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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Die Film Buffs Jens Wawrczeck und Dennis Kunert schwärmen über Alfred Hitchcocks Werk

HOW TO HITCHCOCK

Die meisten von uns kennen Jens Wawrczeck seit knapp 40 Jahren als Zweiten Detektiv Peter Shaw in der Hörspielserie „Die drei Fragezeichen“. Doch der Schauspieler, Synchronsprecher, Sänger, Hörbuchregisseur und Dialogautor ist vor allem eines: ein leidenschaftlicher Anhänger der Filme von Alfred Hitchcock. Über die Facetten dieser Begeisterung für den „Master of Suspense“ hat er nun ein sehr persönliches Buch geschrieben.

Was definiert einen Hitchcockian wie Sie?


Ich glaube, ein Hitchcockian ist jemand, der süchtig nach Hitchcocks Filmen geworden ist und darin immer wieder neue Dinge entdeckt. Das Außerordentliche am Werk von Alfred Hitchcock ist, dass wenn man seine Filme gesehen hat nur schwer wieder davon loskommt – sie besitzen einfach eine unglaubliche Sogwirkung. Das ist das Großartige an diesem Regisseur! Egal, wie oft ich seine Filme gesehen habe, immer wieder entdecke ich neue Ebenen, neue Handlungsstränge und neue inszenatorische Einfälle, die mir vorher untergegangen sind. Hitchcock ist immer wieder für Überraschungen gut.


Warum fanden Sie ausgerechnet zu Hitchcock und nicht zu Kubrick oder Billy Wilder?


Billy Wilder verehre ich auch sehr, aber Hitchcock hat zunächst ein sehr reichhaltiges Gesamtwerk, aus dem man schöpfen kann: Er hat von 1925 bis 1976 insgesamt 53 Kinofilme gedreht und qualitativ dabei kaum Einbrüche gehabt. Sicherlich gibt es ein paar, die nicht ganz an seine Meisterwerke heranreichen, aber dennoch sind alle auf einem ähnlich hohen Niveau. Noch mehr sprechen mich jedoch die Themen an: Zunächst die Angst. Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch. Aber dieser Regisseur weckt Ängste, die gelöst werden. Er führt mich emotional in keine Katastrophe, ohne mich da auch wieder raus zu holen. Insofern geht man mit Hitchcock durch das Tal der Angst und kommt wieder raus – meistens sogar empathischer oder gereifter. Man hat eine Katharsis hinter sich und das ist das Tolle an einem Hitchcock Film.


Gibt es weitere solcher Themen?


Ja, da wäre noch die Frage nach der Identität. Das ist auch ein Thema, das man bei Hitchcock immer wieder findet: Wer bin ich? Wer sind Sie? Ständig tauchen Heldinnen oder Helden auf, die für etwas beschuldigt werden, was sie gar nicht getan haben. Schuld und Identität sind sehr spannende Themen. Auf den ersten Blick erzählt Hitchcock eine spannende Geschichte und auf den zweiten wird er ziemlich philosophisch oder elementar und beschäftigt sich mit Themen, die uns alle umtreiben.


Hitchcock hat seine Filme durch viele technische Innovation geführt. Er hat mit dem Stummfilm begonnen und war einer der ersten, der einen Kinofilm mit Ton gedreht hat. Ähnlich ist es bei der Entwicklung vom Schwarz-Weiß- zum Farbfilm. Würde er heute noch Filme drehen, könnten diese immer noch funktionieren? Oder hat sich die Welt zu sehr verändert?


Ich glaube, Hitchcock war sehr innovativ. Er war sehr offen für alle möglichen technischen Erneuerungen und würde sich derer auch heute bedienen. Ich denke, er hätte sich nicht auf das versteift, was er z.B. 1963 in Die Vögel gemacht hat. Wobei Die Vögel eben ein Film ist, der für seine Zeit extrem avantgardistisch und modern war. Und zu dem Zeitpunkt war Hitchcock schon über 60. Insofern glaube ich, dass Hitchcock ein ganz junger Geist war, der seine eigene Geschichte immer wieder in verschiedenen Variationen erzählen wollte. Aber je mehr Möglichkeiten er hatte, dies auszudrücken, desto mehr hat er sie auch benutzt. Das ist auch einer der Gründe, warum er England verlassen hat und nach Amerika gegangen ist. Weil die US-Filmindustrie einfach besser aufgestellt war und er mehr Möglichkeiten bekam seine Filme umzusetzen.


Ihr Buch heißt How to Hitchcock. Dies klingt zunächst nach einem Ratgeber. Haben Sie Angst, dass Hitchcock in Vergessenheit geraten könnte?


Nicht wirklich. Ich glaube, dass alles, was Qualität hat, überlebt. Hitchcock ist in seinem Metier ein Meister und braucht mich nicht, um am Leben zu bleiben oder um das Standing zu behalten, das er schon hat. Aber ich finde schön, dass ich die Möglichkeit hatte meine Begeisterung auszudrücken.


Dennoch haben sich unseren Sehgewohnheiten verändert und viele ältere Film müssen „erarbeitet“ werden.


Ich merke auch, dass der Blick etwas anzusehen, bei vielen Menschen ein bisschen erlahmt. Bei uns allen werden die Konzentrationsspannen kürzer. Wenn der Schnitt in einem Film nicht schnell ist, entsteht rasch der Eindruck von Langeweile und fehlender Spannung. Möglicherwiese war das auch einer der Gründe, warum ich das Buch schreiben wollte, denn wer bei Hitchcock wirklich hinschaut, entdeckt unglaublich viel mehr als in Filmen, welche die Zuschauer schnell in sich hineinziehen wollen. Sicherlich braucht ein Hitchcock-Film ein bisschen mehr Geduld, weil er eine andere Erzählstruktur oder ein anderes Erzähltempo hat, aber wenn man sich darauf einlässt, dann entfalten seine Filme eine unglaubliche Kraft.


Dem werde ich nicht widersprechen. Erst gestern Abend habe ich Eine Dame verschwindet (1938) geschaut. Ein wirklich wunderbarer Film, der nach fast 90 Jahren noch äußerst modern wirkt. Die Klaviatur an Emotionen, die Hitchcock darin beherrscht, vermisse ich in vielen aktuellen Filmen.


Eine Dame verschwindet ist ein sehr gutes Beispiel für die Frische seiner britischen Filme ist. Wenn man als Zuschauer heute die Übersetzung hinbekommt, d.h. sich nicht von der Kleidung oder der Attitüde der Stars irritieren lässt, dann ist das ein absolut moderner Film mit sehr witzigen und geistreichen Dialogen. Ebenfalls zeigt dieser Film sehr schön die Mischung aus Spannung und Humor, die Hitchcock so beherrschte. Der Regisseur lässt uns lachen, aber auch vor Spannung ins Taschentuch beißen.


Und die Hauptdarstellerin Margaret Lockwood hat mich schwer begeistert. 


Man könnte wirklich denken, dass die Filme der 30er Jahre moderner waren als z.B. jene der 50er Jahre – und nicht nur bei Hitchcock. Gerade die Frauenfiguren waren damals noch sehr selbstbewusst und es wurde viel mehr mit dem Rollenverhalten gespielt


Dies ist ein gutes Stichwort. Die Mutter-Figuren in Hitchcocks Filmen spielen ebenfalls ein großes Thema im Buch.


Mir ist im Laufe der Jahre aufgefallen, dass die Mütter bei Hitchcock nicht oft im Mittelpunkt stehen, aber dennoch unglaublich schillernd sind. Sie haben sehr viel Kraft und können sogar Unglück über die Protagonistinnen und Protagonisten bringen. Diese Mischung ist großartig! Den Vätern hat Hitchcock dies nicht bewilligt, diese sind eher in den Hintergrund gerutscht.

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Die Frauenfiguren waren damals noch sehr selbstbewusst

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Das bedeutet, dass Frauen bei ihm grundsätzlich das stärkere Geschlecht sind?


Nicht grundsätzlich, aber er hat auf jeden Fall sehr oft gezeigt, dass Frauen stärker sind als Männer. Die Frauenfiguren sind stark, auch wenn sie selbst Opfer sind. Und die Mütter sind diejenigen, die die Fäden in der Hand haben. Das war tatsächlich auch das erste Thema, das ich geschrieben habe und welches wie ein Dominostein die anderen angestoßen hat. Danach kam „Hitchcock und die Ehen“, denn wenn man von der Mutter kommt, ist man sehr schnell bei Beziehungen, Ehen oder überhaupt Liebesbeziehungen. Das ist ebenfalls sehr interessant, wenn auch nicht gerade ermutigend. (Lacht)


Dabei war Hitchcocks Ehe mit seiner Frau Alma vorbildlich. Auch wenn sein Umgang mit einigen seiner Darstellerinnen möglicherweise einen Schatten darauf wirft. Ich fand das Thema „Mütter bei Hitchcock“ äußerst spannend, da ich zuvor gedanklich eher bei Norma Bates in Psycho und keinesfalls bei der Mutter in Die Vögel war. Doch gerade diese Figur ist äußerst spannend – vor allem im Originalton.


Ja, die Mutter in The Birds ist eine meiner Favoritinnen. Sie ist, und das ist auch eine Genialität von Hitchcock, ebenfalls grandios besetzt. Denn als Regisseur hat er nicht irgendwelche Darstellerinnen für die Mütter vor die Kamera geholt, sondern diese Rollen wirklich sehr klug besetzt. Diese Schauspielerinnen konnten mit wenig Szenen unglaublich viel schaffen.


Im Buch erfahren wir auch, wie Sie als Kind vor dem Fernseher gesessen und mit einem Tonbandgerät die deutschen Synchronisationen der Hitchcock-Filme aufgenommen haben. Diese haben Sie dann so oft gehört, bis Sie die Filme mitsprechen konnten. Ehrlich gesagt ging es mir mit den Drei Fragezeichen-Hörspielen sehr ähnlich. In diesen haben Sie wiederrum häufiger mit den SynchronsprecherInnen der Hitchcock-Filme zusammengearbeitet. 


Wie war es die vertrauten Stimmen von Renate Pichler oder Eckard Dux erstmals persönlich zu treffen?


All diesen Menschen bin ich mit Ehrfurcht entgegengetreten und es hat wirklich Jahre gedauert, bis ich z.B. einem Eckard Dux gesagt habe, wie sehr ich ihn bewundere und tatsächlich immer noch bewundere. Eckart Dux ist auch ein Paradebeispiel für einen sehr guten Schauspieler, der sich in den Dienst eines ausländischen Darstellers stellt und mit großem Respekt die Rolle spielt. Das ist große Kunst.


Hemmt die Ehrfurcht in diesem Moment die eigene Entfaltung am Mikrofon?


ich würde sagen, man ist befangen. Aber es kommt auch sehr darauf an, wie diejenige Person mit einem arbeitet oder auf einen zugeht. Eckart Dux, der ein großer Teamplayer ist, hat diesen Nimbus gleich entfernt. Renate Pichler, die als Synchronregisseurin, viel mit mir gearbeitet hat, war sehr genau bei dem was sie tat. Das konnte auch ein bisschen unangenehm werden, auch wenn ich es heute durchaus verstehe. Am Anfang hat es mich jedoch wirklich irritiert und verunsichert. Aber sie hat stets für Qualität gekämpft und das akzeptiere ich immer.


Sie schätzen nicht nur die Filme Hitchcocks, sondern haben auch ein großes Interesse an den literarischen Vorlagen.


Ich glaube, was mich wirklich reizt, ist die Vorstellung, dass Hitchcock diese Bücher irgendwann in der Hand gehabt und gelesen haben muss. Was war also der Funke, der auf ihn übergesprungen sein muss, damit er sich dazu entschlossen hat, die Geschichte zu verfilmen? Oft hat er sich auch nur einer Grundidee bedient und den Rest über den Haufen geworfen. Einer seiner berühmten Aussprüche war: „Das erste, was ich rausschmeiße, ist Logik.“ Wenn zu viele Erklärungen auftauchten, hat es ihn nicht interessiert. Und das finde ich interessant. Als Zuschauer interessiert es uns ja häufig auch nicht. Wir wollen die eigentliche Handlung verfolgen und bei den emotionalen Verstrickungen dabei sein, aber nicht zu sehr bei der Analyse. Und das war mein Hauptinteresse: Ich wollte feststellen, ob diese Funken auch bei mir überspringen.


Was nicht ganz einfach war. Ihre Suche nach den Vorlagen könnte man mit Jäger des verlorenen Schatzes betiteln.


Im Großen und Ganzen sind diese Bücher aus den Bücherregalen, und aus den deutschen Buchhandlungen sowieso, verschwunden. Somit waren es teils absolute Wiederentdeckungen und ich bin sehr froh, dass ich sogar bei drei dieser Hitchcock-Vorlagen die Rechte bekommen haben und sie somit auch erstmals ins Deutsche übertragen lassen konnte. Aber es ist interessant, dass Hitchcock einige der Romane nicht nur verändert hat, weil sie ihm vielleicht hier und da nicht so gefallen haben, sondern weil er sie verändern musste. Die damalige Zensur hätte einer werkgetreuen Verfilmung nicht zugestimmt.


Dennoch ist er teils bis an die Grenzen des Erlaubten gegangen und sogar ein Stück weiter: Das Zeigen einer Klospülung in Psycho war damals skandalös.


Das stimmt. Psycho war in vielerlei Hinsicht revolutionär. Daher zogen, nachdem der Film ein Riesenerfolg geworden war, andere Filmemacher nach. Ich glaube, Psycho hat die Toleranzgrenze, was Gewalt auf der Leinwand angeht, ein bisschen nach oben geschoben. Und es ist interessant, dass Hitchcock nach Psycho etwas komplett anderes machen wollte, obwohl es sein erfolgreichster Film war. Das spricht für ihn als neugierigen Künstler. Er hat sich nicht auf den Lorbeeren ausgeruht und noch einen Schwarz-Weiß-Film gemacht, der wie ein B-Picture aussieht.


Sein nächster Film war Die Vögel. Dieser muss ein großes Risiko für das Studio, aber auch für seine Karriere gewesen sein.


Richtig. Die Vögel hätte genauso gut nicht funktionieren und lächerlich wirken können. Hitchcock ließ Vögel von Trainern dressieren, damit diese von links nach rechts fliegen. Das war schon ein echtes Unterfangen. Oder die Verwendung der elektrischer Sounds von Oskar Sala, um Vogelstimmen abzubilden, anstatt einen jener großen Scores zu nutzen, für die Hitchcock bis dahin bekannt war. Er hat sich nicht auf der Welle des Erfolgs ausgeruht, sondern wahrscheinlich das Bedürfnis gehabt, sich ein weiteres Mal neu zu erfinden. Er wollte denen da draußen zeigen: Das war es noch nicht, ich bin noch lange nicht am Ende. Das ist bewundernswert.


Ebenfalls hat er die Sehgewohnheiten von „denen da draußen“ verändert: So führte er im Trailer von Psycho durch das Set des Bates Motels als wäre es ein Tatort. Oder er sorgte dafür, dass das Publikum direkt mit Filmstart im Kinosaal saß, was damals absolut nicht üblich war.


Richtig. Er hat auf eine sehr geschickte Art versucht, sein Publikum zu erziehen. Kein Regisseur hat sich dabei selbst so in Szene gesetzt. Es wurde zu seinem Markenzeichen. Darum hat er im Laufe der 60er Jahre auch immer mehr auf die großen Stars verzichtet. Es gab zwar noch Paul Newman und Julie Andrews, aber Hitchcock konnte es sich leisten auf Stars wie Cary Grant, James Stewart oder Grace Kelly zu verzichten, weil das Prädikat „Hitchcock“ ausreichte, um das Publikum in die Kinos zu locken.

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Die Gänsehaut ist die Epidermis unserer Zeit

Wie war das, als Sie das erste Mal Familiengrab gesehen haben? Wahrscheinlich haben Sie den Film zur Premiere im Kino gesehen. War Ihnen zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass es sein letzter Film sein würde?


Nein, nein. Vielleicht habe ich es aber auch nicht wahrhaben wollen. Und es ist tatsächlich einer meiner Lieblingsfilme von ihm geworden – der hat etwas sehr Frisches. Hitchcock wollte auch definitiv noch weiter Filme drehen, was letztlich aus Krankheitsgründen nicht mehr ging. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass er noch ein paar Jahre länger gedreht hätte.


Wenn Sie die Möglichkeit hätten, Hitchcock etwas zu sagen oder eine Frage zu stellen. Was wäre das?


Das ist schwer, weil ich festgestellt habe, dass mich seine Filme mehr interessieren als seine Person. Ich glaube, mit ihm persönlich wäre ich vielleicht gar nicht so gut klargekommen. Was mich allerdings etwas wurmt ist die Frage, ob er erkannt hat, wie viel seine Schauspielerinnen und Schauspieler in den jeweiligen Film investiert haben, den er so gut vorbereitet hat. Es ist auch die Frage, ob Hitchcock wirklich so egoman war, wie er manchmal rüberkommt. Denn er stand immer im Vordergrund seiner Produktionen, sprach relativ wenig über seine Schauspieler und gab nicht viel Komplimente. Aber ich finde, dass z.B. Psycho ohne Anthony Perkins oder Janet Leigh ein gänzlich anderer Film geworden wäre. Das ist vielleicht sogar ein ganz interessantes Beispiel, da Psycho ja in der Tat komplett neu verfilmt wurde – Frame für Frame.


Das war ein entsetzliches Machwerk.


Aber es ist doch interessant: Der Film wiederholt exakt jede Einstellung, dennoch fehlt ihm die Seele. Ich finde, das ist ein wunderbarer Beweis, dass es eben dann nicht nur darum geht, dass man Zucker nimmt und Mehl und Salz. Sondern es geht darum, wer es zusammenrührt und wie derjenige es zusammenrührt. Ich hätte versucht Hitchcock in solch ein Thema zu verstricken, um ein bisschen mehr über seine intimen Gefühle gegenüber Schauspielern zu erfahren.


Aber es existiert diese Anekdote, dass er gesagt hat, Schauspieler sollten wie Vieh behandelt werden.


Dies hat er schon sehr früh in seiner Karriere gesagt und wie alles, was er von sich gegeben hat, natürlich nicht todernst gemeint. Vielmehr ist es ein Ausdruck seines typischen britischen Humors.


Wir sprachen schon über die literarischen Vorlagen der Filme. Sie bringen diese live auf die Bühne. Wie muss ich mir dies vorstellen?


Es ist tatsächlich nicht so einfach, diese Abende zu beschreiben. Sie sind so konzipiert, dass ich am Anfang kurz etwas über die Vorlage und über die Verfilmung erzähle. Dann beginne ich mit dem Text.


Den Sie vollständig lesen?


Nein, allein Marnie hat als Hörbuch eine Laufzeit von ungefähr zwölf Stunden. Ich habe den kompletten Text für die Bühne bearbeitet, so dass man in gut anderthalb Stunden den vollständigen Roman hört. Es ist eine kondensierte Fassung und man bekommt das Gefühl eine ungekürzte Version zu hören.


Aber es ist schon eine Lesung?


Eigentlich nicht. Eher eine Performance, denn ich spiele alle Rollen. Für mich ist es als Schauspieler durchaus eine Herausforderung, Um bei Marnie zu bleiben: Der Roman wurde von einem Mann verfasst, nämlich Winston Graham. Doch dieser schrieb ihn aus der Perspektive einer Frau. Somit stehe ich auf der Bühne und bin Marnie. Das kann irritieren, im besten Fall fasziniert es. (Lacht) Ich werde auf der Bühne dann tatsächlich zu diesen Figuren. Und scheinbar so glaubwürdig, dass ich schon häufiger gefragt wurde, wie das funktioniert oder wie ich „das“ mit meiner Stimme mache. Vermutlich bin ich auf der Bühne wie ein Medium und der Text geht durch mich hindurch. Dadurch bekommt jeder Charakter die richtige Färbung. Insofern hadere ich mit dem Begriff Lesung. Es ist aber auch kein Theaterstück. Es ist irgendwas dazwischen. Auf jeden Fall ist es eine Hommage an Hitchcock und eine Hommage an die Autorinnen und Autoren der Vorlagen.


Wie viele unterschiedliche Romane und Erzählungen bringen Sie auf die Bühne?


Insgesamt gibt es zehn unterschiedliche Abende. Bei jedem werde ich von einem ausgewählten Musiker begleitet. Aber es ist keine flächenmäßige Stimmungsmusik, sondern wirklich punktuell auf bestimmte Textstellen abgestimmt. Im Grunde funktioniert sie wie Filmmusik und genauso spezifisch, wie Hitchcock sie eingesetzt hat. Und ich benutze nur Musik aus Filmen von Hitchcock. Es ist ein wenig wie eine Vermählung von dem, was es schon gibt und dem, was jetzt neu ist.


Verbinden Sie diese literarischen Abende auch mit einer Vorführung der Filme?


Nein, aber im Zuge der Buchvorstellung zeigte ich in unterschiedlichen Städten jeweils einen anderen Hitchcock-Film – mit ganz tollen Reaktionen. An einem Abend lief Vertigo, der aufgrund seines langsamen Tempos schon eine Herausforderung darstellt. Aber das Publikum folgte der Handlung mucksmäuschenstill. Oder in Dresden wurde Das Fenster zum Hof gezeigt und die Leute haben reagiert wie in den fünfziger Jahren: Als sie sahen, dass Grace Kelly in Gefahr geriet, gab es einen Aufschrei.


Was für ein Publikum kam in die Vorstellungen?


Es waren wirklich sehr viele junge Leute dort. Einige erzählten mir im Nachgang, dass sie gerade ihr erster Hitchcock-Film gesehen hätten und begeistert waren. Ich finde toll, dass der Hitchcock-Funke immer noch überspringt!

Jens Wawrczeck
ist den meisten vor allem durch eine Hörspiel-Rolle bekannt: Seit fast 40 Jahren leiht er Peter Shaw, dem zweiten Detektiv von „Die drei ???“ seine Stimme. In Hamburg, Wien und New York zum Schauspieler ausgebildet, arbeitet der leidenschaftliche Hitchcockianer heute als Schauspieler, Synchronsprecher, Sänger, Hörbuchregisseur, Dialogautor und hat ein eigenes Audiolabel.
www.jenswawrczeck.de

„How to Hitchcock – meine Reise durch das Hitchcock-Universum“ von Jens Wawrczeck ist bei dtv erschienen und gibt es überall, wo es Bücher gibt. Bei audoba.de bekommt ihr es ebenfalls als Hörbuch, gelesen vom Autor.
www.audoba.de

llustration Dennis Kunert / Fotos Christian Hartmann

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