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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Arndt Zinkant und Karl-Heinz Pawelzik über Oldtimer-Leidenschaft und Gesundheit

FRIEDENSFAHRT DURCHS MÜNSTERLAND

Sind Auto-Klassiker Kulturgut? Karl-Heinz Pawelzik weiß: Ja, sogar ganz offiziell. Die Oldtimerfreunde Münster & Münsterland e.V. hat er 2000 mit drei Gleichgesinnten ins Leben gerufen. Die beliebte Oldtimer-Fahrt durchs Münsterland feiert im kommenden Jahr also 25. Jubiläum. Und deren Aspekt der Gesundheitsfürsorge ist bundesweit einmalig. Seit über 50 Jahren sind sie daher der einzige Oldtimerverein mit Gemeinnützigkeit. Am 8. und 9. Juni geht es in der Speicherstadt wieder los mit den „Münster Classics“.

Du kannst dich bestimmt an dein erstes Auto erinnern, oder?


Sehr gut sogar. Mein Vater, der Architekt und Bausachverständiger mit eigenen Büros in Gelsenkirchen und Malente war, hatte einen VW Käfer als Firmenwagen, den durfte ich damals zum Glück fahren. Und ich erinnere mich, dass ich mir von meinem ersten selbstverdienten Geld 1973 einen Alfa Romeo Giulia super 1.6 in Alfarosso gekauft habe. Leider ist mir der trotz bester Pflege quasi unterm Hintern weggerostet. Aber ein tolles Auto, von dem ich heute noch träume!


Was ist das Besondere an den Münster Classics?


Es ist ein Oldtimertreffen mit einer Ausfahrt, die absolut keinen Rallye-Charakter hat. Entschleunigung, Kommunikation und der Spaßfaktor stehen im Vordergrund. Jeder Teilnehmer unterstützt mit seiner Anmeldung die Zuwendung in gemeinnützige Projekte. Zudem geht es um gesundheitliche Vorsorgemaßnahmen, die wir vor Ort umsetzen – das ist einmalig in Deutschland.


Wie genau geht das?


Der Hintergrund ist, dass man mit dem Thema Gesundheitsvorsorge auf abstrakte Weise keine Werbung machen kann – dafür sind die Menschen einfach nicht empfänglich. Verknüpft man dies aber mit dem Hobby, sind sie ganz schnell hellwach und fragen: „Was kann ich tun?“ Einen besseren Ansatz kann man eigentlich kaum verfolgen.


Wie geht ihr konkret vor?


Wir haben auch Partner aus der Medizin und der Pharmazie. Dann gibt es vor Ort, in der Speicherstadt, diverse Tests, beispielsweise ein Diabetes-Screening, einen Seh- oder Hörtest oder auch Reaktionstests. Dadurch wollen wir verdeutlichen und aktiv unterstreichen, dass die Oldtimerfreunde Münster & Münsterland e.V. ebenso für ein Mehr an Lebensqualität stehen. Also bitte nicht nur alle zwei Jahre mit dem schönen Schmuckstück von Automobil zum TÜV, sondern auch den eigenen ganz persönlichen Gesundheits-TÜV vornehmen! Wie der Gesetzgeber ihn eigentlich auch vorsieht – übrigens kostenfrei. Denn nur was rechtzeitig befundet wird, kann auch in der Regel ebenso zeitnah therapiert werden.


Auf dem Feld warst du ja auch beruflich tätig.


Ja, ich selber komme aus der Pharmazie. Daher rühren auch noch viele Kontakte zur Ärzte- und Apothekerschaft. Als wir den Verein 2013 neu gegründet haben, war es mir äußerst wichtig, den Gesundheitsvorsorge-Aspekt mit aufzugreifen. Das Finanzamt hat über ein Jahr eingehend geprüft, und nach dieser Frist bekamen wir den Status der Gemeinnützigkeit. Diese Kombination ist bundesweit wirklich einmalig – seit über 50 Jahren sind wir der einzige Oldtimerverein mit Gemeinnützigkeit. Darauf sind wir mit Fug und Recht äußerst stolz!


Konntet ihr schon „dringliche Kandidaten“ ermitteln?


Oh ja, ich kann mich an einen Fall erinnern, wo beim Gesundheits-Check seitens der Apothekerschaft gesagt wurde: „Sie können leider nicht mitfahren!“ Denn der Blutzucker bei diesem Herrn damals war viel zu hoch, weshalb ihm dann sofort Insulin gespritzt wurde. Der Mann fiel aus allen Wolken, und die Apothekerin sagte ihm, er müsse am nächsten Tag unbedingt seinen Arzt aufsuchen – was er dann auch tat. Am Ende war er absolut glücklich über diesen Vorfall. Beim folgenden Oldtimertreffen bedankte er sich bei mir mit den Worten: „Ich wäre allein nie darauf gekommen, ich hätte genauso gut tot umfallen können!“ Gerade das Diabetes-Screening wie auch der Sehtest offenbaren tatsächlich Fallzahlen von 20 bis 25 Prozent, wo wir sagen, das ist nicht in Ordnung. Diese Kandidaten bitten wir dann, in nächster Zeit eine Diagnostik einzuleiten. Ich halte das für absolut wichtig, weil viele Leute einfach sagen: „Mir geht’s doch gut, weshalb zur Untersuchung?“

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Darauf sind wir mit Fug und Recht stolz

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Du sagtest einmal: „Oldtimer-Freunde haben eine andere Lebenseinstellung.“ Das geht in diese Richtung, oder?


Das ist richtig, aber ich möchte das gerne noch etwas weiter fassen. Es ist wichtig, den Menschen zu verdeutlichen: Wir befinden uns alle auf einem endlichen Zeitstrahl. Und solange ich aktiv noch in die körperliche Gesundheit eingreifen kann, sollte ich das auch tun. Also: Geht zur Vorsorge! Wir arbeiten auch eng zusammen mit Dieter Kemmerling („Sag Ja zur Organspende“). Es ist zu wenig bekannt, dass man normalerweise unendlich lange auf ein Spenderorgan warten muss. Es geht also darum, die Bereitschaft zur Organspende nicht nur zu wecken, sondern auch zu fördern. Dieter Kemmerling hatte uns seinerzeit gefragt, und wir haben gesagt: „Ihr seid dabei.“ Inklusive seiner Band The Dandys, mit der er dann auch auftritt. Was Besseres kann man kaum auf die Beine stellen.


Ab wann fingst du an, dich für Oldtimer zu begeistern?


Das begann etwa vor 30 Jahren. Ich komme nämlich aus dem Modellauto-Sektor und sammle seit über 50 Jahren Wiking-Autos. Außerdem organisierte ich private Modellauto-Börsen in Gelsenkirchen, Melle, Münster, Osnabrück und zuletzt in Rosendahl. Und über diese Schiene kam ich dann an meinen ersten Oldtimer, eine Pagode.


Das Wort musst du dem Laien erklären!


Mercedes-Benz 280 SL, Baujahr 1968. Das Modell hieß deswegen „Pagode“, weil das Dach in der Draufsicht den japanischen Pagodendächern ähnelte. Normalerweise, wenn man vor einem Auto steht, ist der höchste Punkt in der Mitte. Bei der Pagode ist der höchste Punkt jedoch an den Seitenfenstern. Damit erreichte man seinerzeit gegenüber dem Vorgänger-Modell (190 SL) eine Vergrößerung der Sehfläche um über 30 Prozent.


Worin siehst du den gravierenden Unterschied zwischen diesen Klassikern und den Autos von heute?


Sicherlich war früher die Modellvielfalt größer, insbesondere was den Wiedererkennungseffekt betrifft. Man konnte selbst im Dunkeln erkennen, um welches Auto es sich handelte. Heute kann man die Fahrzeuge auf den ersten Blick nicht mehr unterscheiden.


Gibt es den typischen Oldtimerfahrer?


Ich glaube nicht, da ist vom Kleinwagen bis zum Rolls-Royce alles vertreten. Bei den Münster Classics möchten wir eine möglichst große Vielfalt an Modellen in der Speicherstadt präsentieren. Gerne kommen auch manche Zuschauer immer wieder zu uns – einerseits wegen der schön anzuschauenden Oldtimer, andererseits, weil sie unserem Moderator Georg Meyering gerne lauschen, ein wahrhaft wandelndes Oldtimer-Lexikon!


Du bist sicher Gründungsmitglied, oder?


Ich war seinerzeit Mitglied eines Quartetts, im Jahr 2001 am Schifffahrter Damm. Beim TÜV Nord haben wir erstmals zu den Münster Classics eingeladen. Ab 250 Teilnehmern haben wir damals aufgehört zu zählen. Das brachte uns zu der Erkenntnis, dass wir mehr strukturieren müssen, und wir legten fest: „50 Motorräder und 100 Autos, dann ist Schluss.“ So haben wir das auch beibehalten. Allerdings mussten wir feststellen, dass wir in puncto Parkflächen permanent überlaufen waren. Daher starten wir seit 2009 in der Speicherstadt und fühlen uns dort auch pudelwohl. Dort stehen über 10000 m² Aktionsfläche zur Verfügung. Da können wir unsere Partner auch optimal präsentieren, das ist einfach genial.


Stichwort Nachhaltigkeit. Die ist beim Oldtimer ja quasi eingebaut, sofern man sich kein neues Auto anschafft.


Genau, den Oldtimer-Status erhält man, wenn das Auto mindestens 30 Jahre nach der Erstzulassung alt ist. Dann bekommt man auf Antrag ein H-Kennzeichen. Derzeit haben wir etwa 800000 Fahrzeuge, die beim Kraftfahrzeug-Bundesamt in Flensburg als Oldtimer gemeldet sind, und die Nachhaltigkeit ist nun einmal Fakt. Unsere Fahrzeuge laufen 30 bis 50 Jahre und länger. Und dabei werden sie pro Jahr in der Regel nur 2000 bis 3000 km bewegt, also fast nichts im Vergleich zu normalen Fahrzeugen. Man darf nicht vergessen: Der Gesetzgeber hat festgelegt, dass ein Oldtimer technisches Kulturgut ist – das ist uns sehr wichtig. Außerdem ist es uns ein Anliegen, dass wir dann auch als technisches Kulturgut im Haus der Kultur akzeptiert und ebenso integriert werden.

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Wir veranstalten drei Oldtimer-Events im Jahr

Warum sehen das die Verantwortlichen anders?


Da gibt es viele Gründe. Sicherlich tun sich viele schwer, sich mit Oldtimern vorbehaltlos auseinanderzusetzen. Außerdem gibt es bestimmte Vorprägungen, was den Kulturbegriff angeht. Bisher ist da leider der Oldtimer außen vor. Deshalb möchten wir Münster als Stadt der klassischen Mobilität etablieren. Immerhin veranstalten wir drei hochkarätige Oldtimer-Events pro Jahr und bewerben diese bundesweit.


Aber Münster ist auch ein schwieriges Pflaster, wenn man unseren klischeehaften Ruf als Fahrradstadt bedenkt, und zudem die starke hiesige Öko-Lobby …


Durchaus, aber ich denke, zu einer Friedensstadt gehört auch ein Höchstmaß an gegenseitigem Miteinander, gegenseitiger Wertschätzung und zuletzt auch an Toleranz. Jeder soll die Chance haben, mit den eigenen Ideen voranzukommen, ohne den Anderen in irgendeiner Form zu diskreditieren. Darauf legen wir großen Wert. Dieses besondere „Sahnehäubchen Oldtimer“ passt einfach zu Münster, finde ich. Das historische Flair, ob es Domplatz oder Prinzipalmarkt oder Speicherstadt ist – es ist einfach stimmig.


Ein Porsche-Fahrer sagte einmal stolz zu mir, Porsche sei die nachhaltigste Automarke überhaupt, weil etwa 90 Prozent aller zugelassenen Fahrzeuge immer noch auf der Straße seien.


Das möchte ich nicht auf die Marke Porsche beschränken, es gilt sicherlich auch für Rolls-Royce und zum Teil auch für Mercedes und andere. Gerade letztere Marke hat eine einzigartige Dokumentation: Man kann tatsächlich verfolgen, wann welches Fahrzeug ausgeliefert wurde und an wen, inklusive Ausstattung und Farbe! Jedenfalls ist es uns sehr wichtig, den historischen Blick zu behalten und nicht nur nach vorne in die Moderne zu schauen. Ich selber stamme aus einem Architektur-Haushalt. Wenn man diesen „modernen Blick“ auf Gebäude übertrüge, hätten wir ja auch keine alten Kirchen oder andere historische Gebäude mehr. Aber jeder erfreut sich doch daran!


Was würdest du dir von der Stadt Münster noch wünschen?


In jedem Fall, dass unsere Veranstaltungen eine Zukunft haben und weiterhin Freude bereiten können. Wünschenswert wäre zudem einmal wieder eine Einbindung der Kaufmannschaft der City, was sicherlich weitere Synergieeffekte nach sich zöge. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass die Klopfer Foundation, also das Oldtimer-Museum in Nottuln, weiter angemessene Beachtung findet. Denn dort wird eben vor Ort am Objekt restauriert. Im Museum stehen an die 100 Oldtimer und 15000 Modellautos. Wir möchten unseren Partnern die Gelegenheit geben, vor Ort Workshops zu veranstalten oder Events zu feiern.


Erzähl doch bitte zum Schluss noch etwas zum Thema Friedensfahrt.


Die erste Friedensfahrt hat vor zwei Jahren stattgefunden, trotz Corona. Dann sollte im Jahr 2023 eine weitere steigen, die aber aus diversen Gründen abgesagt wurde. Es geht darum, zwischen Münster und Osnabrück auf den Spuren des Westfälischen Friedens zu wandeln beziehungsweise zu fahren. Auch hier stehen wir für die „Drei K“: Kommunikation, Kultur und Kulinarik. Es geht darum, das Münsterland und Osnabrücker Land zu „er-fahren“. Wir sind in diesem Jahr wieder drei Tage im Idingshof in Bramsche (20. bis 22. September). Dabei wird es erneut als kulturellen Höhepunkt „Orgel rockt“ mit Patrick Gläser geben. Wir kennen uns seit vielen Jahren, und er hat bereits bei der ersten Friedensfahrt in Borghorst gespielt – Pop, Rock und Filmmusik auf der Kirchenorgel, da bebte die Kirche! Die Leute waren hin und weg, weil sie so etwas noch nicht gehört hatten. Geh mal auf YouTube und hör es dir an.

Die Münster Classics feiern im kommenden Jahr ihr 25. Jubiläum. Der Spaßcharakter steht bei diesem Event, das keinerlei Rallye-Charakter besitzt, im Vordergrund. Ebenso der Aspekt der Gesundheitsvorsorge, der bundesweit einmalig ist. Karl-Heinz Pawelzik ist Gründungsmitglied und 1. Vorsitzender des Vereins. Er kam über seine Modellauto-Leidenschaft zur Oldtimer-Liebe.

www.oldtimerfreunde-ms.de

www.muensterclassics.de

llustration Thorsten Kambach / Fotos Karl-Heinz Pawelzik

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