wir haben zum Beispiel Schweinswale gesehen, und diese Freiheit, dass man jeden Tag neu überlegen kann, wo geht es als Nächstes mit dem Segler hin. Das ist ein unbeschreibliches und sehr schönes Gefühl.

Wir genossen die Natur
Hand aufs Herz, Herr Veelker, sieben Monate Segeln auf der „Stina“, nur zu zweit mit Ihrer Frau, hatten Sie keine Angst vor Piraten?
Nein, nicht in der Ostsee. Höchstens hat man mal Angst vor der Ehefrau. Wenn man so lange auf dem Segelboot so eng zusammenlebt und Hand in Hand alle Aufgaben an Bord übernimmt, gibt es natürlich auch mal Reibungen. Klar. Wir sind ja alle Menschen. Aber unsere Liebe ist stärker. Wir sind zum Beispiel ganz ohne spätere Folgen durch den 390 Kilometer langen Göta-Kanal quer durch Schweden gefahren, der offiziell „Scheidungskanal“ heißt.
Warum heißt der „Scheidungskanal“?
Die Männer fahren ja in der Regel das Schiff von einer Schleuse zur anderen, die Frauen steigen jeweils an den Schleusen aus, stehen dann oben an Land und halten die Leinen. Und da gibt es dann schon öfters unterschiedliche Meinungen auf manchen Booten.
Inwiefern?
Die Männer schreien zum Beispiel „Schneller“ oder „Nein, anders! Mensch, das andere anders!“ Haha. Wir haben uns auch ein bisschen gekabbelt auf dem Segeltörn, aber unsere Liebe ist stärker. Das ist ein besonders schönes Gefühl, das so intensiv zu spüren.
In der Tat. Auf der Wasserroute von der Ost- bis zur Westseite Schwedens gab es ja auch einiges an Höhenmetern zu überwinden, richtig?
Ja – und wie! 98,4 Meter! Wir haben quer durch Schweden über das „Blaue Band“, also die Kombination aus dem Gota-Kanal und dem Trollhätte-Kanal, insgesamt 64 Schleusen passiert, um über die Höhenmeterveränderungen auf dem Wasser weiterkommen zu können.
Habe ich das richtig gehört? 64 Schleusen?
Ja, das ist eine Menge, oder? Allein der Göta-Kanal hat 58 Schleusen auf einer reinen Kanallänge von rund 190 Kilometern. Da folgt manchmal Schleusenkammer auf Schleusenkammer, wo die Boote einige Höhenmeter angehoben und abgesenkt werden.
Was ist der Spitzenpunkt?
Der Göta-Kanal überwindet den höchsten Punkt der Reise am See Viken, der 91,5 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Und diese Schleusen waren oft eng mit hohen Mauern, die förmlich in den Himmel ragten. Meine Frau Heike musste dabei so einige Schleusentreppen und Höhenmeter meistern. Manche Schleusen werden auch noch manuell bedient.
Sieben Monate sind eine lange Zeit für Mensch und Boot. Insgesamt 2036 Seemeilen zu zweit. Gab es größere technische Probleme, die die Weiterfahrt verzögerten?
Einmal fiel die Trinkwasseranlage aus, da musste ich die Pumpe zerlegen. Manchmal gingen die Segel schlecht rein. Ein bekanntes Sprichwort heißt ja auch: „Man repariert sich um die Ostsee.“ Dann habe ich mal die Achterleine lose gehabt und habe die Bugleiter krumm gefahren und mir den Daumen gequetscht.
Aua, wie passierte das?
Das war leider schon am Anfang der Tour, in Glowe auf Rügen. Dort versemmelten wir unser Anlegemanöver. Mit Folgen. Die Bugleiter war deformiert, ich war im Bug und kam mir vor wie ein Korken in einer Weinflasche. Zum Glück lädierte ich mir nur den Daumen. Das ging aber dann mit der Zeit.
Wären Sie auf Schlimmeres vorbereitet gewesen?
Einer unserer Söhne, Tim, ist Arzt, und er zeigte uns vor dem Start unserer Reise, wie das sterile fachmännische Nähen für den Notfall funktioniert. Und er zeigte dies ganz praktisch – an einem großen Hähnchenbollen.
Na dann, guten Appetit und für den nächsten Segeltörn immer gut eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. Und passen Sie auf Ihre Daumen auf!
Danke und auf jeden Fall. Ahoi!
Klaus Veelker wurde 1959 in Münster in der Nähe des Bahnhofs geboren. Er war beruflich Hauptgruppenleiter beim Bundeseisenbahnvermögen. Sein geliebtes Segelboot „Stina“ ist 13 Meter lang, 16 Tonnen schwer und mit gelegtem Mast 3,50 Meter hoch. Es ist das eigentliche Zuhause von Heike und Klaus Veelker. Über seine Segel-Erlebnisse schreibt er regelmäßig im Blog auf der Homepage von
https://www.segelclub-hansa.de/.
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Klaus Veelker

