
Peter Sauer spricht mit Florian Füntmann über Freiheit und das böse Ich
OHNE GESANG IN ÜBER 30 LÄNDERN ERFOLGREICH
Kann eine Rockband ohne Sänger Fachkritik und Publikum gleichermaßen begeistern? Und wie! Das zeigt die Progressive-Rockband Long Distance Calling aus Münster. Und das gleich europaweit, zuletzt auch in China. Sie feiert jetzt ihr 20-jähriges Bestehen mit dem neuen Studioalbum „The Phantom Void“. Es zeigt die Münsteraner rockiger und kreativer denn je. Unser Mitarbeiter Peter Sauer sprach mit Gitarrist Florian Füntmann.
Lieber Florian, seit 20 Jahren sorgst du bei Long Distance Calling – neben Gitarrist Dave Jordan – für den dynamischen wie auch epischen Gitarrensound. Wann ging das bei dir mit dem Gitarrenspielen los?
Ich habe als Kind immer schon gerne Luftgitarre gespielt. Mit elf Jahren ging es an der Karl-Wagenfeld-Schule, der heutigen Erna-de-Vries-Schule, mit einer Akustik-Gitarre los. Wir hatten einen sehr engagierten Schullehrer, der auch Gitarrist war und mich auch über die Schulband gut gefördert hat.
Seit wann schreibst du Songs?
Ich habe früh angefangen, so mit 13 oder 14. Damals war AC DC mein Einstieg. Mit neun Jahren habe ich mir ihre Langspielplatte „The Razors Edge“ besorgt, also besser gesagt, ich habe sie mir von meiner Mutter kaufen lassen. Danach folgten die Platten von Guns N´Roses.
Wie kam es zur Gründung von Long Distance Calling vor 20 Jahren?
Das war eher ein schöner Zufall. Mit unserem Schlagzeuger Janosch Rathmer war ich zuvor schon bei der Band „Misery Speaks“ aktiv, Gitarrist Dave Jordan kannte ich als Musiker und der brachte unseren Bassisten Jan Hoffmann mit. Was uns von Anfang an eint: Wir wollen etwas anderes machen als herkömmlichen Rock, etwas Experimentelleres. Wir haben dann relativ schnell Songs geschrieben.
Wo war die Geburtsstunde von Long Distance Calling?
In einem Proberaum im ehemaligen Luftschutzbunker an der Hammer Straße. Da waren früher viel Proberäume drin. Jetzt sind da ja Wohnungen drin.
Und wie kamt ihr auf den Bandnamen?
Wir waren auf einem Festival. Da lief auf der Leinwand der französischen Indie-Rock-Band Phoenix eine Werbung, die hieß: „Long Distance Calling“. Für uns war es auf Anhieb der optimale Name.
Warum?
Es geht darum, die Fühler auszustrecken in verschiedene Richtungen, offen und frei zu sein. Wir waren hungrig und wollten viel rumkommen. Außerdem wollten wir einen Bandnamen haben, der nicht zu sehr nach Rock oder Heavy Metal klingt. Wir suchten einen universellen Namen.
Verstehe. Euer neues Studioalbum heißt „Phantom Void“. Wie kamt ihr auf den Titel? Hat der was mit dem gleichnamigen Sci-Fi-Roguelike-Spiel zu tun?
Nein, worum geht es in dem Spiel?
So wie ich es verstanden habe sind in einem dystopischen Zukunftsszenario alle Grenzen zwischen Mensch und Waffe verschwunden. Als Spieler kann man sich durch zerstörte Landschaften kämpfend navigieren. Das Spiel ist für 2026 geplant.
Interessant. Aber unser Albumtitel hat damit nichts zu tun. Unser Bassist Jan Hoffmann hatte die Namensidee „Phantom Void“. Es geht darum sich mit seiner inneren dunklen Seite auseinanderzusetzen und die eigene Persönlichkeit selbstkritisch zu reflektieren.
Warum prägen düstere Themen das neue Album?
Speziell die vergangenen Jahre waren für uns als Künstler schwierig. Nach dem Corona-Lockdown wurde die Welt eine andere. Alles war scheinbar so wie vorher auch – in Wirklichkeit aber nicht. Denn alles ist schwieriger geworden, als wie es vorher war. Es kostet alles viel mehr. Das Leben macht es einem als Musiker und als Mensch schwierig. Das Leben an sich wird immer herausfordernder. Deswegen höre ich auch keinerlei Happy Music. Das macht mir einfach keinen Spaß. Ich habe bei Musik immer schon die melancholische Seite bevorzugt.
Die ist ja auch spannender. Welcher ist dein Lieblingssong auf „Phantom Void“?
Mein Lieblingssong ist „Spiral“. Er ist untypisch schnell. Am Anfang bewusst stressig, dann entspannt und im weiteren Verlauf kommt eine epische Melodie. Und ich glaube auch, dass unsere erste Albumsingle „A Secret Place“ live gut abgehen wird.
Wie wichtig sind diese Up-Tempo-Songs?
Das ist immer wichtig, solche Songs im Live-Programm zu haben. Für uns als Band ist es wichtig eigene Songs zu spielen, die für Atmosphäre, ja für Kino im Kopf sorgen und die Leute woanders hinbringen, sie vom Alltag ablenken. Und das klappt zu unserer Freude sehr. Bei Konzerten sehe ich Leute, die glücklich sind, die abrocken oder die mit geschlossenen Augen unsere Musik tief in sich erleben. Ich finde es geil, wenn ich so etwas Schönes den Leuten geben kann.
Was war das Schwierigste bei der Produktion des neues Albums?
Wir wollen Wiederholung vermeiden. Etwas Neues machen ist stets unser Anspruch. Beim Aufnehmen wollen wir erreichen, das die neuen Songs immer besser sind als die Songs zuvor.
Wie ist bei Long Distance Calling die Arbeitsaufteilung?
Wenn wir schreiben, nimmt jeder unabhängig voneinander seine Riffs auf, oder eine Melodie. Das wird ein wenig aufbereitet im Home-Studio und dann schicken wir es zwischen uns vier Bandmitgliedern hin und her. Manchmal ist es wie ein Dominostein, den man einfach umstoßen muss, um das Ganze in Gang zu bringen. Dann filtern wir.

Progressiv, episch und empathisch: Long Distance Calling
Wie wichtig ist Improvisation?
Sehr wichtig. Wir jammen ja zu den Riffs und Melodien im Probenraum. Wir probieren vieles aus, indem wir improvisieren und konkrete Ideen umsetzen. So entwickeln sich die Songs Stück für Stück.
Klingt spannend …
Ja, oft sind die intuitiven Momente die emotionalsten, weil man einfach spielt, ohne darüber nachzudenken, und man genau das tut, was sich in dem Moment als richtig anfühlt. Manchmal ist es wirklich seltsam, denn nach dem Spielen fragt man sich oft: "Wie konnte ich so einen Lick, so einen Riff oder so eine Melodie erschaffen?". Man fragt sich das, weil man es von sich selbst nicht erwartet hätte. Das sind großartige Momente. Und es kann zum Beispiel passieren, das mir eine schöne Melodie einfällt, die hinterher bei der finalen Umsetzung der Songs aber rausfliegt. Das ist kein Problem. Da sind wir ganz offen.
Wie teilst du dir die Gitarrenarbeit mit Dave Jordan auf?
Ich spiele mehr Rhythmus, aber auch Melodien. Die US-Band Wishbone Ash ist ein Vorbild. Dave und ich entwickeln gemeinsam den Gitarrensound.
Das Audiophile ist euch sehr wichtig, oder?
Ja, wir wollen den besten Klang aufnehmen und präsentieren. Außerdem nehmen wir unsere Songs im Studio immer möglichst genauso so auf, wie wir sie später auch auf der Bühne tatsächlich spielen. Wir wollen vermeiden, dass der Eindruck fehlender Spuren entsteht.
Von wem kommen die sanft eingestreuten Synthesizer-Elemente?
Von unserm Schlagzeuger Janosch Rathmer und von mir.
Wie viel Münster steckt im neuen Album?
Alle Songs entstanden in unserem Proberaum in Münster-Nord, der sich in einem ehemaligen Büro befindet. Von der Atmo ist es schöner, als früher im Luftschutzbunker an der Hammer Straße.
Warum ist das Album vergleichsweise härter als bisher?
Unser 2022er-Album „Eraser“ war noch sehr rifforientiert, jetzt arbeiten wir eher mehr mit Atmos, was die Scheibe härter macht.
Die Einstiege in die neuen Songs sind ja sehr dynamisch …
Das stimmt. Das war der Ansatz. Da haben wir Lust drauf und wir haben auch immer den Liveaspekt im Hinterkopf.
Und warum ist das neue Album „Phantom Void“ das kürzeste in eurer Bandgeschichte?
Das ist pure Absicht. Wir hatten Lust auf Old School. Früher dauerten die Vinyl-Alben auch nur rund 45 Minuten. Es gibt heute CDs, die 75 Minuten lang sind mit Songs, die man sich hätte besser sparen können. Das stört mich als Hörer. Dann lieber auf Songs verzichten und kürzer und besser abliefern. In der Mitte unseres neuen Albums gibt es auch eine kleine Pause, wie früher, wo man immer extra aufstehen musste, um die Plattenseite umdrehen zu können.
Wie hat sich Long Distance Calling im Laufe der 20 Jahre – Gratuliere! – verändert?
Musikalisch sind wir mehr aufeinander eingespielt und jetzt viel entspannter, als am Anfang unserer Karriere.
Was war rückblickend dein schönstes Band-Erlebnis und warum?
Unsere erste Europa-Tournee. Das absolute Highlight, fünf Wochen am Stück, vor 16 Jahren, und als erstes Mal in Russland 2012. Das war damals total schön, wie nett wir da in Empfang genommen worden sind.

Gitarrist Florian Füntmann gibt Einblicke ins Long Distance Calling-Leben
Was war das bislang verrückteste?
Relativ am Anfang beim Burg-Herzberg-Festival. Da spielten wir auf der Nebenbühne. Davor hate es die ganze Zeit in Strömen geregnet, wir dachten „Scheiße“. Aber genau zu Beginn unseres Konzertes hörte der Regen schlagartig auf und plötzlich waren ganz viele Menschen da. Ein Wahnsinn war auch unsere erste Show in Athen, ausverkauft und rappelvoll mit vielen Menschen vor der Halle, die nicht mehr reinpassten.
In wie vielen Ländern seid Ihr bislang aufgetreten?
In rund 30 Ländern, komplett in Europa außer in Schweden, Lichtenstein war krass, weil das Land so unglaublich klein ist.
Was ist die Philosophie von Long Distance Calling?
Nie irgendwas abliefern, mit dem wir nicht hundertprozentig zufrieden sind.
Wie kann man euch stilistisch einordnen?
Unsere Musik ist Progressive Rock. Ab dem vierten Album. Vorher haben wir straighteren Postrock gemacht, danach nicht mehr.
Bis auf eine kurze Zeit mit einem Sänger schwört ihr auf reine Instrumentalmusik. Warum? Was macht den Reiz aus?
Das Schöne ist, man ist nicht auf eine Stimme fixiert und limitiert. Der Sänger steht mit seiner Stimme im Mittelpunkt. Dann ist es beim Publikum immer so: Die Stimme mag ich oder ich mag sie nicht. Wenn Leute sagen, Instrumental-Musik ist anstrengend, ist das nachvollziehbar. Wir empfinden das aber nicht so.
Warum?
Mit Instrumentalmusik hast du viel mehr Möglichkeiten. Wir sind nicht an Melodien gebunden, nicht an Tonlagen, sind total frei. Das macht es spannender beim Songwriting. Wir nutzen diese Freiheit, um in alle Richtungen zu denken und Musik auch über den Tellerrand hinweg zu machen und viel Neues auszuprobieren. Diese Freiheit ist wunderbar.
Was sind deine Vorbilder?
Pink Floyd, nach wie vor und Steven Wilson. Die schwedische Metalband Opeth ist ein Rieseneinfluss.
Träumst du auch instrumental?
Hehe. Weiß ich nicht. Kann ich mich nicht dran erinnern. Ich rede im Schlaf wohl.
Euer neues Album „Phantom Void“ endet (nach dem dramatisch-cineastischen Intro „Mare“) etwas überraschend, wie ein Cliffhanger …
Gut erkannt. Das ist pure Absicht, haha.
Ihr wart vor kurzem auf China-Tour. Wie reagierten die Fans dort auf eure Musik?
Das war unfassbar. Ein absolutes Highlight. Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Leute so ausrasten. Wir waren ja noch nie da. Ich dachte, die Asiaten wären ruhiger und zurückhaltender. Das war aber überhaupt nicht so. In China gab es unfassbare Tage und unfassbares Licht.
Was war eurer krassester Auftrittsort?
Abgefahren war unser Gig in einer Schulaula. Der Veranstalter war dort Schüler und Fan und hat uns einfach gebucht.
Gibt es endlich auch wieder einen Auftritt in Münster?
Münster ist eine schöne Stadt. Wir würden gerne im Schloss spielen, wenn das geht. Ansonsten suchen wir noch einen passenden Ort für unsere Bühne mitsamt aufwendiger Licht- und Videoshow.
Könnt Ihr von der Musik leben oder habt Ihr noch andere Berufe?
Wir Bandmitglieder haben alle Familie. Ich arbeite in der OGS, gebe Gitarrenunterricht. Jan ist Senioren-Alltagshelfer, Janosch ist Musiklehrer und bei einem Label, Dave hat eine Gitarren- und Verstärkerwerkstatt und ist Roadie, zum Beispiel bei den H-Blockx.
Die Band Long Distance Calling besteht seit 20 Jahren aus Florian Füntmann (Gitarre), Dave Jordan (Gitarre), Jan Hoffmann (Bass) und Janosch Rathmer (Schlagzeug). Die Münsteraner sind bislang in über 30 Ländern aufgetreten und haben jetzt mit dem sehr empfehlenswerten „A Secret Place“ ihr zehntes Album veröffentlicht. https://shop.longdistancecalling.de/de/ ; https://linktr.ee/longdistancecalling
lllustration Thorsten Kambach / Fotos Andre Stephan / ear music


