
Arndt Zinkant befragt Jean-Claude Séférian über das Leben und die Lieder
MÜNSTERS MEISTER DES CHANSONS
Wer an Chansons denkt, der denkt an Charles Aznavour, Jacques Brel oder Edith Piaf. Wer in Münster an Chansons denkt, kommt nur auf einen Namen: Jean-Claude Séférian. In unzähligen Konzerten hat der Weltbürger aus dem Libanon seit 1981 dieser urfranzösischen Kunstform Leben eingehaucht. Dabei sieht er gar keinen Unterschied zu deutschen Liedermachern. Im Gespräch erzählt er von alten Erinnerungen und neuen Plänen. Und dass man in Paris tatsächlich die große Liebe findet.
Wie bist Du zum Chanson gekommen? Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Es wurde mir praktisch in die Wiege gelegt. Meine Mutter hat viel gesungen, und ich liebte ihre Stimme. Überhaupt gab es bei uns zu Hause viel Gesang und Tanz, denn die Eltern veranstalteten beinahe jede Woche Partys. Ich konnte als kleiner Junge oft nicht einschlafen, weil ich darauf wartete, meine Mutter singen zu hören. So versteckte ich mich unter dem Tisch, um zu erleben, wie sie Edith Piaf anstimmte. Da bekam ich immer Gänsehaut! Mittlerweile ist meine Mutter 93, und sie sagt mir bis heute: „Du konntest singen, schon bevor du sprechen konntest. Im Alter von neun Monaten!“
Also die berühmte Edith Piaf – und sonst?
Mein Vater hielt es immer mit Charles Aznavour, von dem er alle Schallplatten besaß. Später entdeckte ich außerdem Jacques Brel und war ganz besonders begeistert von Georges Brassens, der mir half, den libanesischen Bürgerkrieg zu überleben. Aber das ist eine andere, sehr lange Geschichte …
Was hat Dich nach Münster verschlagen, und warum hast Du hier Wurzeln geschlagen?
L’ amour! Ich studierte, nachdem ich aus dem Libanon geflüchtet war, in Nizza Musik, genauer: Klavier. Der Rest der Familie – meine Eltern und meine Schwester – kamen einige Monate später nach und ließen sich in Paris nieder. Da ich aus einer frankophonen Familie stamme, hatten wir sehr viele Verwandte in Frankreich. In den darauffolgenden Sommerferien bin ich nach Paris gefahren, um meine Eltern wiederzusehen. Und genau in diesen Ferien traf ich Christiane, meine heutige Ehefrau. Und das war „Le grand Amour“. Ich bin ihr nach Münster gefolgt, obwohl ich kein Wort Deutsch sprach, und habe hier mein Klavierstudium abgeschlossen.
Apropos Wurzeln: Wie würdest Du Deine beschreiben?
Das ist schwierig. Ich bin eigentlich ein Weltbürger beziehungsweise ein Erdenbürger! Versuchen wir es zu definieren: Ich bin im Libanon geboren und aufgewachsen. Der Libanon war noch aufgrund seiner Geschichte zweisprachig: Arabisch und Französisch. Der Vater meines Vaters war armenischer Herkunft; Seferian ist armenisch – alles was mit „-ian“ endet, deutet darauf hin. Seine Mutter war Syrerin und außerdem Französischlehrerin, die Großeltern mütterlicherseits hingegen Franco-Libanesen. Meine Mutter wiederum ist im Senegal (französisch Afrika) geboren und aufgewachsen. Also: Ich bin als Franco-Libanese aufgewachsen mit Französisch als Muttersprache. Arabisch habe ich natürlich auch gelernt, kann es aber nur schlecht.
Zu Deinen Lieblingsprojekten zählt auch die Chanson-AG am Pascal-Gymnasium. Wie waren dort die Anfänge?
Die Chanson-AG gibt es seit 1991 – also steht bald das 35-jährige Jubiläum an. Damals sprach mich der neue Leiter des Pascal-Gymnasiums an, der mich von meinen Auftritten als Chansonsänger kannte (ich begann, ab 1981 öffentlich zu singen). Er wünschte sich, dass ich eine Chanson-AG gründe, um die französische Sprache voranzubringen. Ein Angebot, das ich akzeptierte, ohne genau zu wissen, was ich mit den Schülern singen sollte – denn die meisten Chansons sind für Solostimme komponiert. Ich kann mich daran erinnern, dass der Musikraum sehr voll war und ich vor Nervosität nicht aufhörte zu schwitzen. Die ersten Proben gestalteten sich ziemlich katastrophal, und der Chor wurde immer kleiner.

In diesen Ferien traf ich Christiane
Oje – und dann?
Nach ein paar Wochen hatte ich nur noch 13 Mädchen und einen Jungen, die geblieben waren. Mit dieser kleinen Gruppe habe ich angefangen zu experimentieren und begann, kleine Arrangements von meinen Lieblings-Chansons zu schreiben. Nach dem ersten Konzert, das gut verlaufen war, kamen immer mehr Anfragen, und der Chor wuchs und wuchs. Nach zehn Jahren mit ausschließlich französischen Chansons war die Zahl der Choristen auf 30 angestiegen. Aber ich wollte mehr.
Repertoire in anderen Sprachen?
Genau. Da ich Sprachen liebe, überlegte ich mir, dass vermutlich noch mehr Leute kämen, wenn zwischendurch englische Popsongs zu hören wären. Und so kam es auch. Mit dieser neuen Orientierung wurde das Ensemble noch größer. Der Höhepunkt war bis vor Corona: Mehr als 80 Sängerinnen und Sänger in allen Altersstufen.
Wie sieht die Musik-Mischung aktuell aus?
Unser Programm besteht seit 20 Jahren aus 60 Prozent Französisch, 30 Prozent Englisch und 10 Prozent gemischt – also auch Deutsch, Italienisch, Spanisch und so weiter. Mittlerweile haben wir in 15 verschiedenen Sprachen gesungen. Und ich lege sehr großen Wert darauf, dass man sich traut, auch ein Solo zu übernehmen. Das ist, so glaube ich, eine Besonderheit des Chores. Die andere Besonderheit: Fast alle Arrangements stammen von mir.
Bleiben wir in Münster: Das alte „Le Midi“, Münsters Kultlokal mit dem französischen Flair, ist nun leider Geschichte. Was verbindest Du mit dem Auftrittsort für Erinnerungen?
Im „Le Midi“ habe ich mehr als 10 Jahre lang meine schönsten Konzerte gegeben. Obwohl nur 50 bis 60 Menschen dort hineinpassten, war es immer ein Erlebnis. Ich habe, glaube ich, 20 Konzerte pro Jahr gesungen, und die waren immer ausverkauft.
Welche Karrierepfade hast Du schon beschritten, die das Münster-Publikum gar nicht mitbekommt?
Da ich viergleisig fahre, denkt ein Teil des münsterischen Publikums, dass ich nur Chanson-Sänger bin, ein anderer Teil, dass ich nur Klavierlehrer bin (ich war Fachgruppenleiter für Klavier und Gesang in der Musikschule Nienberge). Ein weiterer Teil verbindet mich nur mit dem Pascal-Gymnasium, obwohl ich da nur die Chanson-AG leite – und schließlich gibt es noch den Teil, der mich mit meinen Kindermusicals in Verbindung bringt. Aber als Chanson-Sänger habe ich meine schönsten und ereignisreichsten Erlebnisse gehabt. Zum Beispiel habe ich mit meiner Frau Christiane 20 Jahre weltweit Konzerte auf Luxusschiffen gegeben, außerdem im Salle Pleyel in Paris, auf dem Schleswig-Holstein-Musikfestival, auf verschiedenen Festivals in Frankreich, im Deutschen Theater München, in der Laeiszhalle und der Elbphilharmonie Hamburg. Dort steht 2026 auch schon der nächste Termin fest.

Als Chansonsänger habe ich meine schönsten Erlebnisse gehabt
Wie fühlt es sich an, mit der eigenen Frau oder Tochter auf der Bühne zu stehen? Hast Du Deine Tochter Marie anfangs als „Mentor“ angeleitet?
Mit meiner Frau Christiane und meiner Tochter Marie Konzerte zu geben, ist für mich das Allerschönste. Dadurch, dass Marie ihre Wurzeln eher im Jazz hat, bereichern wir uns gegenseitig. Wir haben eine Zeit lang sogar Konzerte zu viert gegeben – also auch mit meiner älteren Tochter Annick, die Opern-Sängerin geworden ist. Aber würde sie jetzt mit uns singen, so würde sie uns alle plattmachen (lacht). Und ja, unsere Töchter waren am Pascal jahrelang in der Chanson-AG. Sie haben in dieser Zeit sozusagen Blut geleckt und bekamen beide Gesangsunterricht.
Kann man den Unterschied zwischen französischen Chansonniers und deutschen Liedermachern präzise beschreiben? Immerhin sang Reinhard Mey ja in beiden Sprachen.
Ich glaube nicht, dass es zwischen französischen und deutschen Chansons einen Unterschied gibt. Das französische hat sich in der letzten Zeit enorm entwickelt. Die meisten Beiträge, die ich für die Chanson-AG aussuche, haben mit dem klassischen Chanson auch nicht mehr viel zu tun. Wir hatten zwar mal ein reines Piaf-Programm oder das Musical „L’homme de la Mancha“ von Jacques Brel etc., doch das ist passé! Das moderne Chanson ist musikalisch nicht viel anders als die amerikanischen oder englischen Pop-Songs, abgesehen von der Sprache. Aber das, was ein modernes Chanson von einem französischen Pop-Lied unterscheidet, ist schließlich die Aussage eines Textes. Ein Beispiel: Einer der erfolgreichsten Chansonniers unserer Zeit heißt Vianney und ist eng mit Ed Sheeran befreundet. Sie haben viele Konzerte zusammen gegeben und auch Lieder gemeinsam geschrieben. Vor etwa 15 Jahren hat Aznavour mit Grönemeyer Duette gesungen. Man sieht also, es vermischt sich immer mehr.
Welche Projekte verfolgst Du momentan, die man bald erleben kann?
Wie ich schon sagte, werden wir nächstes Jahr das 35-jährige Jubiläum der Chanson-AG groß feiern. Ich weiß allerdings noch nicht, wie. Außerdem ist ein großer Jacques-Brel-Abend in der Elbphilharmonie und ein neues Kinder-Musical von mir geplant.
Alles Gute dafür und danke fürs Gespräch!
Jean-Claude Séférian
Jean-Claude Séférian stammt aus dem Libanon und kam über Paris nach Münster, der Liebe wegen. Seit 1983 ist er Klavierlehrer an der Musikschule Münster-Nienberge, für die er mehrere Musicals komponierte, darunter „Pinocchio“ und „In 80 Tagen um die Welt“. Daneben arbeitet Séférian seit 1981 als Chansonnier und tritt bevorzugt mit seiner Frau, der Pianistin Christiane Rieger-Séférian, auf. Die gemeinsamen Töchter Marie Séférian und Annick Séférian, sind Jazzsängerin und Opernsängerin.
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Jean-Claude Séférian


