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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Tom Feuerstacke und Hans-Bernd Köppen über den Domschatz, offene Kirche, klare Haltung und Liebe zum Fußball

DER MANN MIT DEN SCHLÜSSELN

Dompropst. Das klingt erst einmal nach Weihrauch, schweren Türen und einem Schlüsselbund, bei dem selbst ein Hausmeister neidisch werden könnte. Köppen kommt allerdings deutlich lockerer daher, als sein Titel vermuten lässt. Der Pfarrer von St. Lamberti hat inzwischen auch im St.-Paulus-Dom die Schlüsselgewalt. Zumindest ein wenig. Köppen will Kirche öffnen, Menschen erreichen und den Dom mitten in der Stadt halten. Der neue Domschatz passt dazu. Wir sprachen mit ihm über Macht und Verantwortung, neun Jahre Entscheidungszeit, klare Worte zur AfD und darüber, warum sein Fußballherz zwischen Schalke und Preußen Münster schlägt.

Hans-Bernd, wir müssen zunächst Ordnung in deine Berufsbezeichnungen bekommen. Pfarrer von St. Lamberti, Dompropst und dann auch noch moderierender Priester in St. Josef. Was bist du nun?



Alles davon. Ich bin Pfarrer von St. Lamberti, Dompropst am Dom und moderierender Priester in der Pfarrgemeinde Münster St. Josef.


Moderierender Priester klingt auch wieder nach einem dieser Begriffe, die außerhalb der Kirche kaum jemand versteht. Was machst du da?



In St. Josef ist eine Pastoralreferentin mit der Leitung beauftragt. Sie ist vom Bischof eingesetzt und tatsächlich die Leiterin. Der moderierende Priester ist dabei theoretisch für alles verantwortlich, was mit den Sakramenten zusammenhängt.


Und studiert hast du Theologie. Einen Doktortitel habe ich bei dir vergeblich gesucht.



Den gibt es auch nicht. Ich habe später noch eine Supervisorenausbildung gemacht. Ansonsten bin ich ein ganz normaler Mensch.


Kommen wir zu dem Titel, wegen dem wir hier sitzen. Dompropst. Was macht so einer eigentlich?



Das Domkapitel ist, wenn man so will, der Hüter des Domes. Der Dompropst spricht für das Kapitel und regelt die Alltagsgeschäfte nach den Beschlüssen des Domkapitels. Ich bin also Teil dieses Gremiums und zugleich mit der Verwaltung des Domes beauftragt.


Anders gesagt, du hast die Schlüsselgewalt über den Dom?



Ein paar Schlüssel habe ich. Aber die haben auch noch einige andere.


Schade. Ich hatte gehofft, du könntest dem Bischof bei Meinungsverschiedenheiten einfach die Tür vor der Nase schließen.



Nein, das müssten wir dann schon im Domkapitel beschließen. Das ist aber auch nicht unser Ansinnen. Wir beraten den Bischof und könnten natürlich sagen, dass wir bestimmte Dinge anders sehen. Dann muss man darüber sprechen. In den vergangenen Jahren haben wir dabei eigentlich immer einvernehmliche Lösungen gefunden.


Worüber streitet oder diskutiert ein Bischof überhaupt mit dem Domkapitel?



Zum Beispiel über die Besetzung des Domkapitels, über Gottesdienste, Liturgie oder die Gestaltung im Dom. Viele Menschen sagen bei allem, was in Münster kirchlich passiert, sofort, das sei das Bistum oder der Bischof. Dabei gibt es unterschiedliche Zuständigkeiten. Das Domkapitel, das Bistum und etwa die Pfarrgemeinde St. Lamberti sind unterschiedliche Rechtsträger.


Wie groß ist dieses Domkapitel?



Wir haben zehn sogenannte residierende und sechs nicht residierende Mitglieder. Dazu gehören die amtierenden Weihbischöfe und weitere Mitglieder. Inzwischen sind auch Stadtpfarrer vertreten.


Bei der großen Illumination im Dom hat man gesehen, dass ein solches Kapitel Dinge machen kann, die man nicht unbedingt mit traditioneller Kirche verbindet. Wie kam es zu Lumineszenz?



Wir haben damals überlegt, wie wir das Domjubiläum angemessen begehen und gleichzeitig die Geschichte des Domes darstellen können. Wir wollten nicht einfach ein paar Tafeln aufstellen. Lumineszenz hatte sich zunächst beim Bistum gemeldet. Dort hatte man bereits Erfahrungen mit solchen Inszenierungen in Frankreich und hielt Münster für einen sehr geeigneten Ort.


Und dann habt ihr nicht einfach zugesagt?



Nein. Das wurde zunächst im Domkapitel beraten. Wir haben uns angeschaut, was Lumineszenz bereits gemacht hatte. Ich bin anschließend mit einem weiteren Domkapitular sowie Vertretern der Dommusik und des Domes nach Frankreich gefahren und wir waren uns danach einig, dass das interessant sein könnte. Anschließend wurden gemeinsam die Texte entwickelt und auch die Dommusik war bei der musikalischen Gestaltung beteiligt.


Ein wenig stolz auf den Erfolg?



Stolz ist vielleicht der falsche Ausdruck. Ich bin glücklich darüber, dass es so gut funktioniert hat. Nach Aussage von Lumineszenz ist Münster bis heute deren erfolgreichste Performance in Europa.


Und ihr habt damit Menschen in den Dom bekommen, die vielleicht nicht unbedingt zum Sonntagsgottesdienst kommen?



Genau das war ein wichtiger Punkt. Die Geschichte des Doms ist sehr eng mit der Geschichte der Stadt verbunden. Wir haben mit der Illumination viele Menschen erreicht, die wir sonst wahrscheinlich nicht erreicht hätten.


Vom Domkapitular zum Dompropst. Ist das für dich persönlich eine Ehre oder gehört das einfach zur kirchlichen Karriere?



Ich war zunächst Domkapitular, wurde dann Pfarrer von St. Lamberti und anschließend zusätzlich Dompropst. Ich sehe die Wahl zum Dompropst schon als Vertrauensbeweis. Man wird von den Mitgliedern des Kapitels gewählt und der Bischof muss zustimmen. Die würden das vermutlich nicht machen, wenn sie mich für den absoluten Halunken hielten.


Ich war als Kind noch in der alten Domkammer. Eines Tages war der Domschatz plötzlich verschwunden. Warum habt ihr den eigentlich jahrelang versteckt?



Versteckt haben wir ihn nicht. Bis 2017 war der Domschatz in der alten Domkammer ausgestellt. Dort waren aber die klimatischen und museumstechnischen Voraussetzungen nicht mehr ausreichend. Deshalb mussten wir die Ausstellung damals ziemlich schnell räumen. Der Schatz wurde anschließend fachgerecht bei der Firma Hasenkamp in Köln eingelagert.


Und dann lag einer der großen Schätze Münsters jahrelang in Köln. Da musste doch die Frage kommen, ob das wirklich die Lösung sein kann.



Natürlich. Es handelt sich um bedeutendes Kulturgut, das eng mit dem Dom, der Stadt und dem Bistum verbunden ist. Also mussten wir überlegen, ob wir die Stücke dauerhaft eingelagert lassen oder wieder öffentlich zeigen. Ein Neubau direkt am Dom wäre kostenintensiv geworden und dafür gab es keine entsprechende Finanzierung. Schließlich haben wir uns für einen kleineren Ausstellungsort entschieden, an dem wir mit wechselnden Ausstellungen arbeiten können.


Und der liegt jetzt mit dem Alten Steinweg mitten in der Stadt. Bewusst?



Ja. Wir haben uns beraten lassen und wollten einen zentralen Standort. Der Vorteil ist, dass Menschen heute einfach kommen können. Man muss nicht erst wissen, wo sich hinter dem Dom eine Domkammer befindet.


Die Zahlen geben euch bislang recht?



Wir waren nach knapp drei Wochen bereits bei 3300 Besucherinnen und Besuchern. Zum Vergleich hatte die alte Domkammer ungefähr 6000 Besucher im gesamten Jahr. Das ist also ein wunderschöner Auftakt. Jetzt hoffen wir natürlich, dass dieses Interesse anhält.

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Wir beraten den Bischof

Früher musste man den Domschatz schon suchen. Heute geht jemand durch die Stadt, sieht die Ausstellung und geht einfach rein. Ist das die Art von Öffnung, die die Kirche benötigt?



Der Domschatz bleibt trotzdem etwas Besonderes. Aber der Zugang ist heute tatsächlich niedrigschwelliger und genau das wollten wir. Die Menschen sollen hineingehen können, ohne unmittelbar Eintritt bezahlen zu müssen. Das ermöglichen Sponsoren und Förderer. Es heißt zwar Domschatz, aber letztlich ist es ein Schatz für alle Menschen. Er gehört nicht uns privat.


Ist Kirche insgesamt niedrigschwellig genug?



Das ist eine viel größere Frage. Wir müssen unsere Botschaft so vermitteln, dass Menschen sie verstehen und einen Zugang dazu finden können. Ob uns das immer gelingt, bezweifle ich. Das gelingt auch mir selbst nicht immer. Aber Kirche muss dialogfähig mit den Menschen von heute bleiben.


Der Dom ist jeden Tag voller Touristen. Man hört gefühlt mehr Sprachen als am Flughafen. Ist das noch ein Gotteshaus oder manchmal nur eine Sehenswürdigkeit?



Das erleben wir in allen Innenstadtkirchen, auch in St. Lamberti. Es gibt sehr viele Besucherinnen und Besucher, die einfach hineinkommen. Ich finde aber, Kirchen sollten offen sein. Ich muss nicht beurteilen, warum jemand hineingeht oder ob er anschließend etwas mitnimmt. Solange sich die Menschen angemessen verhalten, hoffe ich natürlich, dass etwas hängen bleibt, das für sie eine Bedeutung hat.


Der Domschatz ist eröffnet. Du wirkst nicht unbedingt so, als würdest du dich jetzt zurücklehnen. Was kommt als Nächstes?



Im kommenden Jahr wollen wir anlässlich des 150. Geburtstages von Kardinal von Galen eine neue Ausstellung im Domschatz zeigen. Dabei soll es um Mut und Widerstandskraft gehen. Gleichzeitig wird die alte Domkammer zur Domsingschule umgebaut. Die Bauarbeiten haben gerade begonnen.


Also zieht die Musik wieder näher an den Dom?



Genau. Bislang waren verschiedene Bereiche verteilt, unter anderem an der Friedensschule. Das führt zu unnötigen Wegen. Die Sängerinnen und Sänger treten überwiegend im Dom auf, Noten und andere Dinge müssen aber hin- und hergebracht werden. Deshalb wollen wir die Dommusik wieder am Dom konzentrieren.


Was entsteht dort konkret?



Unter anderem ein weiterer Saal für die Dommusik und ein Domforum. Dort sollen Chorproben möglich sein, aber auch kleinere Konzerte oder Vorträge.


Dabei wolltet ihr das alte Gebäude ursprünglich abreißen?



Das Domkapitel hatte sogar zweimal beschlossen, es abzureißen und neu zu bauen. Dann wurde uns immer wieder gesagt, dass in diesem Gebäude noch viel sogenannte graue Energie steckt. Dieses Argument hat uns schließlich überzeugt. Jetzt nutzen wir den Bestand weiter und ich halte das für ein gutes Konzept. Ich hoffe, dass wir Ende 2028 einziehen können.


Du hast Kardinal von Galen angesprochen. Der Dom ist historisch auch ein Ort deutlicher Worte und des Widerstands. Muss Kirche heute wieder politischer und klarer werden?



Unser Bischof hat aus meiner Sicht sehr deutlich formuliert, warum Positionen der AfD mit dem Evangelium nicht vereinbar sind. Für uns muss das Evangelium die oberste Richtschnur bleiben. Die Würde des Menschen und ausdrücklich die Würde aller Menschen muss dabei im Mittelpunkt stehen. Aus meiner Sicht wird das durch Teile des AfD-Programms nicht gewährleistet.


Du sagst also ausdrücklich, die AfD steht für dich nicht für die Offenheit, die du gerade von der Kirche verlangst?



Nein. Gleichzeitig muss man auch sagen: Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht mehr ganz dicht. Es gibt Grenzen. Zugleich handelt es sich um Ergebnisse demokratischer Wahlen. Deshalb gehört für mich auch dazu, sich mit den Menschen auseinanderzusetzen, die dort ihr Kreuz gemacht haben. Ich verstehe ihre Entscheidung nicht. Aber ich lebe auch in Münster und nicht in Sachsen-Anhalt. Ich würde gerne besser verstehen, warum Menschen diesen Weg wählen.

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Dort sollen Chorproben möglich sein

Macht dir diese Entwicklung Angst?



Angst ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber sie besorgt mich. Ich mache mir Sorgen um unsere Demokratie, um Europa und um den Frieden. Ich bin bei manchen Dingen nicht tief genug im Thema, um sie abschließend beurteilen zu können. Aber ich nehme auch eine gewisse Nähe zu Putin wahr, und ihm traue ich derzeit überhaupt nicht über den Weg.


Zum Schluss müssen wir den Menschen hinter den ganzen Titeln noch finden. Du kommst vom Niederrhein. Und wenn die Soutane im Schrank hängt, was macht Hans-Bernd Köppen dann?



Ich schaue sehr gerne Fußball.


Jetzt wird es gefährlich. Welcher Verein?



Ich bin Schalker.


Das Interview war schön. Bis gerade.



Aber inzwischen gehe ich auch wirklich sehr gerne zu Preußen Münster und fühle mich dem Verein verbunden. Schalke kommt aus meiner Jugend. Ich komme aus Dinslaken und wir konnten damals einfach nach Gelsenkirchen fahren. So entsteht eine Verbindung. Und eine ähnliche Verbindung habe ich inzwischen auch zu Preußen Münster entwickelt.


Also Schalke im Herzen und Preußen inzwischen dazu?



So kann man das sagen. Ich habe auch mit Preußen mitgelitten. Und das neue Stadion gefällt mir.


Selbst Fußball gespielt?



Nein. Ich war nie die große Sportskanone. Ich bin eher einer von den Rängen.


Dann fehlt mir nur noch der Jahrgang.



1960


Mit 60 nähert man sich in vielen Berufen langsam dem letzten Drittel. In der katholischen Kirche vermutlich gerade der Nachwuchsabteilung.



Das stimmt tatsächlich. In der Kirche ist man mit 60 noch jung.

Hans-Bernd Köppen
Jahrgang 1960, aufgewachsen am Niederrhein. Pfarrer von St. Lamberti, Dompropst und moderierender Priester in St. Josef. Fußball gehört ebenfalls dazu. Schalke 04 begleitet ihn seit seiner Jugend, inzwischen schlägt sein Herz auch für Preußen Münster.

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Achim Pohl

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