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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Stephan Günther macht mit Jürgen Coße Außenpolitik

VON EINEM, DER AUSZOG, POLITIK ZU MACHEN

Jürgen Coße ist SPDler durch und durch. Eine Familiensache, die bis zu seinem Urgroßvater 1918 zurückreicht. Er bekam die Sozialdemokratie sozusagen mit der Muttermilch verabreicht. Sein politischer Weg führte ihn von Neuenkirchen im Kreis Steinfurt bis in den Deutschen Bundestag. Dort ist Coße vor allem außenpolitisch tätig und ist Experte für alles, was in Ost- und Zentralafrika passiert. Nicht nur über Afrika, sondern über vieles mehr sprach er mit uns im Interview.

Deutscher Bundestag, wie wird man da Mitglied?


Kurz gefasst, indem man dafür kandidiert.


Und in der Langfassung?


Wie in meiner ganzen politischen Karriere und bei alle Kandidaturen: Ich bin gefragt worden. Bei der Frage nach der Bundestagskandidatur habe ich dann einfach gesagt: „Wenn ihr meint, dann ja, dann mache ich das.“ So fing das übrigens 1994 bei meiner Ratskandidatur in Neunkirchen schon an. Meine Fußballkarriere war eh gerade wegen eines Bänderrisses unterbrochen und so hatte ich halt gerade die Zeit dafür.


Hätte das mit der Politik nicht richtig geklappt, wärst du jetzt Fußballer?


(Lacht) Naja, wenn man direkt gewählt wird, kann man nicht einfach sagen „Gut, dann spiele ich weiter Fußball!“ Das muss man schon ernst nehmen, das ist meine Überzeugung bis heute.


Neuenkirchen ist ja nicht Berlin, wie ging es weiter?


Ich habe dort erst mal 10 Jahre Ratsarbeit gemacht und 2004 habe ich dann für den Kreistag kandidiert. Auch das wollte ich eigentlich gar nicht. Ich war stellvertretender Fraktionsvorsitzender und wollte in Neuenkirchen weiter Politik machen. Diverse Posten (Kreisvorsitzender der SPD) und Ämter (Stellv. Landrat, Fraktionsvorsitzender) später, fragte mich dann ein Ortsverein, ob ich mir nicht vorstellen könne, für den Bundestag zu kandidieren. Das war 2013 und ging auch in die Hose.


Spanne uns nicht so auf die Folter!


Ok, entscheidend wurde es dann 2016! Ich weiß es noch genau, haltet euch fest! Am 12. Juli rief jemand mit unterdrückter Rufnummer an und als ich abnahm, hörte ich: „Ich bin Peer Steinbrück, du bist sicher überrascht.“


Und, warst du überrascht?


Ich habe erst gedacht, ich bin bei „Verstehen Sie Spaß?“. Da ich ja noch aufgrund meiner Kandidatur von 2013 auf der Reserveliste stand und die Stimme durchaus passte, war mir aber nach zehn Sekunden klar, dass es wirklich Peer Steinbrück ist.


Reserveliste?


Man könnte es auch „Ersatzbank“ oder „Warteliste“ nennen. Wenn jemand aus dem Bundestag ausscheidet, rutscht man dann nach.


Verstehe! Und was wollte Peer Steinbrück jetzt konkret?


Er teilte mir mit, dass er sein Bundestagsmandat niederlegen wird. Da war die Sache für mich klar, ich saß ja auf der Reservebank als erster Ersatzspieler. Das wird jetzt mein Einsatz!

Das Schlimmste war, dass der Rücktritt von Steinbrück noch knapp drei Tage geheim bleiben musste. Ich konnte also niemandem direkt sagen, dass und wie ich mich beruflich verändern werde. Mit meinem 97-jährigen Opa habe ich gesprochen, weil wir familiär so eine Tradition haben, wenn es um Politik geht. Schon mein Urgroßvater war 1918 in der SPD. Wenn man so will, bekam ich früher sozialdemokratische Muttermilch. So kam ich also in den Bundestag.


Ok, was hat dich motiviert, Politik zu machen?


Zusammengefasst, wenn du nicht willst, dass andere über deine Zukunft entscheiden, dann nimm sie selbst in die Hand! In einer Demokratie bedeutet das, kandidiere für ein Parlament.

Nichts ist für mich schlimmer, als vor einem Haus zu stehen und mit ausgestreckten Armen permanent zu kritisieren, was in dem Haus abläuft. Wenn du etwas voranbringen willst, musst du rein ins Haus. Du musst für deine Inhalte werben und wenn es geht, auch bei einer Wahl eine Mehrheit bekommen. Soviel zu meiner Motivation. Es war aber auch, wie oben schon angedeutet, familiär geprägt. Schon vor der Nazizeit waren wir alle Sozialdemokraten. Mir muss übrigens deswegen niemand mehr erzählen, wie schrecklich Rechte sind. Ich habe es ja aus erster Hand erzählt bekommen, wie schwer man es als Sozialdemokrat in der Nazizeit hatte.


Das kann ich nur erahnen, wie das damals war.


Ja, wir hatten aber auch ein wenig „Glück“. Mein Ur-Opa war Bergmann auf Prosper-Haniel und somit kriegswichtig. Aber auch mein Opa war nie in der Hitlerjugend. Er hatte auch ein wenig Glück, der hat nämlich Fußball gespielt. Deswegen haben die den in Ruhe gelassen. Es haben ja auch viele Militäreinheiten untereinander viele Turniere gespielt. Er wollte nur Fußball spielen und musste in den Krieg.

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Von der Ersatzbank in den Bundestag

Wie vertreibt man sich die Zeit im Bundestag? Du bist da sehr aktiv, glaube ich?


Ich bin Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Da war ich übrigens schon in meiner ersten Amtszeit von 2016 bis 2017 und hab mich damals schon ein wenig um das Thema „Ostafrika“ gekümmert. Ich war dann quasi ein Ostafrika-Experte dort. Da war es relativ klar, dass ich da auch wieder reinkomme, als zuständiger Berichterstatter der SPD-Fraktion für Ostafrika.


Das Thema „Ostafrika“ und „Afrika“ hat im Bundestag aber noch mehr Bedeutung für dich, oder?


Ja, das stimmt, ich bin seit Anfang des Jahres Vorsitzender der Parlamentariergruppe Zentralafrika. Dann bin ich auch noch stellvertretender Vorsitzender der Parlamentariergruppe östliches Afrika. Also quasi kümmere ich mich um alle Themen von Eritrea bis nach Kamerun.


… der Sudan zum Beispiel ist ja neulich erst wieder in den Fokus gerutscht.


Genau, zum Thema „Sudan“ habe ich leider einige Sachen machen müssen aufgrund des Konflikts. Aber auch zum Friedensprozess in Äthiopien haben wir kürzlich einen eigenen Antrag gemacht. Bei sowas bin ich dann federführend und setze mich zum Beispiel mit Kollegen der Grünen und der FDP zusammen und bereite so etwas vor. Ich habe übrigens auch keine Berührungsängste mit anderen Parteien, auch die CDU war eingeladen, also dort mitzuarbeiten und zu unterstützen.


(Ost)Afrika ist ja doch schon eher speziell, woher dein Interesse für diese Region?


Da kommt Münster, genauer gesagt „Münster gegen PEGIDA“ ins Spiel. Eine lange Geschichte, die ich mal versuche, zusammenzufassen.


Jetzt bin ich gespannt!


Wir haben seinerzeit hier erfahren, dass PEGIDA auch in Münster eine Demo veranstalten wollen. Auf Facebook organisierte sich da schnell Gegenprotest und ich wurde auf Stephan Orth aufmerksam. Stephan Orth meldete damals die erste Demo gegen PEGIDA in Münster an. Wir haben miteinander geschrieben und schnell wurde daraus eine Zusammenarbeit. Auf der zweiten Demo gegen PEGIDA in Münster kam dann der Kontakt mit ARCHEMED – Ärzte für Kinder in Not e. V. zustande. Dort hatte man meinen Namen wohl schon einmal im Zusammenhang mit Politik gehört und sprach mich an. So ergab es sich, dass mich Dr. Peter Schwidtal (Vorsitzender von ARCHEMED) an den Möhnesee einlud. Er sagte, „Jürgen, schau dir mal an, was wir da in Eritrea machen…“, so fing alles an. Ohne Münster gegen PEGIDA hätte es wahrscheinlich keine Berührung zu ARCHEMED gegeben und vielleicht wäre alles ganz anders verlaufen.


Dann bist du ja mit Münster bestens vertraut.


Das war nicht immer so. Ich war zum Beispiel in meinem ganzen Leben noch nie im Nordstern. Erst mit Stephan und den anderen Organisatoren habe ich da nachts um zwei zum ersten Mal ein Hähnchen gegessen. Die haben mich auch abwechselnd immer in ganz andere Kneipen geführt. Jetzt weiß ich auch, warum das Studentenleben in Münster auch manchmal ganz schön sein kann…


Von der Kneipe zurück in den Bundestag: Wie schafft man es, in den diversen Ausschüssen mit den Menschen der AfD zusammenzuarbeiten?


Zum einen ist „Zusammenarbeit“ vielleicht das falsche Wort, niemand arbeitet mit denen zusammen, das gehört sich nicht. Zum anderen müsste für eine Zusammenarbeit ja auch regelmäßig jemand von denen anwesend sein. Mir scheint es mit der Arbeitsmoral dort nicht zum Besten zu stehen… Sagen wir so, man erträgt es und ist dann relativ schnell wieder auf der Handlungsebene. Wir haben wichtigere Dinge zu tun, als uns über die AfD zu ärgern und uns von denen dummes Zeug erzählen zu lassen. Die sind gefährlich und für mich antidemokratisch.


Das klingt eindeutig!


Man darf der AfD nicht zu viel Raum geben. Die AfD lebt doch davon, dass sie bewusst Chaos verursacht und dass sich alle drüber aufregen und Schlagzeilen liefern. Das macht sie stark.

Und ich habe mir angewöhnt, es nicht zu tun, sondern lass uns doch lieber über das reden, was notwendig ist in dieser Welt und auch in Deutschland oder auch im Münsterland. Nicht darüber, welche Idioten von der AfD da irgendwie mit Rassismus und purer Hetze um die Ecke kommen.


Ok, dann lassen wir die links liegen und widmen uns der Außenpolitik. Wie funktioniert Außenpolitik?


Außenpolitik funktioniert anders als zum Beispiel Gesundheitspolitik oder Verkehrspolitik. Außenpolitik ist ja die hohe Kunst, durch Informationen, durch Gespräche mit anderen Ländern etwas zu erreichen. Zum Beispiel zu organisieren, dass mehr Länder die Ukraine unterstützen, aber auf der anderen Seite diesen Krieg ablehnen.


Oder man fliegt mit Außenministerin Baerbock nach China! Wie kommt man zu der Ehre?


Das ist relativ einfach. Eines Dienstagabends bekam ich gegen 22 Uhr einen Anruf von einer Berliner Nummer und ahnte schon, dass es eine Ministeriumsnummer war. Am anderen Ende meldete sich eine Mitarbeiterin vom Auswärtigen Amt. Die teilte mir mit, dass die Außenministerin mich persönlich einlädt, sie auf ihrer China- und Südkorea-Reise zu begleiten.


Ein normaler Dienstagabend halt. Einladung direkt angenommen?


Die Reise begann übrigens schon eine Woche später. Meine Frau Manuela sagte neben mir im Auto direkt, „Das musst du machen!“ Noch im Gespräch mit dem Auswärtigen Amt wurde mir gesagt, was Sinn und Zweck der Reise ist und ich habe dann auch direkt zugesagt. Bei sowas darf man schließlich nicht kneifen; das hat auch mit Verantwortung zu tun. Eine knappe Woche später saß ich im Flieger.

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Bei solchen Missionen, sage ich sofort zu

Mit was für Gefühlen oder Erwartungen fliegt man dahin?


Mir war durchaus bewusst, welche Verantwortung man da hat. Man weiß ja, dass China zum Beispiel durchaus starken Einfluss auf Russland geltend machen kann. Ob Russland drauf hört, bin ich mir nicht so sicher, aber zumindest ist Russland natürlich durchaus häufiger in Gesprächen mit den Chinesen als wahrscheinlich mit anderen Ländern.


Hat China tatsächlich Einfluss auf Russland?


China und Russland haben per se kein gutes Verhältnis. Auch historisch gesehen nicht. Die haben sich immer unterschiedlich wahrgenommen. China war ja vor gar nicht allzu langer Zeit auch ein Entwicklungsland. Jetzt ist China ein Riese mit einem Sitz im UN-Sicherheitsrat. Dies bringt natürlich eine weltpolitische Verantwortung für Frieden und Sicherheit mit sich. Das muss man in Gesprächen auch verdeutlichen. Mein Eindruck war jedenfalls, dass China kein Interesse an diesem Krieg hat. Die Auswirkungen sind ja auch dort spürbar. Erlahmt die Weltwirtschaft, stottert der Motor auch dort.


Was hast du als Quintessenz aus dieser Reise mitgenommen?


China ist ein riesiges Land. Sie nutzen alle technischen Möglichkeiten der Zeit, um das Einparteiensystem bzw. hier die Diktatur von Xi Jinping zu zementieren. Aber auch habe ich mitgenommen, dass die Chinesen den Ukraine-Krieg nicht gut finden. Sie haben ja auch einen 12-Punkte-Friedensplan vorgelegt. In den Gesprächen konnten wir klar machen, dass, wenn so ein Plan vorliegt, man nicht nur mit Putin, sondern auch bitte mit Präsident Selenski redet. Dies ist ja auch mittlerweile geschehen. Vor einigen Wochen haben die beiden Regierungsoberhäupter ja länger miteinander telefoniert. Ein Ergebnis von diplomatischen Bemühungen.


Um nochmal auf Ostafrika zurückzukommen, auch da eskaliert es ja gerade im Sudan. Was ist da los?


Sudan, Somalia, Südsudan, Äthiopien… Wobei in Äthiopien gibt es jetzt einen Friedensprozess. Der ist gut, den unterstützen wir auch. Es gab ja dort einen innenmilitärischen Konflikt mit der TPLF (Volksbefreiungsfront von Tigray). Was ich sagen will, wenn man diese Region kennt, ist das Kriegsgebiet Jemen auch nur 30 Kilometer von Ostafrika entfernt. Man kann sich also vorstellen, über was für ein Pulverfass man generell redet, wenn man über diese Region spricht. Jeder aufflammende Konflikt ist also einer zu viel. Auch Saudi Arabien spielt da eine Rolle.


Wieso das?


Wegen der Nähe, Port Sudan und gegenüber ist Saudi Arabien. Das heißt also, dass es nicht weit ist dorthin. Saudi Arabien ist ein mächtiges Land in der Region, welches gerade versucht, zusammen mit dem Iran den Konflikt im Yemen zu beenden. Man hat eingesehen, dass es so nicht weitergehet. Man hat sicher kein Interesse daran, den nächsten Konflikt schon vor der Haustür zu haben.


Ganz schön was los auf der Welt, verwirrend.


Etwa 200 bewaffnete Konflikte und Kriege gibt es derzeit weltweit. Jeder einzelne davon ist zu viel! Null müssen es werden und nicht mehr. Da muss man sich mit Diplomatie beschäftigen, denn die meisten Konflikte werden NICHT auf dem Schlachtfeld entschieden.


Verstehe, Diplomatie ist der Schlüssel!


Bestes Beispiel ist Münster! Der westfälische Frieden zu Münster und zu Osnabrück war ja historisch gesehen der erste Frieden, der am grünen Tisch entschieden wurde. Also durch Verhandlungen! Daran muss man sich orientieren. Menschen, die Generäle im Sudan jetzt zum Beispiel, müssen versuchen, eine Befriedung herbeizuführen. Man muss sich bemühen, auch wenn natürlich immer die Gefahr des Scheiterns besteht. Zu naiv darf man auch nicht sein.


Wo siehst du in Afrika die größte Gefahr aktuell?


Es gibt zu viele Länder mit militärischen Konflikten dort. Sudan war nur so auffällig, weil da so richtig niemand mit gerechnet hat. Da sind zwei durchgeknallte Männer, die ihre Machtfantasien mit Militär ausführen. Interessant übrigens, dass es wieder zwei Männer sind. Vielleicht gäbe es mit mehr Frauen in politischer Verantwortung weniger Kriege. Lässt man Cleopatra mal weg, ist es doch eine historische Erkenntnis, dass Frauen weniger zu Gewalt neigen als Männer. Der Sudan ist ja kein armes Land, es geht neben Macht natürlich auch um Rohstoffe. Auch Wagner-Söldner, also die Russen, spielen da eine Rolle.


Wo siehst du die Lösung oder einen Weg für den Sudan?


Eine Frage ist, woher kommen die Waffen? Ein Stopp von Waffenlieferungen wäre sicher ein kleiner Beitrag. Mit der Mission Irini wird ja bereits versucht, ein Waffenembargo durchzusetzen.

Ein anderer Punkt ist, dass wir alles tun müssen, um die afrikanische Union und auch Saudi-Arabien dabei zu unterstützen, einen Waffenstillstand auf diplomatischem Wege zu erzielen.

Vor allem aber darf die humanitäre Hilfe nicht auf der Strecke bleiben, denn am meisten leiden die Zivilisten. Das macht die UN ja bereits. Man schafft Korridore, um die Menschen mit Nahrung und Frischwasser versorgen zu können. Hunger und Wasserprobleme sind nämlich nicht erst seit dem Krieg ein Problem und das darf sich nicht weiter verschärfen.


Jürgen, ein mahnendes Schlusswort. Vielen Dank für das nette Gespräch!

Jürgen Coße
Er wurde 1969 in Neuenkirchen im Kreis Steinfurt geboren. Nach seiner Ausbildung arbeitete er zunächst als Arbeitsvermittler beim Jobcenter. Später widmete er sein Leben aber komplett der Politik. Mittlerweile ist er Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort hat er sich auf die Außenpolitik spezialisiert und ist Experte für Ost- und Zentralafrika.

llustration Thorsten Kambach / Fotos Armin Zedler

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