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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Peter Sauer spricht mit Felix Friberg über den Aasee, den Gasometer und tätowierte Rücken

KANTIG UND NIEMALS STROMLINIENFÖRMIG

Gerade in der Melange aus waviger Melancholie, tanzbarem Gothic und rockigem Wiedererstarken: Seit 29 Jahren begeistert die Band BURN aus Münster bundesweit die Fans. Vom ersten Tag an dabei ist Mastermind, Sänger, Songwriter und Gitarrist Felix Friberg. Seine bittersüßen Texte und sein inniger, trotzig-ehrlicher Gesang erinnern zwar etwas an Robert Smith von The Cure, besitzen aber große authentische Eigenständigkeit. Jetzt erschien das neue Album „Falling in Reserve“.

Hallo Felix, Dein Gitarrenspiel klingt sehr versiert, Dein empathischer Gesang hat einen großen Wiedererkennungswert. Hast Du eigentlich eine musikalische Früherziehung genossen?


Nur Blockflötenunterricht. Da ist aber nix an mir hängengeblieben. Ich bin in der Kindheit aus dem Chor gegenüber meiner Grundschule in Kinderhaus herausgeflogen, weil ich brummen würde.


Brummen? Unfassbar, bei Deiner heutigen doch relativ hohen und feinen Gesangsstimme …


Ja, unfassbar. Später habe ich dann als junger Mensch angefangen Gitarre zu lernen und das entwickelte sich dann autodidaktisch im Lauf der Zeit immer besser.


Du bist in einem der Hochhäuser an der Killingstraße in Kinderhaus aufgewachsen. An was erinnerst Du Dich?


Dort bekam ich – trotz aller Anfeindungen wegen meiner Gothic-Frisur – eine offene Haltung zu den Menschen, weil damals schon in Kinderhaus alles sehr multikulturell war.


Was hast Du mitgenommen fürs Leben?


Von der Kindheit zum Erwachsenenleben hatte ich dort nicht wirklich eine problemlose Zeit. Das waren echt prägende Jahre. Auch das Problemviertel Killingstraße prägte. Ich lernte, dass man einfach seinem Instinkt folgen und nie aufgeben soll. Auch mit BURN sind wir später nach schwierigen Phasen und Pausen einfach immer wieder aufgestanden. Durchhaltevermögen lernt man gut in Kinderhaus.


Was war rückblickend Dein schönstes Kindheitserlebnis?


Als ich mit meinem BMX-Rad die Killingstraße heruntergefahren bin.


Wie veränderte Dich das „Kiss Me“-Album von „The Cure“ im Jahre 1988?


Das Cure-Album war eine Initialzündung. Da war ich 13 Jahre alt. Ich wachte aus dem Dornröschenschlaf der Pubertät auf und wollte unbedingt selbst Rockmusiker werden. Das gelang zunächst über die Schulband an der Realschule in Kinderhaus. Ob „Sandman“ von Metallica oder „Knockin on Heavens Door“ von Guns n’ Roses – wir hatten erst grottige Cover dilettantisch performt. Denn wir hatten keine PA-Beschallungsanlage und haben immer gegen den Lärm angeschrien. Alles wurde dann besser, als ich begann, eigene Songs zu schreiben.


Warum brennst Du so für die Musik?


In der Musik kann ich meine Gefühle am besten ausdrücken und reflektieren.


Wie ging es mit BURN los?


Am 5. April 1994 starb Kurt Cobain. Wir waren erst eine Nirvana-Coverband und daraus entwickelte sich 1995 dann BURN als eigenständige Alternative-Rockband mit 80er-Wave. Das „wuddi“, das Zentrum für Kinder und Jugendliche in Kinderhaus, hat uns bei unserer Entwicklung sehr geholfen. Wir konnten dort unsere regelmäßigen Proben machen und bekamen dort viele Freiräume.


Wie entstanden am Anfang Eure Songs?


Die ersten zehn Jahre haben wir alle Songs im Probenraum geschrieben, damals noch mit der ganzen Band. Die Texte habe ich über die Musik geschrieben.


Den Songwriter in Dir hast Du Dir selbst beigebracht?


Ja, ich habe als Kind nichts geschrieben oder vorgetragen oder so. Das kam erst mit der Musik.


Wie entsteht heute ein BURN-Song?


Wenn wir ein Album machen, haben wir zunächst viele Instrumentalteile ohne Text und Melodie. Wenn ich die Musik schreibe, habe ich zu einem Teil Assoziationen, die ich miteinbeziehe, Dinge, die mich erinnern, an U-Bahnfahrten, an Gefühle, an Situationen. Ich folge meinem Instinkt und weiß vorher nicht, wo die Reise letztendlich hingeht. Bestimmte Wörter und Eindrücke notiere ich mir im Alltag, manchmal auch nachts.


Wie lange brütest Du über einem Song?


Ich gebe mir immer nur einen einzigen Anlauf für einen Song, Wenn ein Song mal nichts geworden ist, stelle ich mich nicht selber in Frage, sondern gehe den nächsten Song an.


Wie lange brauchst Du für einen Text?


So vier Stunden in der Regel. Ich setze mich dran und höre nicht auf, bevor ich fertig bin. Ich muss schnell sein.


Warum?


Meine Gedanken überholen mich manchmal so, dass ich mit dem Tippen fast nicht nachkomme. Ich habe ein eigenes Studio im Keller, da singe ich schon die ersten Sachen ein.


Und was sagen Deine Nachbarn dazu?


Ich mache das zu den Zeiten, an denen keiner Gefahr läuft, aus dem Bett zu fallen.


Wie reagierst Du, wenn ein Song dann fertig ist?


Manchmal stehe ich neben mir und frage mich: Wer hat das eigentlich aufgeschrieben? Das ist immer eine ganz besondere Magie, die sehr viel Spaß macht.

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In der Musik kann ich meine Gefühle am besten ausdrücken

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Und sicher spannend ist …


Und wie!


Hand aufs Herz, wie viel zerstörte Liebesbeziehungen finden sich in den BURN-Songs wieder?


(Lacht) Ja, ich hatte eine sehr bewegte Vergangenheit, das stimmt. Ich habe auch manche Songs als Therapie benutzt. Ich sehe das eben nicht so, wie R.E.M.-Sänger Michael Stipe.


Inwiefern?


Der R.E.M.-Sänger sagte mal, er hätte mit den Texten, die er schreibt und singt, so gar nichts zu tun. Das finde ich befremdlich. Ich spiele auch auf der Bühne keine coole Rolle, sondern spüre beim Singen die Intensität der Songs und die Verbindung zum Publikum.


Wann hast Du die Verbindung zum Publikum am deutlichsten gespürt?


Vor 18000 Menschen im Vorprogramm von „Unheilig“, bei den Gigs mit „Clan of Xymox“ oder „ASP“, aber auch bei unserem nach der Pandemie nachgeholten Jubiläumskonzert im kleinen aber feinen „wuddi“ in Kinderhaus.


Haben sich eigentlich die Songthemen im Laufe der Zeit verändert?


Das erste BURN-Album war einfach ein Scheidungsalbum. Das neue Album „Falling in Reserve“ ist unser reifstes Album. Wichtig ist bei alledem, sich die Neugier und den Spaß der Jugend zu bewahren und stets kantig zu bleiben, niemals stromlinienförmig zu werden.


Vor allem bei den Konzerten habe ich gemerkt, dass BURN sehr treue Fans hat. Gibt es auch Groupies?


Nein, aber richtig innige Fans. Eine Frau hat sich zum Beispiel die Sonne vom Cover unseres Debütalbums „The Truth“ auf ihren Rücken tätowieren lassen und das ziemlich groß. Ein größeres Kompliment gibt es nicht.


Spielt Ihr immer noch überall, wie früher?


Früher haben wir in der Tat immer gesagt, wir spielen überall, wo es eine Steckdose gibt. (Lacht) Da haben wir fast alles bedient.


Alles?


Nur Hochzeiten nicht. Aber wir haben zum Beispiel auch mal bei einem Footballturnier in der Halbzeitpause gespielt, auf der Tartanbahn. Wir fragten zur Sicherheit die Veranstalter: Was machen wir, wenn es regnet? Da haben sie uns kurzfristig Pavillons organisiert.


Und wie ging die Sache aus?


Natürlich hat es geregnet, mit der Folge, dass unsere Sicherungen andauernd rausgeflogen sind, weil das Wasser dort reingeflossen war.


Was war Dein krassestes Bühnenerlebnis?


In Rostock stürmte ein Besoffener die Bühne und krakelte rappelvoll im Instrumentalteil eines Songs.


Was macht Ihr, wenn sich mal einer von Euch verspielt?


(Lacht) Wir haben stets großen Spaß auf der Bühne, eine innere Freude am Musik machen. Authentizität ist wichtig und Verdaddeln gehört auch dazu.


Wer fährt eigentlich den Tour-Bulli?


Eine gute Frage. Wir haben mal in Lippstadt sechs Stunden am Stück gespielt. Da biste fix und alle, Du schüttelst Dich kurz und fragst: Wer fährt jetzt den Wagen? Einer findet sich aber immer. Aber es gibt zwei Dinge, die ich nicht mehr möchte.


Welche?


Ikea-Schränke aufbauen. Damit bin ich für drei Leben komplett fertig. Und ich will keine zig Kilometer mehr auf der Autobahn runterreißen. Da übernachte ich lieber irgendwo.


Was passiert mit Dir als Riesenfan in einem Konzert von The Cure, wenn Du Dein großes Vorbild Robert Smith siehst und hörst?


Das ist wirklich eine ganz besondere Verbindung. Ich bin im The-Cure-Konzert einfach emotional völlig überwältigt, von ihm, seiner Stimme und der speziellen Magie mancher Songs.


Warum bist Du nie mit einer The-Cure-Cover-Band an den Start gegangen?


Das wäre sicher erfolgreich gewesen und einfacher, aber ich wollte immer mich selber ausdrücken und eigene Kunst schaffen. Und damit haben wir es ja zu Beispiel ins Vorprogramm von Unheilig geschafft und begleiten jetzt aktuell L’Âme Immortelle auf ihrer „Ungelebte Leben“-Tour.


Worum geht es in dem neuen BURN-Album „Falling in Reserve“?


Alle Songs des Albums hängen zusammen. Unser Protagonist blickt zurück. Er hat ein gebrochenes Herz, ist voller Selbstzweifel in seiner Einsamkeit. Er geht einen Schritt nach vorne und zwei Schritte zurück. Das drückt sich auch gut in dem Song „Enola/Alone“ aus, zumal beide Wörter das jeweils andere Wort rückwärts ergeben.

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Alle Songs des Albums hängen zusammen

Vor allem der Song „Grey“ ist ein kongenialer Spiegel unserer Zeit, finde ich …


Ich schrieb „Grey“ während der Corona-Pandemie über die Isolation, das Anhalten des gewohnten Lebens, die Absurditäten des neuen Lebens im Lockdown und über die überbordene Einsamkeit allerorten. Aus dem Leben wichen damals alle bunten Farben zu einem einzig verbliebenen bleiernen Grau. Grey halt. Isolation, Einsamkeit, Taubheitsgefühle, Verlust und Leere beschäftigen mich schon mein ganzes Leben lang.


Die Krisen-Zeitenwende findet sich auch im neuen Song „Anomaly“.


Es geht darum, ob ich noch hier bin oder nicht, ob alles bloß ein Traum ist. Manchmal fühlt sich das Leben an wie ein Fernseher, der kein Signal mehr bekommt.


Du hast schon viele Songs im Studio aufgenommen. Gibt es da noch Gänsehaut-Momente?


Bei der Aufnahme des neuen Albums war ich beim Einsingen manchmal sehr angefasst. Das überraschte mich sehr.


Das neue Album wird als Euer bestes von Publikum und Kritik gefeiert.


Danke. Aber wir haben die besten Songs nicht hinter uns, sondern noch vor uns. Da kommt noch was. Jede Menge!


Wunderbar. Ihr habt im Gasometer vor ein paar Jahren ein krasses Video gedreht. Was hältst Du davon, dass der Gasometer jetzt verkauft wurde für ein nobles Invest, um da unter anderem schicke Wohnungen zu errichten?


Da kriege ich das Kotzen. Eine Investition ist zwar megageil, aber nur um Theaterensembles, Künstler oder Bands da spielen zu lassen.


Auch bei Deinen Haaren ist Gothic Wave Programm. Wer macht Dir eigentlich die Haare?


(Lacht) Die Haare mache ich mir immer alleine. Mal brauche ich nur zehn Minuten, mal länger.


Hast Du Hobbys?


Ich habe abends gerne unsere zwei Katzen auf meinem Bauch. Die haben wir aus dem Tierheim gerettet.


Was guckst Du in Deiner Freizeit?


Stromberg finde ich geil und ich bin sehr Zuhause bei dem ganzen 80er-Kram, wie zum Beispiel Beverly Hills Cop, Blues Brothers oder Ghostbusters.


Machst Du Sport?


Tatsächlich am Aasee. Drei- mal die Woche jogge ich drumherum, als Seelenauftanker. Mit dem Fahrrad fahre ich von Gievenbeck zum Joggen zum Aasee. Neben der Musik hat der Sport für mich einen ganz wichtigen Aspekt, dann bin ich ganz bei mir und rundum zufrieden. Ich muss dahin, der Tag ist nichts, wenn ich nicht am Aasee war. Das Tolle in Münster ist: Zum Aasee kannste immer hin. Egal zu welcher Jahreszeit, der Aasee ist immer ein Energiespender.


Was ist im Urlaub Dein Sehnsuchtsort?


Es zieht mich tatsächlich immer mehr zum Meer, das ist einfach sehr romantisch und mir ist es egal, wo die Sonne über dem Wasser untergeht, ob in Portugal oder an der Nordsee.


Wofür brennt Felix Friberg 2024?


Ich will unbedingt neue Gitarren kaufen.


Wie viele hast Du schon?


Ein Dutzend. Aber ich habe zu jeder Gitarre eine ganz besondere Beziehung.

Felix Friberg

Felix Friberg ist Sänger, Songwriter und Mastermind der Band BURN aus Münster, die es seit 1995 gibt. Er kam am 12. März 1975 in Kinderhaus auf die Welt und lebt in einer Beziehung in Gievenbeck. Größter Hit von BURN waren die Ohrwürmer „Ghost“ und „Burn for You“. Das aktuelle Album „Falling in Reserve“ begeistert Publikum und Kritiker gleichermaßen. Im Januar und Februar 2024 begleitet BURN die Band L’Âme Immortelle bundesweit auf ihrer „Ungelebte Leben“-Tour.

www.burn-shop.de

Illustration Thorsten Kambach / Fotos Daniela Vorndran

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