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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

ARNDT ZINKANT FRAGT DEN SPORTMEDIZINER HOLGER MILLMANN, WARUM BEWEGUNGSMUFFEL KEINE AUSREDE HABEN

SITZEN IST DAS NEUE RAUCHEN

Ist Münster als Uni- und Verwaltungsstadt im Bereich ‚Sport‘ gut aufgestellt – oder eher eine Stadt der Schlaffis? Holger Millmann ist überzeugt: Ersteres. Das liege etwa an Vereinen, die Breitensport anbieten, und natürlich an der starken Fahrradnutzung. Insofern ist Millmann mit seiner Anfang des Jahres gegründeten Praxis „Sportmed Münster“ hier am richtigen Platz. Im Gespräch erzählt er, worauf die Sportmedizin sich konzentriert, und warum auch alte Menschen nicht auf Bewegung verzichten sollten.

Ein Bonmot unserer Zeit lautet: „Sitzen ist das neue Rauchen.“ Korrekt oder übertrieben?


Mein persönlicher Ausbilder in manueller Therapie von vor 20 Jahren hat immer Turnvater Jahn zitiert: „Frisch, frei, fröhlich, fromm“ – und dann als Gegensatz hinzugefügt: „Flaschenbier, Fernseher Filzpantoffel.“ Es ist definitiv so! Die Bewegung geht leider bei vielen unserer modernen Berufe verloren. Durch diese Inaktivität tun wir unseren Strukturen definitiv nichts Gutes, denn sie brauchen permanent ihre Reize und Impulse. Sie führen dazu, dass der Körper aktiv bleibt.


Was genau unterscheidet Sportmedizin von der Allgemeinmedizin?


Das ist eine gute Frage – denn letztendlich unterscheidet sich der Sportler in seiner Anatomie und Physiologie ja nicht von jedem anderen Menschen. Aber über den Sport, insbesondere wenn es in Extrembereiche hineingeht, ruft er noch mal ganz andere Aufgaben und Prozesse im Körper ab. Die Sportmedizin ist also nicht grundsätzlich anders zu bewerten als die normale Medizin. Wir nehmen in unserer Praxis folglich auch die üblichen Standarduntersuchungen vor. Um spezielle Diagnostik in puncto Blutwerte, Herz und Kreislauf geht es erst, wenn der Sportler sich einer besonderen Belastung aussetzt.


Was sind die häufigsten Verletzungen oder Verschleißerscheinungen, mit denen Sie es zu tun haben?


Da kommen wir direkt auf die speziellen orthopädischen oder trauma-pathologischen Verletzungen zu sprechen. Was die Wenigsten wissen: Die Sportmedizin macht zu etwa 80 Prozent internistische Medizin aus – die Meisten verbinden mit meinem Fachgebiet ja eher jene Ärzte, die sich mit Gelenken oder Muskelverletzungen auskennen. Oder mit Nachbehandlung nach OPs. Ein Großteil der Sportverletzungen besteht aus traumatischen Verletzungen, vor allem im Gelenkbereich. Welches Gelenk, hängt natürlich auch von der jeweiligen Sportart ab. Damit verbunden sind dann auch Verletzungen von Sehnen, Kapseln, Bändern und Muskeln.


In Ihrer Praxis habe ich Geräte gesehen, die sehr speziell und teuer aussehen.


Die Geräte, die Sie hier bei uns sehen, werden für das Training bestimmter Muskelgruppen gebraucht; also eher therapeutische Geräte. Das Wichtigste zur Diagnostik sind für mich als Sportmediziner die eigenen Hände. Mittels meiner Hände und natürlich auch der Erfahrung untersuche ich die verletzten Bereiche und Strukturen. Natürlich sind außerdem bisweilen Geräte zur Diagnostik notwendig, zum Beispiel Ultraschall für eine Gelenk-Untersuchung. Wenn es zu kompliziert wird, muss ich an die Kollegen der Radiologie überweisen, etwa für ein MRT.


Haben Sie sich in der Vergangenheit selbst ernsthafte Verletzungen zugezogen?


Interessanterweise hatte ich zu meiner aktiven Zeit als Fußballer nie eine Sprunggelenk-Verletzung. Später habe ich mir dann allerdings doch einen Bänderriss zugezogen und weiß daher auch, wie schmerzhaft das ist. Eine wirklich ernsthafte Verletzung holte ich mir allerdings beim Spazierengehen im Wald! Da bin ich einmal mit dem Fuß weggerutscht und habe mir die Hüfte verletzt. Ich musste ins Krankenhaus und bin operiert worden. Dabei kam dann heraus, dass ich durch den Sturz auch einen Knorpelschaden im Gelenk hatte. Das ist seinerzeit durch eine Knorpeltransplantation behoben worden, und zum Glück bin ich nun beschwerdefrei. Das konnte man tatsächlich im MRT nicht sehen, daher wurde es erst bei der OP festgestellt. So ein Bänderriss ist zwar schmerzhaft, heilt aber relativ schnell aus. Aber eine Hüftverletzung mit Knorpelschaden – das war schon eine schwerwiegende Geschichte. Ist aber eben nicht beim Sport passiert!

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Mein Patientenstamm baut sich step by step auf

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Wird die Sportmedizin von den Kassen getragen?


Nun, die Sportmedizin ist keine Facharztausbildung wie etwa die Kardiologie oder die Orthopädie. Aber mit dem Rüstzeug, das wir über die Jahrzehnte erworben haben, widmen wir uns der speziellen Behandlung des Sportlers. Insofern wird auch unsere Behandlung zumindest teilweise von den Kassen übernommen – seien es internistische Untersuchungen oder orthopädische, aber spezielle sportmedizinische Untersuchungen und Behandlungen werden von den Kassen leider nicht getragen. Einige meiner Patienten haben allerdings eine Zusatzversicherung, die möglicherweise einige der Kosten übernimmt. Es gibt Leute, die über die Sport- oder Rückentherapie sozusagen hier „hängengeblieben“ sind und gesagt haben: „Da kann ich ja gleich alles hier untersuchen lassen.“


Also wenn sich ein Patient hier gut aufgehoben fühlt, können Sie ihn auch hausärztlich betreuen – da muss er sich jetzt nicht noch einen anderen Hausarzt suchen?


Genau, der Hausarzt hat ja noch einmal eine ganz andere Funktion als ein Facharzt. Durch Hausbesuche kenne ich auch häufig die Familienstrukturen meiner Patienten. Das öffnet für die Diagnostik auch einen ganz anderen Blick. Die soziale und die psychische Komponente spielen bei vielen Erkrankungen mit hinein. Das ist durchaus zeitintensiv, macht aber auch Spaß. Und das positive Ergebnis für den Patienten ist das Wichtigste für mich. Die Grundlage heißt Vertrauen.


Welchen Sport empfehlen Sie Bewegungsmuffeln?


Wenn sie Spaß am Wasser haben, würde ich zunächst Schwimmen empfehlen. Weil durch den Auftrieb weniger Belastung entsteht, aber dennoch die Muskeln gefordert werden. Und: Es ist eine wirklich gesunde Sportart. Ebenfalls gut ist Radfahren, weil entlastend für die Gelenke. Wenn man sich ohne jedes Hilfsmittel bewegen möchte, könnte man es einmal mit Walken versuchen. Wenn man dann wirklich trainiert genug ist und sich etwas auspowern möchte, spricht nichts dagegen, es mit einer Ballsportart zu versuchen. Und dann einfach sukzessive die Leistung aufzubauen.


Behandeln Sie auch Profisportler?


Dadurch, dass ich ja erst im Januar hier gestartet bin, baut sich der Patientenstamm erst auf. Profisportler habe ich bislang noch keine.


Beim Stichwort ‚Profis‘ fällt einem ja der berühmte „Bayern-Doc“ Müller-Wohlfahrt ein, der ja sogar die Nationalmannschaft betreut hat. Haben Sie mal erwogen, in diese Richtung zu gehen? Finanziell sicher interessant…


Dadurch dass ich mich immer wieder mit Kollegen bei Fortbildungen treffe, weiß ich, dass Müller-Wohlfahrt einer der Wenigen ist, die tatsächlich gutes Geld in dem Bereich verdienen. Ich glaube jedoch, weniger über seine Tätigkeit bei den Bayern oder der Nationalmannschaft – sondern eher damit, dass er über diese Schiene auch Patienten für seine private Praxis akquiriert. Von Kollegen, die ihn näher kennen, hört man, dass er tatsächlich ein wahnsinniges Gefühl in den Händen hat. Er erfühlt quasi die Diagnose und lässt sie sich dann gegebenenfalls durch bildgebende Verfahren wie das MRT bestätigen. Also ein wirklich guter Diagnostiker.


Bei Wikipedia war zu lesen, dass er über die Tätigkeit bei der Nationalmannschaft auch bekannte Musiker wie Herbert Grönemeyer als Patienten gewonnen hat. Gibt es therapeutische Überschneidungen von Sportler- und Musikerkrankheiten?


Die gibt es. Ich habe einen Kollegen in Freiburg, der Orthopäde ist und sich Musikermediziner nennt. Quasi als Pendant zum Sportmediziner. Er macht selbst Musik und hat festgestellt, dass auch in diesem Beruf bestimmte Beschwerden oder Krankheitssymptome entstehen, insbesondere durch Fehlhaltungen. Wenn Sie zum Beispiel den Violinspieler nehmen: Der hat ja immer den Kopf zur Seite geneigt, um seine Geige zu fixieren. So kommt es auch hier zu einer Überlastung der Strukturen, und das verursacht eben auch Beschwerden.

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Wenn es zu kompliziert wird, geht es zur Radiologie

Wo setzen Sie die Grenze der körperlichen Belastung? Dass Sie also zu einem Patienten sagen: „Sie müssen mit dem Sport aufhören!“


Das werden Sie bei mir so gut wie nie hören. Weil ich glaube, dass es für so gut wie jeden Patienten, egal welchen Alters, möglich ist, irgendeine Art von Sport zu betreiben. Ich sagte ja vorhin schon: Die Strukturen im Körper brauchen stets einen gewissen Reiz. Wenn man hier also nicht mit Übung ansetzt, verlieren die ihre Aufgabe. Wir sind ja voll mit Rezeptoren, mit Meldestationen sozusagen. Keine Bewegung heißt, dass sich diese Rezeptoren zurückbilden. Das bedeutet für mich: Ich muss schauen, wen ich vor mir habe, welche Beschwerden vorliegen, und welche Art von Sport ich dann gegebenenfalls empfehlen muss. Ich bin überzeugt, dass ich jeden zu irgendeiner Art von Sport animieren kann. Selbst wenn dieser Sport nur eingeschränkt mit irgendwelchen Hilfsmitteln zu realisieren ist, so wird er immer noch irgendeinen positiven Effekt bewirken.


Also auch bei alten Menschen?


Ja, denn je älter wir werden, desto eher verlieren wir unsere Koordinationsfähigkeit, unser Gleichgewicht. Gerade dann ist es wichtig, Sport zu betreiben, um alles aktiv zu halten. In fortgeschrittenem Alter gilt das durchaus bereits als Sturzprophylaxe. Denn über einen Sturz können ja durchaus schwere Verletzungen auftreten. Insofern sollte man frühzeitig gegensteuern.


Letzte Frage: Ist die Uni- und Verwaltungsstadt Münster eine Stadt der Schlaffis, die mehr Sport machen sollten?


Nein, ich glaube, Münster beherbergt insgesamt eher eine Klientel, die überdurchschnittlich viel Sport betreibt. Wir haben hier auch viele Vereine, die Breitensport anbieten, so etwa Basketball oder Volleyball. Und durch den Fußball auch Profimannschaften. Wenn man all dies berücksichtigt, wirkt es auf mich so, dass in Münster eher mehr Sport betrieben wird als in anderen Städten. Dass Münster eine Fahrradstadt par excellence ist, sollte man ebenfalls nicht vergessen. Auch ständige Bewegung auf der Leeze ist im Endeffekt Sport.

Holger Millmann ist Allgemeinmediziner und wählte als Spezialgebiet die Sportmedizin. Dieser Richtung widmet er sich mit seinem dreiköpfigen Team in seiner neugegründeten Praxis „Sportmed Münster“ an der Weseler Straße. Auch hausärztliche Betreuung bietet Millmann an, für Privatpatienten oder Selbstzahler. Die Leistungen gliedern sich in vier Bereiche: die Allgemeinmedizin, die Sportmedizin und Sportherapie, die manuelle Therapie bzw. Chirotherapie sowie Vorsorge- und Tauglichkeitsuntersuchungen.
www.sportmed-muenster.de

llustration Thorsten Kambach / Fotos Holger Millmann

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