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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Gerd König und Stephan Günther machen aus Licht Energie

KÖNIG DER DÄCHER

Pandemie, Klimakrise, Krieg in der Ukraine – alles waren bestimmende Themen in den letzten Jahren und hatten großen Einfluss auf unser alltägliches Leben. Dabei zog sich eine Sache wie ein roter Faden durch diese Ereignisse, das Thema Energie. Nur selten zuvor beschäftigten sich so viele Menschen so intensiv mit diesem Thema. Durch extrem steigende Energiekosten oder drohende Gasknappheit waren sie auch fast dazu gezwungen. Eine Alternative zur Abhängigkeit von großen Energieversorgern erlebte dabei einen großen Hype: Photovoltaik! Über die Zukunft der Solarenergie sprachen wir mit dem „Solarkönig“ aus Sendenhorst, Gerd König.

Was hat sich in den letzten Jahren im Bereich Photovoltaik getan?


Naja, in den letzten Jahren war ja vor allem die Pandemie in fast allen Bereichen bestimmend. Für uns, so dachten wir, würde das einen Rückschritt im Bereich Photovoltaik bedeuten. Vor allem weil keiner wirklich wusste, wie es weitergeht, und natürlich auch mit dem Geld ein wenig sparsamer umgegangen wurde.


Kam es dann auch so?


Nein, schlussendlich war es sogar genau umgekehrt. Die meisten waren im Homeoffice, viele waren auch freigestellt. Da hatte man plötzlich Zeit, sich mit Energie zu beschäftigen – E-Mobilität/Wärmepumpen etc.


Wie hat sich der Krieg in der Ukraine dann noch auf das Geschäft ausgewirkt?


Als Putin im letzten Jahr seinen Angriffskrieg begann, hat sich das dann noch mal potenziert. Die Anfragen haben sich im Vergleich zum Vorjahr nochmal erhöht.


Das Denken hat sich verändert. Früher hat man eher an die Rendite gedacht. Heute denkt man – auch bewegt durch „Fridays for Future“ – an die Umwelt. Auch die ältere Generation ist jetzt dabei.

Inwiefern?


Früher war die Frage eher, ob sich so eine große Anschaffung mit 65 oder 70 Jahren noch lohnt, ob sich das noch rechnet. Heute denkt man im Bezug auf Photovoltaik anders. Man denkt also perspektivischer und vor allem globaler an die Umwelt, Kinder oder Enkel. So ein Haus überlebt ja meist viele Generationen und wir müssen aus der Verbrennung fossiler Energie raus.


Wie hat sich denn dieser Boom ganz unmittelbar auf deine Arbeit und deine Firma ausgewirkt?


Wir haben unsere Mitarbeiteranzahl in den letzten Jahren verdoppelt.


Es gibt ja viele Vorurteile in puncto Photovoltaik. Ich erinnere mich an den Satz: „Wenn die Sonne scheint, brauchen wir die Energie nicht und nachts hat man von der Solarenergie nichts.“ Ist das so?


Nein, auf keinen Fall. Durchaus ist zum Beispiel im Sommer mehr Energie vorhanden, als in dem Moment gebraucht wird, man darf aber nicht vergessen, dass sich die Speicher auch weiterentwickelt haben. Die Energie kann also quasi tags eingelagert werden. Die Zeiten für nachts, in denen man noch auf das öffentliche Netz angewiesen ist, sind sehr gering. Die Umwandlung in warmes Wasser ist ebenfalls wichtig. Auch kann man die Energie, die tagsüber erzeugt wird, nutzen, um sein Elektroauto zu laden. Wer einen Zweitwagen besitzt, kann diesen dann tagsüber laden und abends fahren. Oder der Pendler, der immer innerhalb gewisser Strecken unterwegs ist, kann dann die Batterie des Heimspeichers nutzen, um die Energie dann nochmal in sein eigenes Auto umzuladen. Das kommt immer auf die Lebensumstände an.


Viele neue Möglichkeiten also…


Ja, alles neue Ansätze, beflügelt durch die Erkenntnis, dass Energie mittlerweile durchaus teuer ist. Damit einhergehend hat sich das ganze Denken gewandelt. Früher kostete eine Kilowattstunde mal 13 oder 14 Cent, da hat man nicht großartig drüber nachgedacht. Jetzt, wo sie das dreifache kostet, überlegt man schon.


Nochmal zurück zu den Speichern. Ich dachte tatsächlich auch mal, dass die erzeugte Energie direkt umgesetzt werden muss. Offenbar falsch gedacht…


Ja, da an der Wand hängt so ein Speicher (zeigt auf einen großen Kasten an der Wand). Das ist ein Kleinspeicher für das Büro. Nachts werden damit die Server, Pumpen und was hier so läuft versorgt. Das sind so 7,5 kW und völlig ausreichend für diese Zwecke.


Aber nur nachts?


Nein nicht nur, es werden auch Verbrauchsspitzen tagsüber abgedeckt. Da kommen wir mit der Anlage oben auf dem Dach dann so für 250 Tage hin, dass wir genügend Strom haben. Wir haben circa 15 Arbeitsplätze hier, alle haben einen Laptop, dann noch Kühlschränke und Geschirrspüler. Wenn es mal heiß wird, haben wir auch eine Klimaanlage, die dann zu 100 Prozent über regenerative Energie betrieben wird.


Also kommt man mit dieser Anlage für knapp 250 Tage im Jahr komplett aus?


200 bis 250 Tage, genau!


Das hätte ich jetzt echt nicht gedacht, das sind ja fast zwei Drittel des Jahres!


Aber das hängt auch immer damit zusammen, wie man seine Anlage dimensioniert. Wähle ich eine kleinere Anlage, deren Energie ich möglichst komplett verbrauchen möchte, habe ich natürlich entsprechend weniger Tage, an denen ich voll versorgt werde.

Eine größere Anlage, die Überschuss erzeugt, bietet natürlich in Übergangszeiten mehr Reserven und macht mich unabhängiger vom öffentlichen Netz.

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Das ganze Denken in Sachen der Energie hat sich gewandelt

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Den Überschuss kann ich doch auch ins öffentliche Netz einspeisen, oder nicht?


Ja, das ist richtig, da gibt es dann über den Daumen gepeilt 8 Cent für eine Kilowattstunde. Nicht unbedeutend, aber auch nicht gerade viel. Man muss sich also schon Gedanken über den Verbrauch und das eigene Nutzungsverhalten machen. Ein Elektroauto zum Beispiel lässt den Stromverbrauch schon um 2000 bis 3000 Kilowattstunden im Jahr ansteigen. Es ist aber ein schönes Zubrot und neuerdings sogar steuerfrei. Durch das EEG 2023 hat man ja keine administrativen Kosten mehr. Steuerberater, Umsatzsteuer und auch Einkommenssteuer entfallen für die meisten Anlagen. Es wurde eine Menge entbürokratisiert.


Und sowas in Deutschland!


(Lacht) Ja, wohl wahr. In meinen Augen aber reiner Selbstzweck. Für Millionen neuer Anlagen bräuchte man sicher noch mal zigtausend zusätzliche Steuerbeamte.


Ein anderes Vorurteil, welches rumgeistert, ist die vermeintlich mangelhafte Nachhaltigkeit. Es heißt, die Panels würden meist aus giftigen Materialien hergestellt. Ist da was dran?


Es gibt immer noch Module aus den USA, die in geringen Mengen Cadmium enthalten, sogenannte Dünnschichtmodule von First Solar. Bei allem, was kristalline Module betrifft, hat man es aber mit Silizium zu tun, das ist ja letztendlich Sand. Dann haben wir Glas und Aluminium vom Rahmen, was beides wiederverwertbar ist. Kunststoffe, wie die Rückseitenfolien oder die Verbundfolien in Glas-Glas-Modulen werden ebenfalls recycelt, in Isolierglasscheiben zum Beispiel.


Werden denn die Module von First Solar bei Euch verwendet?


Nein, die haben wir tatsächlich nie verbaut und Schwermetalle gehören nicht aufs Dach.


Die berühmte Otto Normalfamilie mit einem Reihenhaus und 150 Quadratmeter Wohnfläche, bekommt man die autark mit Solarstrom?


100 Prozent autark nicht, 75 Prozent Überschüsse sind durchaus machbar.


Was muss diese Familie ungefähr für eine Photovoltaikanlage investieren?


Man rechnet ungefähr den Gegenwert von 12 bis 14 Jahresverbräuchen, also was in dieser Zeit an Kosten für den Energieversorger anfallen würde. Man zahlt sozusagen die Rechnung letztendlich nicht mehr an ihn, sondern an sich selbst. Nach ungefähr 14 Jahren, je nach Größe der Anlage und so weiter, hat sich das dann amortisiert, sprich man hat keine Kosten mehr.


Wie lange hält so eine Anlage?


Lass mich überlegen, wir machen das jetzt seit 18 Jahren und unsere Anlagen laufen alle noch. Schon in den 90ern wurden von Siemens in Österreich und Bayern kleine Module gebaut. Es gibt Untersuchungen, da hatten diese Module in den 2010er Jahren schon 30 Jahre Laufzeit hinter sich und waren noch bei über 90 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit.


Also ist es nicht wie bei anderen Dingen, wo man Neuanschaffungen braucht, sobald man die alten abbezahlt hat?


Nein. Ich sage mal so, elektronische Bauteile können natürlich immer mal kaputt gehen. Die Batterien, welche wir vertreiben, sollten nach 20 Jahren noch mindestens 80 Prozent ihrer Leistung haben.

Alles nutzt sich mit der Zeit etwas ab, auch die Module. Innerhalb von zehn Jahren sollten das lediglich etwa 6 bis 8 Prozent sein, manchmal sogar weniger. Die Speicher kann man gegen eine geringe Gebühr sogar versichern. Falls sie dann nach zehn Jahren die 80 Prozent nicht mehr erreichen, bekommt man einen Zeitwertersatz.


Wahnsinn, wenn ich daran denke, wie schnell sich meine Akkus im täglichen Gebrauch so abnutzen…


Ja, was ja auch noch kommen wird, ist, dass die Batterien aus den Elektroautos nach ihrem Tausch zu stationären Batterien für Solaranlagen umgearbeitet werden. In den Autos brauchen sie halt eine höhere Kapazität, um gewisse Reichweiten zu ermöglichen. Im stationären Gebrauch ist das eher nebensächlich, oder zumindest nicht ganz so wichtig.

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Im stationären Gebrauch ist das eher nebensächlich

Wenn ich mal kurz überschlage, landet man also für eine Anlage in der Anschaffung etwa bei dem Preis eines einfachen Kleinwagens, so um die 17000 Euro?


Mit Batterie würde ich eher sagen, so um die 20000 bis 25000 Euro.


Ich glaube ich werde meinem Vermieter mal vorschlagen, sich mit dem Thema Photovoltaik zu beschäftigen. So teuer scheint es ja im Vergleich zum Nutzen nicht zu sein.


Ja, das ist der zweite Punkt, wenn man mal bei der Bürokratie von vorhin anknüpft. Auch das ist mit dem EEG 2023 nicht mehr so komplex in der Abrechnung und den Vorgaben. Es gibt ein vereinfachtes Mieterstrommodell. Der Vermieter bekommt auch hier für eingespeisten Strom noch einige Cent. Er muss dafür zwar mannigfaltige Vorgaben der Versorger erfüllen, durch das progres.nrw Förderprogramm wurde aber auch dies abgemildert.


Wo oder wie siehst du die Zukunft beim Thema Energie?


Ich glaube, dass wir bei den Dächern erst am Anfang stehen. Die Mieter werden den Hausbesitzern immer mehr Argumente liefern, auf PV-Strom umzusteigen. Das kann ja kaum teurer werden als Energie aus Gas, Kohle, oder Atomstrom aus Frankreich. Alles, was wir selbst machen, wird uns eine gewisse Eigenständigkeit auch für die Volkswirtschaft geben. Langfristig wird die Energie aber nie wieder so günstig werden, wie sie einmal war. Es wird schwierig, obwohl wir in diesem Jahr festgestellt haben, dass es gerade für junge Leute wieder interessant ist, den Beruf des Elektrikers zu ergreifen.


Bildet ihr aus?


Ja, wir bilden aus. Dieses Jahr haben wir zwei Auszubildende, sogar einen Abiturienten und einen Realschüler. Beide haben sehr gute Kenntnisse in Physik und Mathematik, wie man sich das so wünscht. (Lacht)


Da wäre ich dann schon raus gewesen…


(Lacht) Nein, aber ich sag mal so, es ist schon gut, wenn man über ein Verständnis dieser Themen verfügt. Der Beruf des Elektrikers und die Prüfung sind nicht unbedingt einfach. Das hat sich ja total geändert: Wir stemmen keine Wände mehr auf, wir verlegen die Leitungen auf Putz oder die sind schon verlegt, wenn wir kommen. Die neuen Energien sind eben sauber. Wir haben zukunftsweisende Konzepte, wie zum Beispiel Elektroautos, mit denen wir dann zur Baustelle fahren. Das finden die Mitarbeiter auch gut.


Wenn wir dieses Interview in 30 Jahren wiederholen, über welche Methoden der Energieerzeugung unterhalten wir uns dann?


Photovoltaik wird es auf jeden Fall noch geben, Wasserstoffspeicherung auch. Fusion ist ja auch ein Thema, da glaube ich aber noch nicht ganz dran. Vielleicht gibt es in 30 Jahren einen Versuchsreaktor, wenn überhaupt. Es ist ja nicht nur der Prozess, den muss man ja auch erst einmal beherrschen. Windkraft wird natürlich eine große Rolle spielen, fragt sich nur, wie groß die „Mühlen“ dann sind. Noch größer oder ist da irgendwo eine Grenze erreicht, weil Aufwand und Ertrag nicht mehr im Verhältnis stehen?


Wo liegt der Anteil fossiler Energien noch in 30 Jahren?


Ich kann mir schon vorstellen, dass man einiges vielleicht nicht wegbekommt. Ich würde sagen, vielleicht noch zwischen 15 und 20 Prozent.


Gerd, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch! Wir sprechen uns in 30 Jahren wieder!

Gerd König
Gerd König wurde 1959 in Hamm in Westfalen geboren. Nach dem Abi auf dem Freiherr-von-Stein-Gymnasium dort, ging es direkt nach Aachen an die RWTH. Dort schloss er erfolgreich als Diplom-Ingenieur ab. Nach der Anstellung in einem Betrieb für Fassaden- und Fensterbau, machte er sich vor gut 20 Jahren selbstständig. 18 Jahre davon im Bereich Photovoltaik in der Solarkönig-Gruppe.

llustration Thorsten Kambach / Fotos Armin Zedler

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