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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Peter Sauer spricht mit Jürgen Kehrer über gescheiterte Heldenträume

RUHM, EHRE UND FIASKO
IN DER ARKTIS

Was bringt Menschen dazu, unbedingt ein Held sein zu wollen? „Wilsberg“-Erfinder Jürgen Kehrer erzählt in seinem neuen Sachbuch „Heldenreise ins ewige Eis“ vom Untergang der Deutschen Arktischen Expedition auf Spitzbergen 1912/13. Damit ist ihm ein spannender Polarkrimi gelungen, für den er akribisch recherchiert hat. Mit unserem Mitarbeiter Peter Sauer sprach er über die Hintergründe. Natürlich bei heißen Getränken.

Guten Morgen Jürgen. Es ist Vormittag. Wo erwische ich dich gerade telefonisch? Im Garten, bei Kaffee oder Tee?


Teetrinkend am Schreibtisch. Ich spiele Spider Solitaire. 


Ein Spiel?


Ja, das brauche ich morgens immer zur Einstimmung auf den Tag. Einmal muss ich immer gewinnen, um mich für die Arbeit zu motivieren. Kaffee trinke ich erst am späteren Vormittag. Gemeinsam mit meiner Frau Sandra in der Küche. Das ist immer ein Ritual bei uns. 


Du hast wieder ein „Wilsberg“-Drehbuch geschrieben?


Ja, für den aktuellen „Wilsberg“-Krimi im ZDF mit dem Titel „Mogelpackung“, der am 4. April gesendet wird.


Etwas ganz anderes ist hingegen dein neues Buch. Diesmal ist es kein Krimi. Warum?


Ich habe ja mit dem  21. Band „Wilsberg. Sein erster und sein letzter Fall“ die Wilsberg-Buch-Reihe abgeschlossen. 


Und dein neues Buch ist ein Sachbuch, richtig?


Ja, ein erzählendes Sachbuch. Es geht um eine wahre Geschichte. Nichts daran ist fiktionalisiert. Alles, was ich erzähle, stammt aus originalen Quellen, Tagebüchern, Aufzeichnungen, Reiseberichten. Natürlich habe ich auch jede Menge Sekundärliteratur gelesen.


Wie kommst du thematisch gerade ins Ewige Eis?


Durch Zufall. Ein Buch ist mir in die Hand gefallen, besser gesagt, meine Frau Sandra hat mir das Buch in die Hand fallen lassen: über eine Expedition, bei der ein Forscher zwölf Monate in einer Eishöhle in der Mitte Grönlands verbracht hat. Da habe ich mich beim Lesen immer gefragt: Wie kommen Männer dazu, schwierigste Lebenssituationen auf sich zu nehmen? Für Ruhm, Ehre? Um ein Held zu werden? Das hat mich nicht mehr losgelassen und ich habe mich mit anderen deutschen Polarexpeditionen beschäftigt. 


Wie und wo hast du zu deinem neuen Buch „Heldenreise ins Ewige Eis“ recherchiert?


Ich war in Leipzig im Institut für Länderkunde. Da haben sie die Nachlässe, Originalbriefe und auch bislang unveröffentlichte und noch nicht edierte Notizen von Teilnehmern der Schröder-Stranz-Expedition in den Jahren 1912/13, um die es in meinem Buch geht. 


In „Heldenreise ins ewige Eis“ gibt es mehrere Seiten mit sehr anschaulichen Fotos von den Polarhelden. Wie bist du an dieses rare Fotomaterial gekommen?


Bei der Expedition war der Maler Christopher Rave dabei, der bereits 1912 nicht nur einen Fotoapparat, sondern sogar eine Filmkamera mitgenommen hatte. Es entstand ein 90-minütiger Dokumentarfilm, der leider im Zweiten Weltkrieg verschollen ist. Anfang des 21. Jahrhunderts tauchten allerdings in Moskau ein paar Minuten von diesem Film auf. 


Du hebst mit deinem Buch einen wahren Schatz. Über die Schröder-Stranz-Expedition ist bislang wenig bekannt. Alle kennen aus der Schule den Klassiker: die Wettlauf-Geschichte zum Südpol, zwischen dem Briten Robert Falcon Scott und dem Norweger Roald Amundsen 1911/12. Du kennst  auch die Geschichte des Pioniers John Franklin. Der war bereits 1845 aufgebrochen, um die Nordwestpassage zu finden, die übers Nordpolarmeer führt. 


Ja, darauf gehe ich in meinem neuen Buch einleitend ein. Franklin wollte einen Weg finden, um endlich die Nord-West-Passage im Norden Kanadas komplett zu durchfahren, was auch wirtschaftliche Gewinne versprach. Doch Franklin und alle 128 Mann seiner Besatzung starben nach drei Horrorwintern. 1868 brach dann der erste Deutsche zum Nordpol auf. Doch Kapitän Carl Christian Koldewey scheiterte am Eis. Du musst wissen, Peter, damals war Polarforschung, insbesondere der Wettlauf zum Südpol, so was wie heute der nächste NASA-Flug zum Mond oder zum Mars. 


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Zur Recherche für sein neues Buch flog Jürgen Kehrer eine Woche nach Spitzbergen

In deinem spannenden Buch geht es um Herbert Schröder-Stranz. Warum wollte dieser deutsche Offizier und selbsternannte Polarforscher unbedingt ein weltberühmter Held werden?


Ja, unfassbar. Das Einzige, was er gelernt hatte, war, als Soldat für den Kaiser zu dienen, er hatte noch nicht mal einen Schulabschluss. Er machte das nur, weil damals Polarforschung Heldenruhm versprach. Herbert Schröder-Stanz muss aber die Leute um ihn herum unglaublich stark fasziniert haben. Anders ist nicht zu erklären, dass er Wissenschaftler, adelige Gönner und Generäle gleichermaßen davon überzeugt hat, eine von ihm selbst auf die Beine gestellte Arktisexpedition leiten und durchführen zu können. 


Ein Amateur, der sich Ruhm erhofft und in den sicheren Tod reist. Konnte er nicht gestoppt werden? 


Es gab auch Kritiker, die waren bei der kaiserlichen Regierung höher angesehen. Deshalb gab es für die Reise keine staatliche Förderung. Schröder-Stranz konnte sich nur einen alten Fischkutter leisten. Das Ganze war als „Studienreise“ auf Spitzbergen deklariert, als Training für die geplante größere Expedition – die Deutsche Arktische Expedition nach Sibirien.


Inwiefern?


Um seine Kritiker von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Eigentlich waren nur ein paar Wochen quer durch Spitzbergen geplant, um sich an die Temperaturen zu gewöhnen, um Messinstrumente auszuprobieren und die Zusammenarbeit der Wissenschaftler zu fördern, die er bereits für die große Expedition gewonnen hatte. Dafür sollte im August 1912 die „Herzog Ernst“ unter Expeditionsleiter Herbert Schröder-Stranz nach Spitzbergen aufbrechen. Doch kurz vor dem Start im norwegischen Tromsø überraschte er seine Mitstreiter.


Oha!


Genau: Er sagte ihnen, dass er etwas viel Gefährlicheres vorhabe, nämlich die zweitgrößte, total unbesiedelte Insel des Spitzbergen Archipels, also Nordostland, zu durchqueren. Entgegen seiner Versicherung, vor Weihnachten wieder zuhause zu sein, stellte er jetzt in Aussicht, in der Arktis zu überwintern. Ohne entsprechende Vorbereitung. 


Also fahrlässig?


Kann man sagen. Alle zehn beteiligten Deutschen waren unerfahren und nicht besonders gut vorbereitet. Zudem neigte sich im August der arktische Sommer bereits dem Ende zu. Die Katastrophe war voraussehbar und selbstverschuldet. Schröder-Stanz trägt die Verantwortung, seine Mitstreiter in Lebensgefahr gebracht und letztlich den Tod von sieben Menschen, einschließlich seines eigenen, verschuldet zu haben. Die Polarexpedition endete in einem Desaster.


Was waren konkret die Gründe?


Herbert Schröder-Stranz scheiterte neben absoluter Unerfahrenheit an seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung. Er ordnete immer waghalsigere Kursänderungen an, und es gab niemanden, der sich traute, ihm zu widersprechen.


Deine Schilderungen dieser tollkühnen Männer sind spannend wie ein Krimi und sehr direkt, aufgrund der zahlreichen Details. Toll finde ich die Original-Notizen der Polareisenden und die zahlreichen Fotos. In Kombination mit deinem sehr lebendigen Schreibstil hat man als Leser das Gefühl, mittendrin zu sein, und es fröstelt einen des Öfteren.


Oh ja. Frösteln. Das hatte ich auch beim Schreiben. Wenn ich mir vorstelle, dass die bei minus 30 Grad durchs ewige Eis gewandert sind. Und nicht in der praktischen Funktionskleidung von heute.


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Sondern sie liefen durchs Eis, wie bei einem Sonntagsspaziergang …


So ungefähr. Sie trugen Lodenkleidung und Lederschuhe. Es muss einfach furchtbar gewesen sein. Einige der Überlebenden hatten so schlimme Erfrierungen, dass sie an Händen und Füßen teilweise amputiert werden mussten. Einem der Teilnehmer ist der halbe linke Fuß erfroren. 


Dein Protagonist Herbert Schröder-Stranz gilt seit dem 15. August 1912 als verschollen auf Nordostland. Könnte man heute mit der modernen Technik noch etwas von ihm finden?


Ja, man findet immer noch etwas. Zuerst im Jahr 1937. Da hat ein norwegischer Walfänger Reste eines Lagers gefunden, das eindeutig Schröder-Stranz zugeordnet werdet konnte. Merkwürdig war nur, dass keine Nachrichten oder Ähnliches hinterlassen wurden. Bis heute ist vieles rätselhaft.  


Am Ende deines Buches sprichst du den Klimawandel an. Gibt es in Zeiten des Wandels eigentlich noch Platz für Helden?


Es gibt ja immer noch Arktis- und Antarktisexpeditionen, ungefährlich sind sie bis heute nicht.  In Berlin findet derzeit eine große Ausstellung statt. Dort wird die Fahrt des Eisbrechers „Polarstern“ nacherzählt, der seit 1982 in der Arktis und Antarktis für das Alfred-Wegener-Institut forscht.  


Ich finde, dein Buch ist nicht nur sehr informativ (in den einleitenden Kapiteln), sondern im weiteren Verlauf sehr spannend und atmosphärisch dicht geschrieben, mit gutem Kino im Kopf. Ich fühle mich wie in einem polaren Hollywood-Blockbuster …


Danke, Peter! Das ist genau das, was mich als Krimi-Autor gereizt hat, dieser Survival-Charakter der Geschichte. Man kann sich das alles gar nicht vorstellen, was die da damals bei diesem katastrophalen Abenteuer durchgemacht haben. 


In deinem Buch geht es um Menschen, die ein großes, ja übergroßes Ziel unbedingt erreichen wollen, die unbedingt Helden sein wollen und letztlich scheitern. Wie wichtig sind dir Helden?


Als Krimiautor hatte ich immer schon mit Helden zu tun. Georg Wilsberg ist ja auch ein Held. Ich bin als Autor immer der Frage nachgegangen, was bringt Menschen eigentlich dazu, solche Abenteuer auf sich zu nehmen und manche Dinge einfach zu machen, mögen sie noch so waghalsig oder ungewöhnlich sein. Das hat mich beim Romanschreiben beschäftigt und auch in der Realität. Ich war ja früher selbst Journalist.


Was sind deine Helden im Alltag?


Ich denke, Krankenschwestern und Pfleger sind die Heldinnen und Helden unseres Alltags. Anderes Beispiel: Ein Freund von mir ist Kriegsreporter, seit vielen Jahren ist er in Krisen- und Kriegsgebieten unterwegs. Das zollt mir eine Menge Respekt ab.


Wie viel Wilsberg steckt in deinem neuen Buch?


Wilsberg wäre nicht so unverantwortlich. Er ist nicht auf Ruhm aus. Das interessiert ihn nicht. 


Wie hast du dich für dein Buch „Heldenreise ins Ewige Eis“ eingestimmt? Hast du beim Schreiben zum Beispiel erstmal eine kräftig heiße Suppe getrunken?


Haha. Ich bin im Februar 2025 für eine Woche nach Spitzbergen geflogen. Ich wollte erleben, wie das dort so ist, das Leben, die Kälte, die Dunkelheit. Das ist natürlich in keiner Weise mit den Bedingungen von 1912 vergleichbar. Gerade auch wegen des fortschreitenden Klimawandels, der sich in den Polargebieten besonders bemerkbar macht. Die Fjorde, die früher im Winter zugefroren waren, sind heute eisfrei. 


Du lebst jetzt mit deiner Ehefrau Sandra Lüpkes in Berlin. Vermisst du Münster und was besonders?


Ich vermisse Freunde und Freundinnen aus Münster, unsere Stammkneipe „Peters Esszimmer“. Aber ich bin auch acht bis zehn Mal im Jahr zu Besuch in Münster. Der Kreativ-Kai reizt mich immer sehr.  


Was hat Münster, was Berlin nicht hat?


Ich mag die Innenstadt von Münster sehr. Berlin hat keine richtige Innenstadt, die Altstadt ist pseudo. 


Ist eine Rückkehr nach Münster definitiv ausgeschlossen?


Ich halte es mit Sean Connery als James Bond: „Sag niemals nie.“     


Der Journalist und Schriftsteller Jürgen Kehrer (geb. am 21.1.1956) hat über 40 Jahre in Münster gelebt. 1990 erschien Teil 1 seiner Krimireihe über den Privatdetektiv Georg Wilsberg, seit 1995 TV-Held im ZDF. Auch schreibt er historische und in der Gegenwart angesiedelte Kriminalromane, TV-Drehbücher sowie Sachbücher. Sein neues Buch „Heldenreise ins ewige Eis“ ist im Quadriga Verlag erschienen.

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Jürgen Kehrer & Peter Sauer

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