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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Arndt Zinkant befragt den Kabarettisten Jens Heinrich Claassen

IMMER LUSTIG – SELTEN BÖSE

Sobald die Scheinwerfer angehen, ist Jens Heinrich Claassen in seinem Element. Dabei ist der freundliche Klavierkabarettist aus Münster von Haus aus eher zurückhaltend. Im Interview verrät er, wie er dennoch auf die Kleinkunstbühnen fand, wie er auf Kreuzfahrtschiffen Senioren beim Essen-Klau erwischte und warum er auch das Moderieren liebt. Zum Beispiel bei der neuen Show „Deluxe“ im GOP-Varieté.

Jens, dein neues Programm heißt „Keine Ursache“ und beschäftigt sich mit Höflichkeit. Ist dir deine eigene Höflichkeit schon mal zum Verhängnis geworden?


Ja, permanent. Ich weiß gar nicht, ob man das öffentlich sagen sollte – aber ich bin wirklich ein sehr höflicher Mensch, was in dem Programm auch deutlich zum Ausdruck kommt. Es ist generell ein Appell für mehr gegenseitige Höflichkeit und Respekt. Leider ist – in der Politik und anderswo – das Gegenteil salonfähig geworden. Ich persönlich bin vielleicht sogar einen Tick zu höflich und kann auch schwer Nein sagen. Aber daran arbeite ich.


Du bist auch auf der Bühne bekanntermaßen sehr nett. Aber gibt es vielleicht noch eine andere, fiese Seite von Jens Heinrich Claassen, die nur ganz selten hervorkommt – wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde?


Also Jens Heinrich Claassen kann durchaus böse werden, sowohl privat wie auch auf der Bühne. Da gab es mal einen Mann im Publikum, der wirklich schon sehr betrunken war, und der hat permanent gerufen: „Jetzt hör endlich auf mit der Scheiße und geh runter von der Bühne!“ Und da fiel dann irgendwann, vielleicht nach dem zehnten Mal, mein freundliches Gesicht von mir ab. Aber generell muss schon viel passieren, bis ich böse werde.


Wie bist du von der Comedy aktuell zum Varieté, zur Moderation einer Show im GOP Münster gekommen? Ist das ein harter Switch?


Nein – ich singe da Lieder, die ich auch im normalen Comedy-Programm singe. Überhaupt habe ich immer schon gemerkt, dass ich gerne moderiere, weil ich den Menschen gern ein positives Gefühl vermittle. Motto: „Hey, das ist unser Abend! Wunderbar, dass ihr da seid – wir machen es uns hier schön.“ Und das bereitet mir unglaublich viel Freude. Man nimmt sich ja als Moderator auch ein bisschen zurück, um die Künstlerinnen und Künstler, die im Varieté auftreten, in einem möglichst guten Licht dastehen zu lassen. Zum GOP kam ich irgendwann über meinen lieben Kollegen Matthias Brodowy, der ja in Hannover recht bekannt ist und auch viel im GOP-Stammhaus dort gearbeitet hat. Und der hat mir gesagt: „Jens, eigentlich müsstest du da auch moderieren.“ Für die aktuelle Show „Deluxe“ in Münster bestand von Anfang an der Plan, da so eine Rahmengeschichte drumherum zu bauen und dafür dann einen Moderator einzusetzen. Natürlich verpflichten sie im GOP niemanden, den sie sich nicht zuvor genau angeschaut haben.


Hat dein Erfolg als Comedian dein Datingleben positiv oder negativ beeinflusst?


Eher negativ, glaube ich – weil sich die Leute doch immer fragen, was denn jetzt von all dem stimmt, was der Typ da erzählt. Und ich habe mich auf der Bühne ja manchmal wirklich sehr, sehr klein gemacht. Durch den Bühnen-Job habe ich zwar in der Vergangenheit auch schon mal eine Frau kennengelernt, mit der ich tatsächlich zusammengekommen bin. Aber das wäre wahrscheinlich auch passiert, wenn wir uns in einem Café getroffen hätten. Also wenn jemand da draußen denkt, ich werde Comedian, um einen zukünftigen Partner kennenzulernen – nee, das funktioniert nicht.

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Ich hatte auf das falsche Pferd gesetzt

Wo wir gerade beim Thema Erfolg sind, müssen wir natürlich auch auf deinen sagenhaften Reichtum zu sprechen kommen – „Der reichste Comedian der Welt“ steht auf deiner Webseite. Ich habe mir überlegt: Geht das nur mit Witzemachen oder bist du heimlich noch Börsenprofi?


Ich habe nur einmal in meinem Leben an der Börse investiert. Da arbeitete ich noch bei einer Fluggesellschaft und wohnte in Düsseldorf. Vielleicht erinnerst du dich noch an diese „Neuer-Markt“-Blase Ende der 90er. Da gab es diese Suchmaschine Lycos mit den schwarzen Lampen drauf, und ich dachte: „Die sehen ja viel schöner aus als Google!“ Und weil ich Geld gespart hatte, dachte ich: „Komm, ich investiere jetzt 5.000 D-Mark und werde ich reich.“ Und dann sind leider aus diesen 5.000 Mark sehr schnell 10 Mark geworden – ich hatte aufs falsche Pferd gesetzt.


Irgendwo habe ich im Netz gelesen, du wärst auch Technik-Nerd. Stimmt das?


Ja, stimmt! Es stehen hier überall im Haus auf allen Etagen alte Computer herum. Ich gucke gerade auf einen C64, auf einen C116 und auf einem Amiga 500. Unten steht ein Schneider und noch ein Commodore und ein alter Apple.


Laufen die noch alle?


Manche nicht mehr, weil ich die bei Ebay schon als defekt ersteigert habe. Die übrigen mache ich aber gelegentlich an und programmiere ein bisschen in „Basic“, der alten Programmiersprache. Das tat ich seinerzeit schon als Schüler nach den Hausaufgaben. Ich war aber nie gut darin und bin auch nicht mathematisch begabt.


Moment – nicht mathematisch begabt? Da fällt mir natürlich die Zahl Pi ein, die du beim Auftritt in der Friedenskapelle bis zur 115. Nachkommastelle aufgezählt und sogar gesungen hast. Wie geht das denn zusammen? Wann hast du gemerkt, dass du da eine Rain-Man-mäßige Begabung hast?


Das werde ich ganz oft gefragt. Aber als es in der sechsten oder siebten Klasse mit Geometrie anfing, ging es bei mir in Mathe abwärts. Doch aus welchem Grund auch immer – ich konnte mir immer schon gut Zahlen merken. Die Begabung wollte ich dann auch in meine Shows einbringen, habe jedoch anfangs nicht gewusst, wie. Und dann dachte ich: „Naja, die Zahl Pi kennen alle, und das wäre doch vielleicht ganz lustig.“ Bei dem Lied, wo ich diese 115 Nachkommastellen singe, muss man natürlich dazusagen, dass auch die Melodie und der Rhythmus helfen. Mittlerweile kann ich es aber auch so, denn ich habe die Zahl Pi mindestens tausend Mal auf der Bühne gesungen. Du kannst mich nachts wecken, und ich sage es dir fehlerfrei auf.

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Ich habe auf dem Hittorf-Gymnasium angefangen Straßenmusik zu machen

Also ich war damals schwer beeindruckt!


Das Pi-Lied ist auch mit Abstand mein erfolgreichstes Lied, obwohl von den Strophen her gar nicht so lustig. Es gibt Lieder von mir, die wesentlich lustiger sind. Ich habe das vor Ewigkeiten mal bei „Nightwash“ gemacht, damals hat das noch Luke Mockridge moderiert. Da gab es noch gar kein Instagram, und die Fans haben das alle auf Facebook gepostet.


Wann hast du gemerkt, dass Comedy dein Ding ist, deine Passion?


Bereits während meiner Schulzeit. Ich glaube, es begann in der 10. Klasse, da habe ich mit meinen beiden besten Freunden auf dem Hittorf-Gymnasium angefangen, Straßenmusik zu machen. Beatles, Simon & Garfunkel und so was – immer zu dritt. Ich habe damals auch bei Schulreferaten  stets lustige Sachen eingebaut; das hatte ich so ein bisschen von meinem Vater. Irgendwann wurde mir klar, dass ich ein Talent dafür habe, Menschen zum Lachen zu bringen. Kurios – denn privat bin ich eher schüchtern und ein recht ängstlicher Mensch. Aber nicht auf der Bühne! Lampenfieber ist zwar normal, aber mir ist es egal, ob ich vor 50 Leuten auftrete oder wie gestern in Ascheberg vor 320 Leuten. Wenn ich auf der Bühne stehe, fühle ich mich wohl. Es ist irgendwie verrückt, aber sobald die Scheinwerfer angehen, bin ich in meinem Element.


Du trittst auch auf hoher See auf, zum Beispiel auf den AIDA-Schiffen. Gab es dort eine skurrile Begebenheit? Vielleicht mit irgendeiner Oma am Buffet?


Ja – das liegt aber gar nicht an den Schiffen, sondern an deren speziellem Mikrokosmos. Es treffen dort, je nach Schiffsgröße, zwischen 1500 und 6000 Leute aufeinander. Und da war mal eine Dame, die im Rollstuhl saß, am Buffet und wollte sich etwas zu essen nehmen – was einem Herrn offenbar nicht schnell genug ging. Und der hat sie weggezogen! Der ist dann zum Glück auch sofort von sehr vielen Leuten zurechtgewiesen worden. Ich habe auch schon gesehen, dass sich Menschen, wenn sie in der Schlange standen, gegenseitig Essen vom Teller geklaut haben. Dann denkt man: “Leute, das ist ein Kreuzfahrtschiff – also wenn man hier eins nicht tut, dann ist es verhungern!“


Wir müssen natürlich auf die „Adam Riese Show“ kommen. Die ist seit über 18 Jahren Kult, allerdings bist du noch nicht so lange dabei. Adam hatte zuvor mehrere sehr weibliche Assistentinnen - und du bist nun offiziell auch „Show-Assistentin“. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, diesen Geschlechtswechsel zu vollziehen?


Adam ist ja ein Freund von mir – und ich war mit ihm spazieren, irgendwann während der Pandemie. Als er erwähnte, dass er eine eine neue Show-Assistentin brauche, sagte ich sofort zu, weil ich in Münster wohne und die Show sehr mag. Allerdings verlangte er: „Dann musst du aber ebenfalls Assistentin sein!“ – und so kam das. Zuvor war ich einmal als Gast in der Show gewesen, die fand noch im Pumpenhaus statt. Das war, kurz bevor ich an der Nase operiert worden bin, weil ich so unfassbar schlecht Luft bekam. Seinerzeit bin ich immer in der ersten Reihe eingeschlafen und durfte wegen dieser Schlaf-Anfälle auch kein Auto fahren. Ich sagte damals zu Adam: „Wenn ich zwischendurch einschlafe, weck mich bitte!“


Wie ich weiß, bist du Jahrgang 1976. Woraus sich logisch ergibt, dass an diesem Jahr ein runder Geburtstag ansteht. Wirst du auch auf der Bühne über Altern nachdenken, oder ist das kein Thema?


Ich glaube nicht – obwohl es natürlich ein Thema ist. Es gibt einige Kolleginnen und Kollegen, die auf der Bühne übers Altern reden oder sogar ein ganzes Programm darüber gemacht haben. Aber was den persönlichen Wiedererkennungswert anbelangt, beschränke mich lieber aufs Reichsein – denn da bin ich der Einzige! Ein super Alleinstellungsmerkmal.


Harald Schmidt hat immer, wenn er gefragt wurde, wie lange er noch auftreten will, gesagt: „Bis die Leute mich nicht mehr sehen wollen und dann noch zehn Jahre.“ – Was würdest du antworten?


Natürlich müsste ich aufhören, wenn das Publikum mich nicht mehr sehen will. Aber es ist eben mein Beruf und ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt (muss ich natürlich gar nicht, weil ich reich bin!). Es ist eng mit meinem Leben verwoben - aber ich möchte auch nicht auf der Bühne sterben; das erscheint mir nicht so romantisch wie manchen Kollegen. Aber die Vorstellung, mit 67 einfach als Rentner auf die Kanaren zu düsen, gibt es bei mir definitiv nicht.

Jens Heinrich Claassen wurde 1976 in Münster geboren und entdeckte sein komisches Talent am Hittorf-Gymnasium. Sein Markenzeichen sind Lieder am Klavier und ein Humor, der nie gemein unter die Gürtellinie zielt. Auf Kreuzfahrtschiffen gilt er als Stimmungsgarant. Claassen ist Gewinner des Kabarettpreises "Goldene Lachmöwe" und stand auch beim Bielefelder Kabarettpreis und der Lüdenscheider Lüsterklemme auf dem Siegertreppchen.

www.jensclaassen.de

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Pressefotos

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