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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Arndt Zinkant befragt Katharina Kost-Tolmein und Remsi Al Khalisi zur kommenden Spielzeit des Theaters

WIR SIND EIN SPIEGEL DER GESELLSCHAFT

Die stürmischen Wogen der Corona-Zeit haben sich geglättet und das Theater Münster segelt wieder in ruhigerem Fahrwasser. Die Erleichterung darüber ist der Intendantin Dr. Katharina Kost-Tolmein anzumerken, die mit Zufriedenheit und auch Stolz auf die vergangene Spielzeit zurückblickt. Schauspieldirektor Remsi Al Khalisi freut sich besonders über sein hochkarätiges Schauspiel-Ensemble. Ein Gespräch über pazifistisches Theater, Gendern auf der Bühne und die Tücken der Pausengastronomie.

Sind Sie nach Ihrer ersten Spielzeit eher euphorisch, eher enttäuscht oder so lala?


Kost-Tolmein: Wir sind sehr zufrieden. Wenn man mir vor einem Jahr gesagt hätte, dass alles so gut läuft, hätte ich es kaum geglaubt. Was nicht heißt, dass wir nicht noch Ziele hätten.


Al Khalisi: Vor einem Jahr war die Situation Coronabedingt noch sehr unsicher, und das machte sich in der Spielzeit natürlich bemerkbar. Inzwischen hat sich die Situation normalisiert, auch wenn die Welt nach der Pandemie nicht mehr dieselbe ist. Trotzdem bin ich sehr zufrieden, einige Produktionen sind noch besser geworden als in meiner Vorstellung, andere wiederum weniger. Vor allem aber begeistert mich das Schauspiel-Ensemble – ein wunderbar professionelles, hoch talentiertes und engagiertes Team.


Was hat Sie in der Spielzeit am positivsten überrascht?


Kost-Tolmein: Insgesamt, dass alles so geklappt hat, wie wir uns das vorgestellt hatten. Für das Publikum ist es wieder normal geworden, ins Theater zu gehen, und das ist wunderbar. Aber es war eben überhaupt nicht selbstverständlich, dass wir all diese Premieren herausbringen konnten. Nach zwei Jahren Corona war es eine unglaublich dicht gedrängte Spielzeit – und es war absolut nicht klar, dass wir quasi von null auf 100 gehen könnten – noch dazu in dieser künstlerischen Qualität, die wir dem Haus abverlangt haben.


Zeigte sich das münsterische Publikum so, wie Sie es erwartet hatten?


Kost-Tolmein: Ja, das würde ich schon sagen. Natürlich ist es vielfältig – es gibt ja nicht das Publikum schlechthin. Es ist eine Stadt mit sehr vielen verschiedenen Menschen. Natürlich existieren Unterschiede zwischen Metropolen und Provinzstädten, aber
innerhalb Münsters ist das Publikum eben auch unterschiedlich zusammengesetzt.


Al Khalisi: Ich hatte durchaus die Erwartung, dass es hier ein Publikum mit bildungsbürgerlichem Hintergrund gibt – was es für uns einerseits auch einfacher macht, weil man sich über die Kulturtechnik Theater nicht grundsätzlich verständigen muss. Wir haben aber viele junge Leute neu erreicht und Menschen mit anderen Hintergründen, zum Beispiel bei der Produktion „Nachkommen“.


Kost-Tolmein: Grundsätzlich war es mir wichtig, dass wir thematisch mit hohem Anspruch einsteigen, zum Beispiel mit „Leben des Orest“. Den Titel kannte das Publikum zwar eher weniger, aber es war leicht zugänglich. Gleichwohl ist „Rigoletto“ natürlich etwas ganz anderes. Nachdem wir diesen Hit herausgebracht hatten, strömte noch einmal eine wohlige Welle über uns herein: „Ah, wie schön!“ Insgesamt gilt es, das Haus als Ganzes zu positionieren. Da ist es wichtig, zu Anfang quasi kleine Fahne zu hissen nach dem Motto: „Wir sind jetzt da!“ Das haben ja auch diverse Vertreter der überregionalen Presse bemerkt. Wenn man dann mal prominent in der FAZ steht, macht einen das schon stolz. Das war bei „Leben des Orest“ und bei der „Elektra“ von Strauss der Fall.


Die aktuelle Spielzeit hat das Motto „Und wenn morgen Frieden wäre?“ – Erwartet uns sozusagen eine pazifistische Spielzeit?


Al Khalisi: Zumindest wird eine der Fragen, die wir uns stellen, jene nach einer pazifistischen Haltung sein. Wie können wir in Zeiten von Angriffskriegen pazifistische Utopien denken? Dieser Aspekt beschäftigt uns sehr beim Wallenstein-Projekt. Da werden wir viele Texte, die aus dem Original von Schiller stammen, modernen Texten aus der Gegenwart gegenüberstellen. Dabei wird die Frage aufgeworfen, wie man aus kriegerischen Konflikten wieder herauskommt.

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Wir haben noch jede Menge an Zielen

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Sie beschäftigen ja mehrere offizielle „Hausautoren“. Muss man sich da bewerben?


Al Khalisi: Hausautoren gibt es bereits an dem einen oder anderen Theater. Wir versuchen, speziell den Nachwuchs dafür zu gewinnen – also nicht gestandene Leute, die allgemein etabliert sind. Wir gehen auf jene zu, die kreatives Schreiben studieren, und versuchen, ihnen einen Einstieg in den Beruf zu ermöglichen. Konkret wenden wir uns an die Universität Berlin bzw. den dortigen Studiengang „Szenisches Schreiben“. Die Studierenden bewerben sich daraufhin mit Texten, die wir sehr genau lesen. Dann wird entschieden, wer ein Jahr zu uns ans Theater kommen und uns bereichern kann. Einer unserer neuen Hausautoren wird sich speziell mit der jüdischen Stadtgeschichte Münsters beschäftigen, nicht zuletzt, weil er selber aus einer argentinisch-jüdischen Familie mit deutschen Wurzeln stammt.


Was hat Sie speziell an dem Duo Sokola/Spreter überzeugt?


Al Khalisi: Die poetische Kraft ihres Schreibens. Beide sind noch sehr jung und ich war sehr erstaunt, zu welch poetischem Stil sie bereits fähig sind, wie sie zum Beispiel Themen wie KI und Klimawandel aufgreifen und beides in eine sehr verstörende Welt überführen – in dem Stück „Farn Farn Away“.


Das habe ich gesehen – was mich zur heikelsten Frage dieses Interviews führt: Hier habe ich zum ersten Mal einen literarischen Text in Gender-Sprache erlebt. Ist das die Zukunft?


Al Khalisi: Es gibt viele feministische Autorinnen und Autoren – wie zum Beispiel Sascha Maria Salzmann –, die für sich in ihrem literarischen Schreiben das Gendern ablehnen. In ihren Essays gendern sie aber sehr wohl. Mir persönlich gefällt dieser Modus gut. Für junge Menschen ist Gendern Teil ihrer Erlebniswelt und findet dann auch Eingang in ihr Schaffen, bei älteren ist das oft nicht so.


Ich bin ebenfalls gegen künstlerische Vorschriften. Allerdings stellt sich hier ein ähnliches Problem wie beim GEZ-Fernsehen: Sollten Institutionen, die öffentlich finanziert werden, sich gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung stellen?


Kost-Tolmein: Ich würde sagen, dass gerade in diesem Punkt die Bühne ein Ort der Freiheit ist – Freiheit dafür oder dagegen. Sogar regelrechte Fantasiesprachen können hier ihren Platz finden.


Al Khalisi: Wir als Theater schreiben das nicht vor. Ob bei den AutorInnen oder im Leitungsteam des Theaters: Manche gendern und andere eben nicht (Anm.: Remsi Al Khalisi gendert übrigens im Gespräch mehrmals, aber nicht durchgehend). Das ist ein Spiegel der urbanen Gesellschaft.

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Es gibt gute Gründe, die für das Gendern sprechen

Soweit ich weiß, musste sogar die Bibel schon dran glauben.


Kost-Tolmein: Die Bibel und „dran glauben“, schönes Wortspiel! (Lacht)


Al Khalisi: Teile des Publikums wünschen sich erwiesenermaßen, dass auf der Bühne gegendert wird. Mit Trigger-Warnungen ist das ähnlich. Beispielsweise bei unserem Stück „Die blaue Frau“ von
Antje Rávik Strubel – ursprünglich ein Roman, der die Vergewaltigung einer Frau thematisiert. Und wie diese dann einen Weg findet, sich dagegen zu wehren. Das ist die Handlung des Romans, was in der Beschreibung des Theaterstücks auch unmissverständlich zu lesen war. Dennoch haben sich einige Zuschauerinnen gewünscht, dass wir zusätzlich eine Trigger-Warnung aussprechen. Die Dinge sind eben im ständigen Wandel.


Frau Kost-Tolmein, bei unserem vorigen Gespräch vor einem Jahr führten Sie zwei Themenfelder an, die Ihnen wichtig waren: Die Verzahnung der Theatersparten und die Öffnung der Gastronomie.


Kost-Tolmein: Das Erstere haben wir bereits erreicht. Und wie ich eingangs bereits sagte: Wir haben noch Ziele. Ich wünsche mir, und da bin ich nicht alleine, dass dieses Haus viel länger und breiter geöffnet ist. Das hat natürlich stark mit der Gastronomie zu tun – die aber leider unter Corona deutlich gelitten hat. Ich weiß, mit welchen Problemen unserer Caterer sich müht. Die Weinpreise zum Beispiel sind in der Pause ein Gesprächsthema beim Publikum. Dennoch bin ich sehr froh, dass wir eine stabile Pausen-Gastronomie haben, das ist nämlich nicht selbstverständlich.


Beim Überfliegen der gesamten Spielzeit sind mir zwei Produktionen besonders ins Auge gesprungen. Zum einen Leonard Bernsteins „Mass“ und zum anderen: „Rex Gildo – das Musical“. Was erwartet uns denn bei letzterem Stück?


Al Khalisi: Die Figur Rex Gildo oszilliert irgendwo zwischen glamourös und erbärmlich. Ein Mann, der zeitlebens seine Homosexualität verstecken und sogar eine Liebesbeziehung mit Gitte Hænning fingieren musste. Es geht aber auch um den Regisseur Rosa von Praunheim, der gerade 80 geworden ist. Sicherlich eine der schillerndsten Gestalten in der Bundesrepublik der letzten 50 Jahre. Erst in den letzten Jahren hat er die Liebe zum Theater entdeckt. Und genau wie in seinen Filmen geht es hier wirklich schrill zu – trashig und unglaublich lustig! Mit seinen 80 ist Rosa immer noch dem Underground verpflichtet. Über Rex Gildo hatte Rosa von Praunheim einen halbdokumentarischen Kinofilm gedreht, der im letzten Winter herauskam. Und daraufhin bot er uns an, aus dem Stoff ein Musical zu formen – exklusiv für uns.

Katharina Kost-Tolmein stammt aus Ludwigshafen. Die promovierte
Musikwissenschaftlerin ist besonders im Opernfach zuhause und außerdem Dramaturgin – so auch bei ihrem ersten Münster-Stück „Leben des Orest“ in der vergangenen Spielzeit in Münster. Von 2013 bis 2020 war Katharina Kost-Tolmein Operndirektorin am Theater Lübeck.

Remsi Al Khalisi ist seit der Spielzeit 2022/23 Schauspieldirektor am Theater Münster. Als Chefdramaturg und stellvertretender Intendant am ETA-Hoffmann-Theater Bamberg hat er bis 2021 das Bamberger Theater in der deutschen Theaterlandschaft programmatisch neu positioniert.

llustration Thorsten Kambach / Fotos Pressefotos

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