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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Jochen Meismann und Stephan Günther ermitteln

JOCHEN MEISMANN – EIN DETEKTIV DECKT AUF!

Wohl kaum jemand hat in seiner Jugend oder Kindheit keine Detektivhörspiele oder -bücher verschlungen. TKKG, Die drei ??? oder andere Ermittler regierten die Kinderzimmer der Nation. Bis heute haben sie kaum an Faszination verloren. Auch im Fernsehen spielten Detektive immer eine große Rolle. Wer erinnert sich nicht an Sherlock Holmes, Magnum oder den Münsteraner Wilsberg? Hand aufs Herz, hat sich jemals jemand wirklich gefragt, wie das Leben eines echten Detektivs wirklich aussieht? Wir schon! Jochen Meismann ist seit über 40 Jahren im Geschäft und hat mit uns über seinen Beruf gesprochen.

Sherlock Holmes, TKKG oder Die drei ???, wer war „schuld“ an deiner Berufswahl?


Weder noch, mein Vater ist schuld. Er ist übrigens im hohen Alter immer noch Detektiv. Ich bin also quasi mit dem ganzen Thema aufgewachsen. Als Kind wurde ich schon auf erste Einsätze mitgenommen und fand das natürlich spannend.


Dann warst du ja direkt mit der Realität konfrontiert…


Ja, ich wusste immer schon ganz genau, was da wirklich passiert. Ich war nicht nur bei vielen Einsätzen dabei, sondern wurde auch schon recht früh mit eingebunden, wenn es sich ergab. Es ist halt wunderbar unauffällig, wenn man einen Zwölfjährigen vorschickt, der dies und jenes machen soll. Da schöpft ja kaum jemand Verdacht.

Mit diesen frühen Erfahrungen war ich mit dem Beruf schon verbandelt, bevor ich ihn wirklich ergriffen habe.


Ist man mit den eigenen Kindern heute vorsichtiger?


Meine Tochter ist auch bereits seit vielen Jahren im Unternehmen. Mit ihr habe ich es genauso gemacht. Ich glaube, sie hat schon im Alter von vier oder fünf Jahren ihren ersten Testanruf gemacht.


Kann man denn als Kind dann Detektivhörspiele überhaupt noch genießen?


Ich bin ja schon älter, und damals gab es gar nicht so viele davon. Die Drei ??? gab es aber schon als gebundenes Buch und die haben mir tatsächlich sehr gefallen. Zu meiner Zeit hat man noch gelesen, auch das Standardwerk, „Emil und die Detektive“. Im Fernsehen gab es schon einige Serien, allen voran natürlich „Detektiv Rockford“, den fand ich super, auch wenn er natürlich nicht viel mit unseren deutschen Verhältnissen zu tun hat. Mein Vater musste mir da häufiger erklären, dass das völlig unterschiedliche Dinge sind. „Magnum“ fand ich auch noch gut, aber sonst war ich eigentlich kein Fan von Detektivserien.


Dann wollen wir unsere Leser mal entzaubern, wie ist der Beruf Detektiv wirklich?


Wahrscheinlich glauben die meisten Leser, das Ganze sei eine richtig spannende Geschichte. Ehrlich gesagt ist es das aber überhaupt nicht. Geduld und Sitzfleisch sind wohl zwei der wichtigsten Eigenschaften, die man braucht.


Das hätte ich jetzt nicht gedacht…


Eine der häufigsten Tätigkeiten ist Observation, das kann schon mal lange dauern. Du weißt ja nicht, wann etwas passiert. Stell dir mal einen warmen Sommertag vor, die Sonne scheint und du fängst um
6 Uhr morgens mit der Observation an. Erst einmal passiert nichts, gar nichts! Du sitzt im Auto und wartest auf deine Zielperson. Du beobachtest das Auto, die Wohnungstür und draußen wird es immer wärmer. Auch wenn es draußen „nur“ 26 Grad sind, ist es im Auto schnell viel wärmer, da können es schon mal 38 Grad werden.


Sicher kein Vergnügen!


Ja, das ist ziemlich anstrengend. Im Winter ist es auch nicht viel besser. Egal welche Umstände also, du musst die ganze Zeit warten.


Aber irgendwann passiert dann ja auch mal was, oder?


Genau, irgendwann! Irgendwann fährt die Zielperson dann los. Dann musst du folgen und sehen, dass du dran bleibst. Wenn du Pech hast, dann hast du vorher aber schon mal fünf bis sieben Stunden gestanden und gewartet. Das ist viel zermürbender, als die Fahrt selbst, die ist dann Routine.


Durch was „verdient“ man sich eigentlich so eine Observation?


Da gibt’s mehrere Möglichkeiten! Ich glaube ganz oben auf der Liste steht der krankgeschriebene Arbeitnehmer, der im Verdacht steht, noch woanders arbeiten zu gehen. Ist krankgemeldet, wird aber in Arbeitskleidung gesehen, ist nie zu Hause trotz Krankheit oder wird auf der Schwarzbaustelle gesehen. Wir bezeugen dann in so einem Fall, dass er noch woanders arbeitet. Selbstständige, die Kranken-
tagegeld bei der Versicherung kassieren, sind auch so ein Standardfall.


Wie?


Die melden ihrer Versicherung, dass Sie wegen Krankheit ihrer Selbstständigkeit nicht nachgehen können, kassieren dann das Krankentagegeld und gehen dennoch arbeiten. Meist hat die Versicherung aber vorher schon einen Testanruf gemacht und gefragt, ob die Person einen Auftrag annehmen kann. Wenn er dann bestätigt, kommen wir ins Spiel und beweisen, dass er ganz normal arbeitet, abrechnet und nebenher das Geld von der Versicherung kassiert.


Hatte jetzt eher mit anderen Gründen gerechnet!


Vielleicht der typische Privatfall? Es gibt natürlich auch noch den Klassiker, der (vermeintlich) betrogene Partner. Hier lässt der Mann die Frau oder die Frau den Mann beschatten. Manchmal auch gleichgeschlechtliche Geschichten.

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Wir checken nicht nur die Zimmer sondern die ganzen Vorstandsetagen

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Genau daran hätte ich eher gedacht.


Das sind auf jeden Fall die drei häufigsten Sachen im Bereich der Beobachtung. Vielleicht noch der Außendienstler, also der Vertreter, der von A nach B und dann nach C reist, aber seinem Arbeitgeber keine Umsätze einbringt. Die Kunden beschweren sich, dass er nicht aufgetaucht ist und so weiter. Wir kontrollieren das dann und siehe da, er fährt morgens los, sein Weg führt ihn aber ins Freibad, zum Golfplatz oder sonst wohin, nur nicht zu den Kunden.


Klingt tatsächlich weniger spannend als hanebüchen!


Ja, aber das ist die Realität und das täglich Brot eines Detektivs. Natürlich gibt es bei den Observationen noch ganz andere Gründe, das würde aber hier den Rahmen sprengen.


Wie viel Prozent der Detektivarbeit besteht denn aus Observationen?


Gute Frage, kann ich gar nicht sagen, ich habe da nie Buch geführt oder das statistisch erfasst. Ich würde tippen 50 Prozent vielleicht und 50 Prozent Ermittlungen. Wobei es so viele Formen der Ermittlung gibt, Überwachung bei Diebstahl oder Lauschabwehr bei Verdacht auf Abhören… Wenn ich es mir recht überlege, sind es doch maximal 40 Prozent Observationen, 30 Prozent Ermittlungen und der Rest dann Lauschabwehr und Forensik. Aber das ist wirklich geschätzt, weil jeder Detektiv in seinen Schwerpunkten arbeitet. Der eine macht fast ausschließlich Observationen, der andere ist Experte für Lauschabwehr. Der untersucht ausschließlich Räume auf Abhörtechnik, Mikrofone und versteckte Kameras. Den Universaldetektiv gibt es nicht.


Lauschabwehr, das klingt ja spannend, fast wie bei James Bond! Hotelzimmer checken…


Richtig, so ist es auch! Wir checken aber nicht nur Hotelzimmer, sondern auch ganze Vorstandsetagen, Privaträume oder alle möglichen Areale, die irgendwie abhörgefährdet sind.


Wie kann man sich das genau vorstellen?


Da kommt dann ein komplettes Technikteam mit einem ganzen Auto voll Elektronik raus, inklusive Röntgentechnik. Die untersuchen dann vor Ort ganz akribisch alle Räume. Der Leiter unserer Abteilung für Lauschabwehr war übrigens vorher Sachgebietsleiter bei einem deutschen Nachrichtendienst.


Wahnsinn, damit hätte ich jetzt nicht gerechnet!


Abgehörte Hotelzimmer gibt es also tatsächlich, viele können sich vielleicht noch an Wendelin Wiedeking von Porsche erinnern, der wurde seinerzeit ja in einem Hotel in Wolfsburg abgehört. Das ist also wirklich nichts Ungewöhnliches.


Sind das also große Firmen, die dich da beauftragen?


Es gibt auch Privatkunden. Ein sehr reicher Mensch, der sehr vorsichtig ist, lässt jedes mal, wenn er unterwegs ist, seine Hotelzimmer überprüfen. Wenn die dann sauber sind, kommt dort niemand anders mehr rein. Firmen sind aber in der Überzahl, die müssen nicht mal groß sein. Neulich wurde bei einer Firma mit massiver Gewalt eingebrochen, es wurde aber kaum etwas geklaut. Da liegt dann zum Beispiel der Verdacht nahe, dass jemand etwas dort installieren wollte. Da kommen wir dann auch ins Spiel. Oder die kleine Firma, die nach dem Besuch der Steuerfahndung Angst hat, dass die Fahnder dort etwas „vergessen“ haben.


Das hört sich schon spannender an als Observation!


… wird aber auch langweilig, wenn du 700 Quadratmeter Bürofläche untersuchen musst und die ganze Zeit einen piependen Kopfhörer trägst (lacht). So doll ist das jetzt auch nicht, was die Spannung angeht.


Spannend auch eher wegen der Umstände und weniger wegen der reinen Tätigkeit.


Die Umstände sind schon spannend, das stimmt allerdings. Vor allem nicht nur hierzulande, wir müssen auch oft ins Ausland reisen, um Aufträge zu erledigen.


Wirklich? Wie weit ins Ausland geht es da?


Das weiteste bisher war Washington D.C.!


Man sollte meinen, gerade dort gibt’s genug Fachleute?


Ja, sowohl fürs Einsetzen als auch fürs Untersuchen.
Unser Auftraggeber hat ein Domizil in Deutschland, wo wir ihn schon häufiger unterstützt haben. Er sagte uns, dass er den Amerikanern nicht traut und unsere Dienste jetzt auch dort in Anspruch nehmen möchte. Egal, was es kostet, wir sollten rüberkommen.


Bestimmt kein kleiner Aufwand?


Oh ja, man kann ja nicht mal die ganze Technik mitnehmen, die darf man ja nicht einführen. Wir konnten also nur einen Teil des Equipments mitnehmen und den anderen Teil mussten wir drüben bei Kollegen mieten – natürlich gegen eine horrende Gebühr!

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Mein weitester Einsatz war in Washington, D.C.

Wo wir gerade in den USA sind. Ich hörte, du hast es bis in den „Playboy“ geschafft?


Ja, zweimal sogar, das war aber in der deutschen Ausgabe! Das waren Reportagen.


Nicht das, woran man als Erstes beim „Playboy“ denkt!


Aber das gibt es, nicht nur nackte Haut! Vor zehn Jahren tauchten wir da das erste Mal auf. Da ging es um das Thema „Untreue“, glaube ich. Jetzt bei der zweiten Reportage ging es dann um Liebesbetrug und
internationale Ermittlungen.


Gibt es denn im Leben eines Detektivs irgendwas, was mit dem Bild aus dem Fernsehen halbwegs übereinstimmt? Verbrechensermittlung zum Beispiel?


Vielleicht gibt es so was Ähnliches, das ist aber selten und nicht der Alltag. Der Alltag ist Arbeitsrecht, der Alltag ist Familienrecht, der Alltag ist Betrug, inzwischen auch Online-Betrug, aber nicht irgendwo Mordermittlungen oder so was. Das gibt es alle
paar Jahre mal, dann geht es aber eher um Alibi-Überprüfung oder Zeugensuche. Meist bei Menschen, die schon inhaftiert sind und ihre Unschuld beweisen möchten. Das ist aber nicht die normale Detektivarbeit.


Gibt es denn überhaupt noch Detektivserien?


Aktuell? Gute Frage, auf Anhieb fällt mir da nichts ein!


Ich kann mich noch an Matula bei „Ein Fall für Zwei“ im ZDF erinnern, läuft das noch?


Ah warte, es gibt noch einen, Wilsberg, na klar! Da habe ich noch keine Folge verpasst. Ein Heimspiel für mich, habe ja in Münster studiert! Das, was der macht, ist natürlich kompletter Blödsinn. Spielt aber keine Rolle, denn er macht das äußerst sympathisch, wirklich toll!


Habt Ihr euch mal getroffen, also du und Wilsberg?


Leider nicht, ich kenne nur Overbeck. Ich betreibe eine Webseite, auf der ich mal den Vornamen von Overbeck verraten habe. Roland Jankowski rief mich dann irgendwann an und sagte, dass er das nicht so toll findet. Dabei war der Name ja kurz im TV zu sehen. Wir haben lange gesprochen, auch über seine Bücher. Ich habe ihm sogar noch einen Auftritt in Dorsten vermitteln können.


Es gibt ja noch diese Scripted-Reality-Detektivserien, Trovatos & Co., was hältst du davon?


Kannst du alles vergessen, was da auf RTL und so weiter läuft. Schaue ich mir alles nicht an. Blödsinn hoch zehn! Da wird den Menschen ein völlig falsches Bild vermittelt.


Das war deutlich! Dein schönster Fall bisher?


Da war ich noch relativ jung und musste nach Gran Canaria reisen. Meine einzige Aufgabe bestand darin, morgens im Yachthafen zu prüfen, ob da nachts das Boot eines Betrügers eingelaufen ist. Außerdem musste ich in allen Top-Hotels am Platz schauen, ob er da hereingekommen ist. Mehr musste ich nicht tun. Das war der schönste Auftrag, den ich jemals hatte. Der Betrüger war übrigens samt Yacht und einigen 100 Millionen auf dem Weg nach Neuseeland, was wir natürlich zu dem Zeitpunkt nicht wussten. Acht bis neun Tage waren wir da, hatten verhältnismäßig wenig Aufwand, so stellt man sich das Arbeitsleben vor. Leider ist das nicht der Alltag …


Jochen, ich drücke dir die Daumen, dass noch einmal

so ein Auftrag kommt! Bis dahin danke ich dir für das nette Gespräch!

Jochen Meismann wurde 1962 geboren und hat in Münster studiert. Seit 1981 ist er Detektiv, nachdem er schon im Kindesalter seinem Vater beim Ermitteln geholfen hat. Er ist mittlerweile Geschäftsführer der
„A Plus Detective GmbH“, die international tätig ist. Außerdem ist er Mitglied der „World Association of Detectives“.

llustration Thorsten Kambach / Fotos shutterstock

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