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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Chiara Kucharski im Gespräch mit Strafrichter Helmut Wlasak über seine 7774 verhandelten Fälle

EISKALTE STRAF-DELIKTE

Von Anschlagsdrohungen auf sein Gericht bis hin zu Kontakt mit dem Serienkiller Jack Unterweger ist zu lesen. Diese Umstände scheint Dr. Helmut Wlasak nach außen hin gut wegzustecken. Als gelernter Gendarm kennt sich der Österreicher natürlich aus. Doch die Geschichten, die in seinen bisherigen zwei Büchern zu Tage kommen, sind alle wahr: Zum Teil skurril-komisch, zum Beispiel wenn eine Gruppe einem Laden-Besitzer auflauert und es zu einer Gurken-Radieschen-Schlacht kommt, oder schockierend, wenn es um Terror und andere Gefahren geht. True Crime at its best – oder „worst“ (engl.: am schlimmsten).

Vor ziemlich genau einem Jahr hatten Sie Ihren letzten Fall. Wie geht es Ihnen nun ohne all die täglichen Straftäter?


(Lacht.) Ich hatte gestern erst wieder eine Lesung, mit 200 Leuten. Bei Vorträgen sind es manchmal 2000 Leute, bei der Polizei, bei Elternabenden; ich sage Ihnen, das Ganze verfolgt mich. Gerade arbeite ich am dritten Buch, es gibt genug Termine.


Sie sind bekannt geworden als Suchtgiftrichter, haben aber ebenso Dschihadisten-Fälle, Mord- und Totschlagfälle entschieden…


Alles, ja alles. Nach einigen Jahren mit kleineren Delikten bin ich zum Landesgericht gewechselt und da ging es dann um organisierte Kriminalität. Ich bin nach Kanada, Deutschland, Italien, Südamerika, Jugoslawien damals noch; es gab Kontakt mit der italienischen Mafia, der albanischen und der russischen Mafia, Wirtschaftskriminalität, Zuhälterei, … 


Klingt so, als hätten Sie Ihre Fälle auch nach Hause und in den Feierabend nehmen müssen. 


Ja, es gab immer Action. Man ist in solchen Fällen rund um die Uhr erreichbar gewesen. Gleichzeitig ging es darum, unterschiedlichste Menschen aus verschiedensten Milieus kennen zu lernen und erfassen zu können.

Wenn nicht direkt Verständnis, so haben Sie in Ihren Büchern zumindest den Eindruck des Mitgefühls erweckt, wie es bei dem Täter zur Tat kommen konnte.


Ja, das kommt so rüber. Auch der schlimmste Täter ist ein Mensch. Schon in der Polizeischule wurde klar, dass es immer ein Motiv für die Tat gibt. Leider wird das wahre Motiv für die Straftat nicht immer wirklich hinterfragt. Sondern es geht um die Frage „Schuldig oder nicht schuldig?“ Wer, wo, was, wann, wie? – Das reicht nicht immer aus.

Sondern?


Entscheidend ist die Täter-Psyche und die Vita. Da ist die Zusammenarbeit mit Forensikern, Psychiatern und Psychologen wichtig. Wenn man dies und die menschlichen Komponenten des Täters mit einbringt, bekommt man andere Ergebnisse. Kleinkriminelle, Mörder, Dealer machen alles aus einem speziellen Grund heraus. Den zu finden, kreiert ein ganz anderes Verhältnis zum Täter. Das gelingt mir angeblich ganz gut. Auch bei Dschihadisten.

Auch bei Dschihadisten?


Das Bild des wahren Gottes, des richtigen Gottes. Sich auf diesen Kontext einzulassen, kostet Zeit und Einarbeitung, aber Sie bekommen dadurch mehr Informationen über den Täter und über eine Tat.

Gibt es einen Fall, der Sie bis heute besonders prägt? 


Puh, Sie müssen sich vorstellen: Von den über 7700 Fällen, die ich hatte, waren allein 88 Morde. Es waren viele grausame Fälle, es wurde verbrannt, einbetoniert, erschlagen, Freitod gewählt, und das durch Überforderung, Frustration, Hilfslosigkeit. Prägend ist, dass man denkt, die Art von menschlicher Scheußlichkeit müsste man eigentlich erkennen.

Ja.


In der Hinsicht sind Gewaltprävention, Aufklärung und Hilfe wichtig. Auch in Deutschland verstärkt sich die Jugendkriminalität. Gewaltbereitschaft, Stalking, Sexting, Drogenkonsum; die menschliche Psyche entwickelt ein eigenes Programm. Es geht darum, menschliche Tragik verhindern zu können.

Wenn Sie Vorträge vor Schülern halten, fruchtet so etwas? 


Das Feedback ist enorm und zeigt, dass man durch Gespräche an der Realität viel erreichen kann. Aber Verhinderung von Delikten oder Prävention lassen sich statistisch natürlich nicht gut erfassen.

Was hat besonders gewirkt? 


Ich habe den Schülern gesagt: „Ihr müsst mir keine einzige Geschichte glauben, aber kommt einen Tag in die Justiz und seid bei einer Verhandlung dabei.“ So hatte ich 2000-3000 Schüler pro Jahr im Verhandlungssaal dabei. Meine Kollegen sagten scherzhaft, ich würde schon gar nicht mehr ohne Zuschauer verhandeln. Aber für die Schüler und Studenten zeigt es, dass es nicht bloße Geschichten sind, sondern das wirkliche Leben ist.

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Es gibt die Möglichkeit von Therapie statt Strafe

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Ebenso wollen sie dann wohl selbst niemals auf der Anklagebank landen.


So ist es. Nach der Verhandlung wollte dort niemand von ihnen Rede und Antwort stehen, für das was er gemacht hat.

Andersherum gefragt: Die Menschen, die dort schon saßen und verurteilt wurden… Ruft die Strafe bei den Tätern eine Veränderung hervor?


Grundsätzlich schon. Eine Haft- bzw. Freiheitsstrafe ist natürlich nicht optimal, gar keine Frage. Aber andererseits geht es ja nicht nur um die Besserung, sondern auch darum, die Gesellschaft davor zu schützen. Dr. Guido Steinberg, Experte für islamistischen Terrorismus hat auch erklärt, dass die Gesellschaft ein Recht darauf hat, dass solche Leute weggesperrt werden.

Also doch eher keine Besserung? 


Ich habe Zuhälter vor Gericht gehabt, die immer wieder in Mordaufträge verstrickt waren, und die durch zwanzig Jahre Haft nichts gelernt haben. Das läuft aber auch oft anders. Von vielen, die ich verurteilt habe, hatte ich Briefe bekommen. Einige schrieben mir, das Urteil sei zunächst nicht verständlich für sie gewesen, doch ich sei zwar streng, aber fair gewesen und die Tat sei ein Fehler gewesen.

Okay.


Wenn mir ein Täter so etwas schreibt, dokumentiert das doch, dass er nicht nur seinen Fehler erkannt, sondern auch etwas für die Zukunft geändert hat. Auch wenn versucht wird, die Freiheitsstrafe als ultima ratio einzusetzen und als Richter einen möglichst breiten Strafrahmen zu haben und je nach Fall anlegen zu können.

Wie sehen Sie die gesellschaftliche Entwicklung, was Straftaten angeht? Hier in Münster hat sich im Bahnhofsbereich Richtung Stadt-Mitte eine Menge verändert. Da, wo früher vielleicht mal jemand gekifft hat, laufen nun Leute herum, mal aggressiv, mal verloren, die sich in ein ganz anderes Universum geschossen haben. Auch in anderen deutschen Städten werden beispielsweise Crack-Konsumenten immer mehr. 


Ja, hier gibt es beispielsweise die Möglichkeit, eine sogenannte „Therapie statt Strafe“ auszusprechen. Bedeutet, dass jemand, der nicht mehr als zwei Jahre Haftstrafe bekommen hat, statt der Strafe eine Therapie macht, die das Suchtproblem und damit die Persönlichkeitsveränderung hin zu Gewalt angeht.

In welcher Form passiert das?


Das geht ambulant, aber meistens als stationäre Langzeit-Therapie für 1,5 bis 2,5 Jahre. Da habe ich mehr als 900 Menschen in Therapie geschickt und davon haben es mehr als 90 Prozent tatsächlich geschafft, vom Suchtgift wegzukommen und sich relativ gesittet im sozialen Umfeld etwas aufbauen zu können.

Das muss der Täter dann aber auch wollen. 


Der Täter muss dazu bereit sein, ja. Eine Zwangs-Therapie ist wertlos. Eigenverantwortung ist bei meinen Vorträgen das letzte Wort. Sie glauben doch nicht, dass der Staat Sie schützen kann. Der Staat kann mich selbst als Richter nicht schützen. Ich habe sehr oft und sehr intensiv Polizei-Schutz gehabt, aber dass die Republik Österreich mich bei Auftragsmord und Gewaltverbrechen schützen kann, ist ein Scherz.

… 


Auch Zeugenschutzprogramme, wie es sie in Österreich und Deutschland gibt, sind keine Garantie, dass jemand mich nicht treffen kann. Man muss sich selbst schützen können und auch selbst Verantwortung übernehmen. Das geht in vielen staatlichen Bereichen leider in die falsche Richtung, dass der Gesetzgeber glaubt, mit hunderten neuen Gesetzen jedes Jahr alles regeln zu müssen und die Spielregeln werden immer intensiver.

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Was wäre Ihrer Ansicht nach der richtige Weg?


Bei uns in der Steiermark gibt es auf einer Strecke ein Projekt, in dem 90 % der Verkehrstafeln abgebaut wurden und die Verkehrsunfälle sind mehr als 80 Prozent zurückgegangen. Die Überreglementierung ist etwas Verrücktes. Überforderung und Übertreibung schon bei Verkehrsschildern: Die Leute interessieren sich nicht mehr dafür.

Weil Sie Polizeischutz und Eigenverantwortung zusammengebracht haben: Hatten Sie Angst während der Ausübung Ihres Berufes? 


Angst… Ein gewisses Unbehagen haben Sie automatisch dabei. Ab und zu, ich will nicht sagen, dass die Nerven blank liegen, aber gut fühlt man sich nicht.

Klingt nach Understatement.


Mein PKW wurde mehr als zwanzig Mal zerkratzt und schwer beschädigt, teilweise sind die Räder mit über zwanzig Schrauben losgedreht worden. An dem Tag bin ich zufällig mit dem Auto meiner Frau gefahren. Bei uns am Haus hat es gebrannt, zweimal ist eingebrochen und alles im Haus zerstört worden, meine Kinder hatten Polizeischutz und nach den Dschihadisten-Prozessen haben Polizisten mit Maschinengewehren unten bei mir gewohnt.

Das ist heftig. 


Die Alarmanlage bei mir am Haus kostet so viel wie ein Mittelklasse-Auto und trotzdem weiß ich, dass ich nicht sicher bin. Ab einem gewissen Grad der Beeinträchtigung der Lebensumstände stellst Du dir die Frage, ob es das wert ist, sich das Ganze anzutun. Die Frage kommt oft und wahrscheinlich bin ich schon ziemlich berufsgeschädigt.

Wie zeigt sich das?


Wenn ich heute in einem Lokal sitze, halte ich mir den Rücken frei. Hinter mir sitzt eigentlich niemand. Im Flugzeug denke ich mir: Wer schaut optisch danach aus, falls es eine Flugzeug-Entführung geben sollte? Ich träume alle fünf bis zehn Tage etwas vom Gericht, ich sehe immer wieder Täter, immer wieder Leichen. Das ist eine Berufsschädigung, aber ich habe diese Sch*** überlebt.

Zum Glück.


Das sollte einem zu denken geben, denn es gibt zumindest hier in Österreich keine Supervision für solche Angelegenheiten bei Strafrichtern. 1994 hatten wir Psychologen, die nicht annähernd einschätzen konnten, was wir jeden Tag erleben. Genügend Leute quittieren diesen Beruf vorzeitig, weil sie es nicht mehr aushalten. Genügend, die zum Bezirksgericht wechseln, weil es dort nur um Besitzstreitigkeiten, Scheidungen oder die Exekution von Kleinigkeiten geht.

Im Nachgang aber reizvoll, was Sie nun berichten können.
Ein befreundeter Psychologe sagte, meine Bücher seien auch ein Stück Aufarbeitung aus über vierzig Jahren Berufserlebnissen.

Die Realität ist oft spannender als jeder Krimi, was?


Eine Zeitung schrieb unter einem Bild von mir: Dr. Wlasak las seinen letzten Krimi 1978 nach dem Abitur – Und es stimmt.

Vielen Dank, Herr Dr. Wlasak, für das offene Gespräch.

Dr. Helmut Wlasak, Jahrgang 1960, ehemaliger Strafrichter aus Graz, wollte eigentlich Lehrer werden, ist dann aber durch einen Bekannten bei der Gendarmerie gelandet und sieben Jahre später namhafter „Suchtgift“-Richter, mit erfolgreicher Karriere in etlichen Mord-, Drogen-, und Dschihadisten-Prozessen geworden. Für seine Präventionsarbeit und die karitative Arbeit bei der Vinzenzgemeinschaft erhielt er 2013 den Grazer Menschenrechtspreis.

llustration Thorsten Kambach / Fotos Ekki Kurz und shutterstock

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