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2022-11-07 Stadtgeflüster Illustration Ekki kurz.tif

Arndt Zinkant spricht mit Eva-Maria Husemeyer über die Rettung des Kreuzviertelfestes

KREUZVIERTELFEST: THE SHOW MUST GO ON!

Die gute Nachricht: Das Kreuzviertelfest kann im August einmal mehr stattfinden. Die weniger gute: Es war dieses Jahr extrem knapp. Vor allem die finanzielle Situation ließ den Verein der Kreuzviertler Geschäftsleute als Veranstalter einen Hilferuf starten. Mit welchen Anstrengungen es gelang, das beliebte Event im Schatten der Kreuzkirche für dieses Jahr zu retten, erzählt die 1. Vorsitzende Eva-Maria Husemeyer im Interview. 

Wie groß war Ihre Sorge in den vergangenen Wochen, dass das Kreuzviertelfest 2026 tatsächlich abgesagt werden muss?


Wenn ich ehrlich bin: ziemlich groß. Denn beim Jahresabschluss 2025 hatten wir festgestellt, dass, durch mehrere Ursachen bedingt, ein beträchtliches Loch in unserem Fest-Budget klaffte, das sich auf die Schnelle nicht ausgleichen ließ. Dazu gehörten gesteigerte Sicherheitsvorkehrungen, höhere Energiekosten, angehobene Mindestlöhne oder weitere allgemeine Preissteigerungen. Zudem waren Kooperationspartnern oder Dienstleistern Grenzen fürs Entgegenkommen gesetzt. Als Konsequenz aus all diesen Faktoren wurde innerhalb des Leitungsgremiums die Absage für den nächsten Durchgang ein ums andere Mal tatsächlich ernsthaft erwogen.


Wann haben Sie erkannt, dass die finanzielle Situation des Festes kritisch wird, und was war der entscheidende Auslöser für den öffentlichen Hilferuf?


Bereits Anfang 2026 machten wir uns auf die Suche nach zusätzlichen Unterstützern. Dies erwies sich jedoch als ein eher schwieriges Unterfangen, nicht zuletzt wegen der Fest-Verschiebung zugunsten der großen NRW-Feier. So mussten wir vom allseits bekannten Traditions-Termin am letzten August-Wochenende auf den noch in den Sommerferien gelegenen Zeitraum vom 21. bis 23. August umswitchen – und merkten nach und nach immer deutlicher: Sponsorinnen und Sponsoren hatten sich teils anders orientiert. Oder sie signalisierten uns, aufgrund der insgesamt angespannten Wirtschaftslage selbst den Gürtel enger schnallen zu wollen. Darüber hinaus mussten wir Standbetreiber erst einmal von der Terminverlegung überzeugen. Den erheblich gestiegenen Aufwendungen, siehe oben, standen mehr denn je reduzierte Einnahme-Erwartungen gegenüber – das Ergebnis interner Hochrechnungen. Ein Missverhältnis, das zum Handeln zwang. In dem erwähnten Hilferuf spiegelt sich deshalb die Überlegung wider, alle Modalitäten für eine Etataufstockung auszuloten. Schließlich drängte die Frist, um zu- bzw. abzusagen. Ferner waren Verträge mit Bühnenbauern oder Bands zu fixieren.


Die Kosten für Sicherheit, Energie und Personal sind deutlich gestiegen. Welcher dieser Faktoren belastet die Veranstaltung inzwischen am stärksten?


Alle drei Bereiche, die jeder für sich als Preistreiber fungieren. In den 2010er-Jahren wurde ich zur Vereinsvorsitzenden gewählt – damals durften noch Schülerinnen und Schüler ehrenamtlich die Zugänge zum Festgelände regeln. Daran ist aufgrund der seitdem passierten schrecklichen Ereignisse bei Open-Air-Veranstaltungen schon lange nicht mehr zu denken. Ausgebildetes Security-Personal mit Fahrzeugblockaden verhindert heutzutage das unbefugte Befahren des Geländes. Hinzu kommen Wassertanks, Poller und verschiedene Arten von Absperrungen. Die gestiegenen Energiekosten spürt vermutlich jeder einzelne von uns schon in seiner Geldbörse – dies wirkt sich natürlich ebenfalls auf die Kosten zur Festdurchführung aus. Aber auch gestiegene technische Anforderungen lassen durch die Platzierung weiterer Stromkästen, Montage von Trinkwasserzapfstellen, Verlegung von Anschlüssen und Leitungen usw. die Ausgaben nach oben schnellen. All dies bedeutet vor allem höhere Personalkosten für unsere Dienstleister, die sie danach an uns weitergeben.


Das Kreuzviertelfest lebt von seiner besonderen Atmosphäre und seinem ehrenamtlichen Engagement. Wie schwer fällt es Ihnen, zwischen Sparzwängen und dem Erhalt dieses Charakters abzuwägen?


Seit Jahren gleicht dieser Spagat einem Ritt auf der Rasierklinge. Warum? Um das – wie Sie sagen – besondere Flair aufrechtzuerhalten, bemühen wir uns um die behutsame und zugleich zeitgemäße Weiterentwicklung unseres Konzepts – Innovationen, die zwangsläufig Geld kosten. Andererseits haben wir viele Positionen auf Kürzungen oder Relevanz selbstkritisch überprüft. Zum Beispiel durch einen Wechsel von Dienstleistern oder Anbietern ließen sich diesmal Ausgabensenkungen herbeiführen – die dadurch freigewordenen Mittel werden nun in die kommende Ausgabe gesteckt. Indem das Organisationsteam durchweg ehrenamtlich arbeitet, tragen wir weitere Altlasten ab. Allerdings wird es schwieriger, Veranstaltungspartner für den Solidargedanken zu gewinnen. Übrigens: Dass die Musikszene bei den Gagenvereinbarungen unsere angespannte Kassenlage berücksichtigte, hat uns alle mächtig gefreut. Riesen-Kompliment und Dank für diese feine, solidarische Geste.

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Riesen Kompliment an die solidarische Geste

Im vergangenen Jahr entstand ein fünfstelliges Defizit. Welche konkreten Maßnahmen haben Sie ergriffen, um das Fest in diesem Jahr wirtschaftlich stabiler aufzustellen?


Außer den gerade genannten eigenen Maßnahmen haben wir entschieden, in diesem Jahr sowohl alle Aussteller als auch Gastro-Anbieter umfangreicher an den Kosten für das gesamte technische Equipment sowie die Sicherheitsvorkehrungen zu beteiligen. Außerdem wollen uns Mitgliedsunternehmen personell stärker unterstützen. So übernehmen auf dem Bierwagen einzelne Betriebsgemeinschaften das Bedienen der Gäste – ehrenamtlich, wohlgemerkt, damit Getränkeeinnahmen direkt in die Finanzierung des Festes fließen und Personalkosten hingegen gesenkt werden können. Auch während der Auf- und Abbauphasen stehen mehr freiwillige Helferinnen und Helfer als sonst zur Verfügung (man kann sich noch gerne melden!), was ebenfalls den Etat entlastet. Außerdem stellen wir das Fest 2026 bewusst breiter auf, fangen schon am frühen Freitagabend an – was natürlich die Einnahmenseite verbessert.


Sie appellieren an die Besucher, Getränke an den offiziellen Ständen zu kaufen. Würde die Finanzierung sonst sofort zusammenbrechen?


Um es auf den Punkt zu bringen: Getränkeeinnahmen sind für Bürgerfeste, die nach dem Prinzip „umsonst und draußen“ konzipiert wurden, das Salz in der Suppe. Ein wirtschaftlich sicheres Zubrot, um eventuelle finanzielle Einbußen abfedern zu können – da spreche ich sicherlich auch für andere, ähnliche Open-Air-Formate. Was man nicht vergessen darf: Die Standbetreiber und Gastronomen versuchen innerhalb der Festmeile mit reichlich Servicekräften und üppigem Wareneinsatz eine perfekte Bewirtung der Besucherinnen und Besucher sicherzustellen. Führen die aber nun Eigenes zum Verzehr bei sich, überlegen sich die Beschicker dreimal, ob sich die Mühe überhaupt lohnt. Das brächte dann wieder negative Auswirkungen für uns. Der einst vom Kreis der Feste-Veranstalter ersonnene Slogan „Mitgebracht – nicht nachgedacht“ wurde damals ja ganz bewusst gewählt: Neben der Vermeidung von Müll und Abfall soll das Motto für den hohen finanziellen Gesamtaufwand sensibilisieren, der zur Durchführung vonnöten ist.


Viele Stadtteilfeste in Münster und Umgebung kämpfen mit ähnlichen Problemen oder mussten bereits abgesagt werden. Sehen Sie hier ein grundsätzliches Problem für die Zukunft solcher Veranstaltungen?


Stadtteilfeste sind wichtiger Bestandteil des Alltagslebens. Sie bringen Menschen zusammen, stiften Begegnungen, vertiefen den Zusammenhalt vor Ort, fördern die soziale Interaktion eines Viertels und sorgen letztlich für ein breites „Wir“-Gefühl – gerade in Zeiten, die immer mehr Entfremdungstendenzen zeigen. Kurzum: Feste wie das unsrige – Beweis eines aktiven Gemeinwesens – schaffen Identität und Verbundenheit. Wenn sie, wie beinahe geschehen, nicht mehr stattfinden, wäre das zum einen jammerschade, zum anderen ein Zeichen kultureller Verarmung. Das absolut falsche Signal. Umso mehr sollte deshalb jedem bewusst sein, dass derartige Veranstaltungen nur durch faires, gegenseitiges Geben und Nehmen weiterhin existieren können. Eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe!

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Stadtteilfeste sind ein wichtiger Bestand des Alltagslebens

Zum ersten Mal beginnt das Kreuzviertelfest bereits am Freitag. Welche Chancen verbinden Sie mit dieser Premiere und welche Risiken sehen Sie dabei?


Aus unserer Sicht bringt diese Änderung nur Vorteile, insofern beantwortet sich die Frage nach den Risiken von allein. Besonders während der letzten Jahre hat sich das Ausgehverhalten der Menschen arg gewandelt. Inzwischen bereitet man sich am Sonntagabend eher auf den Beginn der neuen Woche vor, wohingegen der Freitag einen unbeschwerten Start ins Wochenende verheißt. Parole: Amüsiert euch! Wir möchten jetzt durch die vorgenommene Ausdehnung die Optionen für Gäste wie Gastronomen spürbar erweitern und ein noch relaxteres Vergnügen bieten. So gibt’s gleich zum Auftakt die Gelegenheit zum Abfeiern und Abtanzen. Am Samstagabend ist Party-Time, wie immer – während der Sonntag mehr familienorientierte Angebote bereithält. Ausklingen wird das Fest zwischen 18.45 und 20 Uhr. Mit einem neuen Programmfenster. Ich sage nur: Überraschung.


Welche Unterstützung wünschen Sie sich von Politik, Stadtverwaltung, Sponsoren oder auch den Bürgern, damit das Kreuzviertelfest langfristig gesichert werden kann?


Den Bürgerinnen und Bürgern rufen wir zu: Kommen Sie, verzehren Sie! Genießen Sie die Musik mit sorgsam ausgesuchten Konzertbeiträgen – und lassen Sie das Gemeinschaftserlebnis sowie die gesamte Atmosphäre auf sich wirken. An unsere Geldgeber richten wir neben großem Dank für die bisher geleisteten Hilfen die bescheidene Bitte, weiterhin unser Bürgerfest zu begleiten und analog zu den Preissteigerungen mit gleichem oder eventuell sogar erhöhtem Engagement dabei zu sein. Zur Bewahrung der Viertelfeste wünsche ich mir außerdem, dass Politik bzw. Verwaltung über geeignete Formate finanzieller Unterstützung intensiver nachdenken. Vielleicht wäre es möglich, einen zweckgebundenen Zuwendungsfonds einzurichten, in den potenzielle Mäzene, Sponsoren sowie Unternehmen einzahlen können, und aus dem sich Organisatoren nach zuvor festgelegten Regularien bedienen dürfen.


Wenn Sie heute auf fast 40 Jahre Kreuzviertelfest zurückblicken: Was bedeutet dieses Fest für das Viertel und warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, um seinen Fortbestand zu kämpfen?


Die lauschige Atmosphäre entlang der Kirche macht den speziellen Reiz aus! Dieser Rundlauf mit seiner einzigartigen Flaniermeile sowie den zum Chillen einladenden Lounge-Zonen ist ein Unikat, das weithin seinesgleichen sucht: Treffpunkt für Alte und Junge, Zugezogene und Alteingesessene, Treffpunkt für Menschen unterschiedlicher Herkunft und Schichtzugehörigkeit. Lebendiger Beleg dessen, was den Stadtteil kennzeichnet. Zweite Frage: Warum es sich für den Fortbestand zu kämpfen lohnt? Wenn wir aus Unterredungen, E-Mails oder Telefonaten des Öfteren davon erfahren, dass sich ehemalige Kreuzviertler weit vor dem eigentlichen Datum den Termin im Kalender ankreuzen, sodann lange Anfahrten in Kauf nehmen, nur um am Stichtag mit Freunden, Bekannten und Nachbarn Erinnerungen an ihr früheres Quartier aufzufrischen, ist dies für uns die schönste Bestätigung: The Show must go on!

Das beliebte Kreuzviertelfest ist eine Institution. Damit das auch so bleibt, kümmert sich der eingetragene Verein der Kreuzviertler Geschäftsleute darum, dass die immer schwieriger zu stemmende Balance zwischen Sicherheitsauflagen, Kosten und dem Open-Air-Erlebnis rund um die Kreuzkirche gewahrt bleibt. Seit 2015 ist Eva-Maria Husemeyer die 1. Vorsitzende. Sie betreibt die Tanzschule Husemeyer in der Salzmannstraße. 

lllustration Thorsten Kambach / Fotos Eva-Maria Husemeyer

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