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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Thorsten Kambach auf einen halben Tee mit Isabel Marx de Groot 

FAST IN GÄNZE

Manchmal geht man nachts spazieren und lernt neue Menschen kennen. So wie vor einiger Zeit: da laufe ich durch die Gegend und neben mir plötzlich Isabel. Wir stellen uns vor und spazieren ein Stück gemeinsam. Dabei erzählt sie, dass Instagram uns alle zu Sandkörnern macht und die Chance, von Kunst zu leben, bei mageren ein bis zwei Prozent liegt. Aber auch, dass es sich trotzdem lohnt, weiterzumachen mit dem was man liebt. Und sie liebt Malen, Singen und Schreiben. Zur Zeit studiert sie freie Kunst in Münster und … aber das soll sie selbst erzählen, denn genau darum treffe ich sie heute.

Isabel Marx de Groot – ein schöner Name.


Danke sehr! Aber ein Geständnis direkt zu Beginn: Ich heiße gar nicht Marx de Groot, sondern Marx. Der Geburtsname meiner Mutter ist de Groot, aber ich mag die Kombi.


Ein schöner Doppelname – ist selten. Du studierst Kunst in Münster, hat der Ort einen Grund?


Ich finde es schön hier, außerdem ist Münster nicht weit weg von zuhause, aber weit genug.


Zuhause ist wo?


In Dülmen, bei den schönen Wildpferden. 


In welchem Semester bist du?


Ich komme ins vierte.


Haben die ersten drei dir was gebracht?


Ja, es gibt keine Faulheit, es gibt immer einen Grund. Und dass ich, sollte ich keinen Erfolg mit der Kunst haben, sie mir trotzdem bewahren sollte – weil sie wirklich raus will aus mir. Darum werde ich vermutlich nie aufhören. Intrinsische Motivation nennt man das wohl.


Was, wenn die aber in die Armut führt?


Dann gehe ich glücklich unter und das ist ’ne ganze Menge. Aber im Ernst, mir ist klar, dass die Zukunftsaussichten als freie Künstlerin nicht die allerbesten sind. Doch habe ich nicht fest vor, den Abschluss zu machen, zumindest plane ich das nicht. 


Du möchtest in der Zeitung lesen, dass du keinen Abschluss machen möchtest?


Nicht „nicht machen möchte“. Ich plane den nur einfach nicht. Mit dem Studium hole ich quasi das Auslandsjahr nach, in dem alle anderen ihre Selbstfindungsphase durchmachen. Denn bis zum Start meines Studiums war ich gar nicht auf der Suche nach mir selbst. Stattdessen habe ich direkt eine Ausbildung gemacht – aus dem Kind muss doch was werden! Nun mache ich das so lange, wie ich glaube, vom Studium zu profitieren. Wenn ich merke, dass ich bis zum Schluss profitiere, mache ich gerne den Abschluss. Wenn ich davor das Gefühl habe, alles mitgenommen zu haben, muss der nicht zwingend sein. Ich meine, ich studiere Kunst, nicht Medizin. Sollte ich tatsächlich erfolgreich sein, ist es nicht so schlimm, dass ich eventuell mein Kunststudium abgebrochen habe – vielleicht gehört es sich geradezu so in der Kunst.


Wie ist die Kunstakademie in Münster, erkennt und fördert sie Qualität?


Da bin ich nicht die Richtige, das zu beurteilen. Ich nutze die Angebote nicht allesamt so intensiv, wie ich könnte, vielleicht sogar sollte. Aber das ist, was ich mir erhofft habe von der Akademie, dass es Angebote gibt – die man aber nicht alle abarbeiten muss. Meine Eltern fragen häufig, ob wir an der Uni nicht auch ganz klassisch Aufgaben kriegen, sodass der Professor sagt, ihr malt jetzt alle was zum Thema Soundso. Doch das findet so nicht statt und das finde ich richtig gut. 


Was wird dir an Handwerk in der Uni beigebracht?


Ich habe einiges lernen können, was die Radierwerkstatt angeht. Was nicht heißen soll, dass die anderen Handwerke nicht gut geschult werden, nur weiß ich das eben nicht aus eigener Erfahrung. 


Ich habe eine Überraschung für dich, im Internet fand ich ein Foto, auf dem ein Gemälde zu sehen ist, das mich an deine erinnert – die Windhunde.


Hm, zeig mal. Ist das bei Barack Obama, sitzt der da in seinem Wohnzimmer?


Das ist ein Raum im Weißen Haus. 


So gesehen schon sein Wohnzimmer. Tolles Format, gefällt mir. Ich habe bald hoffentlich in der Akademie Platz, um auch größer zu malen. Hab jetzt wieder gemalt, aber nur auf Leinwänden, die ich gefunden habe, und da kann man sich das Format nicht aussuchen. Erst letztens habe ich eine kleine gefunden, im Sperrmüll. Da habe ich mich gefragt, ob das eigentlich von Nachteil ist, wenn ich so schlechtes Material benutze oder ob das dazu gehört. Schließlich spiegelt das meine finanzielle Situation wider und damit mich. 


Da hast du recht. Wenn sie Teil der Aussage ist, ist es Kunst – vermutlich, authentisch zudem. Du bist nicht nur Kunststudentin und Malerin, sondern schreibst Texte, machst Musik.


Sogar viel mehr als malen. 


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Eine von drei, vier hundert Kunstdudierenden

Ich habe deine Musik gehört, bin monatlicher Hörer 28.


Damit bist du einer von 34 bei Spotify. (Anmerkung der Redaktion: bei Drucklegung waren es inzwischen über hundert …)


Du nimmst alles alleine auf in deiner Wohnung und sagst, du bist bisher eigentlich nie aufgetreten. Wäre dir das unangenehm?


Extrem. Bis auf die Chorauftritte, da stehst du in der Gruppe, geschützt. Aber ansonsten stand ich nur zwei Mal alleine vor Publikum. Das eine Mal in einer Pizzeria, das andere Mal auf dem Marktplatz. Aber eingebettet in Veranstaltungen meiner Gesangsschule. Publikum waren da auch eher Freunde und Familie, das ging. Ansonsten hast du recht, ich mache meine Musik am liebsten zu Hause und nehme sie auf.


Du nimmst viel auf. Wie viele Lieder hast du schon?


Ich bin bei etwa 70. Nun kommt schon mein neues Album raus, Schnipsel mit Musik drunter – die Fünfte. Die Reihenfolge betrifft übrigens auch die Reihenfolge der Lieder auf den Alben, die sind immer in der, wie sie entstanden sind. So ist das für mich wie eine Art Tagebuch. Passiert was, schreib ich’s auf.


Du machst aus deinen Texten auch Bücher. 


Bücher klingt jetzt etwas … nun, ich habe meine Bücher eher im privaten Rahmen verkauft, verteilt. Sind das dann schon richtige Bücher? 


Ich kann sie aber doch bei dir bestellen.


Ja, aber du bist ja auch privater Rahmen. Ich gehe erst nach einer Bestellung los und bestelle „dein“ Buch in der Druckerei.


Das machen große Verlage im Grunde nicht anders. Nur, dass die eine gewisse Menge vorproduzieren. Die gehen einfach mehr Risiko ein.

 

Ich meinte auch eher, dass man mein Buch nicht im Buchladen kaufen kann oder bei Amazon. Sondern eben nur bei mir. 


Was das Buch nicht schlechter machen muss. Aber kommen wir zurück zu dir. Du machst also Malerei, Musik, Texte …


Ich habe früher schon viel und sehr gerne gesungen und als Kind gerne Kurzgeschichten geschrieben – ich fand das Geräusch des Schreibens so schön, dieses Tippen. Dann kam irgendwann der Moment, wo ich mir dachte, wenn ich das schreibe, kann ich das vielleicht auch singen. Das scheiterte in meinem Kopf daran, dass ich keine Instrumente spiele, mit denen ich mich begleiten hätte können. Als ich dann mein erstes Mikrofon geschenkt bekam, fing ich an, mich selber aufzunehmen. Da konnte ich mich dann wie ein kleiner eigener Chor begleiten. Mit der Uni ging es dann aber erst richtig los, ich merkte, dass ich überhaupt eine Daseinsberechtigung habe mit dem, was ich tue – und dann ist es vielleicht sogar noch gut genug, dass Menschen mir dazu was Positives zurückmelden. 


Deine Musik ist inzwischen nicht mehr a capella.


Ja, ich bin bei den Samples hängengeblieben, das sind kleine Häppchen fertiger Musik, die ich zu einem Soundteppich zusammenknüpfen kann. Die haben mein Problem gelöst, dass ich kein Instrument kann. Die sind mal eine, mal auch zehn Sekunden lang. Ich scrolle durch mein Programm, bis ich eins finde, wo ich denke, ja, das trifft die Stimmung und baue mir ein so fünf Minuten langes Stück. Das ist dann die Basis, was dann später zu lang ist, schneide ich ab.


Super. Das kann jetzt jeder zuhause gut nachmachen. 


Auf jeden Fall. 


Die Melodie fällt dir dann beim Singen ein?


Das kann man sicherlich an manchen Stellen gut raushören, dass das genau so ist. Aber das ist für mich auch der Reiz, der es lebendig macht. Darum heißen meine Alben eben auch alle Schnipsel mit Musik drunter. Ich habe diese Fragmente, also die Samples, immer als Schnipsel bezeichnet, wenn ich jemandem das Vorgehen erklärt habe.


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Windhunde, wartend

Hast du mal vor, mit anderen Musikern gemeinsam was zu machen?


Das fällt mir schwer. Ich habe Schwierigkeiten, wenn mehrere Ideen zusammenkommen. Ich bin sehr verbissen, oder besser, manchmal kann mein Kopf einfach nicht weg von der Idee, die ich im Kopf habe. Wenn es dann nicht genau so kommt, wie ich es mir vorstelle, ich aber nicht ausdrücken kann, was ich will, verträgt sich das alles nicht. Da habe ich eine gewisse Angst vor und bin gehemmt. In meinen Träumen ist das allerdings schon so. Da ist das so wie bei Highschool Musical, wo alle auf einmal einfach so mitmachen und es passt.


Wie viele Kunststudenten gibt es?


So drei-, vierhundert.


Das heißt, die Stadt muss mit drei-, vierhundert Künstlern umgehen, die davon leben möchten?


Also, wenn wir es statistisch sehen, vielleicht mit ein, zwei Prozent davon. Alle anderen werden vermutlich wieder was anderes machen und Kunst ist ihr Hobby. 


Das sind ja nur drei, vier Leute! 


Ja, die Wahrscheinlichkeit, davon leben zu können, ist sehr gering. 


Gibt es unter den Studierenden Konkurrenzdenken, Ellenbogen?


Also jetzt nicht im direkten Umgang miteinander, ich habe noch keinen erlebt, der mir gegenüber fies geworden wäre. Aber unterschwellig merkt man das, meine ich, weil eben alle im Hinterkopf haben – nur ein bis zwei Prozent.


Wurde euch das gesagt?


Das wurde uns direkt bei der Einstiegsrede gesagt: Wir sind die Speerspitzen der Nation!


Ein, zwei Prozent von euch.


(Lacht) Ja! Ich habe mich am Anfang ein bisschen so gefühlt wie bei GNTM. Wir saßen da im Kreis, als neuer O-Bereich mit vierzig Leuten. Da hieß es, wenn wir gleich fertig geredet haben, kann sich jeder einen Platz suchen. Alle sind aufgesprungen wie die Wilden! Ich stand da, wollte mich nicht in den Kampf werfen und habe gewartet, ob ein Platz übrig bleibt.


Und?


Es waren genug für alle da, womit ich aber im ersten Moment nicht gerechnet hatte. Es sah so wüst aus, erschreckend. Andererseits verstehe ich das gut. Und Social Media verstärkt das Ganze extrem. Da bist du eins von so vielen Sandkörnern am Meer und musst zusehen, dass du schön genug bist oder passend die Sonne reflektierst, damit ganz viele Leute dich 

sehen. Das ist so anstrengend. 


Was machst du, solltest du zu den 98 Prozent gehören, die nicht von Kunst leben?


Ich halte es für möglich, dass ich nach meinem Studium was Kaufmännisches mache, damit das Geld irgendwie da ist. Dann gucken. Aber ich gebe nicht auf. Jetzt, wo ich auf Spotify zu finden bin, fühle ich mich schon viel mehr sichtbar. Und klar, ich könnte noch viel mehr machen, damit mich Leute finden, aber ich bin noch viel zu sehr mit dem Machen zugange. 


Du veröffentlichst deine Musik unter dem Künstlernamen „Fast in Gänze“. Wie kann man Isabel Marx de Groot gegen Fast in Gänze tauschen?


(Lacht) Also, vor einiger Zeit lernte ich einen guten Freund kennen – nennen wir ihn Thorsten. Der hat sich kurz drauf aber schon nicht mehr an meinen Namen erinnern können. Da schrieb ich ihm, mein Name sei Isi – Isabel in Gänze. „Klingt nach einem schönen Künstlernamen“, kam zurück. Stimmt, dachte ich, aber etwas großspurig, denn in Gänze fühle ich mich nicht gerade, eher so fast. Da war der Name da – mit der Option, dass ich den in der Zukunft upgrade zu „In Gänze“. Ich glaube aber, das wird noch ein sehr langer Weg. 


Jetzt steht erst mal die Veröffentlichung deines neuen Albums an und zudem ist eine Ausstellung geplant. 


Genau, die neuen Schnipsel mit Musik drunter sind auf Spotify und meine Bilder bald in Dülmen zu finden. Ich bin ganz aufgeregt, weiß gar nicht genau, was ich zeigen möchte. Ob ich ein Thema nehme oder einfach das zeige, was ich gerade produziere. Vermutlich zeige ich einfach meine Windhundbilder.


Also im Grunde Windhunde mit Leinwand drunter. Ich freue mich drauf und komme auf jeden Fall zur Vernissage.


Hier geht es übrigens zur Musik: FAST IN GÄNZE 

Isabel Marx de Groot aka Isabel Marx aka Fast in Gänze
Isabel ist eine am 28. Mai 1999 in Dülmen geborene Künstlerin. Sie hat nach einer mehr oder weniger erfolgreich überstandenen Kindheit eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau gemacht. Beides lenkte sie allerdings arg von der Selbstfindung ab – darum holt sie diese nun nach, indem sie Kunst studiert, Bilder malt, tolle Gedichte schreibt und viele, viele Lieder aufnimmt. Die Bilder kannst du dir im Oktober in Dülmen ansehen, ein Buch bei ihr bestellen, die Musik auf Spotify hören.

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Isabel Marx de Groot und Thorsten

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