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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Stephan Günther spricht mit Hanno Liesner über den Funky e. V. 

FUNKY – GETANZTE INKLUSION

Spätestens seit ihrem Auftritt beim RTL-Format „Das Supertalent“ kennen nicht nur Münsteraner die „Funkys“, das inklusive Tanz-Ensemble. Seit gut 20 Jahren zeigen sie, mit welch ansteckender Leichtigkeit Inklusion ent- und auch bestehen kann, sogar mit verhältnismäßig wenigen Zutaten: Lebensfreude, Engagement und einer Prise Glück. Gründer Hanno Liesner erzählt uns, wie das alles so zustande kam, warum ein Richter maßgeblich an der Entstehung beteiligt war, aber auch, mit welchen Problemen der Verein aktuell zu kämpfen hat.

Die Funkys und Du, wie kam diese Liebesgeschichte zustande?


Liebes- und vor allem Lebensgeschichte! Die ist sogar schon als Dokumentation vom WDR verfilmt worden, aber Videos gehen ja schlecht in einem Printmagazin, oder? 


Da liegst du richtig …


(Lacht) Ok, dann die Kurzform. Ich musste früher in meinem Leben einmal Sozialstunden „kloppen“. Das habe ich damals bei der Lebenshilfe gemacht, einem Verein, der Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen unterstützt. Genauer gesagt am Edelbach, in einem ihrer Wohnhäuser. Die Leiterin dieses Hauses hat mitgekriegt, dass ich eine tänzerische Ausbildung habe. Irgendwann sagte sie zu mir: „Ja, dann tanz mal mit den Leuten hier.“ Das war quasi der Startschuss.


Was hast du eigentlich angestellt, um zu Sozialstunden verdonnert zu werden?


(Lacht) Muss ich das verraten?


Ja!


Sagen wir so, vor etlichen Jahren bin ich einmal in einem Zustand Auto gefahren, in dem man sowas unbedingt unterlassen sollte.


Verstehe, aber offensichtlich ist daraus ja etwas wirklich Gutes entstanden. Wie ging es dann weiter?


Ich habe dann mit den Leuten getanzt. Gestartet sind wir mit fünf Personen. Wir wurden dann von der Lebenshilfe und Westfalenfleiß immer weiter gefördert. Die haben uns beispielsweise geholfen, entsprechende Räumlichkeiten zu finden. Offenbar trafen wir den Nerv der Zeit. Wir wurden immer mehr und auch Tänzerkollegen von mir kamen dazu.


Jetzt verstehe ich, Funky e. V. wurde durch Dich gegründet, den gab es vorher noch gar nicht?


Genau, 2005 wurde das Projekt gegründet.


Deine Karriere begann aber schon früher?


Mit sechs Jahren, ja. Ich war früher schon ein Hibbelkopf und habe tausend Sachen ausprobiert, um mich auszupowern. Irgendwann kam meine Mutter auf die Idee: „Der Junge muss tanzen!“ Kurze Zeit später habe ich dann angefangen, mit Rock’n’Roll.


Gleich was Leichtes also …


Ja, das ist schon irgendwie Hochleistungssport. Von da aus hat mich der Tanz aber schnell überall hingetrieben, in alle Richtungen. Ich habe alles mal gemacht. Es war eigentlich nie so richtig ein „Nebenbei-Hobby“, sondern sehr schnell mein Lebensinhalt.


Toll, eine glückliche Fügung kann man da wohl sagen. Aber der Erfolg kam ja nicht über Nacht, oder?


Nee, nachdem wir 2005 begonnen hatten, kamen immer mehr Interessierte dazu. Irgendwann realisierte ich, und auch die Menschen um mich herum, dass wir mit Funky wohl ins Schwarze getroffen haben. Tanzen und Spaß zusammen haben, darum ging es. Das Wort Inklusion war zu der Zeit noch gar nicht so richtig bekannt. Aber dadurch, dass Freunde, Wegbegleiter und Tänzerkollegen total begeistert und plötzlich regelmäßig bei den Trainings dabei waren, war es auf einmal inklusiv.


Klingt, als hätte alles etwas schneller Fahrt aufgenommen, als Ihr dachtet?


Ja, etwas vielleicht. Ich weiß noch, als ich mit meinem besten Freund Manuel zusammensaß und ein Kleinanzeigen-Heft für Münster durchgeblättert habe. Auf einmal fiel mein Blick auf eine Anzeige, dass jemand stundenweise einen Tanzraum am Germania Campus vermietete. Ich sagte sofort: „Manuel, lass uns da hinfahren! Lass uns den Raum mieten und wir machen da irgendwas mit unserer Tanzgruppe!“ Ich habe ihn damit ein wenig überrumpelt, aber schließlich haben wir es getan. Total blauäugig, weil wir weder wussten, was wir genau machen wollten, geschweige denn, wie das finanziert werden soll.

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Ich war früher schon ein Hibbelkopf

Manchmal muss man wohl einfach Fakten schaffen.


Ja, da standen wir nun und haben überlegt, was wir nun genau machen. Dachten dann: Wir machen ein Projekt, mittlerweile ein größeres Projekt. Wir brauchen ja auch einen Namen. Nach einem kleinen Kreativ-Wahn landeten wir schließlich bei „Funky Movements“. Los ging’s, jung wie wir waren, Visitenkarten gedruckt und eine Eröffnungsfeier veranstaltet. Dann ging alles erst richtig los, die Leute haben uns die Hütte eingerannt bei der Feier. Auf einmal bestanden die Funkys aus knapp 90 Menschen und haben wöchentlich einmal trainiert. Das ist dann immer weiter und weiter gewachsen.


Was für eine schöne Erfolgsgeschichte für ein inklusives Tanzensemble. Seit geraumer Zeit seid ihr ja auch weit über Münsters Stadtgrenzen hinaus bekannt. Selbst bei der RTL-Show „Das Supertalent“ habt ihr es geschafft. Wie kam es dazu?


Ja, das war ein Riesending! Kirsten, eine unserer Tänzerinnen, hat uns diesen Floh ins Ohr gesetzt, dass wir da unbedingt teilnehmen müssen. Im TV waren wir ja schon häufig, aber wir haben uns gefragt, ob Tanzen wirklich ein Supertalent ist. Ich habe ihr gesagt: „Kirsten, wir tanzen alle super, ihr tanzt super, aber das ist kein Supertalent.“ Ihre Antwort war so simpel wie beeindruckend: „Wir tanzen alle miteinander. Inklusion, das ist doch unser Supertalent!“ Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke. Sie hatte absolut Recht. 


Da bekomme selbst ich Gänsehaut, und ich war nicht dabei. Aber das war dann wohl ein Arbeitsauftrag?


Ein deutlicher sogar. Ich habe anschließend mit einer Kollegin darüber gesprochen und wir haben dann irgendwie die Weichen gestellt und sind mit den Leuten vom Supertalent ins Gespräch gegangen. Wir wurden da mit offenen Armen empfangen und die Zusammenarbeit war großartig. Beiden Parteien war klar, dass das etwas sehr Besonderes ist, wenn wir da teilnehmen. Ein wenig besorgt waren wir im Bezug auf die Interviews.


Inwiefern?


Naja, wie läuft das mit den Interviews, wie wird was kommuniziert und fernsehgerecht aufbereitet? Wir wollten auf keinen Fall einen Mitleidsbonus oder dergleichen. War aber alles unberechtigt, die Zusammenarbeit gestaltete sich großartig. Der Umgang war jederzeit total offen und ehrlich, wir haben über die ganze Zeit sehr eng und viel zusammengearbeitet. Wir haben schnell gemerkt, wie ernst die das nehmen und wie begeistert sie auch von uns sind. Es wurden wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass unsere Formation „Booom“ dort hinkommen kann. Sie haben direkt wissen lassen, wie toll sie uns finden, und uns versprochen, das richtig gut aufzubereiten. Da bekomme ich schon wieder Gänsehaut, wenn ich daran denke. Am Ende haben sie ihr Versprechen gehalten, wirklich toll!


Ich habe viel davon gesehen und fand es auch super schön. So viel Freude und Spaß auf der Bühne.


Man darf aber auch nicht vergessen, und das ist ganz wichtig: Wir sind ja nicht nur inklusiv oder fördern Inklusion, indem wir auf der Bühne verschiedene Menschen tanzen lassen. Die eigentliche Arbeit besteht darin, das Publikum zu erreichen und dem Publikum zu zeigen: Schaut, es geht. Das hat super geklappt. Vor dem Supertalent haben wir schon so 40–50 Auftritte jährlich getanzt, nach dem Supertalent ist die Nachfrage noch mal explodiert. Übrigens nicht nur national, es kamen Anfragen aus ganz Europa.


Wird das nicht irgendwann viel, oder zu viel? Ich kenne große Rockbands, die weniger Auftritte haben als ihr?


Wir haben ja zum Glück mehrere Formationen. Hier sprechen wir von der Formation „Booom“, die man quasi überall sieht. Die sind es gewohnt, wie auf Tour zu leben, die genießen das richtig. Wir schauen aber immer individuell, was leistbar ist oder eben auch nicht. Es gibt auch durchaus Termine, die wir nicht annehmen, wenn es zu viel wird. Team und Tänzer*innen kommunizieren da super gut. Meist sind aber die Betreuer diejenigen, die die Tänzer bremsen müssen. Zu einem inklusiven Ensemble gehört auch ein Team, das darauf achtet, dass alle einsatzbereit sind und es allen gut geht. Dazu gehört auch genügend Erholungszeit zum Runterkühlen.


Kommen wir mal zu den weniger erfreulichen Dingen. Ihr habt momentan mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen, hörte ich?


Das ist richtig. Eine von zwei großen Herausforderungen ist unsere derzeitige Trainingssituation, besser gesagt, die Location. Zurzeit trainieren wir an der Bremer Straße. Da sind wir auch wirklich gerne und sind froh, dass unsere Vermieterin uns da freie Hand lässt. Leider sind die Räumlichkeiten nicht barrierefrei, was elementar wichtig für ein Ensemble wie unseres ist. Dazu kommt, dass sich das Umfeld dort zum Negativen entwickelt hat. Wir mussten bereits einen Sicherheitsdienst beauftragen, der unsere Tänzer schützt.


Spielst du auf die Menschen aus der Drogen- und Obdachlosenszene an?


Die Obdachlosen nehme ich da eigentlich raus. Sehr viele von denen kennen wir lange, mit denen pflegen wir ein gutes Verhältnis. Da gibt’s eigentlich keinen Stress, die sitzen ab und zu bei uns, bekommen auch mal einen Kaffee. Vielmehr sind es die Drogenkonsumenten, die uns zu schaffen machen. Da hat sich seit dem Umbau des Bahnhofs vieles verändert. Ich weiß nicht, ob sich das Konsumverhalten oder die Substanzen verändert haben, aber wir haben zunehmend mit Aggressivität zu kämpfen. Es gab da schon sehr unschöne Szenen. Unsere Tänzer wurden von Menschen, die dort Drogen verkaufen, schon angeschrien und aufs Übelste beschimpft, sehr unschöne Zwischenfälle. 


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Es wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt

Das klingt wirklich nicht gut …


Ist es auch nicht. Viele Tänzer*innen hatten Angst, zum Training zu kommen. Wenn wir den Sicherheitsdienst abziehen, ginge das alles wieder von vorne los. Auch wenn es sich jetzt gebessert hat, ist es traurig, dass man Menschen, die ein Ehrenamt ausüben, auf diese Weise schützen muss. Kurzum, wir suchen dringend neue Räumlichkeiten.


Ist da was in Aussicht?


Wir sind im Gespräch mit dem Sportamt, das unserer Meinung ist und auch deutlich gesagt hat, dass wir was Neues brauchen. Es gab da auch etwas Konkretes, eine Turnhalle an der Oxfordkaserne. Die haben sich sehr eingesetzt und wir haben da auch schon etwas mitgeplant. Leider ist die Finanzierung gescheitert und diese, wirklich gute, Idee kann nicht umgesetzt werden. Wir sind also wieder am Anfang, und wir suchen schon seit etwa sieben Jahren. Wir sind aber wirklich froh, dass die Lage am aktuellen Standort aktuell einigermaßen stabil ist und wir dort eigentlich schöne Räumlichkeiten und eine tolle Vermieterin haben. Das verschafft uns Zeit, weil wir sonst nichts hätten.


Immerhin, ja. Was ist denn die andere Herausforderung?


Ich glaube, wie bei fast allen Vereinen oder Organisationen ist die wirtschaftliche Lage ein Problem. Wir sind sehr dankbar, dass wir im jetzigen Haushalt keine Kürzungen erfahren haben. Auf der anderen Seite aber halt auch keine Erhöhung. Wir rechnen eh schon Spitz auf Knopf, die Kosten steigen. Das bedeutet, dass uns selbst eine kleine Kürzung in den nächsten Jahren empfindlich treffen könnte.


Kann das durch Spendengelder aufgefangen werden?


Da ist gleich das nächste Problem. Der größte Teil unseres Budgets besteht bereits aus Spenden und Zuwendungen, das ist das Fundament, welches uns am Leben hält. Auch hier ist in diesem und auch schon für das kommende Jahr ein immens großer Betrag weggefallen. Ich kann nur mutmaßen, woran das liegt. Aber die weltpolitische und -wirtschaftliche Entwicklung hat wohl einen Anteil daran. Alle versuchen, ihr Geld zusammenzuhalten, weil keiner weiß, was noch alles passiert.


Wir können alle nur hoffen, dass sich alles stabilisiert. Ich drücke den Funkys auf jeden Fall alle Daumen und danke Dir für dieses sehr interessante Gespräch.

Hanno Liesner ist Kommunikationsfachmann aus dem Münsterland. Seit über 30 Jahren hat er schon mit Tanz und Musik zu tun. Er tanzt nicht nur selbst, sondern ist auch als Moderator und Juror tätig. Vor allem aber ist er der Gründer des erfolgreichen inklusiven Tanz-Ensembles Funky e. V. aus Münster. 

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Funky e. V. & RTL-Das Supertalent

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