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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Von Werten, Schmuck und Handwerk – ein junges Business mit Glanzfaktor

VON WERTEN, SCHMUCK
UND HANDWERK

Hier ist doch alles Gold, was glänzt. Oder es sind andere feine Edelmetalle und schillernde Steine. Doch wie ist es mit der Bewertung und Herstellung von wertvollen Gegenständen und was macht eine Gemmologin in diesem Zusammenhang? Redakteurin Chiara Kucharski hat sich mit der Goldschmiedemeisterin und Gemmologin Fabiola Rössiger und ihrem Partner Oliver Roesler in ihrer Schmuckmanufaktur in Münster getroffen, um über ein Handwerk, das schon lange Bestand hat, ihr junges Business, das aktuell einjähriges Jubiläum feiern kann, und die Selbständigkeit im Bereich der guten, schönen und edlen Dinge zu sprechen.


Bei Edelmetallen gab es in den letzten Jahren eine starke Preisentwicklung nach oben, und auch sonst wird fast alles teurer. Wie ist die Lage für guten und edlen Schmuck?



Oliver: Die Ausgabebereitschaft wächst extrem, gerade beim Verlobungsring. 




Ist das nicht ungewöhnlich?



Oliver: Das sehen wir genauso, es hat uns echt überrascht. Die Budgets für Verlobungsringe sind sehr hoch. Das kannte man früher eher von Frauen ab vierzig, die sich bewusst etwas gönnen. Heute kann man das bei jungen Paaren schon sehen.
Fabiola: Junge Leute sind daran gewöhnt, dass Preise steigen, nicht nur bei Schmuck, sondern generell. Hochwertige Dinge kosten Geld, das ist präsenter in den Köpfen. Das merkt man sogar bei Kleinigkeiten wie Reparaturen oder Ringweitenänderungen, weil Ältere auch noch die früheren Preise kennen. Jüngere sagen eher: „Ach, nur?


“

Wie erklärt ihr euch die Bereitschaft, gerade für Schmuck mehr auszugeben?



Oliver: Die Bedeutung von Schmuck hat sich verschoben. Ein Verlobungsring ist heute auch ein Prestigeobjekt mit Statuscharakter. Social Media spielt da sicherlich auch eine Rolle.
Fabiola: Der Verlobungsring wird auch nach der Hochzeit oft nicht mehr abgelegt. Viele Frauen tragen ihn bewusst weiter, entweder zusammen mit dem Ehering oder an der anderen Hand. Wenn man ein schönes Schmuckstück bekommt, möchte man es auch zeigen.


Du bist nicht nur Goldschmiedemeisterin, sondern auch Gemmologin. Was versteht man darunter?



Fabiola: Gemmologie ist die Edelsteinkunde. Der Begriff ist nicht sehr geläufig. Ich wusste früh, dass ich Goldschmiedin werden, meinen Meister machen und Fasserin werden möchte. Über ein Stipendium konnte ich mich weiterqualifizieren und habe mich für die Gemmologie entschieden – in Idar-Oberstein, der Hochburg für Edelsteine.

Was erfährt man über Edelsteine? 


Fabiola: Man lernt dort alles über die Entstehung, Minerale, Varietäten, Farben, Eigenschaften und Unterscheidungsmerkmale. Besonders spannend ist die praktische Arbeit. Man bekommt unbekannte Steine und lernt, sie unter dem Mikroskop, anhand kleinster natürlicher Merkmale, wie beim Spurenlesen zu bestimmen. Das ist unglaublich faszinierend.




Was sind das für Merkmale?



Fabiola: Natürliche Merkmale sind zum Beispiel so etwas wie Kristalleinschlüsse. Es gibt verschiedene Einschlüsse, Flüssigkeitsmerkmale, Einschlüsse wie Rutilnadeln. Jeder Stein hat typische Merkmale, die man mit der Zeit erkennt. Man lernt das theoretisch, sucht es dann aber praktisch im Stein. Das macht großen Spaß und erweitert das Verständnis enorm.


Kannst Du sofort erkennen, ob Schmuck „echt“ oder Modeschmuck ist?



Fabiola: Ja. Eine Fachperson erkennt das deutlich schneller, es wäre auch erschreckend, wenn nicht. Aus der Erfahrung heraus erkennt man sogar oft schon von Weitem etwas, wenn man in ein Schaufenster guckt. 




Hast Du Tipps für Laien, wodurch man Schmuck gut einordnen kann? 



Fabiola: Die Farbe verrät schonmal viel. Stark vergoldeter Schmuck wirkt oft greller in seinem gelblich-orangenen Farbton, als massiver Goldschmuck. Wenn sich die Beschichtung abnutzt, kommt meist Unedelmetall zum Vorschein. Echte Edelsteine von Zirkonia oder Glas zu unterscheiden, ist für Laien schwierig. Das merkt man oft erst mit der Zeit, wenn sich Steine abnutzen oder Beschichtungen abgehen. Für Laien ist der Preis ein wichtiger Hinweis: Ein großer Stein mit viel Material für ein paar hundert Euro kann kein Echtschmuck sein.




Wenn ein viel zu hoher Preis angesetzt wird, wäre das kein Indiz mehr …



Fabiola: Vollkommen richtig. Heutzutage ist der Bereich der Synthesen sehr gefragt. Das sind im Labor gezüchtete Edelsteine („Lab-Growns“), die mit bloßem Auge nicht zu unterscheiden sind. Das war früher schon bei Korunden, bei Steinen, wie Rubinen und Saphiren oder auch bei Smaragden gängiger. Heute sind es besonders die laborgezüchteten Diamanten. Die kann man mit bloßem Auge nicht erkennen, der Laie sowieso nicht. 


Wie steht ihr zu laborgezüchteten Diamanten?



Fabiola: Wir arbeiten ausschließlich mit natürlich gewachsenen Edelsteinen, ob bei Farbsteinen oder bei Diamanten. Wir bieten keine Synthesen an, auch nicht auf Anfrage. Das war gerade am Anfang, wenn man den Druck der Gründung hat, wirklich nicht leicht, aber es entspricht unserer Überzeugung. 


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Ein großer Stein mit viel Material für ein paar hundert Euro kann kein Echtschmuck sein

Gab es Angebote, die man (fast) nicht ablehnen konnte?



Oliver: Wir hatten gleich zu Beginn eine Anfrage, die wirtschaftlich sehr verlockend war. Diese Anfrage abzulehnen, fiel uns sehr schwer. Allerdings hat Fabiola so geschickt abgelehnt und erklärt, wofür wir stehen, dass sich der Kunde am Ende für die natürliche Variante entschieden und nahezu das Doppelte investiert hat. Der Markt für Lab-Growns stagniert. Anfangs, als sie auf den Markt kamen, gab es viel Verunsicherung. 




Ja?



Auch weil zu Beginn, bei den Zertifizierungen durch die global relevanten Labore, nicht zwischen laborgewachsenen und natürlichen Steinen unterschieden wurde. Das wurde erfreulicherweise korrigiert. 




Was hat sich geändert?



Oliver: Inzwischen wird klarer unterschieden. Die Steine werden nicht mehr nach den gleichen Kriterien wie natürliche zertifiziert. Das hatte vorher für Verwirrung gesorgt und wurde zum Teil auch kriminell genutzt. Es hat uns ein bisschen geärgert. Dass neue Entwicklungen auf den Markt kommen, ist völlig normal und alles findet seinen Platz. Die Frage ist nur, wie groß der Platz ist, der eingenommen wird. Das beruhigt sich gerade alles etwas und der natürliche Stein ist wieder stark gefragt.


Welche Arbeitsschritte finden im Atelier statt?



Fabiola: Im Grunde alles. Von der Beratung über die Gestaltung bis zur Fertigung. Jedes Schmuckstück wird individuell neu angefertigt, auch wenn es als Inspiration aus unseren Vitrinen stammt. Material, Legierung, Ringweite, Steine, alles kann angepasst werden.




Wie kommt man an das wertvolle Rohmaterial?



Fabiola: Nach der Auftragserteilung bestellen wir das Rohmaterial bei einer Scheideanstalt, meist Gelb-, Rot- oder Weißgold oder Platin. Dann beginnt die Handarbeit: Schmelzen, Walzen, Ziehen, Sägen, Feilen, Löten. Fassungen werden von Hand gebaut und die Steine unter dem Mikroskop gefasst. Am Ende wird poliert, gereinigt und das Schmuckstück übergeben. Viele Kunden bringen eigene Ideen oder sogar Modeschmuck mit, um es dann als hochwertigen und langlebigen Schmuck zu bekommen.


Gibt es ab und an Lieferschwierigkeiten bei Rohstoffen?



Oliver: Wenn wir jetzt geopolitisch denken, arbeiten wir ausschließlich mit in Antwerpen gehandelten Diamanten. Bei Farbedelsteinen gibt es nicht so einen organisierten Marktplatz, da geht es um vertrauensvolle Zulieferer. Das ist im Bereich Diamanten regulierter. Auch das Thema „Blood Diamonds“ ist schon länger vorbei. 




Ja?



Oliver: Durch den „Responsible Jewellery Council“, das ist ein großer, weltweiter Rat, dem sich beispielsweise De Beers und viele andere verpflichtet haben, kann man sich darauf verlassen. In diesem Kontext ist mir aufgefallen, dass einige Lieferanten aktuell explizit darauf hinweisen, derzeit nicht mit in Russland geförderten Diamanten zu handeln. Global ist Russland Förderer Nummer eins. Das ist das Einzige, was ich geopolitisch so mitbekommen habe.


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Altgold ist großartig

Fabiola, gibt es ein Material, mit dem Du am liebsten arbeitest?



Fabiola: Ganz klar mit 750er-Gelbgold. (lacht.)




Das kam prompt. 



Fabiola: Es beschreibt den Feingoldanteil in einer Legierung. Von tausend Teilen sind jeweils 750 Teile Feingold. Feingold ist sehr weich und je höher der Anteil ist, umso schöner lässt sich das Material natürlich verformen. Es ist wunderschön in der Farbe, es lässt sich gut löten, lässt sich gut biegen, es macht genau das, was ich will. 




Du kommst richtig ins Schwärmen. 



Fabiola: Es ist wirklich mein absolutes Lieblingsmaterial. Leider ist der Goldpreis so hoch, dass natürlich viele Leute mittlerweile zu 585er greifen. Das kann ich absolut nachvollziehen, weil es auch eine ganz tolle Legierung ist, eine gute Legierung. Wir arbeiten mit 585er und 750er-Gold. Das 333er-Gold verarbeiten wir nicht, weil es zu spröde ist.




Kommen oft Leute mit ihrem Gold vorbei?



Oliver: Viele Kunden bringen derzeit Altgold mit. Durch den hohen Goldpreis lohnt sich das sehr. 
Fabiola: Altgold ist großartig. Wenn die Legierung passt, kann man auch alten Schmuck einschmelzen und daraus ein völlig neues Schmuckstück fertigen. Wenn Leute mit dem Schmuck von der Großmutter ankommen, der einen hohen ideellen Wert hat, aber im Stil nicht passt, dann kann man mit dem Wissen, dass es genau dieses Erbstück ist, nur in neuer Form, die Leute abholen. Das sind oft die emotionalsten Aufträge.


Wie war der Start in die Selbstständigkeit hier in Münster?



Fabiola: Für mich war früh klar, dass ich mich selbständig machen möchte. Vom ersten Tag meiner Ausbildung an. Ich wollte möglichst viel selbst können, Goldschmieden, Fassen, Edelsteinkunde. Nach meiner Stelle in Köln, bei der ich den kompletten handwerklichen Bereich übernommen habe, bin ich bewusst nach Münster zurückgekommen. Wir haben lange nach einer passenden Immobilie gesucht und sind schließlich hier gelandet. Die Lage etwas außerhalb, aber dennoch in der City, war eine bewusste Entscheidung: für Ruhe, Zeit für Beratung und echtes Handwerk.


Gibt es neue Technologien im traditionellen Goldschmiedehandwerk?



Fabiola: Ja, viele – von CAD/CAM (Computer Aided Design und Computer Aided Manufacturing) über Lasertechnik bis zu modernen Fasswerkzeugen. Wir haben uns dazu entschieden, ausschließlich Technik zu nutzen, die das Handwerk unterstützt, nicht ersetzt. Wichtig ist uns, dass jedes Schmuckstück echte Handarbeit bleibt und auch aus Altgold gefertigt werden kann. Beratung, Qualität und Handwerk überzeugen am Ende mehr als schneller Internetschmuck. Das merken wir jeden Tag.


Fabiola Rössiger, gebürtig aus Bielefeld, ist gelernte Goldschmiedemeisterin, Edelsteinfasserin und Gemmologin. Sie hat ihre Ausbildung zur Edelsteinfasserin und ihren Meister in Münster absolviert. Oliver Roesler ist ursprünglich Unternehmensberater und lebt seit über siebzehn Jahren in Münster. Gemeinsam haben die beiden im Februar 2025 die Schmuckmanufaktur Fabiola Rössiger gegründet und an der Warendorfer Straße eröffnet. 


https://fabiola-roessiger.de/

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Farina Renegade

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